
Der jüngste britische Soziologieprofessor Jason Arday wurde Opfer einer rassistischen Hetzkampagne. Sein Tod zeigte aber auch die Hilflosigkeit eines liberalen Antirassismus, der ihn nicht verteidigte.
Jason Arday ist hierzulande sicher vielen erst bekannt geworden, als die Kampagne gegen ihn schon begonnen hatte. Eine wichtige Rolle spielte dabei der bekennende Rassenrealist Nathan Cofnan, der wegen seinem Rassismus 2024 Cambridge verlassen musste. Er bezichtigte Arday des Plagiats bei seiner Doktorarbeit. Dass Cofnan „mit Fug und Recht als Rassist bezeichnet werden kann“ räumt auch Anne Burger in ihren Overton-Beitrag von letzter Woche, also vor dem Suizid von Arday, ein. Erstaunlicherweise hat es für sie allerdings keine weiteren Konsequenzen, dass ein Rassist eine wesentliche Rolle bei der Kampagne gegen Arday spielte.
Wenn Minderheiten ihr Platz in der Gesellschaft zugewiesen wird
Arday wird in ihrem Beitrag nur negativ betrachtet und es wird gleich zu einem Rundumschlag gegen alle Minderheiten ausgeholt, die es wagen, auf den altehrwürdigen Campus vertreten sein zu wollen:
„Die Universitätslandschaft hat einen minderbegabten Menschen nach oben gejubelt, weil er ihre Bedürfnisse nach Diversität erfüllte. Einen Schwarzen, einen Autisten und einen sozial Unterprivilegierten – alles in einer Person.“
Wenige Absätze vorher bedient die Autorin noch ein weiteres Klischee:
„In Universitäten herrscht ein Klima der Verunsicherung. Wer würde sich zum Beispiel trauen, sich offen gegen die Translobby zu äußern? Oder abweichende Thesen vertreten zu was oder wem auch immer? Oder einen schwarzen/trans/behinderten Studenten als unfähig für ein Studium zu bezeichnen, auch wenn das den Tatsachen entspräche.“
Hier reiht die Autorin wirklich alle Ressentiments aneinander, auch wenn sie gar nichts mit dem Fall von Jason Arday zu tun haben. Er hat sich nicht als Transmensch verstanden. Aber aus Burgers Text spricht das autoritäre Bedürfnis, Schwarze, Arme und Proletarisierte, Behinderte, aber auch Transmenschen ihren Platz und Stellenwert in der Gesellschaft vorschreiben zu wollen. Da ist Burger klar, dass sie nicht an eine Professorenstelle gehören. Wenn schon am Campus, dann vielleicht als Putzleute oder als schlecht bezahlte Bedienstete in der Küche. Es ist schon ein Zynismus, wenn Burger über Arday schreibt.
„Vermutlich hätte der Mann durchaus irgendwo einen anständigen Job ausführen können, wenn er nicht immer nur nach oben gestolpert wäre, bis er sich in einer Position wiederfand, für die er nicht im Ansatz die Eignung mitbringt.“
In solchen Sätzen spricht die paternalistische weiße Überlegenheit, die weiß, dass der Schwarze schon seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hätte, der auf jeden Fall nicht „oben“ ist, also da, wo die Entscheider sitzen. Burger versucht sich in keiner Zeile die Perspektive von Minderheiten im Allgemeinen und die von Jason Arday im Besonderen einzunehmen. Sie spricht kein einziges Mal von der Kampagne, der der junge Wissenschaftler ausgesetzt war. Dabei hat Burger einen Punkt in ihrer Kritik.
Arday war als jüngster Professor in Großbritannien und dazu als Schwarzer zum Aushängeschild des linksliberalen Milieus geworden. Viele Politiker der Labour-Partei schmückten sich gerne mit ihm, als er scheinbar auf Erfolgskurs war. Schließlich verbreitete er von sich die Erzählung, dass er es vom autistischen Kind bis zum jüngsten schwarzen Professor geschafft hat. Das ist eine Überbietung des urkapitalistischen Mythos des Wegs vom Tellerwäscher zum Millionär. Doch bei nicht wenigen von ihnen war es mit der Sympathie vorbei, als die ersten Zweifel aufkamen, ob alles in Ardays Erzählung auch mit der Realität übereinstimmt. Dabei soll der Plagiat-Vorwurf natürlich bei Arday wie bei anderen untersucht werden. Auch erwiesene Plagiatsfälle führen längst nicht immer zu Entlassungen, worauf Gilda Sahebi in der Taz hinweist.
Verteidiger der globalen Weltordnung
Cofnan und seinem Anhang ging es nicht um das Plagiat. Es ging ihm auch nicht nur darum, einen Schwarzen aus dem Campus zu vertreiben. Denn Rassenrealisten gehen gegen jede wissenschaftliche Forschung nicht nur von der Existenz von Rassen aus. Sie behaupten auch, dass verschiedene Rassen mit unterschiedlicher Intelligenz ausgestattet sind. Das ist eine Affirmation der globalen kapitalistischen Weltordnung. Die Dominanz des globalen Nordens und die Unterentwicklung im globalen Süden sind dann keine Folge von Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung über Jahrhunderte.
Für die Rassenrealisten ist sie die Folge von biologischen Unterschieden und liegt sozusagen in den Genen. Weiße Menschen sind einfach intelligenter. Deshalb bekämpfen sie auch schwarze Menschen, die es trotzdem in den Kreis der Akademiker schaffen. Für sie gehören sie dort nicht hin. Schließlich könnten schwarze Soziologen, Historiker, Sozialwissenschaftler auch das Geschichtsbild ankratzen, das die weiße Hegemonie verteidigt.
Das ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern durchaus nicht ohne Erfolg geschehen. Deshalb forcieren in vielen Ländern die Rechten einen Kulturkampf, der die alte Ordnung auch im Wissenschaftsbereich wiederherstellen soll. Die Trump-Regierung ist den Rechten in allen Ländern da ein Vorbild. Das Mobbing gegen schwarze Akademiker vielleicht noch mit aktivistischem Hintergrund ist für die Rassenrealisten ein Beitrag zur Verteidigung dieser alten kolonialistischen Ordnung.
Die kleinsten Details aus seinem Leben wurden öffentlich verhandelt. Da wurde tatsächlich skandalisiert, dass Arday zwischen seinen Marathonläufen zur Akquirierung von Spenden auch einige Ruhetage eingelegt hat. Es wurde ihm fast als Betrugsversuch ausgelegt, dass er sie nicht ausdrücklich erwähnt hatte.
Jetzt, wo Arday der Hetze nicht mehr standhalten konnte, ist die Betroffenheit bei den Linksliberalen groß. Und doch sehen viele die Schuld allein bei Arday und seinen Unterstützern. Das böse Wort vom akademischen Irrläufer wird eben noch nach seinem Tod auch in linksliberalen Kreisen nachgerufen. Nur Matthias Monroy brachte es in der Zeitung Neues Deutschland auf den Punkt: „Rassistische Kampagne trieb Cambridge-Professor in den Tod“.
Die Leerstellen des linksliberalen Antirassismus
Doch dann sollte man auch über die Leerstellen eines linksliberalen Antirassismus reden, der Arday nicht verteidigte. Kaum wurden die ersten Vorwürfe gegen ihn laut, knickten sie ein und distanzierten sich von dem Mann, den sie als ersten schwarzen Soziologieprofessor zum Helden ohne Fehl und Tadel hochstilisiert hatten. Da wurde ein Bild aufgebaut, an dem jeder Mensch nur scheitern kann. Zumal, wenn es sich um eine Person handelte, die schon in ihrer Kindheit besonders sensibel war, wie es Freunde und Bekannte Ardays bescheinigten. Ob es sich um die autistische Phase handelte, von der Arday sprach, soll hier nicht diskutiert werden. Es ist schon eine Übergriffigkeit, dass fremde Menschen überhaupt darüber befinden sollen, welche Krankheiten und Beschwerden den jungen Arday plagten.
Für die Linksliberalen war er nur so lange ein Held, wie er die Erzählungen von seinen übermenschlichen Leistungen scheinbar bestätigte. Vor allem weiße Linksliberale unterstützten Arday nicht als jungen Schwarzen, der für seine Emanzipation kämpfte, sondern als ein Wunschbild, das nie eingehalten werden kann und im Kern auch rassistisch ist. Denn Schwarze müssen noch besser als die Weißen sein und wehe, sie erfüllen dieses Wunschbild nicht. Dann werden sie fallengelassen wie Jason Arday.
Nicht nur Schwarze waren davon betroffen
Aber nicht nur Schwarze, sondern auch Frauen mussten in der Vergangenheit und teilweise bis in die Gegenwart darum kämpfen, überhaupt studieren und später auch noch wichtige Posten an Hochschulen oder an anderen Stellen im Wissenschaftsapparat einnehmen zu können. Auch sie wurden mit allen Mitteln gemobbt. Ähnliches galt für die Menschen aus den proletarischen Klassen, die es an die Hochschulen schafften. Auch sie mussten oft beweisen, dass sie nicht nur genauso gut, sondern besser als ihre bürgerlichen Mitbewerber sind.
Doch die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Das zumindest lässt sich an dem traurigen Ende von Jason Arday sagen: Die Zeiten sind vorbei, wo sich Minderheiten einfach an den ihnen zugewiesenen Platz in der Gesellschaft stellen ließen. Sie kämpfen dafür, überall und auch an den Hochschulen vertreten zu sein Das ist ein Stück Emanzipation für die gesamte Gesellschaft. Denn mit diesen Minderheiten werden auch deren Perspektiven im Wissenschaftsbetrieb gehört. Der Fall Jason Arday zeigt aber auch, dass dieser Kampf noch immer Opfer kostet. Und er macht deutlich, dass Linksliberale in diesen Kampf keine verlässlichen Verbündeten sind.
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Der „Rassenrealist“ Nathan Cofnas ist übrigens auch Jude und radikaler Zionist. In einem Interview sagte er, er habe die Kampagne bewusst losgetreten weil er darin ein „story potential“ gewittert habe. Das sollte in einem Artikel wie diesem nicht verschwiegen werden.
Welche „rassistische Kampagne“? Er hat gelogen und betrogen, und sich so eine Position erschlichen, die ihm mangels Kompetenz nicht zustand. Rassistisch im Sinne eines plakativen „Antirassismus“, und damit die Protegierung Ardays WEGEN seiner Rasse und anderer „Opfer“-Merkmale war vielmehr die Verteidigung seitens der Universität, statt die Vorwürfe fachlicher Natur zu prüfen.
Nur weil er jetzt tot ist, diesen Mißbrauch der inzwischen routinierten, von Arday zu Lebzeiten ausgenutzten Mechanismen fortzuschreiben, ist unredlich