Wenn KI das Denken übernimmt und die Gehirne befreit

Was passiert, wenn viele der bislang gebrauchten kognitiven Kapazitäten frei werden? Bild: Nevit Dilmen/CC BY-SA-3.0

 

Die Hinweise verdichten sich, dass die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens zwar nicht ausstirbt, aber nur noch rudimentär entwickelt wird. Künstliche Intelligenz scheint die Mühen des Denkens ebenso abzunehmen, wie wir bereits das Rechnen und die Orientierung im Raum an Geräte externalisiert haben. Die große Frage: Zu was könnten wie die freiwerdenden Kapazitäten nutzen?

Wir schaufeln mit unseren Techniken das Gehirn leer, das zuvor diese erfunden hat. Wir entlasten es von Aufgaben, die wir an Maschinen delegieren können. Jetzt schon gibt es die wie immer auch gefakte Vermittlungsbörse, auf der KI-Agenten im Auftrag ihrer Nutzer nach Menschen suchen können, die mit ihrem Körper Aufgaben leisten, die KI-Agenten nicht ausführen können, zumindest solange entsprechende Roboter noch nicht vorhanden sind („Roboter brauchen deinen Körper“). War noch die Devise der Aufklärung nach Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, so sind wir jetzt so weit, dass wir lieber den Verstand der KI-Agenten benutzen wollen, weil der schneller, effektiver und fehlerfreier zu sein scheint als der eigene. Zumal wir unser Gehirn auch nicht im Detail beobachten und auch nicht auf neuronaler oder chemischer Ebene steuern können, wie es Gedanken fabriziert, ähnlich wie LLMs eine black box sind.

Wir drehen die Argumentation mit der aus dem Verstand entwickelten Technik gewissermaßen zurück. Wir suchen nicht mehr den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, sondern den Eingang zur übermenschlichen Intelligenz, der wir uns aus Bequemlichkeit und aus dem Gefühl der Ohnmacht unterordnen. Günther Anders hat das Befinden als das Gefühl der „Antiquiertheit des Menschen“ gut mit der „prometheischen Scham“ beschrieben, nämlich erkennen zu müssen, den eigenen Produkten unterlegen zu sein.

Wohlmeinende Lehrer und geschäftstüchtige Kulturunternehmer propagieren im Sinne der Inklusion die Abwärtsspirale der Kulturtechnik. Mit einfacher Sprache sollen die Kulturverweigerer angeblich angefixt werden, doch noch ein wenig Anstrengung auf Lesen und Schreiben sowie das Verständnis der menschlichen Kultur aufzubringen. Aber es geht in erster Linie darum, aus der Förderung des Niedergangs der kognitiven Kompetenzen noch Geld zu verdienen. Das ist ähnlich wie beim politischen Überbietungswettbewerb, die rechten Parteien durch Übernahme ihrer Losungen ausbremsen zu wollen, was diese aber nur verstärkt.

Was ist schon ein Faust von Goethe in gelangweilter, emotionsloser einfacher Sprache gegenüber einem interaktiven Computerspiel oder einem überwältigendem Hollywood-Film, der alle Register der Fantasie und der Ästhetik der Destruktion zieht? Und in den sozialen Medien dominieren die Videos und die einfache Sprache im gerade herrschenden Jargon mit provozierenden Inhalten.

Wir beschäftigen uns meist damit, welche Jobs KI überflüssig machen wird oder wie wir in einer KI-geprägten Arbeitswelt das Überleben bewältigen werden, wenn wir unter deren Knute arbeiten oder von KI/Robotik ersetzt werden? Die große, aber nicht gestellte Frage ist, was die Menschen, also wir, mit den vom Denken entlasteten Gehirnen anstellen werden? Was kommt aus der Leere, wenn Verstand und Vernunft von KI abgedeckt wird?


Ich habe mal ChatGPT 5.2 dazu gefragt. Hier nur die Zusammenfassung der Antwort auf die Frage: Wenn LLMs die menschliche Kognition ersetzen, zu was wären menschliche Gehirne noch gut?

ChatGPT: „Wenn LLMs kognitive Routinen übernehmen, sind menschliche Gehirne nicht „übrig“, sondern neu gefordert:

  • für Urteil statt Output

  • für Verantwortung statt Berechnung

  • für Sinn statt Information

  • für Widerstand statt Anpassung

Oder zugespitzt:

LLMs können Denken simulieren.
Menschliche Gehirne müssen entscheiden, wofür es sich zu denken lohnt.“

Interessant sind natürlich die Hinweise auf den Widerstand, ansonsten sind Gehirne von Arbeitsabläufen eher outgesourct und nur noch in Analogie zur Funktion „human in the loop“ dienlich. Die Frage wäre, ob und wie Menschen für den Widerstand, eventuell als neue Ludditen, ökonomisch relevant wären? ChatGPT beschreibt den Widerstand von menschlichen Gehirnen so: „sich verweigern, widersprechen, irrational handeln, Neues beginnen, Regeln brechen, bevor es dafür Trainingsdaten gibt“.


Wenn wir davon ausgehen, dass die Besitzer der Produktionsmittel dafür sorgen werden, dass sie an der Macht bleiben, indem sie irgendwie ein auch leistungsloses Existenzminimum oder entsprechendes Einkommen bei anhaltender Verdummung sicherstellen, dann könnten wir im Gegensatz zur jetzigen Leistungsideologie mit einer Kultur der Muße konfrontiert werden. Allerdings im Unterschied zur klassischen Antike nicht mit der Muße der Sklavenhalter und Reichen, sondern mit der der Armen und Machtlosen. Die braucht man dann auch nicht mehr nach dem Impetus der Aufklärung bilden, sondern es wäre besser und systemerhaltender, sie kognitiv auszutrocknen und vielleicht nur noch Anreize zu setzen, dass Körper und Geist irgendwie mit Medien beschäftigt werden.

Aber im Grunde werden die Menschen in ihrer Mehrheit zu Überflüssigen. Es könnte ja durchaus sein, dass sich die Verhältnisse umkehren, also dass die KI-Systeme zu Sklavenhaltern werden. Menschen könnten noch benötigt werden, um deren materielle Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Allerdings werden das wahrscheinlich auch Roboter machen können, die für Selbsterhaltung und Replikation der KI-Systeme und die Abweht von Bedrohungen etwa durch Menschen sorgen. Man kann sich vorstellen, dass die KI-Systeme Gesellschaften bilden, in der sie ihre Interessen verwirklichen können. Vielleicht werden die Menschen dann noch wie Tiere in einem Zoo oder in der Landwirtschaft gehalten werden, vielleicht um die Erinnerung an die schmutzige und feuchte biologische Herkunft zu wahren, während man in den Sphären von Reinräumen lebt, die alles biologische Leben aussperren oder hinter sich lassen.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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9 Kommentare

  1. Also ich weiß nicht, wofür wir irgendwelche freiwerdenden Kapazitäten nutzen werden, aber ich weiß, wofür wir sie garantiert nicht nutzen werden: das Leben der Vielen zu verbessern!

  2. „….Vielleicht werden die Menschen dann noch wie Tiere in einem Zoo oder in der Landwirtschaft gehalten werden, vielleicht um die Erinnerung an die schmutzige und feuchte biologische Herkunft zu wahren, während man in den Sphären von Reinräumen lebt, die alles biologische Leben aussperren oder hinter sich lassen….“ (Zitatende)

    Die meisten werden sich doch wohl an einige (dystopische) Science – Fiction- Produktionen der letzten Jahrzehnte erinnern, die all das ziemlich unterhaltsam zeigen. Was aber keineswegs heißen soll, dass solche Szenarien von vorn herein als unrealistisch einzuschätzen seien. In der (realen und historischen) Wissenschaft werden viel gewagtere (meistens nur auf reiner Mathematik beruhende) „Theorien“ entworfen, denen kaum ein Wissenschaftler den Vorwurf der realitätsfremden SF macht, obwohl diesen wissenschaftlichen Konstruktionen kaum eine Chance auf reale Falsifikation bzw. Verifikation „innewohnt“ . Letzteres betrifft (nicht allein aber) besonders die Wissenschaft der „Theoretischen Physik“.

  3. Fragt sich, ob hier wirklich „Kapazitäten frei werden“. Für die aktuelle Generation Erwachsener mag das noch stimmen, aber für künftige sehe ich schwarz. Wenn nämlich Fähigkeiten nicht mehr erlernt werden, stehen sie künftig auch nicht mehr zu Verfügung. Die Kapazitäten werden also nicht „frei“, sie gehen verloren.

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