Wir sind besser als unser Ruf

Bild: Marco Verch/ccnull.de/CC BY-2.0

Menschen sind kooperative Tiere, auch wenn sie das oft selbst nicht glauben wollen.

Der Mensch ist janusköpfig. Zur einen Seite hin lächelt er, zur anderen fletscht er die Zähne. Da schreit er nach Kriegstüchtigkeit und fordert Waffen, pöbelt im Internet, schikaniert Andersdenkende, lässt Schwächere darben. Er wählt Parteien, die ihn seit dreißig Jahren belogen und geschädigt haben, verweigert Diskussionen, boxt seinen Willen durch. Der Mensch, so scheint es von dieser Seite, ist ein aggressives, egoistisches, missratenes Tier.

Kaum zu glauben, dass das andere Antlitz weiterhin lächelt. Nicht nur benehmen sich die meisten Leute insgesamt ja ganz anständig: halten einander die Tür auf, winken Einbieger vor, spenden wohltätig, leisten Erste Hilfe. Vielmehr offenbaren sie gerade unter schlimmsten Bedingungen ihre besten Seiten. Wie Rebecca Solnit in „A paradise built in hell” (PDF) anhand zahlreicher Beispiele vorführt, helfen Opfer von Katastrophen einander selbstlos und erschaffen eine solidarische Gemeinschaft. So ist es bezeugt beim großen Erdbeben von San Francisco 1906, beim Hurrican Katrina, oder die Halifax-Explosion von 1917. Spontan gründen sie Suppenküchen, teilen ihre Vorräte, geben Fremden Obdach. Probleme entstehen vorwiegend durch die Obrigkeit, die dieser Solidarität nicht traut. Darauf kommen wir unten zurück.

Wie also ist der Mensch? Die Frage ist nicht akademisch. Sollte der Mensch bösartig und antisozial sein, dann bräuchte er äußere Gewalt, um sich anständig zu verhalten. Dann wäre er wie ein wildes Tier, das nur mit Zucht und Peitsche dazu gebracht werden könnte, sich fügsam und friedlich zu geben. Dann käme menschliches Miteinander nicht aus ohne Gesetze, Polizei, Hierarchien, Kontrolle. Misanthropen, die so denken, haben üblicherweise sogleich auch ganz uneigennützig einen Satz Regeln im Angebot, nach denen man ihnen die Gesellschaft organisieren solle.

Hingegen eine freie Gesellschaft ist nur möglich, wenn wir dem Menschen zutrauen, edel, hilfreich und gut zu sein. Nur wenn sich Menschen an Verträge halten, wenn sie einander ohne unmittelbare Gegenleistung helfen, wenn sie den Lohn gemeinschaftlicher Arbeit gerecht aufteilen, nur dann können sie durch freie Übereinkunft miteinander auskommen. Deshalb hielt Pyotr Kropotkin schon vor 125 Jahren dem Darwinschen Kampf Aller gegen Alle und dem Survival of the Fittest die Gegenseitige Hilfe entgegen: die quer durchs Tierreich und besonders in menschlichen Organisationen zu beobachtende Tendenz, Problemen gemeinsam als Gruppe zu begegnen und daraus Kraft zu erlangen. Das war nicht nur eine notwendige Ergänzung der Evolutionstheorie: Es war die Befestigung eines politischen Fundaments, auf welchem eine freie Gesellschaft gebaut werden kann.

Ein Mensch mit seinem Widerspruch

Vordergründig scheint der misanthropische Ansatz vernünftiger zu sein: sicherer, sparsamer. Es sollte ja nichts schaden, den Leuten ein klares Regelwerk vorzugeben und Ordnungshüter darüber wachen zu lassen, dass alle sich dementsprechend manierlich verhalten. Dann kann trotzdem und außerdem noch Gutes tun, wer immer das unbedingt will.

Diese Haltung übersieht jedoch Einiges. Leute verhalten sich entsprechend den Erwartungen, die man an sie stellt. Wer mit Misstrauen behandelt wird, verliert den Antrieb, Vertrauen zu rechtfertigen, das ohnehin nicht vorhanden ist. So erzeugt eine restriktive Gesellschaft erst das Problem, das sie zu bekämpfen vorgibt. Und sie verkehrt zudem die Prioritäten. Aus humanistischer Sicht sollte die Gesellschaft für den Menschen da sein, und das heißt: ihn in seinen besten Anlagen fördern. Der Misanthrop glaubt nicht an beste Anlagen; er sorgt dafür, dass der Mensch für die Gesellschaft da ist. – Eine Gesellschaft, die damit zugleich jeder Daseinsberechtigung entbehrt, indem sie gerade nicht für die Menschen besteht.

Doch auch der Philanthrop steht vor einem Dilemma. Wenn er auf das lächelnde Gesicht des Menschen hinweist, wird er als naiv gescholten – obgleich er doch nur den ganzen Menschen sieht. Wie in C.F. Meyers Couplet: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Er sieht auch die antisozialen Seiten. Wie aber ist mit diesen umzugehen? Wie verhindert man, dass sie eine Gemeinschaft zerstören? Wo kommen sie her?

Wie soll man umgehen mit diesem Widerspruch? Wie kann der Mensch böse und gut zugleich sein?

Die Anderen sind nicht so gut

Eine aktuelle Studie hilft hier ein wenig weiter. Forscher von den Universitäten Frankfurt und Bonn sammelten in 125 Ländern die Antworten von über 100000 Versuchspersonen auf eine einfache Frage: „Dir und einem zufälligen zweiten Teilnehmer werden je 100$ angeboten. Wenn Ihr beide Euch mit je 70$ zufrieden gebt, gehen zusätzlich 400$ an eine Organisation für den Klimaschutz. Nimmst Du 100$ oder 70$?“

Vom klassischen Gefangenendilemma unterscheidet sich dieses Angebot also dadurch, dass die Probanden durch kooperatives Verhalten keinen Vorteil für sich selbst erlangen konnten, sondern für die Gesellschaft. Trotzdem wählten im Durchschnitt aller Staaten 69% der Befragten die kooperative Option.

Der Prozentsatz streute stark in verschiedenen Staaten, aber fast überall bevorzugte eine Mehrheit die Wohltätigkeit. Der Anteil stieg deutlich mit dem Einkommen und dem Bildungsstand der Befragten, wurde hingegen nicht beeinflusst von Alter und Geschlecht.

In einer parallel eingereichten Arbeit (PDF) gingen die Autoren den Länderunterschieden nach. Staaten mit hohem BIP (kaufkraftbereinigt) haben auch kooperativere Einwohner (Spitzenreiter: Schweden, Island, Taiwan, alle über 90%); folglich sind die Anteile derjenigen, die sich für die 70$-Option entscheiden, in Afrika und Südasien (28% in Ägypten, ca. 40% in Indien) am geringsten. Hier kann man sich allerdings fragen, ob dies auf eine allgemein unterschiedliche Hilfsbereitschaft der Menschen zurückzuführen sein soll, oder nicht eher darauf, dass auf beiden Seiten der Entscheidung „70$ vs. 100$“ ihrerseits variable Einflüsse stehen: Auf der einen Seite die Sorge um die globale Erwärmung, die nicht überall so virulent ist wie in den Staaten des Abendlands, auf der anderen Seite die Frage, wie stark sich 30$ mehr im eigenen Geldbeutel bemerkbar machen. Dass arme Menschen hier womöglich eine pragmatische Kosten-Nutzen-Abwägung treffen, bedeutet mitnichten, dass sie nicht selbstlos der armen Nachbarin helfen würden.

Den stärksten Einfluss darauf, ob Menschen sich kooperativ verhalten, hatte in der Studie die Erwartung, dass es auch andere tun würden. Das erscheint logisch. Interessanterweise aber lag diese Erwartung konstant rund 20 Prozentpunkte unter der tatsächlichen Kooperationsbereitschaft. Im weltweiten Durchschnitt glauben nur 47% der Menschen, dass andere Leute wohltätig seien. Nun ist es beileibe keine Neuigkeit, dass Menschen sich selbst für besser halten als alle anderen. Hier aber hat die Fehleinschätzung weitreichende Folgen.

Zur Kooperation domestiziert

Der erste Befund lautet also: Ja, der Mensch ist kooperativ. Wie alles, was der Mensch tut, ist auch die Kooperationsneigung kulturell geformt. Vorhanden aber ist sie, wenngleich in sehr unterschiedlichem Ausmaße, in jeder untersuchten Kultur.

Der wissenschaftlichen Anthropologie ist das durchaus nicht neu. Insbesondere die Forschung von Michael Tomasello am MPI in Leipzig hat vielfach gezeigt, dass sich der Mensch von seinen äffischen Vettern gerade durch seine kooperativen Neigungen unterscheidet. Erwachsene Menschenaffen – Schimpansen und Orang Utans – und zweieinhalbjährige Kinder unterscheiden sich nicht in ihrer Intelligenz bezüglich physikalischer Aufgaben. Kinder aber verfügen darüber hinaus auch über soziale Intelligenz – die bei den Menschenaffen statistisch nicht einmal nachweisbar ist.

Die Folgen zeigen sich in jedem Experiment. Lösen Kinder zusammen ein Problem, dann teilen sie selbstverständlich die Belohnung. Tun zwei Schimpansen dasselbe, dann schnappt sich der Ranghöhere beide Beutestücke. Zweijährige Kinder folgen dem Zeigefinger, der auf das Versteck mit dem Spielzeug weist. Schimpansen nicht. Vielleicht verstehen sie die Geste – trauen ihr aber nicht. Weshalb sollte ein Anderer ihnen einen wertvollen Tipp geben? Würden sie selbst doch auch nicht tun. Tatsächlich zeigen zwar Kleinkinder, nicht aber Schimpansen, dem Experimentator, wo ein Werkzeug versteckt ist, wenn dieser damit nur für sich selbst eine Belohnung erlangen kann.

Laut einer jüngst neu aufgeworfenen Hypothese hat der Mensch einen Prozess der Selbst-Domestikation durchlaufen. Quer durchs Tierreich sind domestizierte Tiere friedfertiger, verspielter, kooperativer als ihre wilden Vorfahren. Die Zuchtwahl hat Nachkommen ausgewählt, deren Stresssystem weniger reaktiv ist, so dass Artgenossen nicht sogleich als Bedrohung wahrgenommen werden. Bei einigen Tierarten scheint sich diese Veränderung ohne menschliche Steuerung vollzogen zu haben, einfach dadurch, dass soziale Fähigkeiten evolutionär vorteilhaft waren. Elefanten wurden vor einigen Jahren in einer Studie genannt, Delphine, vielleicht Papageien. Und eben: Menschen.

Die Einkaufswagenethik

Der zweite Befund lautet: Aber der Mensch glaubt nicht an sich selbst. Die Kooperationsbereitschaft, die er selbst zeigt, erwartet er nicht von anderen.

Hier scheint ausnahmsweise einmal die Politikerrede zu passen von: „Wir müssen das besser kommunizieren.“ Denn da ist ja tatsächlich Substanz. Auch wenn es oft schwer zu glauben ist, ist der Mensch besser als sein Ruf. Oft hat es die Anmutung von Verzweiflung oder Trotz, wenn man die lieben Mitmenschen so behandelt wie vernünftige, altruistische Wesen, obgleich sie doch Tag für Tag das Gegenteil zu beweisen scheinen. Und doch ist es faktenbasiert. Und ehrlicherweise geht es auch nicht anders, wenn man sich selbst als Menschen akzeptiert und nicht arrogant über seine Mitmenschen erheben will.

Ich habe das vor einiger Zeit meine „Einkaufswagenethik“ getauft: In meinem Portemonnaie habe ich einen Spielzeugschlüssel, dessen Reite gerade das Format einer Euromünze hat. Damit kann ich Einkaufswagen auslösen, ohne eine Münze in den Schlitz stecken zu müssen. Dass ich den Wagen nach erfolgtem Einkauf an seine Stelle zurückbringe, versteht sich von selbst. Das ist ja gerade der Sinn der Übung: Das Richtige zu tun, ohne dazu gezwungen zu sein. Dann aber klinke ich den Wagen nicht wieder ein, und mehr noch: löse meist noch einige weitere aus. Was ich mir zutraue, muss ich auch allen anderen zutrauen.

Mittlerweile finde ich bei meinen Stammdiscountern oft „freie“ Einkaufswagen in den Ständern. Aber nie welche auf den Parkplätzen. Anscheinend bringt jeder seinen Wagen freiwillig zurück.

Kooperieren, trotzdem

Und was bedeutet das für eine Gesellschaft?

Anscheinend sind Menschen, wenn man sie lässt, durchaus imstande und sogar gewillt, einander zu helfen. Aber wenn man sie fragt, wie eine Gesellschaft organisiert zu sein habe, entscheiden sie sich für Misstrauen und Repression.

Da scheint es am besten, sie gar nicht zu fragen. Die ideale Gesellschaft wäre eine, in welcher möglichst wenige Entscheidungen auf der anonymen, gesamtgesellschaftlichen Ebene getroffen werden, auf welcher die Menschen einander misstrauen, und möglichst viele auf der persönlichen, lokalen Ebene, auf welche sie einander kennen. Lässt man Menschen über die gesamtgesellschaftliche Ebene entscheiden, dann machen sie auf der lokalen Ebene nur alles kaputt. Also müssen so viele Entscheidungen wie nur möglich auf die Ebene persönlicher Interaktion geholt werden, innerhalb eines politischen Rahmens, der dort nicht stört.

Letzteres ist schwer zu erreichen, aber mit ersterem könnten wir schon mal anfangen.

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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3 Kommentare

  1. „Wir sind besser als unser Ruf“… egal, was irgendwelche von wem auch immer finanzierten Studien aussagen, wir sind es nicht.
    Diese Studien sind selbstgefälliges Geschwurbel, wir sind die übelste Spezies, die die Evolution jemals hervorgebracht hat.

  2. Jeder Widerspruch löst sich in Luft auf, wenn man Menschen als Individuen begreift und nicht versucht, von Verallgemeinerungen auf das Verhalten des Einzelnen rückzuschließen.

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