„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Auch beim Klima?

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Der unersättliche Hunger nach immer mehr Konsum treibt unseren Planeten an den Rand des ökologischen Zusammenbruchs. Die Vorstellung eines „Weltuntergangs“ mag apokalyptisch klingen, doch Prognosen zeichnen ein düsteres Bild: Übernutzte Wasserreserven, die Zerstörung der Ökosysteme und eine steigende Klimaerwärmung. Die ungebremste Emission von Treibhausgasen-droht in vielen Weltregionen katastrophale Lebensbedingungen heraufzubeschwören. Warum gelingt es der Menschheit nicht, die Emissionen zu begrenzen?

Die Erdatmosphäre ist Opfer der „Tragik der Allmende“

Der Begriff Allmende stammt aus dem Mittelalter und bezeichnet ein nutzbares Land, wie eine Weide, die einem Dorf gehört und gemeinschaftlich bewirtschaftet wird. Weitere Beispiele für Allmendegüter sind Fischbestände im Meer, Wälder oder Trinkwasservorkommen. Diese gemeinsame Nutzung funktioniert, solange etwa – im Fall einer Weide – für alle Tiere ausreichend Gras zur Verfügung steht. Wenn die Zahl der Tiere über ein gewisses Maß steigt, kommt es zur Überweidung. Sollten die Dorfbewohner keine Gegenmaßnahmen ergreifen, werden sie ihre Lebensgrundlage langfristig schädigen. Darin liegt die „Tragik der Allmende“: Wenn eine Ressource uneingeschränkt allen Menschen zur Verfügung steht, will jedes Individuum so viel wie möglich für sich in Anspruch zu nehmen.

Das widerfährt unserer Erdatmosphäre. Sie ist die globale Allmende. Wer Treibhausgase ausstößt, verursacht negative externe Effekte – ökologische Folgeschäden, für die der Verursacher finanziell nicht geradestehen muss. Emissionen sind Folgen wirtschaftlichen Handelns, deren Kosten oder Nachteile nicht dem Verursacher angelastet werden. Beispiel: Eine Fabrik stößt Abgase aus, die die Menschen in der Umwelt schädigen. Da die Fabrik für diese „externen Kosten“ nicht aufkommt, kann sie das Produkt günstig am Markt anbieten. Sie sind in der Praxis oft schwer zu erfassen. Die Verursacher verstehen es häufig, sie im Verborgenen zu halten. Auch können die großen Verursacher, wie Mineralölkonzerne, Automobilkonzerne oder Fluggesellschaften, ihre Interessen sehr machtvoll vertreten, während die Menschen, die von externen Effekten betroffen sind, sich kaum wehren können. Es ist die “Tragik der Allmende“, die zu einer Übernutzung der Atmosphäre führt.

Die Treibhausgasemissionen steigen und steigen

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Der weltweite Ausstoß von Kohlenstoffdioxid nahm seit 1960 von 9,4 Mrd. Tonnen kontinuierlich zu und erreichte in 2024 den bisherigen Höchstwert von knapp 38,6 Milliarden Tonnen CO2. Es wird prognostiziert, dass diese Menge bis zum Jahr 2050 auf 40,95 Milliarden Tonnen jährlich ansteigen wird. [1]

Heute leben mehr als acht Milliarden Menschen auf der Erde.[2] Bei globalen CO2-Emissionen von 38,6 Mrd. Tonnen errechnet sich ein Durchschnittswert von rund 4,7 Tonnen CO2 pro Kopf.[3] Hinter diesem Mittelwert verbergen sich hohe Unterschiede: So beträgt der CO2-Fußabdruck pro Kopf (2023) in den USA 15,8 Tonnen, in Deutschland 9,1 Tonnen, in China 7,6 Tonnen und in Tansania rund 0,4 Tonnen.[4] Auch wenn es keine klimaverträgliche Obergrenze gibt, ist der wissenschaftliche Konsens eindeutig: Um eine weitere Klimaerwärmung zu verhindern, muss der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß langfristig auf weniger als eine Tonne sinken.

Der Wille zum Verzicht fehlt

Die Emissionen müssen fallen, und zwar bald. Jedoch ist zu beobachten, dass weder Unternehmen noch Konsumenten ein hinreichendes Interesse an einer Emissionsreduktion zeigen. Das Verhalten der Konsumenten ist primär vom Wunsch nach Konsum geprägt. In der Regel fehlt ihnen auch das Wissen darüber, welche Emissionen das eigene Konsumverhalten verursacht.

Ein rational handelnder Konsument stellt sein Eigeninteresse in den Vordergrund, sei es für Fleischkonsum, Bekleidung, Kreuzfahrten, Urlaubsreisen oder Zweitwohnsitze. Zudem besitzt die menschliche Psyche ein erstaunliches Talent, umweltschädliches Verhalten vor dem eigenen Gewissen zu rechtfertigen. Die Konsumentensouveränität gilt in der Marktwirtschaft als unantastbar. Selbst minimale umweltpolitische Eingriffe treffen daher auf erbitterten Widerstand – getragen nicht nur von Lobbygruppen, sondern von den Konsumenten selbst. Eine demokratische Mehrheit für einen fundamentalen Wandel ist so kaum denkbar.

Marktversagen trifft auf Staatsversagen

Negative externe Effekte bilden eine zentrale Ursache für die „Tragik der Allmende“. Zwar erfolgt Umweltzerstörung selten aus vorsätzlicher Absicht, doch die realen Folgen sind gravierend: Insbesondere die hohen Pro-Kopf-Emissionen der Industrienationen treiben die globale Erwärmung voran. Da die Verursacher für die ökologischen Folgeschäden nicht haftbar gemacht werden, werden diese Kosten auf die Allgemeinheit überwälzt. Diese Fehlallokation führt zu einem weltweiten Wohlfahrtsverlust. In einer solchen Situation wäre eigentlich der Staat gefragt. Selbst wirtschaftsliberale Positionen räumen ein, dass hier regulatorische Eingriffe in das Marktgeschehen notwendig sind. Dass dies angesichts der Klimakrise nur unzureichend geschieht, bezeichnen manche Autoren als historisch beispielloses Staatsversagen. Es bleibt jedoch fraglich, ob parlamentarische Demokratien überhaupt in der Lage sind, diese Aufgabe wirksam zu bewältigen

Klimaschutzmaßnahmen: Oft ineffektiv und ineffizient

Während die USA für rund 13 Prozent (ca. 4,9 Mrd. Tonnen CO2) der weltweiten Emissionen verantwortlich sind und China die absolute Rangliste anführt, liegt der Anteil Deutschlands mit rund 600 Millionen Tonnen lediglich bei rund zwei Prozent. Selbst wenn Deutschland seine Wirtschaft von heute auf morgen vollständig dekarbonisieren würde, wäre dadurch das Weltklima kaum messbar entlastet.

Die “Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie 2025” nennt als Ziel, die deutschen Netto-Emissionen bis 2050 gegen Null zu senken.[5] Ausdrücklich mahnt das Dokument an, die Beiträge zum Klimaschutz strikt nach den Kriterien der Effektivität und Effizienz zu bewerten. Andernfalls werden viele Steuermilliarden ausgegeben, ohne die CO2-Emissionen tatsächlich zu mindern. Dadurch kann das Vertrauen der Bürger und Steuerzahler gegenüber solchen Maßnahmen verloren gehen. In der Umweltökonomie spielt bei der Wirksamkeit die Kennziffer CO2-Grenzvermeidungskosten eine zentrale Rolle: Das ist der Quotient aus eingesetzten Mitteln und tatsächlich vermiedenem Schadstoffausstoß. Einfacher gesagt: Sie gibt an, wie viel Geld aufgewendet werden muss, um eine Tonne CO2 einzusparen. Je niedriger dieser Betrag ist, desto klüger sind die Fördermittel investiert.

Eine Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) e. V. über 1500 klimapolitische Maßnahmen der letzten 20 Jahre (2024) hat gezeigt, dass nur 63 effektiv waren, also zu nennenswerten Emissionsminderungen führten.[6] Ein mahnendes Beispiel sind staatliche Kaufprämien von bis zu 6.000 Euro für Elektroautos: Die Vermeidungskosten pro Tonne CO2 sind um ein Vielfaches teurer, als wenn dieselbe Menge Emissionen etwa durch Stilllegung von Zertifikaten oder Effizienzmaßnahmen in der Industrie eingespart würde. Aber die vielen Milliarden für die meist komplizierten Förderprogramme sind nicht nur ineffizient, sondern belasten die Unternehmen und Haushalte mit einem hohen bürokratischen Aufwand. Beispielsweise zeigt eine Umfrage der IHK Bonn, dass sich viele Unternehmen durch Klimaschutzvorgaben in ihrer Existenz gefährdet sehen.[7] Die Unternehmen befürchten eine zunehmende Bürokratisierung. Sie klagen über ausufernde Zertifizierungs- und Berichtspflichten, die viel Personal binden, ohne dass dadurch nur eine Tonne CO2 eingespart wird.

Das „grüne Paradoxon“ und Trittbrettfahrer

Selbst eine Halbierung der deutschen Emissionen würde den globalen Ausstoß um lediglich einen Prozentpunkt senken. Doch selbst dieser marginale Einspareffekt käme nicht an. Wie Hans-Werner Sinn[8], der frühere Präsident des ifo-Instituts, mit seinem Theorem des „Grünen Paradoxons“ darlegt, verpuffen einseitige nationale Nachfragesenkungen auf globalisierten Märkten: Wenn Deutschland oder Europa beschließen, weniger Öl, Gas oder Kohle zu verbrauchen, sinkt die weltweite Nachfrage nach diesen Brennstoffen. Die Folge: Die Weltmarktpreise für fossile Energieträger fallen. Daraufhin greifen Schwellen- und Entwicklungsländer erst recht zu, weil die Energie für sie günstiger geworden ist. Das geförderte Öl wird nicht im Boden gelassen – es wird schlicht an einem anderen Ort der Welt verbrannt. Solange andere Staaten als Trittbrettfahrer agieren, erzeugt ein nationaler Alleingang nicht einmal einen messbaren globalen Einspareffekt, sondern verlagert die Emissionen nur geografisch (sogenannte Carbon Leakage).

Warum ein deutscher Alleingang ins Leere läuft

Milliarden für Kaufprämien, Heizungszuschüsse und andere Subventionsprogramme belasten den Bundeshaushalt massiv – verfehlen jedoch global betrachtet fast jede spürbare Wirkung. Die deutsche Debatte verengt sich allzu oft auf moralische Konsumappelle und Subventionsprogramme mit ihrem riesigen bürokratischen Aufwand. Dabei geraten die harten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des globalen Klimaschutzes aus dem Blick: Diese nationalen Maßnahmen vermögen das weltweite Problem der Emissionen nicht zu lösen. Ohne international belastbare Abkommen verpuffen die Milliarden an Steuermitteln weitgehend wirkungslos.

Das EU-Klimagesetz: Ein Schritt zu einer wirksamen Klimastrategie

Einen größeren Hebel bietet die europäische Ebene. Die Europäische Union hat sich ehrgeizige Etappenziele gesetzt: Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 sinken, bis 2040 um rund 90 Prozent, um 2050 schließlich die vollständige Netto-Null („Klimaneutralität“) zu erreichen. Das bedeutet nicht, dass überhaupt keine Treibhausgase mehr ausgestoßen werden, sondern dass unvermeidbare Restemissionen durch natürliche Senken wie Wälder oder technische Abscheidung (CCS) vollständig kompensiert werden müssen.

Entscheidend ist dabei das ordnungspolitische Instrumentarium: Mit dem ab 2027 greifenden europäischen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr (EU-EHS II) wird erstmals ein unionsweit einheitlicher CO2-Preis auf breiter Front etabliert. Setzt die Politik auf solche marktwirtschaftlichen Mengendeckel statt auf kleinteilige Detailregulierung, kann Europa tatsächlich zum weltweiten Vorreiter werden – vorausgesetzt, die Mechanismen werden nicht durch Ausnahmeregelungen und Partikularinteressen verwässert.

Die Logik von Klimaklubs

Doch selbst die Europäische Union ist zu klein, um die Weltmärkte für fossile Brennstoffe allein umzusteuern. Wenn Europa unilateral seine Nachfrage nach fossilen Brennstoffen drosselt, drehen die Förderländer den Hahn selten einfach zu: Das frei werdende Öl wird günstiger an Abnehmer in anderen Regionen verkauft und dort verbrannt. Die Emissionen werden so nicht gesenkt, sondern nur geografisch verschoben.

Wirksam wird eine Nachfragesenkung erst, wenn sich eine kritische Masse an Staaten zusammenschließt. In einem solchen „Klimaklub“ (nach dem Vorbild des Nobelpreisträgers William Nordhaus) koordinieren ambitionierte Länder gemeinsame CO2-Mindestpreise und schützen sich vor Trittbrettfahrern – beispielsweise durch CO2-Grenzausgleichsabgaben auf Importe aus Ländern ohne Klimaschutzauflagen. Nur wenn große Emittenten wie die USA, China oder Indien schrittweise eingebunden werden oder wirtschaftliche Nachteile fürchten müssen, sinken die Weltmarktpreise fossiler Energieträger so nachhaltig, dass deren Förderung selbst für Produzenten wie Saudi-Arabien oder Russland unattraktiv wird.

Der Königsweg: Ein globales Allmende-Management

Weil die Erdatmosphäre ein globales Gemeinschaftsgut ist, lässt sich der Klimakollaps letztlich nur durch eine weltweite Mengenbegrenzung verhindern. Das Grundproblem der „Tragik der Allmende“ bleibt: Jedes Land profitiert kurzfristig von der Nutzung billiger fossiler Brennstoffe, während die Folgeschäden der Erderwärmung von der gesamten Menschheit getragen werden.

Um diesen Fehlanreiz aufzubrechen, bedarf es verbindlicher internationaler Regeln. Das wirksamste und volkswirtschaftlich kostengünstigste Instrument wäre ein globales Emissionshandelssystem unter dem Dach der Vereinten Nationen: ein fixer, jährlich sinkender Deckel auf die weltweite Verfeuerung von Kohle, Gas und Öl, kombiniert mit handelbaren Zertifikaten. Ein solches weltweites „Cap-and-Trade“-System würde CO2 genau dort einsparen, wo es am günstigsten ist. Die bittere Realität lautet jedoch: Ein solches globales Vertragswerk ist in der gegenwärtigen geopolitischen Gemengelage in weiter Ferne.

Kommt die Trendwende noch rechtzeitig?

Werden die Staaten beim Klima noch rechtzeitig zu einer Lösung finden? Nationale Regierungen handeln in Demokratien wie in Autokratien unter dem Druck kurzfristiger Eigeninteressen. Genau deshalb ist das Allmende-Dilemma auf internationaler Ebene so zäh und konfliktträchtig. Angesichts der zunehmenden Erwärmung ist zu befürchten, dass erst weitere Katastrophenereignisse den politischen Leidensdruck schaffen müssen, um eine weltweite Kooperation zu erzwingen. So bleibt nur die Hoffnung, dass es den Staaten noch vorher gelingt, sich auf ein funktionierendes Klimaabkommen zu verständigen.

 

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37187/umfrage/der-weltweite-co2-ausstoss-seit-1751/

[2] https://www.dsw.org/weltbevoelkerung/#heute

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167877/umfrage/co-emissionen-nach-laendern-je-einwohner/#:~:text=ImProzent20VergleichProzent20dazuProzent20warProzent20der,TonnenProzent20COProzentE2Prozent82Prozent82Prozent2DEmissionenProzent20proProzent20Kopf.

[4] Per capita consumption-based CO₂ emissions https://ourworldindata.org/grapher/consumption-co2-per-capita

[5] https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/wie-hoch-sind-die-treibhausgasemissionen-pro- Analyse klimapolitischer Maßnahmen der letzten 20 Jahre

[6] https://www.pik-potsdam.de/de/aktuelles/nachrichten/was-wirklich-wirkt-erfolgs-check-fuer-die-klimapolitik-aus-zwei-jahrzehnten

[7] Ergebnis einer Umfrage der IHK. General-Anzeiger, Bonn, 9.10.2026

[8] Sinn, Hans-Werner: Das grüne Paradoxon: Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik, 31. Oktober 2020

Helmut Zell

Dr. Helmut Zell, geboren 1952, Dipl.-Ing. und promovierter Volkswirt. Mehrere Jahre tätig in Tansania und Botswana. Dozent, Redakteur und Autor, jetzt im Ruhestand.
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Ein Kommentar

  1. Das Fundament des Aufsatzes ist nicht
    tragfähig.

    Die Ökonomin Elinor Ostrom hat
    Garret Hardin‘ s „Tragik der Allmende“ widerlegt und 2009 den Nobelpreis für
    ihre Arbeiten bekommen.

    Wir sollten über Kapitalismus reden, nicht über Marktversagen, Staatsversagen und falschen oder richtigen Konsum.

    Ostrom hat herausgefunden, dass sich Allmende gemeinwesenorientiert, nachhaltig und zur Zufriedenheit aller bewirtschaften lassen und dies bereits in
    aller Welt geschieht.

    Das mit dem Klima alles den Bach runtergeht, wissen wir seit 1972:

    Querschnitt, Wissenschaft, ZDF, Hoimar v. Ditfurth ( Jutta’s Pappa ), “ Der Ast auf dem wir sitzen“, Teil 1

    https://www.youtube.com/watch?v=stJt7_J3ivo

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