Russland baut Perimeter-System aus, um nach einem nuklearen Angriff mit Atomwaffen zurückschlagen zu können

Screenshot von Video von Louise Kock/Danwatch

Nach Recherchen von Sunday Times, Danwatch und Dossier Center, einer Publikation des Oligarchen und russischen Oppositionellen Chodorkowski, bereitet sich Russland auf einen Atomkrieg vor. Angeblich wurde eine tief im Berg Kosvinsky unter Felsen gelegene Tunnel- und Bunkeranlage bei Kytlym im Ural ausgebaut. Damit soll das sowjetische Programm Perimeter, „Doomsday Machine“ oder „Tote Hand“ wieder aktiviert werden, das garantieren soll, dass Russland auch nach einem verheerenden Atomangriff oder nur einem Enthauptungsschlag, also der Ausschaltung der politischen und militärischen Führung, noch einen nuklearen Gegenangriff starten kann – fast automatisch.

Im Sinne des Gleichgewichts des Schreckens ist die Sicherung einer Zweitschlagfähigkeit notwendig zur Abschreckung. MAD (Mutually assured destruction), die garantierte wechselseitige Vernichtung, soll sicherstellen, dass ein Einsatz von Atomwaffen suizidal ist. Das war im Kalten Krieg zwischen den beiden Atomstaaten USA und Sowjetunion noch einigermaßen nachvollziehbar. Seitdem sind mehr Länder im Besitz von Atomwaffen, allerdings mit weitaus geringeren Beständen. Sie können kaum mit MAD drohen, aber wie man am Beispiel Nordkorea sieht, verhindert der Besitz von nur wenigen Atomwaffen und Interkontinentalraketen einen militärischen Angriff. Gegenbeispiele sind der Irak, Libyen oder Iran, die angegriffen wurden, weil sie noch keine Atomwaffen besaßen.

Angeblich blieb Perimeter auch nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion in Russland noch in Betrieb. Im ganzen Land werden, so ein Artikel in Sputniknews, fortlaufend Radioaktivität, Temperatur, Funkverbindungen, seismische Erschütterungen  und weitere Parameter automatisch gemessen. Kommt es zu einer plötzlichen massiven Veränderung, könnte es sich um eine Atomexplosion handeln. Das System versendet Anfragen an den Generalstab der Armee und an das Kommando der strategischen Raketen. Kommt keine Antwort, wird dies als Zeichen dafür interpretiert, dass die Fernmeldeverbindungen und die Führung vernichtet wurden. Daraufhin werden automatisch Kommandoraketen gestartet, die durch ein Signal den Abschuss der noch vorhandenen Atomwaffen etwa auf U-Booten auch unteren Rängen freigeben. Letztlich wird der Abschuss noch von Menschen kontrolliert, automatisch läuft nur die Kommandokette ab.

Russisches „Kronjuwel“ des Atomwaffenprogramms

Der Medienverbund will nun anhand von Beschaffungsdokumenten und Entwürfen nachgewiesen haben, dass die Bunkeranlage, auch Objekt 2335 genannt, modernisiert wurde. Angeblich wurden zwei Millionen Dokumente 2024 aus einer „öffentlichen Datenbank“ entwendet. Es sei von russischen Behörden versucht worden, dies zu verhindern, man habe auf sie aber weiter durch Programme und Server in Russland, Belarus und Kasachstan zugreifen können.

Dass Dokumente für den Ausbau der supergeheimen Anlage und dem Kern oder „Kronjuwel“ des Atomwaffenprogramms auf einer öffentlichen Datenbank millionenfach vom Verteidigungsministerium eingestellt wurden, wird von der Sunday Times so begründet: „Viele Experten sind der Ansicht, dass die Russen wahrscheinlich öffentliche Ausschreibungen durchgeführt und Anzeichen für Bauarbeiten sowie Erwähnungen des Projekts zugelassen haben, um sicherzustellen, dass die Geheimdienste diese Hinweise im Rahmen einer Politik der nuklearen Abschreckung aufgreifen.“ Wenn das so ist, so hilft der Medienverbunden kräftig mit. Putin sei „zunehmend paranoid“ über einen amerikanischen Angriff und wegen der amerikanischen bunkerbrechenden Bomben geworden.

Nach den Dokumenten wurden Aushub- und Gesteinsbohrgeräte, Belüftungssysteme für Bergwerke, Luftfilteranlagen zum Schutz vor chemischem, biologischem und radioaktivem Fallout und erdbebensichere Klimaanlagen eingekauft. Dazu massenhaft Material: „Es wurden etwa 20.000 Tonnen Stahl gekauft, was dem Gewicht von etwa drei Eiffeltürmen entspricht. In den Ausschreibungen ist von mindestens 24 unterirdischen Kammern die Rede, die mit einem Druckluftsystem ausgestattet sind. Technische Details zeigen, dass die Luftlinie zwischen dem Haupt- und dem Notausgang der Anlage etwa zweieinhalb Kilometer beträgt.“ Vermutet wird, dass Perimeter modernisiert wurde, um sich mit dem Umbau und der Verstärkung der angeblich riesigen Kommandozentrale vor einem Angriff zu schützen und diesen abzuschrecken. Angeblich wurde Perimeter 2023 wieder in Einsatzbereitschaft versetzt, während die russische Nuklearstrategie erneuert und das Atomwaffenarsenal ausgebaut wurde.  Tom Røseth, ein norwegischer Experte für russische Sicherheitspolitik wird zitiert, der darauf hinweist, dass Perimeter als Rückschlag-, nicht als Angriffskapazität dient. Er meint, dass Russland die Anlage gegen Angriffe aller Art sichern will, vor allem gegen bunkerbrechende Bomben, wie sie die USA gegen iranische unterirdische Anlagen eingesetzt hat.

Es hat schon längst, spätestens seit dem einseitigen amerikanischen Austritt 2002 unter Präsident George W. Bush aus dem ABM-Vertrag ein nukleares Wettrüsten zwischen den USA, Russland und China begonnen. Für Abrüstungswillen gibt es keine Anzeichen, vielmehr wollen mehr und mehr Länder sich nuklear bewaffnen, um sich vor Überfällen abzusichern. USA und Israel haben mit dem Krieg gegen den Iran ebenso wie Russland mit dem Krieg gegen die Ukraine für verstärkte Nachfrage und Misstrauen gesorgt.

China scheint kein ähnliches semiautomatisches MAD-System wie Russland zu besitzen. Um abzuschrecken, wird ein gigantisches Netzwerk aus Tunneln, Bunkern und Höhlen ausgebaut. Dort werden mobile Interkontinentalraketen (ICBMs) geschützt gelagert, so dass nach einem Erstschlag noch welche vorhanden sind, um hervorgeholt und abgefeuert werden zu können. Es gibt aber angeblich kein automatisches Auslösesystem, sondern der Einsatz wird von Menschen gesteuert. Chinas Nuklearstrategie verbietet einen Erstschlag und einen Einsatz von Atomwaffen gegen Staaten, die über keine verfügen.

Die USA hatten mit dem AN/DRC-8 Emergency Rocket Communications System (ERCS) ein ähnliches System wie das russische, allerdings wurde es 1992 deaktiviert. Das System sah im Falle eines Angriffs auch vor, Raketen mit Funksendern zu starten, die Befehle weitergaben. Allerdings wurde es nicht automatisch aktiviert, sondern durch Menschen.

Aktiv ist Looking Glass oder ABNCP (Airborne National Command Post) mit dem Airborne Launch Control System (ALCS). Dabei handelt es sich um fliegende Kommandozentralen, die rund um die Uhr in Bereitschaft oder in der Luft sind, um einen nuklearen Gegenanschlag auf Befehl der Offiziere an Bord auszuführen, wenn die STRATCOM-Zentren am Boden ausgeschaltet sind.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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7 Kommentare

  1. Das sind natürlich sehr zuverlässige Quellen, die diesem Artikel zu Grunde liegen.
    Haben sich zufällig auch noch Elendski und Kiesewetter dazu geäußert? Auch der
    britische Geheimdienst wird sicherlich auch noch seinen Senf dazugeben können.

    1. Ganz sicher. Und es ist auch offensichtlich, dass „Putin jetzt paranoid geworden“ ist,
      denn wie könnte er denn auf die Idee kommen, dass die Schulmädchen- und
      Kindermörder ihn angreifen könnten. Höchsten im Rahmen eines Unfalls,
      wie in Minab oder bei der 14 Monate alten Enkelin von Chamenei..

  2. Die werden es schon schaffen uns zu vernichten, sie betteln ja geradezu darum….
    Told you so und nun ist es eben bald soweit.

    The illusion of freedom will continue as long as it’s profitable to continue the illusion. At the point where the illusion becomes too expensive to maintain, they will just take down the scenery, they will pull back the curtains, they will move the tables and chairs out of the way and you will see the brick wall at the back of the theater.

    Frank Zappa

  3. „Erstschlag“ und „Zweitschlag“ sind überlebte Kategorien aus der Zeit, da eine Sowjetunion dem „Gemeinwesen des Geldes“ seinen intrinsischen Weltherrschaftsanspruch streitig machte und die Garantiemacht des Weltgeldes dem imperialistischen Lager eine ideologisch gebotende Gefolgschaft mittels Androhung globaler Zivilisationsvernichtung aufzwang.

    Heute geht es für die RF gemäß ihrer Nukleardoktrin um die „Freiheit“, mit einem begrenzten Nuklearschlag konventionellen Überwältigungsstrategien entgegen treten zu können.

    „Eigentlich“ neige ich zu der Unterstellung, daß dies „jeder versteht“, der sich mit der Materie beschäftigt hat, aber die allgemeine Geisteszerrüttung, die mir begegnet, läßt mich nachhaltig zweifeln.

    1. Korrekt. Aber die (k)alte Geschichte von Armageddon hat massenpsychologisch Vorteile, auch paradoxe wie „das würden die doch nie machen“. Allerdings gibt es in bestimmten Unkulturkreisen auch Doomsday-Fans, nach wie vor.
      Hat nur am Rand damit zu tun aber mich würde bei Gelegenheit mal interessieren welche Infos Du zum BRD Atomwaffenprogramm hast. Es gab ja zum ‚Taurus‘ und seiner Bedeutung bzw den Hinderungsgründen den bereitzustellen ein ‚geheimes‘ Briefing für bestimmte Abgeordnete bei dem einige aus allen Wolken gefallen sein sollen. Ich frage mich in wie weit das mit Atomsprengkopffähigkeit zu tun hatte.

    2. Und warum hat Putin-Russland dann die meisten Atombomben auf der Welt und baut Apparaturen wie das fliegende Tschnernobyl oder Apparaturen um ganz UK zu überfluten?

      Oder wird sich Putin-Russland mal wieder schön gesoffen?

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