
Einzelhandel, Gastronomie und Hotelgewerbe werden nervös: Ihre für sie nützlichen Minijobs sind in Gefahr! Hingegen warnen Junge Union und Gewerkschaften unisono vor Altersarmut wegen geringfügiger Beschäftigung. Erhellende Auskünfte über eine Sumpfblüte der Marktwirtschaft.
Die kürzlich vorgelegten Empfehlungen der „Rentenkommission“ will die Bundesregierung im Wesentlichen umsetzen. Sie sollen die Finanzen der Rentenversicherung deutlich verbessern. Eine „Versicherung“ sieht aber anders aus: Sie speist sich schließlich aus den freiwilligen Beiträgen der Versicherten. Am Ende der Versicherungszeit erhalten sie auf Grundlage des Vertrags die vereinbarte Leistung plus Prämie.
Die Konstruktion des „Generationenvertrags“ funktioniert anders. Sie basiert auf dem Geld der noch Arbeitenden, und sie ist nicht freiwillig, sondern Zwang. Denn der Staat weiß: Die vom Kapital Beschäftigten verdienen zu wenig, um sich genügend auf die hohe Kante zu legen für ein sorgenfreies Rentnerleben. Also zieht er zwangsweise Rentenbeiträge vom Lohn ab und verpflichtet die Arbeitgeber ebenfalls zu einem Beitrag. Und er bestimmt die Höhe der Renten. Sie kann schwanken, je nach politischer Großwetterlage. (Mehr zum „Generationenvertrag“ in Nachhaltige Rentenmärchen)
Das Rentenproblem: Weniger Leute schaffen immer mehr Reichtum
Die Summe der Einnahmen der Rentenversicherung schrumpft allerdings. Weil die noch Arbeitenden sukzessive weniger werden und weniger verdienen – eine eigentliche Erfolgsgeschichte der streng marktwirtschaftlich agierenden Unternehmen. Denn offenbar schaffen sie es, mit immer weniger Beschäftigten und immer weniger Kosten gewinnbringend zu produzieren. Mit der Folge jedoch, dass der Staat immer mehr an Zuschuss in die Rentenkasse einzahlen muss. Außerdem droht eine Erhöhung der Rentenbeiträge, um das – ohnehin bescheidene – Niveau der Renten zu halten.
Beides ärgert die Bundesregierung. Denn im Bundeshaushalt sind die Milliarden Euros für Besseres vorgesehen: die Ertüchtigung der Bundeswehr für einen erfolgversprechenden Krieg und die Mobilisierung aller Mittel, um Deutschland im internationalen Wettbewerb wieder konkurrenzfähig zu machen. Und hohe Rentenbeiträge belasteten die ehedem angeschlagene Wirtschaft noch mehr. Schließlich stellen Sozialabgaben für Unternehmen einen Abzug vom Gewinn dar.
Für die Bundesregierung ist Niedriglohn zu teuer
Was das mit den aktuell diskutierten Minijobs zu tun hat? Nun, die Rentenkommission empfiehlt, sie in der derzeitigen Form abzuschaffen, als Teil ihres Vorschlagpakets, den Staat von Kosten für die Rentenversicherung zu entlasten und die Beiträge nicht deutlich erhöhen zu müssen. Da geraten die Minijobs ins Visier, denn: „Geringfügig Beschäftigte sind nach deutschem Recht in dieser Beschäftigung in der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung nicht versicherungspflichtig. Von der Rentenversicherungspflicht können sie sich befreien lassen. Der Arbeitgeber trägt einen pauschalen Beitrag zur Kranken- und Rentenversicherung.“ Es entgehen also den staatlichen Zwangsversicherungen einige Einnahmen. Die man sich holen könnte, sofern geringfügig Beschäftigte in diese Versicherungen einzahlen müssten. Und genau darauf zielt der Vorschlag der Rentenkommission.
Die Rede ist immerhin von rund sieben Millionen Menschen, die maximal 603 Euro im Monat abgabenfrei für ihre Arbeit beziehen. Davon kann einerseits niemand leben. Es ist aber ein wichtiger Zusatzverdienst – zum Beispiel für Studenten, um ihr Studium zu finanzieren, für Mütter, die nebenher etwas Einkommen erzielen, für Rentner, die ihre mickrigen Bezüge aufbessern. Andererseits leben eine ganze Menge Unternehmen von den Minijobs recht gut. Rund eine Million Menschen arbeiten geringfügig in der Kfz-Branche, fast 900.000 im Gastgewerbe, beinahe 800.000 im Gesundheits- und Sozialwesen, gut 400.000 im verarbeitenden Gewerbe, etwa 800.000 in sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen und viele weitere in anderen Branchen (vgl. Minijob-Zentrale).
Bei vielen Betrieben sind Minijobs gern gesehen: Sie kosten wenig, meist nur den Mindestlohn oder sogar darunter, die pauschale Sozialabgabe ist niedrig, und monatsweise kann gekündigt werden. Die geringfügige Beschäftigung wurde 1977 von der damaligen sozialliberalen Bundesregierung eingeführt, zur Bekämpfung von Massenarbeitslosigkeit. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte: Die Zahl der Minijobber wuchs stetig. Viele Betriebe nutzten die Notlage aus und stellten gern unter diesen Bedingungen günstig und flexibel ein: Die Menschen sind auf das bisschen Geld angewiesen und entsprechend erpressbar. Auf solche bequemen Beschäftigten möchten die Unternehmen auch heute ungern verzichten.
Schwerer Schlag gegen das Geschäft mit Billiglöhnern
Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) spricht deshalb von einem „gefährlichen Irrweg“: „Das vernichtet hunderttausende Jobs im Einzelhandel. Denn viele Minijobber können beispielsweise wegen fehlender Möglichkeiten zur Kinderbetreuung gar nicht Vollzeit arbeiten. Und auch für viele Rentner und Studenten würde das ein wichtiges Standbein ihrer Alltagsfinanzierung wegschlagen“, mahnt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.
Das weiß der Manager: Brächte ein Minijob nur noch weniger als 500 Euro ein, weil rund 130 Euro Sozialbeiträge fällig würden, hätte der Einzelhandel Schwierigkeiten, genügend geringfügig Beschäftigte zu finden. „Minijobs ermöglichen es den Händlern, Personal flexibel einzusetzen und die branchentypischen Stoßzeiten abzufedern.“ Was Genth nicht erwähnt: Der pauschale Steuersatz soll von zwei auf fünf Prozent steigen, die Minijobs würden also auch dadurch teurer. Wobei es dem Arbeitgeber freigestellt ist, die Steuer zu übernehmen – oder vom Lohn abzuziehen, was das Nettoeinkommen der Minijobber noch mehr reduzierte.
Insgesamt ein schwerer Schlag gegen die Freiheit des Handelskapitals, mit Billiglöhnern sein Geschäft zu machen. Auch die anderen Branchen befürchten, nicht mehr wie bisher aus dem Vollen des Niedriglohnsektors schöpfen zu können.
Problemfall Minijob: Sorgt für Altersarmut und fördert Sozialmissbrauch…
Doch die Bundesregierung will das „Rentenpaket“ als Ganzes umsetzen. Die Klagen des Kapitals lassen sie bisher unberührt. Zumal es gewichtige Gegner der Minijobs gibt. Die kommen aus unterschiedlichen Lagern – Gewerkschaften, Sozialverbände auf der einen, Wirtschaftswissenschaftler und CDU-Politiker auf der anderen Seite. Beim Thema „Minijob“ ergeben sich aber Gemeinsamkeiten. Es eint sie die staatliche Sicht: Die geringfügige Beschäftigung kostet zu viel und bringt Probleme.
So warnen alle vor Altersarmut. Das ist aber kein Schicksal, sondern liegt am System: Wer jahrelang im Niedriglohn feststeckt, wird kaum Rentenansprüche erwerben. Am Ende steht, wenn überhaupt, eine Rente, von der man nicht leben kann. Also ein Fall für den Sozialstaat. Und wer wäre kein verantwortungsvoller Politiker, würde ihn das nicht ärgern – weniger für den Betroffenen als für den Bundeshaushalt, aus dem die Sozialleistungen finanziert werden. Geld, was eine Regierung – nicht nur aktuell, sondern prinzipiell – lieber für anderes, „investiv“, einsetzen würde.
Ein weiteres, selbst geschaffenes Problem: „Sozialmissbrauch“. Bürger aus Staaten der Europäischen Union (EU), vornehmlich aus Bulgarien und Rumänien, kommen nach Deutschland. Sie nehmen Minijobs an und erhalten Grundsicherung, um das geringe Einkommen aufzustocken. Dadurch werden sie zwar nicht reich, aber sie kosten dem Staat Geld – das er, siehe oben, anderweitig verwenden möchte. Das sind eben Ausländer, die Deutschland nicht will, auch wenn sie die freie Wahl des Arbeitsplatzes in der EU genießen. Weder bringen sie Geld noch arbeiten sie ausgiebig für einen erfolgreichen Betrieb. Das „Einfallstor“ Minijob bringt vor allem die CDU auf die Palme. Aber auch einige SPDler gehen dagegen vor.
…und hält die Frauen von einer tollen Karriere ab
Desgleich herrscht bei der sogenannten Teilzeitfalle weitgehend Einigkeit. Minijobs „hielten gerade Mütter davon ab, ihre Arbeitszeit auszuweiten und Karriere zu machen (…) Und sie machten Frauen abhängig von besserverdienenden Partnern“ (Roland Preuß: Rentenpaket träfe Minijobber hart, in: Süddeutsche Zeitung, 29.Juni 2026). Da bieten die Unternehmen massenweise tolle und gut dotierte Jobs an – und die Frauen wollen lieber für kaum Geld ein bisschen arbeiten und ansonsten in Familie machen? Und sie begeben sich bewusst in die finanzielle Abhängigkeit? Man merkt: Das kann nicht stimmen. Es gibt diese vielen attraktiven Beschäftigungen nicht. Schon gar nicht für Mütter, die nun einmal wegen der Kinderpflege und -erziehung nicht Vollzeit arbeiten können. Die außerdem wegen des Ehegattensplittings der Steuergesetzgebung notorisch schlechter gestellt würden in dem häufigen Fall, dass sie weniger verdienen als ihr Mann.
Die „Falle“ der Teilzeit besteht darin, von lukrativen und karriereträchtigen Jobs dauerhaft ausgeschlossen zu werden. Da wirkt die Konkurrenz um Arbeitsplätze. Und darin haben Minijobs einen Platz ganz hinten. Für die Betroffenen sehr unangenehm, für die Unternehmen das Gegenteil.
„Der Wirtschaft“ muss es besser gehen, den Minijobbern nicht
Daran wollen auch die Kritiker nicht rühren. Den Bedarf der Wirtschaft an Niedriglöhnern bestreiten sie nicht. Er sollte nur dem Staat weniger teuer kommen als bisher. Da mutet er einem Teil des Kapitals eine kleine Belastung zu. Nur keine Sorge, liebe Arbeitgeber: Erstens wird es noch genug Menschen geben, die auf Niedriglohn angewiesen sind. Das garantiert ein Wirtschaftssystem, in dem eine Menge Menschen nie auf einen grünen Zweig gelangen können. Und zweitens werdet ihr an vielen anderen Stellen von dieser Bundesregierung bestens umsorgt. „Der Wirtschaft“ muss es bekanntlich wieder besser gehen. Für die Minijobber gilt das nicht. Ihnen nimmt die Bundesregierung selbst von dem Wenigen, was sie verdienen, noch etwas weg.
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