
Zwei Ärzte wollen „die ganze Wahrheit über Drogen“ verbreiten. Stimmt das Internet-Meme vom Alkohol als gefährlichste Droge?
Die Zeit um 2024 stand drogenpolitisch ganz im Zeichen von Cannabis: Seit dem 1. April jenes Jahres ist diese Jahrtausende alte Arznei, beziehungsweise das Genussmittel, beziehungsweise die Droge für den privaten Gebrauch entkriminalisiert. Um den Unterschied zwischen Arznei-, Genussmitteln und Drogen wird es unten noch ausführlicher gehen.
In den Medien und sozialen Medien bleibt aber auch Alkohol ein Dauerthema: Seitdem die Weltgesundheitsorganisation 2023 mitteilte, es gebe keine gesunde Grenze für den Alkoholkonsum, überschlagen sich Gesundheitsexperten – und diejenigen, die es sein wollen – mit Warnungen. Auch in Deutschland geht der Kampf dem Alkohol in die nächste Runde.
So will sich der von der CDU eingesetzte Drogenbeauftragte Hendrik Streeck damit profilieren, das sogenannte begleitete Trinken von 14- und 15-Jährigen vom Bundestag verbieten zu lassen. Dabei übersehen viele, dass sich das nur auf das Trinken in der Öffentlichkeit bezieht, zum Beispiel in Gaststätten oder auf Volksfesten. Zum Alkoholkonsum im privaten, familiären oder Freundeskreis äußert sich das Jugendschutzgesetz gar nicht.
Aktuelles Beispiel
Deswegen und mit Blick auf die Niederlande halte ich die Aussichten dieser Gesetzesinitiative nicht für rosig: Hier wurde Alkohol unter 18 schon 2014 verboten, aber trinken Jugendliche trotzdem. Dabei führt das Verbot zu einer ganzen Reihe neuer Probleme.
Ein aktuelles Beispiel zeigt sich am näherkommenden 11. November: Weil Minderjährige nicht mehr in der Öffentlichkeit trinken dürfen, saufen sie sich zum Karnevalsbeginn schon zu Hause und unterwegs voll. Wenn sie dann an den Plätzen ankommen, sind einige sturzbetrunken. Die Organisatoren sollen darum stärker kontrollieren und sich um die Betrunkenen kümmern. Dafür fehlen aber die Mittel. Stattdessen soll Minderjährigen die Teilnahme untersagt werden, wie es jetzt schon die Kneipen machen. Das wiederum lässt aber die Verwaltung nicht zu, denn Karneval sei ein Fest für alle.
Das Verbot verhindert also nicht den jugendlichen Alkoholkonsum, bedroht dafür aber die Ausführung eines Volksfestes, das über Jahrhunderte ohne solche Regeln auskam. Und auch wenn niederländische Jugendliche nun insgesamt etwas weniger trinken, ist das besonders gesundheitsschädliche „binge drinking“ (dt. exzessives Trinken) häufiger geworden. Das zählt man ab fünf Gläsern Bier bei einer Gelegenheit. Die Möglichkeit zum „normalen“ Trinken zusammen mit den Älteren hat man den Jugendlichen ja genommen.
Das muss man alles in dem Kontext sehen, dass die Menschen in den meisten Ländern ohnehin immer weniger trinken. Dass desto lauter gerufen wird, wie gefährlich der Alkohol doch sei, je weniger die Menschen trinken, bezeichne ich als das „Alkohol-Paradox“. Wenn es weniger Kriminalität gibt, ruft man dann auch nach mehr Polizei?
Man sollte auch nicht vergessen, dass diejenigen, die heute schärfere Regeln fordern, früher selbst die Freiheit – und den Alkohol? – genossen haben. Hätte das ihren Gehirnen dermaßen geschadet, wie jetzt unterstellt wird, könnten sie dann überhaupt noch ihre politische Arbeit machen?
Das alles setzt schon ein großes Fragezeichen hinter diese Bewegung der „Neuen Nüchternheit“, wie ich sie nenne. Diese will scheinbar die Welt retten, indem sie uns alle zur Alkoholabstinenz bringt. Das ging in der Geschichte aber immer schief.
Anhand eines neuen Medizin-Podcasts, in dem der Suchtmediziner und Buchautor Gernot Rücker mit dem Arzt Alessandro Falcone spricht, können wir dieser Nüchternheit auf den Zahn fühlen. Für den Podcast hat es sich aber schon gelohnt: Die Folge mit der „ganzen Wahrheit über Drogen“ liegt nach nur wenigen Wochen auf Platz 2, hinter der Erstplatzierten über Krafttraining; doch die Chancen stehen gut, dass der Alkohol-Alarmismus auch diese noch überholt.
Was ist eine Droge?
Grundlegendes zuerst: Wenn man entscheiden will, welche die „gefährlichste Droge von allen“ ist, sollte man wissen, was überhaupt eine Droge ist. Gleich am Anfang der Folge heißt es:
„Es ist ja tatsächlich absurd, dass wir eine Gesellschaft sind, die die gefährlichste Droge von allen legalisiert, Cannabis auch nur teillegalisiert und alle anderen Dinge … hochgradig kriminalisiert. Das ist ja weder demokratisch noch sachlich noch wissenschaftlich, das ist reine Willkür. Willkommen bei Modern Medicine, deinem Podcast für mehr gesunde Lebensjahre.“ (aus dem Vorspann der Modern Medicine-Folge vom 6. Oktober 2026)
Die Darstellung soll „möglichst nüchtern und faktenbasiert sein, ohne Risiken zu dramatisieren“. Aha, das fängt ja gut an: möglichst nüchtern von Absurdität und reiner Willkür zu sprechen.
Nach der großen Ankündigung der Folge, die gefährlichste Droge zu benennen, gerät der Suchtmediziner aber schnell ins Schwimmen: „Was ist denn überhaupt die Definition von einer Droge? … Also, da gibt’s eigentlich gar keine vernünftige Definition“ (ca. 3:00 Minuten).
Dem widerspreche ich: In meinem kostenlosen Fachbuch über Substanzkonsum habe ich die drei wichtigsten Bedeutungen des Begriffs herausgearbeitet. In meinem neuen Cannabis-Buch erkläre ich das allgemein verständlicher als das „Drogen-Dreieck“. Den drei Ecken entsprechen die drei gängigsten Bedeutungen des Drogenbegriffs, nämlich erstens die Droge als psychoaktive Substanz, die auf die Psyche wirkt; zweitens die Droge als Arznei- und Heilmittel; und drittens die Droge als verbotene Substanz.
Im Englischen sind diese drei Bedeutungen noch stärker im Begriff „drug“ enthalten und unterscheidet man im Sprachgebrauch darum oft mithilfe eines Beiworts zwischen „medizinischen“ und „illegalen“ Drogen. Und auch wenn im Deutschen heute die dritte Bedeutung am geläufigsten ist, kennt der Duden noch die Droge als „Rohstoff für Heilmittel, Stimulanzien oder Gewürze“ sowie (veraltend) als Synonym für „Arzneimittel“.
Die drei Drogenbegriffe
Die psychoaktive Wirkung im Sinne der ersten Bedeutung ergibt sich aus der Kombination der molekularen Struktur der Substanz und den Zellen unseres Nervensystems. Dort können manche Moleküle nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip andocken. Alkohol ist dem lebenswichtigen Zuckermolekül ähnlich, was nicht verwundert, da er bei der Fermentierung von Zucker durch Hefekulturen entsteht.
Cannabis wirkt im Endocannabinoid-System und Opioide auf die Opioid-Rezeptoren. Teile unseres Körpers erhielten nicht zufällig diese Namen: Denn dass die Produkte bestimmter Cannabis- und Mohnpflanzen psychoaktiv wirken, wusste (und nutzte) man seit Jahrtausenden. Erst im 20. Jahrhundert entdeckte man die dazu passenden Rezeptoren.
Damit ist der erste Drogenbegriff, der der psychoaktiven Substanz, der einzige wissenschaftliche. Schon die Geschichte zeigt, wie Substanzen zwischen der zweiten und dritten Kategorie hin und her wandern: Alkohol wurde über Jahrhunderte für die Verdauung, zur Beruhigung, gegen Schmerzen und depressive Zustände verwendet; sogar in der Prohibition in den USA konnte man ihn weiter auf Rezept beziehen, wenn man es sich leisten konnte.
Opium und seine Derivate waren über Jahrhunderte das medizinische Wundermittel schlechthin und wurde gegen Durchfall, Husten, Schmerzen, Schlafprobleme, Aufgeregtheit und depressive Zustände verschrieben. Im 20. Jahrhundert wurden sie von religiös-fanatischen Vorgängern der Neuen Nüchternheit mit Lügen dämonisiert, sogar wortwörtlich als „dämonische Blume“ gegeißelt. In der Medizin gelten sehr viel stärkere Opioide wie Oxycodon oder Fentanyl nach wie vor als essenzielle Schmerzmittel – und übrigens sind manche Grippemittel mit dem Opiat Codein immer noch frei verkäuflich.
Cannabis wurde über Jahrhunderte gegen Schmerzen, Ess- und Schlafstörungen, als Beruhigungsmittel und auch in der Geburtsmedizin verwendet. Hier ist der Wandel zwischen den Kategorien besonders frappierend, da Cannabis im Zuge des religiös-fanatischen Kriegs gegen Drogen des 20. Jahrhunderts kriminalisiert und in den letzten Jahrzehnten erst als Arznei und dann auch als Freizeitdroge wieder entkriminalisiert wurde.
Um es auf den Punkt zu bringen: „Droge“ ist ein moralisch-politischer Kampfbegriff. „Drogen“ sind schlicht das, was die Meinungsmacher als solche darstellen. Ein wichtiger Anhaltspunkt ist dafür in Deutschland die Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes.
Der nur in wenigen Sprachen vorkommende Begriff der „Genussmittel“ sollte die „guten“ Drogen – im Sinne psychoaktiver Substanzen – der bürgerlichen Klasse drogenpolitisch ausklammern. Die „bösen“ Drogen von Randgruppen (z.B. Arme, Hippies, Migranten, Schwarze) wurden stattdessen strafrechtlich behandelt – vordergründig zum Gesundheitsschutz, was nie stimmte; hintergründig wahrscheinlich eher zur Kontrolle und gegebenenfalls weiteren Unterdrückung der Randgruppen.
Suchtmediziner Rücker stellt im Podcast übrigens „Spielsucht oder so was“ ebenfalls als Droge da. Hier vermengt er meiner Meinung nach den Drogen- und den Suchtbegriff. Letzterer ist ein Thema für sich, das ich gerne ein anderes Mal behandle.
Die gefährlichste Droge?
Kommen wir damit zur angeblich gefährlichsten Droge, die, wie wir sahen, dem Podcast zur Aufmerksamkeit verhilft. Diese legale, angeblich so gefährliche Droge ist – Alkohol. Wie viele andere verweist Suchtmediziner Rücker hier auf Studien des (auch von mir sehr geschätzten) Neuropharmakologen David Nutt, Professor am Imperial College London. Diese Aussage ist aber in mehrerlei Hinsicht irreführend:
Erstens genehmigt sich Nutt nach eigenen Angaben am Wochenende gerne selbst Wein. Im Internet finden sich Beiträge von ihm darüber, wie man „intelligent trinkt“. Klingt das nach der gefährlichsten Droge?
Doch unter der Woche genießt der Professor sein eigenes, von ihm mit seiner Firma „GABALabs“ entwickeltes und vermarktetes Ersatzprodukt „Sentia“. Das soll, ähnlich wie Alkohol, den Gehirnbotenstoff GABA beeinflussen, bloß ohne die unerwünschten Nebenwirkungen der Volksdroge Nummer 1. Man kann es ja mal probieren – wenn man es sich für rund 40 Euro pro halbem Liter leisten kann und will.
Es enthält unter anderem Extrakte aus der Schlafbeere (Withania somnifera), die im indischen Ayurveda unter anderem gegen Stress und Schlaflosigkeit medizinisch verwendet wird. Die Sentia-Flaschen sind allerdings mit einem Hinweis auf eine empfohlene Höchstdosis versehen. Tatsächlich warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung vor möglichen Leberschäden durch die die auch „Ashwagandha“ genannte Schlafbeere:
„Eine Einnahme kann u.a. Übelkeit, Kopfschmerzen oder Schwindel auslösen. Zudem gibt es Hinweise, dass Ashwagandha-Präparate das Immunsystem und das Hormonsystem beeinflussen und in seltenen Fällen die Leber schädigen können.“ (Bundesinstitut für Risikobewertung)
Ersetzt man hier ein „Gift“ durch ein anderes? Aber immerhin eines, an dessen Verkauf David Nutt mitverdient.
Drogenschäden
Zweitens ist die Aussage von Suchtmediziner Rücker insofern unglücklich, als die zitierte Studie gar nicht die Gefährlichkeit der psychoaktiven Substanzen beurteilt, sondern deren (geschätzte) Schädlichkeit. Diese wird wiederum in Schäden für die Konsumierenden („harm to users“) und Schäden für die Gesellschaft („harm to others“) unterteilt. Das heißt, dass Alkohol hier auf Platz 1 landet, liegt vor allem an dessen weiter Verbreitung.
Man könnte es auch anders herum aufdröseln: Wäre Alkohol wirklich die gefährlichste Droge, wie Rücker und Vertreter der Neuen Nüchternheit mit Hinweis auf Nutt unermüdlich verbreiten, dann müsste die Gesellschaft vom Ersetzen von Alkohol durch beispielsweise Heroin, Fentanyl, Crack oder Crystal Meth profitieren. Das ist offensichtlicher Unsinn.
Allgemeiner wurde in der wissenschaftlichen Diskussion der Nutt-Methode angemerkt, dass es irreführend ist, eine stark verbreitete, legale Droge wie Alkohol auf diese Weise mit einer kaum verbreiteten, illegalen Droge wie Heroin oder Crack zu vergleichen. Das ist seit vielen Jahren bekannt – wird in der Zeit der Neuen Nüchternheit aber geflissentlich ignoriert.
Außerdem sind diese Werte, drittens, nur Schätzungen von Suchtmedizinern und Forschern wie Nutt. Insbesondere die Suchtmediziner sehen bei ihrer täglichen Arbeit vor allem die Härtefälle. Das führt aber zu Missverständnissen.
Ein gefährliches Missverständnis
Zum Vergleich: Was würden Rettungssanitäter angeben, wenn sie aufgrund ihrer Erfahrungen die Gefährlichkeit von Verkehrsmitteln einschätzen sollen? In ihrer tagtäglichen Arbeit sehen sie vor allem tote Pkw-Insassen und -Fahrer (z.B. 2023 etwa 1200 in Deutschland). Das liegt aber schlicht daran, dass mit dem Auto mit Abstand die meisten Kilometer zurückgelegt werden. Am gefährlichsten – im Sinne des Todesfallrisikos – ist und bleiben aber Krafträder (immerhin knapp 500 Verkehrstote) sowie landwirtschaftliche Fahrzeuge.
Würde man im Verkehr nun aufgrund der genannten Einschätzung häufiger vom Auto aufs Motorrad umsteigen, würde man tatsächlich von einem sichereren zum gefährlichsten Verkehrsmittel wechseln – und gäbe es tatsächlich mehr statt weniger Verkehrstote. Ebenso irreführend wie gefährlich ist die Darstellung von Alkohol als gefährlichste Droge, wenn die Konsumierenden dann auf ein tatsächlich gefährlicheres Mittel umsteigen. Aus der Tatsache, was Suchtmediziner (oder Rettungssanitäter) bei der Arbeit am häufigsten sehen, lässt sich also gerade nicht ableiten, was für mich die gefährlichste Droge (das gefährlichste Verkehrsmittel) ist.
Dass es sich bei diesen Meinungen von Fachleuten nur um subjektive Schätzungen handelt, sieht man auch am Vergleich mit den Ergebnissen einer Forschungsgruppe aus dem deutschsprachigen Raum. Demnach sind Crack und Heroin gefährlicher als Alkohol. Was stimmt denn nun? Ist Crack oder Alkohol die „gefährlichste Droge“? Aber für Buchverkäufe und Klickzahlen eignet es sich bestimmt besser, das verbreitetste Mittel als das gefährlichste darzustellen.

Die Einschätzung des Schadens durch Drogenkonsum im Vergleich: Links die Ergebnisse einer Fachgruppe aus dem deutschsprachigen Raum (nach Udo Bonnet et al., 2022) und rechts der Mittelwert aus drei neueren Studien aus dem englischsprachigen Raum nach der Nutt-Methode. Beide stellen eine Kombination aus dem vermuteten Schaden für die Konsumierenden und die Allgemeinheit dar. Links werden Crack und Heroin als gefährlicher als Alkohol eingeschätzt, rechts ist es umgekehrt. Beide Verfahren berücksichtigen nicht die Verbreitung der Substanzen.
Die Dosis macht das Gift
Viertens entsteht eine weitere Verwirrung dadurch, dass sowohl Suchtmediziner Rücker als auch die zitierten Fachleute den Effekt der Dosis vernachlässigen. Alkohol wird in der Neuen Nüchternheit gerne als „Zellgift“ dargestellt. Warum vermehren sich dann aber bei der Herstellung von unter anderem Bier und Wein die Hefezellen fröhlich – bis zu einem bestimmten Grenzwert oder dem Verbrauch des Zuckers?
Man muss hier drei Anwendungen unterscheiden, nämlich das Genusstrinken, das Rauschtrinken und Alkohol als Desinfektionsmittel. In geringen Mengen, so um die 0,5 Promille, wirkt die Substanz für viele Menschen auflockernd, entspannend, stimmungsaufhellend. In größeren Mengen nehmen Ausfallerscheinungen und Enthemmung zu: Bewegungen und das Sprechen werden schwieriger, man wird impulsiver und tut Dinge, die man nüchtern niemals täte. In größter Dosierung tötet Alkohol direkt Zellen, weswegen man ihn in dieser Konzentration zur Reinigung und Desinfektion verwendet.
Traditionell halfen Bier, Wein und andere psychoaktive Getränke Menschen dabei, gemeinsam gesellig zu sein, einander kennenzulernen und vielleicht auch längere Kontakte zu knüpfen. Wie viele von uns gäbe es gar nicht, hätten unsere Eltern auf die Neue Nüchternheit gehört und abstinent gelebt? Es gibt sogar ganze Theorien dazu, wie Alkohol unsere kulturelle Evolution förderte, doch dazu ein andermal mehr. Jedenfalls scheint es mir kein Zufall zu sein, dass gerade in der Zeit, in der Menschen immer weniger trinken, eine Pandemie der Einsamkeit herrscht.
Rücker erkennt das auch an, doch stellt hier wiederum einen schiefen Vergleich an:
„Viele jungen Leute wollen unterwegs jemanden kennenlernen und vielleicht will man jemanden kennenlernen fürs Leben. So, wenn man sich jetzt abends in der Kneipe besäuft, sag ich jetzt mal so, und landet dann bei irgendjemand anderem irgendwie im Bett, da ist es extrem undankbar, wenn man total erstens berauscht ist, zweitens dem neben das Bett kotzt und am nächsten Morgen irgendwie dann mit einem dicken Kopf aufwacht …“ (Modern Medicine vom 6. Oktober 2026, ca. 7:00 Minuten)
Demgegenüber sei die „Ecstasy-Pille“ billiger und besser, denn „es gibt vielleicht noch Sex zum Schluss, was beim Alkohol ab 1,5 Promille irgendwie schon schwierig ist“. Hier vergleicht der Mediziner aber die ideale Dosierung von Ecstasy mit der Überdosierung von Alkohol. Mit zu viel Ecstasy sähe der Abend ganz anders aus, mit Überhitzung, extremem Durst, schließlich vielleicht sogar Serotonin-Syndrom mit Organversagen in der Notaufnahme.
Dass der Ecstasy-Konsum – genauso wie beim Alkohol – in aller Regel nicht tödlich endet, spricht für eine sichere Herstellung der (illegalen) Pillen. Außerdem nehmen viele aus Sicherheitsgründen erst einmal nur die Hälfte oder gar ein Viertel – und später, bei Bedarf, den Rest.
Fazit
In der Zeit der Neuen Nüchternheit ist es schwierig, sich den verzerrten Fakten im Mainstream zu widersetzen. Mit Blick auf die neuen Empfehlungen des niederländischen Gesundheitsrats, die von den Medien völlig unkritisch verbreitet wurden, habe ich das hier im Detail nachgewiesen: Einerseits wiederholen die medizinischen Fachleute gegenüber der Presse und Öffentlichkeit das Mantra der Weltgesundheitsorganisation, es gebe keinen risikofreien Alkoholkonsum; dem schließt sich auch die hier diskutierte Podcast-Folge unreflektiert an.
Andererseits findet sich im Bericht des Gesundheitsrats schnell der Hinweis, es handle sich um geringe Risiken. Und außerdem werden dort Studien diskutiert, die sogar bei überraschend hohen Konsumwerten keine Unterschiede bei der Sterblichkeit finden. Es würde sich anbieten, diese Werte – vielleicht abzüglich einer Sicherheitsmarge – als Grenzwert zu empfehlen. Aber dann wäre die Botschaft nicht mehr neu und hätte sie weniger Aufmerksamkeitswert.
Man kann darüber streiten, wie viel Alkohol zu viel ist. Aber die Aussage, er sei die gefährlichste Droge, ist nicht nur falsch, wie wir hier sahen, sondern schlicht Unsinn: Das kann man in jeder Kneipe, jedem Bier- oder Weinfest und am Karneval sehen. Erst kürzlich ging das Oktoberfest mit einem Besucherrekord von 7,4 Millionen Gästen, die 6,7 Millionen Liter Bier tranken, friedlich zu Ende.
Der Podcast mit Suchtmediziner und Buchautor Gernot Rücker enthält auch gute Punkte und ist unterhaltsam. Insbesondere hat mir gefallen, wie er darauf hinweist, dass die meisten Menschen mit problematischem Drogenkonsum schwere psychosoziale Probleme haben. Diese beginnen oft schon mit Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit. Die Gesellschaft hat hier aber einen blinden Fleck und sieht später im Leben nur den Drogenkonsum, nicht die vorangegangenen schweren Lebensereignisse der Betroffenen.
So entsteht ein irreführender Stereotyp, der soziale Probleme als Drogenprobleme übertüncht. In manchen politischen Kreisen, die mitunter für die sozialen Probleme selbst verantwortlich sind, ist das vielleicht sogar gewünscht.
In der Summe hinterlässt die Podcast-Folge bei mir einen ambivalenten Eindruck: Die Aussagen zur „gefährlichsten Droge“ sind irreführend und falsch. Wenn man für sich beansprucht, „die ganze Wahrheit über Drogen“ zu verbreiten, sollte man seine Hausaufgaben besser machen. Aber das Internet belohnt die griffige, wenn auch unkorrekte Botschaft mit viel Aufmerksamkeit. Das ist wahrscheinlich auch Sinn der Sache.
Das falsche und immer wieder verbreitete Internet-Meme vom ach so gefährlichen Alkohol, an den wir uns tatsächlich über Jahrtausende gewöhnt haben, erhöht die Wahrscheinlichkeit gesetzlicher Einschränkungen. Unter denen leiden viele Menschen: zum Beispiel beim Ausleben ihrer Hobbys, Kauf von Genussmitteln oder auch schon der Teilnahme an Festen. Doch die alte Weisheit, dass die Dosis das Gift macht, gilt auch im 21. Jahrhundert noch.
Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht.
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Ist da noch irgendwie Platz für Kultur? Nein, die wird überhaupt nicht mehr erwähnt. Gesundheit über alles und was gesund ist, bestimmen Studien, die alles andere als neutrale Betrachtungen sind. Warum waren Alkohol und Tabak erlaubt? Weil da, wo man rauchen und Bier trinken darf, sich alsbald eine Gesellschaft bildet. Diese sind ausgesprochen kommunikativ. Was erwünscht war, denn in den Gastwirtschaften wurden Vereine, Parteien und Genossenschaften gegründet. Schon seit den Rauchverboten werden die Wirtschaften nach der Essenszeit geschlossen. Das war früher anders.
Ist vielleicht Cannabis auch kommuniktiv? Gewiss nicht. Ecstasy auch nicht. Und die Psychopharmaka schon gar nicht. Das Ganze zielt ja darauf ab, uns diese als Ersatz anzudrehen. Totale Vereinsamung der Menschen wird das Resultat sein.
Die Kampagne gegen Alkohol wird überwiegend mit Krebs begründet. Da müssten unsere Vorfahren reihenweise auf diese Art gestorben sein, denn sie waren durchweg etwas angeschickert, weil sie aus Mangel an sauberem Trinkwasser alkoholische Getränke zu sich nahmen. Aber eben der Krebs war zu dieser Zeit nicht das Thema.
Die Abstinenzler haben immer ihre Lügen verbreitet. Die Vorfahren haben ihnen stets die Tür gewiesen. Sind wir die ersten, die auf den Qusatsch hereinfallen?
Die Arbeit von Bonnet et al. ist Negativbeispiel par excellence, wie sich durch Austausch eines einzigen Begriffs der Focus in nachfolgendem Diskurs prächtig verschieben lässt.
Während David Nutt in seinem wegweisenden „Development of a rationale scale to access the harm of drugs…“, Lancet, 2007 richtigerweise die massiven Schäden durch Tabakrauchen adressiert, schreiben Bonnet et al. hier durchgängig von Schäden, die durch „Nicotine“ verursacht seien. Von Versehen kann kaum die Rede sein, da sich dies ohne Ausnahme systematisch durch die Arbeit zieht.
Was genaugenommen eine grobe Falsifikation der Ursachenzuschreibung darstellt und die Arbeit schon aus diesem Grund eher zu einem ‚Retraction‘ Kandidat abwertet!
Es ist tatsächlich so, daß man keine tolerable Menge Alkohol festlegen kann. Es stimmt einfach, daß Alkohol und auch andere Drogen selbstverständlich ein enormes Schadenpotential haben. Das weiß jeder, der schon mal eine Unterhaltung mit einem Berufskiffer führen mußte. Es gibt nichts was einen gereizter und ungeduldiger werden läßt.
Aber natürlich haben sich Gesellschaften irgendwann darauf geeinigt daß das Individuum das Recht hat sich sein Leben und seine Gesundheit selbst zu versauen und daß die Solidargemeinschaft dann für die Folgen und Folgekosten aufkommt.
Das Oktoberfest hat nur einen Zweck nämlich das ungehemmte Saufen. Müßte ich in diesen 2 Wochen in einer Münchner Notaufnahme arbeiten, würde ich jedes Jahr genau da meinen Urlaub einreichen. Auch wenn das „friedlich“ abläuft ist die Frage wie sinnvoll ein solches Fest ist. Die Leber dankt es jedenfalls nicht. Auch nicht den „Genußtrinkern.“
Ich kenne „Genußtrinker,“ die zu jedem Abendessen eine Flasche Wein tillen. In meiner Auffassung ist das schon kritisch zu betrachten.
Von Jugendlichen möchte ich gar nicht erst anfangen. Das „begleitete“ Trinken finde ich, ist ein Witz! Unter meiner Aufsicht tun Kinder etwas, was absolut schädlich für sie ist, aber es ist okay weil ich dabei zuschaue. Das Gehirn entwickelt sich bis man ca 26 ist. Da hat Alkohol nichts verloren. Aber auch da, selbstverständlich entscheiden Eltern das selbst. Ich persönlich empfehle jedem jungen Menschen wenn möglich gar nichts oder halt so wenig wie irgendmöglich zu trinken.
Der Beginn der Zivilisation war Alkohol. Umherziehende Gruppen von Nomaden verabredeten sich zu einem großem Fest. Um ausgelassen Feiern zu können, braucht es eine Menge Essen und Trinken und Bier war von je her ein Mittel zur Haltbarmachung. Im Lauf der Zeit wurden die Feste größer und es entwickelte sich die Landwirtschaft und die Vorratshaltung. Auch ist es nicht so, dass es Priester brauchte, die den Zeitpunkt der Aussaat mit dem Stand der Gestirne bestimmten. Es ist viel einfacher. Die Sonnenwenden sind die Zeitpunkte zu denen man sich verabredet. Da es noch keine Digitaluhren gab, brauchte es Zeitpunkte die jeder Naturmensch kennt.