„Warum üben die hier?“ – Soldaten auf dem Schulhof

Bundeswehrübung auf dem Schulgelände in Kupferzell. Bild: Thomas Moser

Die Bundeswehr ruft zum Manöver, errichtet ihren Stützpunkt zwischen Schule, Sporthalle und Kindergarten und macht Werbung für sich.

 

In Kupferzell, einer 7000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg, veranstaltete die Bundeswehr im September eine fünftägige Übung und errichtete ihren Stützpunkt ausgerechnet auf dem Gelände zwischen Schule, Sporthalle, Spielplatz und Kindergarten. Pünktlich zum Schulbeginn könnte man sagen. Aber vielleicht wollte man ja Publikum haben, auch junges Publikum. Schließlich zählt zur Kriegstüchtig-Werdung, dass die Bundeswehr mit ihren Jugendoffizieren in die Schulen drängt. Doch dort haben sich inzwischen vielfältige Schülerproteste gegen die Militarisierung entwickelt. Schlachtfeld Schule sozusagen.

Das Manöver wurde vom ABC-Abwehrregiment 750 aus Bruchsal durchgeführt. Die erste Mitteilung darüber stand Ende Juli im Amtsblatt der Gemeinde. Darin hieß es: Eine der Kompanien des Regiments werde in der Gemeinde seinen „Verfügungsraum“ beziehen, dabei würden Transportpanzer vom Typ Fuchs und geschützte Fahrzeuge eingesetzt. Die Soldaten würden Tag und Nacht aktiv sein. Sie würden Übungsmunition verwenden. Außerdem würden Rollenspieler eingesetzt. Beim Aufeinandertreffen der Soldaten und Rollenspieler könne es zu Schusswechseln und erhöhter Geräuschentwicklung kommen.

Der Bürgermeister sagte Ende Juli, er könne noch nicht wirklich über die Übung Auskunft geben, Einzelheiten seien nicht bekannt, man stehe in Absprachen mit dem Territorialen Führungskommando in Stuttgart und dem Landratsamt. Im Übrigen findet er solche Übungen völlig normal. Zehn Jahre lang war er als Zeitsoldat bei der Bundeswehr und hat es bis zum Hauptmann gebracht.

Der Presseoffizier des Territorialen Führungskommandos in Stuttgart, ein Oberstleutnant, antwortet schriftlich auf Fragen zu der Übung. Es handle sich um eine sogenannte „freilaufende Übung“, geübt werde nicht nur auf Übungsplätzen oder in Kasernen, sondern auch im „öffentlichen Bereich“. Insgesamt seien im Übungsraum von Idar Oberstein über Karlsruhe bis Nördlingen mehr als 500 Soldatinnen und Soldaten beteiligt. Aufgabe der ABC-Abwehrtruppe sei es sicherzustellen, dass die Streitkräfte auch unter atomaren, biologischen und chemischen Bedrohungen erfolgreich „unser Land und die Verbündeten“ verteidigen könne.

Bundeswehrübung auf dem Schulgelände in Kupferzell. Bild: Thomas Moser

Kupferzell, das in der Nähe von Schwäbisch Hall liegt, ist Standort eines überregionalen Stromspeicherwerks für den süddeutschen Raum, neudeutsch „Netzbooster“ genannt, gegen den es vor Jahren Proteste in der Bevölkerung gab.

Frage: Spielt das bei der Übung auch eine Rolle, also Abwehr von C-Gefahren? Die Bundeswehr verneint.

Frage: Steht die Übung im Zusammenhang mit dem Operationsplan Deutschland?

Antwort Bundeswehr: „Ein klares Nein. Der OPLAN regelt die logistische Unterstützung von NATO-Streitkräften auf ihrem Marsch durch Deutschland im Zuge einer möglichen Verlegung z.B. an die Ostflanke der NATO.“

Nachfrage: Meines Wissens regelt der OPLAN auch die zivil-militärische Zusammenarbeit in Deutschland, unter anderem gemeinsame Übungen von Bundeswehr, zivilen Behörden und Blaulichtorganisationen. So jedenfalls verschiedene Vertreter der Bundeswehr.

Antwort Bundeswehr: „Der OPLAN ist ein weites Feld… Die Zivil-Militärische Zusammenarbeit ist in erster Linie im Art. 35 GG definiert und davon abgeleitet. Der militärische OPLAN Deutschland gewährleistet die Funktion Deutschlands als logistische Drehscheibe der NATO im Falle eines Aufmarsches an den Bündnisgrenzen. Das ist der Kern. Im Zuge dessen KANN es dazu kommen, dass die Bundeswehr ‚Amtshilfe‘ von zivilen Behörden und Unternehmen einfordern muss, z.B. für die Versorgung der Truppen während einer Rast. Das wird auch geübt in enger Abstimmung mit den Innenministerien. In dieser Zusammenarbeit liegt die zweite Säule des OPLAN. Das hat aber nichts mit der Übung des ABC-Abwehrregiments zu tun.“

Ende August weiß der Bürgermeister immer noch nicht mehr über das Unternehmen in seiner Gemeinde. Anfang September, eine Woche vor Manöverbeginn, erscheint im Amtsblatt mehrerer baden-württembergischer Gemeinden, auch in Kupferzell, ein Artikel, den die Bundeswehr verfasst hat, Überschrift: „Regimentsübung Badischer Sturm“. Darin heißt es unter anderem, es müsse mit einem erhöhten Aufkommen militärischer Fahrzeuge gerechnet werden; Verkehrsteilnehmer werden gebeten, ausreichenden Abstand zu den Kolonnen zu halten und nicht zwischen die Fahrzeuge zu fahren. Genauere Informationen zu den Bewegungen und Einsatzorten der Truppe würden aus Gründen der militärischen Sicherheit nicht veröffentlicht. Am Ende formuliert die Bundeswehr noch ein besonderes Anliegen: „Um den militärischen Übungsbetrieb zu gewährleisten, bitten wir darum, von Besuchen oder Presseanfragen abzusehen. Die Übung ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“

Wir behalten diese Bitte für das, was folgen sollte, einmal im Hinterkopf.

Am 19. September, Samstag, beginnt die Übung in Kupferzell. Und zwar auf dem Schulgelände. Das wurde zum Stützpunkt. Die Truppe bekommt einen Teil einer Doppelhalle, wo die Soldaten logieren können. Ein Parkplatz direkt daneben wurde mit Gittern, verhängten Zäunen, Flatterbändern und Natodraht abgesperrt. Im Laufe des Tages rollen gut zwei Dutzend Militärfahrzeuge auf das Gelände, kleinere Jeeps und größere Transportlastwagen.

Ein Unteroffizier sagt, sie haben die Räumlichkeiten von der Gemeinde zugewiesen bekommen. Man mache das Ganze in zivil-militärischer Zusammenarbeit. Der Bürgermeister sagt, er habe erst an jenem Samstag einen Anruf der Bundeswehr erhalten, dass sie diese Räumlichkeiten nutzen möchte. Das sei schon „überraschend“ gekommen. Am Sonntagnachmittag informierte er den Schulleiter über das, was am Montag früh die Schüler erwarten sollte.

Am Sonntag ist das Gelände von spielenden Kindern und spazierenden Eltern gut besucht. Die mobile Kaserne daneben ist auch da bereits eine Attraktion. Viele wissen von der Übung nichts. Kinder stellen sich an das Zufahrtstor und fragen die Soldaten alles Mögliche. Ein Uniformierter geht zu einem spielenden Kleinkind, das mit Oma und Opa da ist, und schenkt ihm eine Banane.

Drei Zivilisten mit gelben Armbinden, die sie als Mitspieler kennzeichnen, schreiten auf die Zufahrt zu und rufen irgendetwas von „Frieden“. Die gegnerischen Rollenspieler stellen also Friedensdemonstranten dar. Nach ein paar Minuten ziehen sie wieder ab. Es ist im Übrigen die – subjektiv wahrgenommen – einzige Auseinandersetzung im Rahmen der Übung, Schießereien oder Knallereien wurden nicht gehört. Man hat nicht den Eindruck, dass die Bundeswehr groß trainiert. Geht es eher darum, Präsenz zu zeigen?

Filmen und Fotografieren ist verboten. An den Sichtschutzzäunen hängen entsprechende Zettel. Ein Mitglied des Gemeinderates macht mit seinem Handy Aufnahmen und muss sie wieder löschen. Die übende Truppe unterliegt hier einem fundamentalen Missverständnis: Sie trainiert Krieg und erhebt das Szenario zu allgemeinen Realbedingungen. Sie verlangt, dass die zivile Bevölkerung ihre Regeln akzeptiert, obwohl sie nicht einmal Teil der Übung ist. Doch wenn sich die Bundeswehr in die Öffentlichkeit begibt und in einem Ort breit macht, ist es das Mindeste, das dokumentieren zu können, seitens Presse, gewählten Gemeinderäten, aber auch von jedem Bürger. Es ist sein Dorf. Ein Schild, auf dem „Fotografierverbot“ steht, muss fotografiert werden können. Das Militär legt nicht einseitig die Regeln des Zusammenlebens fest, auch wenn es das glaubt und  ihm das neuerdings aus Politik und Medien vermittelt wird.

Montagvormittag, große Pause. Die Jungen und Mädchen stürzen regelrecht aus ihren Klassenzimmern und rennen zu einem kleinen Hang, von wo aus sie einen guten Blick auf die Soldaten und die seltsamen olivfarbenen Fahrzeuge haben. Man winkt, die Kinder, die Soldaten. Es ist ein Schauspiel, so und so, wie in einem Amphitheater.

In der Pause schauen die Schüler von einem Hügel aus den Soldaten zu. Bild: Thomas Moser

Die Schüler drängt es, ganz nach vorne an den Zaun zu gehen. Die Lehrer halten sie davon ab. Eine Lehrerin antwortet auf die Frage, wie sie die Schüler auf diese Situation vorbereitet haben, man habe nicht viel vorbereiten können, sie sei überrascht gewesen und habe auch nur in der Zeitung etwas darüber gelesen. Ein Schüler fragt die Lehrerin, warum man nicht fotografieren dürfe. Sie kann oder will das nicht beantworten. Ein Mitschüler meint, vielleicht wollten die Soldaten nicht aufs Bild kommen.

Warum üben die hier), fragt ein Schüler. Bild: Thomas Moser

Ein Jugendlicher fragt seine bei ihm stehenden Klassenkameraden: „Warum üben die hier?“ Betonung auf „hier“. Einer meint: „Wahrscheinlich, damit die Menschen der Bundeswehr näher kommen.“ Eine Armee betritt die Bühne.

Der Bürgermeister meint später zu dem Journalisten: „Die Bundeswehr war ja aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden. Hier war sie wie auf dem Präsentierteller. Wenn man das nicht will, geht man nicht in ein Wohngebiet oder in eine Schule.“

Und die Bundeswehr? Anruf am Tag nach dem Manöver. Die Pressesprecherin sagt launig: „Wir feiern gerade das Übungsende.“

Frage: Haben Sie denn einen Grund zum Feiern? Wie ist die Bilanz?

Antwort: „Das will ich ungern beantworten, ohne erst Rücksprache zu halten?“

Frage: Sie haben sich in Kupferzell auf dem Schulgelände stationiert. War das so vorgesehen?

Antwort: „Auch das will ich später per Email beantworten.“

Eine Antwort kam nicht.

Sollte der Auftritt der Bundeswehr so etwas wie eine Revanche gewesen sein für die zahlreichen Schülerproteste gegen Wehrpflicht, Zwangsmusterung oder die Besuche von Offizieren im Unterricht? Wie war das? „Wir bitten, von Besuchen abzusehen.“ Stattdessen erstattete hier die Bundeswehr einen Besuch.

Thomas Moser

Thomas Moser ist freier Journalist und Autor, der unter anderem für das Online-Magazin Overton und ARD-Anstalten arbeitet. Er tritt für eine Erneuerung und Demokratisierung der Öffentlich-Rechtlichen Medien ein. Der Politologe beschäftigte sich mit dem NSU-Komplex und veröffentlichte hierzu mehrere Bücher (u.a. „Ende der Aufklärung. Die offene Wunde NSU“). Er berichtete über die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz und schrieb dazu das Buch „Der Amri-Komplex“.

Bild von Angela Margarethe Lehner.
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Ein Kommentar

  1. Ziel des Manövers sei es, dass die Streit-kräfte Deutschland und seine Verbünde-ten bei atomaren, biologischen und che -mischen Bedrohungen erfolgreich vertei-digen können“.

    Selbst die Schwätzer in den Streitkräften haben keine Ahnung, was denn das be –
    deutet. Sie haben keine blasse Ahnung von Krieg . > Die Überlebenden werden die Toten beneiden <

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