
Über deutsche Medien mit kritischem Anspruch, Debattenkultur und die Pressefreiheit.
Erneut weiche ich von der journalistischen Regel ab, meine persönliche Betroffenheit außen vor zu lassen: Ein erheblicher Teil des im folgenden Kommentar verarbeiteten Materials entstammt persönlichen Erfahrungen. Aber versprochen: Es soll das letzte Mal gewesen sein.
Diese Tage ging mir ein YouTube-Link zu einem Interview mit Irene Kahn zu, UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, durchgeführt von Thilo Jung auf dem YouTube-Kanal „Jung&Naiv“. Die mehrtägige Recherche von Frau Kahn kam zu dem Ergebnis, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland bedroht ist. Was die Presse betrifft, ist das Problem eine immer schärfere Schere der Selbstzensur in den Köpfen.
Ein wichtiges Thema des Interviews war der Umgang deutscher Behörden, der deutschen Justiz und insbesondere deutscher Universitäten mit Protestaktionen gegen die israelischen Kriegsverbrechen während des Gaza-Krieges. Frau Khan widerlegt in diesem Interview mit argumentativer Schärfe und Gründlichkeit u.a. den Vorwurf, der Slogan „From the river to the sea, Palestina free“ wäre antisemitisch. Hierzu mein Interview mit Ibrahim Abayat, das ich zuvor vergeblich den Nachdenkseiten angeboten hatte.
Irene Khan spricht hier insbesondere von der Gesprächsverweigerung der für diese Repressionsmaßnahmen verantwortlichen Politiker, etwa des Berliner Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner. Im gleichen Kontext kam die Absage einer Diskussionsveranstaltung an der FU Berlin mit Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den besetzten palästinensischen Gebieten, durch den FU-Präsidenten wegen „Sicherheitsbedenken“ zur Sprache. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: FU Berlin = Freie Universität Berlin. Ich gehöre als Privatdozent zu ihrem Lehrkörper.
Hier kommt erneut meine persönliche Betroffenheit ins Spiel: Wie einige Leser möglicherweise mitbekommen haben, schrieb ich bis letzten Sommer regelmäßig für die Zeitung „der Freitag“. Im Oktober 2023 bot ich dem „Freitag“ anlässlich des Überfalls der Hamas auf Israel und der darauffolgenden Unterdrückung pro-palästinensischer Proteste (die Beschlagnahme palästinensischer Flaggen und Halstücher in Deutschland eingeschlossen) einen Text zum Thema „Antisemitismus“ in Deutschland an. Titel: „Die spezifische Reaktion Deutschlands auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas und der deutsche Antisemitismus“. Nach längerem Hin-und-Her wurde mir am 16.10.2023 mitgeteilt, die Redaktion Freitag online hätte die Veröffentlichung meines Beitrags abgelehnt. Dabei ist nicht ganz klar, wieweit die Ablehnung einfach der mangelnden inhaltlichen Kompetenz dieser Abteilung geschuldet ist, denn es gab schon einige Jahre zuvor eine von dort kommende Ablehnung. Wörtlich: „Prinzipiell werfen wir natürlich immer wieder gern einen Blick nach Spanien“ – also statt über den Vormarsch von Rechtspartei und Faschisten in Spanien besser über Stierkampf und Paella berichten?
Es war also die zweite Absage seitens dieser Zeitung. Daraufhin bot ich den Text den „Nachdenkseiten“ an, ein Medium, für das ich ebenfalls schon seit Jahren schrieb. Auch hier wieder nach längerem Warten eine Absage des zuständigen Redakteurs – die erste seitens dieser Zeitung: „Tut mir leid, diesmal muss ich Ihnen leider absagen. Das Thema ist ein Minenfeld und wir haben uns entschlossen, es erst einmal nicht zu behandeln.“ Über persönliche Beziehungen fand der Beitrag schließlich Eingang in den Blog „dreimallinks-chat-gruppe“. Ins Spanische übersetzt erschien der Artikel dann sehr schnell in der spanischen Digitalzeitung „Nueva Tribuna“.
Ich hatte seitdem zwar im Freitag die Ehre, in die Printausgabe aufgenommen zu werden. Das hatte aber zur Folge, dass der Umfang meiner Artikel immer von dem von der Werbung freigelassenen Platz bestimmt war, was zu regelmäßigen und nicht abgesprochenen Kürzungen und im Endeffekt zu „Verwässerungen“ meiner Artikel führte. Zeitgleich wurde vor der Online-Ausgabe ein „Paywall“ errichtet und die Kommentarfunktion sowie die Plattform der Freitag-Community beseitigt, kurz: das Ende einer Debattenkultur unter den Lesern. Als ich dann auch noch darum bat, für Änderungen und Kürzungen meiner Artikel meine Zustimmung einzuholen – gemäß dem „Code of Fairness“ für Autoren, wurde das Erscheinen meiner Artikel auf die lange Bank geschoben und dann ganz abgesagt. Die Unverträglichkeiten mit dem „Freitag“ spitzten sich zu. Auf ein letztes Textangebot mit dem Titel „Finstere Zeiten“ antwortete der „Freitag“ in einer Mail: „Herzlichen Dank für das Angebot. Wir haben für den Text und das Thema keine Verwendung.“ Der Artikel erschien dann im Overton-Magazin.
Bei den „Nachdenkseiten“ eine ähnliche Dynamik: Ein Artikel zu mehreren hochexplosiven Korruptionsskandalen, bis in die oberste Etage der spanischen Regierung, die diese zu Fall zu bringen drohte, wurde abgelehnt. Begründung: er wäre zu sehr „Boulevard“. Kurz darauf erschien auch er im Overton-Magazin. Ein weiterer Artikel, dieses Mal zur Hitze- und Brandkatastrophe in Spanien, hatte ein ähnliches Schicksal: er war nach Meinung der „Nachdenkseiten“ zu speziell und würde Leser ohne „Hintergrundwissen“ überfordern. Das verströmte dieses Mal einen gewissen Querdenker-Geruch: Bestreiten eines menschengemachten Klimawandels als Ursache der Katastrophen. Auch dieser Artikel erschien dann im Overton-Magazin. Ende der Geschichte: Auf das oben erwähnte Interview mit Ibrahim Abayat, Sprecher des „Palästinensischen Hauses in Aragón“, keine rechtzeitige Antwort. Auf Nachfrage eine Email des verantwortlichen Redakteurs: „Ich ziehe die Reißleine und bitte von weiteren Angeboten abzusehen.“
Übrigens sind die meisten der erwähnten Artikel, übersetzt, unverändert und umgehend in Spanien erschienen.
Auch wenn es so aussehen mag, sollte das alles nicht nur als persönliche Erfahrung gelesen werden, sondern in den von Frau Irene Kahn vor Ort untersuchten Kontext der bedrohten Meinungsfreiheit in Deutschland gestellt werden. Die beiden Medien – „Nachdenkseiten: Untertitel „Die kritische Website“, „der Freitag“: Slogan: „Wir wollen bloß die Welt verändern“ – eignen sich für dieses Problem, denn sie sind ja neben wenigen anderen Medien als „Flaggschiffe“ einer kritischen Meinungs- und Pressefreiheit unterwegs.
Wer immer noch meint, dass auch die „Öffentlich-Rechtlichen“ zu diesen Flaggschiffen gehören, irrt sich. Aktuelles Beispiel: Erstaunlicherweise gab es weder im Radiokanal „Deutschlandfunk“ noch im Fernsehkanal „Tagesschau 24“ irgendeine Erwähnung der von Assange im Namen von Wikileaks erstatteten Anzeige gegen das für den „Friedensnobelpreis“ zuständige Komitee, wegen des kriminellen Charakters der Preisverleihung an María Corina Machado, die den Preis dann auch noch an Donald Trump weiterreichte. Trotz mehrerer Nachfragen wegen der Unterdrückung dieser in Spanien flächendeckend verbreiteten Nachricht gibt es bis heute keine Antwort.
Ähnliche Beiträge:
- 500 Milliarden von Putin für katalanische Unabhängigkeitsbewegung?
- Der gefährliche Gefangene: Pablo González seit einem Jahr in polnischer Isolationshaft
- Kanzler Scholz braucht noch einen Wahrheitsminister
- Journalisten und Politiker: Weltanschaulich eng miteinander verbunden
- Spanischer Journalist wird seit zwei Wochen in polnischem Hochsicherheitsgefängnis mit Kontaktsperre festgehalten




Das ist so ähnlich, wie die Stimmung in der erweiterten Oberschule damals in der DDR. Nur die Meinung des Lehrkörpers, der entsprechend diktatorisch geschult war, durfte in verschiedenen Nuancen wiedergegeben werden. Andersdenkende hatten Angst und wurstelten sich, wie ich, durch, um nicht rauszufliegen. Und so ähnlich war das nach Berichten auch unter Hitler. Wie die DDR und Hitler endeten, ist bekannt. Und nun passiert es ab und zu, dass im Fernseher trotz Boykott seit der Zeitenwende etwas zu spät vor den Nachrichten um- oder abgeschaltet wird. Bereits die Schlagzeilen oder der Beginn der Nachrichten vergiften das Zimmer, wenn man die Wahrheiten kennt.
Ich habe die Schule in Thüringen und Bayern besucht. Politisch gab es da keine Unterschiede, nur andersherum, die Staatsbürgerkunde in der DDR find ich heute ehrlicher.
Bayern ist kein Maßstab.
was ist denn der Maßstab? oder anders gefragt gibt es einen Maßstab und wenn ja ist der innerhalb oder außerhalb Deutschlands?
Immer gut zu wissen, welche Medien von welchen Themen die Finger lassen um keinen Ärger zu bekommen oder um einfach die Vorherrschenden Verhältnisse zu stützen.
Das ausgerechnet Tilo Jung Frau Kahn interviewt ist allerdings bemerkenswert. Setzt der sich doch immer gegen seiner Meinung nach „rechten Medien“ ein ist also eher Täter und glänzt mit historischer Ahnungslosigkeit. Ich werde mir das mal ansehen, könnte lustig sein.
Thilo Jung ist der Feind schlechthin.
Allein, was er sich zu Coronazeiten hat erdreisten lassen, macht ihn zu einem Feind der Menschheit!
Kannst du ohne Feindbilder abends einschlafen?
Ich stelle mir immer Hinrichtungsszenarien vor, damit klappt das ganz gut. 😉
Ich schaue öfters in die ÖR-online Angebote rein. Reinste Realsatire, nur nicht als solche gekennzeichnet.
Hilft auch zu verstehen warum der Deutsche Mensch im allgemeinen so kanalisiert denkt und spricht.
Deutschland hat fertig, fix und fertig. Bin gespannt wann/ob das die breite Masse irgendwann merkt.
Daß das nicht nur auf Deutschland beschränkt bleibt, dafür sorgt diese EU-Kommission und deren Rat.
Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass Medien wie Freitag und NachDenkSeiten den Text „Die spezifische Reaktion Deutschlands auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas und der deutsche Antisemitismus“ damals nicht publizierten – einem Thema, mit dem man sich fast ausschließlich in die Nesseln setzen kann (um Missverständnissen vorzubeugen: gut, richtig oder gar klug finde ich es deshalb trotzdem noch lange nicht). Denn das Klima (oder: der herrschende Zeitgeist) dazu hierzulande war und ist so beschaffen, dass es tatsächlich und gerade für kleinere Medien schnell gefährlich werden kann. Die Beschaffenheit dieser damit oft einhergehenden, aufwallenden „Pogromstimmung“ kann man u.a. auch im Kommentarbereich der Zeit unter diesem Artikel in Augenschein nehmen: https://www.zeit.de/gesellschaft/2026-02/vereinte-nationen-sonderberichterstatterin-meinungsfreiheit-deutschland
-Aber vielleicht sind das dort ja auch alles nur Bots, Kommentierende sowohl als auch Applaudierende. „Schöne Spaltung haben Sie da in Ihrer Gesellschaft, Respekt; wie ist Ihnen das gelungen?“ (Sagt der Bischoff zum König: „Halt‘ Du sie arm, ich halt‘ sie dumm.“)…
Die meisten sogenannten alternativen Medien, den Freitag und explizit die Nachdenkseiten, zähle ich ebenfalls dazu, haben auch schon lange vor Corona immer nur mit gebremstem Schaum berichtet.
Die Welt kann man nur verändern indem man die herrschende Klasse mit ihrer Funktionselite, mit allen kapitalistischen Strukturen beseitigt.
„Die Welt kann man nur verändern indem man die herrschende Klasse mit ihrer Funktionselite, mit allen kapitalistischen Strukturen beseitigt.“
Sehe ich prinzipiell auch so. Und es auch richtig, immer wieder darauf zu verweisen. Möglicherweise dämmen solche grundsätzlichen Feststellungen nebenbei auch ganz gut gegen Rechtsextremismus.
Danke, 💪👍
„Zeitgleich wurde vor der Online-Ausgabe ein „Paywall“ errichtet und die Kommentarfunktion sowie die Plattform der Freitag-Community beseitigt, kurz: das Ende einer Debattenkultur unter den Lesern“
Das Verschwinden dieser dort praktizierten und von oben aufoktroyierte „Debattenkultur“ in dieser „Freitags-Community“ ist nun wahrlich kein Verlust.
Seit Augsteins Übernahme vor gut 1,5 Jahrzehnten, wurde einzig und sehr erfolgreich dieses ehemalige linke Wochenblatt verändert, und nicht die Welt. Und zwar in eine bunte, „linksliberale“ und affirmative Blubberlutschpostille.
Enttäuschend die „Nachdenkseiten“, wundert mich aber nicht wirklich.
Die Regimemedien überhaupt als mögliche Kritikplattplattformen wahrzunehmen, ob früher mal oder aktuell, wundert mich allerdings doch ein wenig.
Apropos „öffentlich-rechtliche Medien“. Hier ein aktueller „Schnappschuss“ (hohoho) unseres obersten Blitzmädels auf befreiten (und rassisch gesäuberten) Territorium.
Heil Zahal:
https://www.tagesschau.de/ausland/asien/kloeckner-israel-gazastreifen-100.html
Welche Postillen sind deine Empfehlung?
Mein Beitrag ist versehentlich unter deinen Kommentar gelandet und nicht unter obigen Beitrag.
Die medialen Berührungsängste, oder auch Denkverbote, betreffend offen faschistoide Komponenten in Israels Palästina-Politik, haben – weltweit – einen Nebeneffekt: Niemals in den letzten 80 Jahren – also seit dem Ende der NSDAP – gab es in „westlichen“ Ländern so viele offen antisemitische Äußerungen, wie es aktuell der Fall ist.
So lange es Israel gibt ™1974, wird die Welt im Krieg sein!
„Wir wollen bloß die Welt verändern“
Tatsächlich? Aber dazu wohl nicht Eric Hobsbawm „Wie man die Welt verändert“ gelesen. Wäre bestimmt lehrreich.
Es gibt in der BRD zwei Arten von Zensur:
Die erste Art ist Journalisten mit „falscher, nicht staatstragenden Meinungen“ in Reichacht zu nehmen, Debanking etc. Zu dieser Art der Einschränkung der Meinungsfreiheit gehört auch zu zunehmende staatliche Repression gegen palästinasolidarische Menschen. Ich erinnere mich an die Sonerstaatsanwaltschaft zur Bearbeitung des sog. NAO-Delikte hier in Berlin. Gegen diese offene Zensur von Seiten des Staates hat auch die UN-Gesandte Irene Khan protestiert.
Die zweite Art der Zensur ist die Selbstzensur. Sie ist Folge der offiziellen Zensur, denn alternativ Medien haben Angst vor Repression und veröffentlichen kritische Berichte wie die des Autor nicht.
Gleichzeitigkeit reißt diese beschissene BRD groß ihre Fresse auf, wenn angeblich Menschenrechtsverletzungen in China stattfinden.
Wer wie die BRD selbst in Glashaus sitzt hat jedes Recht verwirkt auf Andere mit Steinen zu werfen!
@Naomi
Ich gehe sogar noch weiter, diese genannten der Selbstzensur unterliegenden „Journalisten der freien Presse“ überholen sich gegenseitig in deren destruktiven, verantwortungslosen und demagogischen Geschreibsel, steuern die öffentlichen Meinungen und damit auch die teilweise charakterlosen oder auch nur dummen politischen „Eliten“.
Das läuft auch europaweit auf dieser Masche. Die Abstimmungen in dieser teuren Institution in Strasbourg zeigen das immer wieder. Wer will schon seine Pfründe als Abgeordneter verlieren und dann irgendwo für ein Bruchteil wieder arbeiten ?
„… Was die Presse betrifft, ist das Problem eine immer schärfere Schere der Selbstzensur in den Köpfen…“
—-
Das erinnert mich an ein panoptisches Gefängnis.
Es bot eine Totalüberwachung
der Inhaftierten. Diese wussten zwar, dass sie von den Wärtern beobachtet wurden, konnten ihre Bewacher aber selbst nicht sehen. Sie wussten also nicht, ob überhaupt oder wann sie beobachtet wurden.
Die besondere Architektur des Gefängnisses, erlaubte es außerdem, dass jeder Insasse in jede andere Zelle blicken konnte.
Dies führte dazu, dass die Häftlinge
anfingen, sich sogar gegenseitig zu kontrollieren.
Schon damals ging es um totale Kontrolle. Man hatte nur noch nicht die technischen Mittel, wie sie heute zur Verfügung stehen. Es wird also immer schwieriger einem panoptischen Gefängnis zu entrinnen.
‚Gott sieht deine Sünden‘ ist das perfekte „panoptische“ Gefängnis und funktioniert immer noch. Allerdings für immer weniger Menschen. Da müssen andere Strategien her.