Warum erhalten immer mehr Menschen die Diagnose Depression

Bild: Joe Navarro/CC BY-2.0

Ein tiefer Einblick in die Depressions-Epidemie

 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird nicht müde, auf die zunehmenden Herausforderungen durch depressive Störungen hinzuweisen. Als Kernsymptome gelten einerseits die depressive Verstimmung beziehungsweise Niedergeschlagenheit und andererseits die Motivations- und Antriebslosigkeit. Laut WHO leiden etwa 4 Prozent der Weltbevölkerung darunter, rund 6 Prozent der Erwachsenen.

Häufige Begleitsymptome sind Schlafprobleme – zu viel oder zu wenig Schlaf – und Konzentrationsstörungen. Das Denken an den Tod und sogar Pläne oder Versuche für einen Suizid gehören zu den schwersten Symptomen. Zwar sind Selbsttötungen zum Glück sehr selten, doch für die Betroffenen und Angehörigen erschütternd. Als Suizid-Paradox ist bekannt, dass zwar Frauen, die auch häufiger die Diagnose Depression bekommen, mehr Suizidversuche unternehmen. Im Endeffekt sterben aber in allen Ländern der Welt mehr Männer durch Selbsttötungen. In den USA trifft es sogar viermal so viele Männer wie Frauen.

Die Anzahl der Suizide (Balken) schwankt in Deutschland jährlich im Bereich zwischen rund 9.000 und 10.000. Die blaue Linie zeigt den Anstieg der Medikamentenverschreibungen sogenannter Antidepressiva über die Jahre. Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Nummer gegen Kummer (116 111) oder Online-Angebote können helfen. Datenquellen: Statistisches Bundesamt, Arzneiverordnungs-Report

Auch wenn das Thema Depression in aller Munde ist, ist es kaum verstanden. Wie ich in meinem Buch über die Depressions-Epidemie genauer ausführe, lassen offizielle diagnostische Kriterien 227 unterschiedliche Formen von Depressionen zu. Dabei kann es sein, dass zwei Betroffene gerade einmal ein Symptom gemeinsam haben.

Depressionen kennen also viele Gesichter. Dass die genannten Probleme als Symptome anerkannt sind, nicht aber häufig ebenfalls auftretendes Grübeln, Magen-Darm-Probleme oder Schmerzen, ist eine Konvention: Führende Fachleute verständigen sich alle Jahre wieder am Konferenztisch auf die offizielle Lesart.

Ein einflussreicher britischer Psychiatrieforscher des 20. Jahrhunderts sprach daher von der „depressiven Verwirrung“. Damit meinte er aber nicht etwa den Geisteszustand der Betroffenen, sondern das Unvermögen seiner Kolleginnen und Kollegen, sich auf ein Verständnis von Depressionen – oder früher: Melancholie – zu einigen. Ein von mir im Buch angeführter deutscher Professor bezeichnete sie vor 120 Jahren schlicht als „krankhafte Traurigkeit“.

Diagnostische Trends

Man könnte meinen, dass die von der WHO genannten 4 Prozent schon viel sind. Schaut man auf das medizinische Handeln in Deutschland, zeichnet sich aber ein ganz anderes Bild: Demnach bekamen 2022 ganze 38 Prozent der Kassenpatientinnen und -patienten eine psychische Störung diagnostiziert. Das bedeutet einen Anstieg von 13 Prozent gegenüber 2012. Es scheint immer normaler zu werden, ernsthafte psychische Probleme zu haben – und dafür psychotherapeutische und/oder ärztliche Hilfe zu suchen.

Angeführt wurde das mit 14 Prozent tatsächlich von Depressionen. Frauen erhielten diese Diagnose 1,7-mal häufiger als Männer. Danach folgten psychische und Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit psychoaktiven Substanzen (8 Prozent). Diese wurden bei Männern 1,5-mal häufiger diagnostiziert. Angststörungen landeten mit 7 Prozent auf Platz drei, bei Frauen 1,9-mal so oft. Posttraumatische Belastungsstörungen waren mit 1 Prozent vergleichsweise selten, verdoppelten sich aber gegenüber 2012 (plus 116 Prozent). Auch diese Diagnose erhielten Frauen in etwa doppelt so häufig.

Eine Auswertung der Abrechnungsdaten von 68,7 (2012) beziehungsweise 73,7 Millionen (2022) gesetzlich Krankenversicherten ergab die dargestellten Diagnoseprävalenzen. Der Anstieg betrug für die Angststörungen 31 Prozent, für Substanzkonsumstörungen 35 Prozent, für Depressionen 15 Prozent und für alle erfassten psychischen und Verhaltensstörungen insgesamt 13 Prozent. Datenquelle: Thom et al., 2024, Deutsches Ärzteblatt

Aber wie passt das zusammen: Die WHO spricht von 4 Prozent, während in Deutschland mit 14 Prozent mehr als dreimal so viele die Diagnose bekommen? Ich erwähnte bereits, dass etwas diffus bleibt, was Depressionen eigentlich sind. Neben der Festlegung und Veränderung der Kriterien am Konferenztisch stellt sich in der Praxis ein viel größeres Problem: Wie schwer müssen die genannten Symptome sein, um eine Diagnose zu rechtfertigen? Wie niedergeschlagen muss etwa jemand sein, wie oft muss der Schlaf gestört sein, wie stark die Konzentration eingeschränkt oder wie oft an den Tod gedacht werden?

Hierauf gibt es keine eindeutige Antwort. Die offizielle Meinung lautet, dass die Diagnose einer psychischen Störung üblicherweise ein erhebliches Leiden und/oder eine erhebliche Einschränkung des Alltags voraussetzt. Mit „erheblich“ habe ich hier den Fachbegriff der „klinischen Signifikanz“ übersetzt. Was das ist, dafür gibt es Richtwerte. Im Endeffekt liegt es aber im Auge des Betrachters: Wenn der Arzt oder die Psychotherapeutin denkt, dass die Probleme ernst genug sind, dann wird er oder sie eine Diagnose stellen. Das System zur Abrechnung der Behandlungskosten setzt oft auch eine Diagnose voraus.

Folgen einer Diagnose

Diesen Vorgang sollte man aber nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Diagnose einer psychischen Störung mag zwar einerseits die Tür für bestimmte Behandlungen öffnen. Andererseits kann diese aber in verschiedenen sozialen Kontexten zum Bumerang werden: zum Beispiel beim Abschluss einer Versicherung, bei der Aufnahme einer Hypothek fürs Eigenheim oder mit Blick auf eine mögliche Verbeamtung im Staatsdienst.

Ich selbst habe gerade wieder die monatlichen 3,38 Euro „Strafgebühr“ für meine Hypothek abgezogen bekommen, schlicht weil ich wegen Stress bei einer Psychotherapeutin war – und das ehrlich gegenüber der Bank angegeben habe. Wenn man es verschweigt, kann einem das später als Versicherungsbetrug oder andere Art der Täuschung ausgelegt werden und als doppelter Bumerang zurückkommen. Manchen, die es versuchten, wurde deswegen schon der Beamtenstatus aberkannt.

Aufgrund langer Wartelisten, insbesondere für die Kassenpatienten, hat sich ein regelrechtes Diagnose-Shopping entwickelt: Eine ADHS-Vordiagnostik lässt sich beispielsweise für 140 Euro kaufen; für eine vollständige Diagnostik wird man eher auf 300 bis 400 Euro kommen. Die gewünschte Diagnose ist damit zwar nicht garantiert. Aber wer wird schon seine zahlenden Kunden enttäuschen und negative Bewertungen riskieren?

Das diagnostische Ergebnis erleben viele als Entlastung: „Endlich wusste ich, was mit mir nicht stimmt!“ Damit deutet man bestimmte, unerwünschte körperliche oder psychische Wahrnehmungen nicht nur als medizinisches Problem; vielmehr verinnerlicht (internalisiert) man sie auch. Was das bedeutet, dazu gleich noch mehr.

Zum Glück liefert die Medizin beziehungsweise die klinische Psychologie nicht nur die Diagnose, sondern vor allem auch: die Entschuldigung. „Es ist eine Krankheit; du kannst nichts dafür!“ Eine Diskussion der Ursachen von Depressionen zeigt, dass das aus gesellschaftlicher Sicht kein trivialer Vorgang ist. Analog gilt das Folgende für die meisten anderen psychischen Störungen, von denen inzwischen Hunderte unterschieden werden.

Geschichte

Um diesen Gedanken besser zu verstehen, müssen wir uns kurz mit der Geschichte der Psychiatrie beschäftigen: In der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts gab es zwei traditionelle Institutionen, die sich mit der Aufrechterhaltung der Normalität befassten, die Kirche und die Polizei. Im Zuge der Verstädterung blieb aber eine größer werdende Gruppe von Menschen übrig, die nicht so recht in diese Institutionen passte. Diese nannte man damals Irre, Unsinnige oder Wahnsinnige. Sie waren weder „verlorene Schafe“ des Herrn noch wirklich Kriminelle, auch wenn manche von ihnen ernsthafte Probleme verursachten.

Noch bis in die 1830er-Jahre suchten französische Minister nach einem passenden bürgerlichen Umgang mit diesen Menschen. Die ersten modernen Psychiater wie Philippe Pinel (1745-1826) oder dessen Lieblingsschüler Jean Étienne Dominique Esquirol (1772-1840) boten mit der Errichtung psychiatrischer Kliniken die passende Lösung. Bei deren Nachfolger Jean-Martin Charcot (1825-1893) sollte später der junge Sigmund Freud (1856-1939) studieren, der die Psychiatrie mit seiner Neurosenlehre ins 20. Jahrhundert führte.

Pioniere wie Pinel und Esquirol stellten diagnostische Systeme der „Geisteskrankheiten“ auf und unterschieden zum Beispiel Demenz, Manie, Melancholie und „Idiotismus“. Sie sammelten Statistiken zu deren Häufigkeit und entwickelten Gedanken über die Ursachen und Therapien.

Von der Beobachtung zum Gehirn

Die Psychiatrie brauchte aber vor allem ein passendes Organ, das als Krankheitsherd dienen konnte. Sie fürchtete, sonst nicht so ernst genommen zu werden wie die anderen Felder der Medizin. Damals war die Phrenologie in Mode und man übernahm schließlich deren Ansicht der funktionellen Spezialisierung des Gehirns, ohne den folkloristischen Teil der Schädellehre anzuerkennen – die später in Verruf geratene Sichtweise, man könne von der Kopfform auf den Charakter eines Menschen schließen.

Der Gedanke, dass die Psychiatrie im Grunde eine Medizin des kranken Gehirns ist, prägt die Forschung und Praxis dieser Disziplin bis heute. Bei der damals noch unbehandelbaren Geschlechtskrankheit Syphilis stimmte das sogar oft: Das Bakterium Treponema pallidum richtete auf Dauer immer größeren Schaden an, bei vielen auch im Nervensystem. Das führte zur gefürchteten „Neurosyphilis“, die neben neurologischen Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Sprachstörungen auch zum psychiatrischen „Wahn“ führen konnte. Und weil dessen Symptome denen der sogenannten Schizophrenie ähnelten, vermutete man auch hier und für die anderen Störungsbilder eine neuronale Ursache.

Dieser neuropsychiatrische Traum ist aber bis heute nicht in Erfüllung gegangen. Psychologisch-psychiatrische Diagnosen stellt man nach wie vor durch Gespräche und Verhaltensbeobachtung. Einen zuverlässigen Gen- oder Gehirn-Test gibt es für keines der Hunderten Störungsbilder. Der angebliche genetische Beitrag auf die Entstehung der Probleme wird regelmäßig übertrieben. Dabei wollte man sich in den 1970ern von Freuds Modell verabschieden und endlich die lang ersehnte neue wissenschaftliche und objektive Psychiatrie schaffen.

Erst kürzlich formulierten führende Fachleute die Pläne für die nächste Überarbeitung des diagnostischen Systems, das wohl in den 2030er-Jahren fertig sein dürfte: Ganz oben auf der Liste stehen nach wie vor eine neurowissenschaftlich fundierte Krankheitslehre und biologische Tests für die Störungen. Für Alzheimer soll das bald möglich sein. Man wird es sehen. Jedenfalls zeigt das die große Wissenslücke des Gehirn-Denkens in der Psychiatrie auf.

Risikofaktoren

Was bleibt unterdessen? Ein vages Störungsbild der Depression. Unerklärlich steigenden Diagnosen. Eine Psychiatrie und zum Teil auch klinischen Psychologie, die objektive Neurowissenschaft sein will, doch der das seit 200 Jahren nicht gelingt. Treffenderweise sollte man daher auch nicht von den „Ursachen“ psychischer Störungen sprechen, sondern von „Risikofaktoren“. Und diese finden sich laut jahrzehntelanger Forschung vor allem im psychosozialen Bereich.

Wie ich im Buch über die Depressions-Epidemie näher ausführe und auch die WHO bestätigt, sind das bei depressiven Störungen vor allem schwere Lebensereignisse. Das sind zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Verlust einer Beziehung durch Trennung oder Tod, traumatische Erfahrungen etwa in der Kindheit, als Opfer eines Unfalls, Verbrechens oder im Kriegs- oder Kriseneinsatz. Allgemein anerkannt erhöht schwerer, anhaltender Stress die Wahrscheinlichkeit für viele psychische und körperliche Probleme. In diesem Sinne können auch Erfahrungen anhaltender Armut oder Ausgrenzung an der Seele zehren.

Schwerer Drogenmissbrauch ist ein weiterer Risikofaktor. Dabei sind psychoaktive Substanzen aber oft ein Mittel, um ein hartes Schicksal zu bewältigen; die Richtung der Ursache-Wirkung-Beziehung ist hier also nicht ganz klar. In vielen wissenschaftlichen Studien aus mehreren Ländern ist bestätigt, dass erlebte Kindesmisshandlung das Risiko von schwerem Alkohol- und anderem Drogenkonsum, Depression und Suiziden um ein Vielfaches erhöht. Und eine Emigration – oder umso mehr unfreiwillige Flucht – in eine andere Kultur erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Schizophrenie-Diagnose erheblich.

Zerrissenheit

Das führt uns zu der inneren Zerrissenheit, die die Psychiatrie bis heute plagt. Sie will so objektiv und wissenschaftlich sein wie die anderen Zweige der Medizin. Dafür hat sie schon im frühen 19. Jahrhundert das Gehirn-Modell eingeführt. Die Betroffenen leiden aber noch heute unter dessen Folgen: Indem man der Psychiatrie (wörtlich: Seelenheilkunde) sozusagen die Psyche, die Seele austrieb und aus ihr in heutiger Redeweise eine „klinische Neurowissenschaft“ machen wollte, riss man sie aus der Verankerung. Noch in Freuds Lehre entsprangen psychische Störungen nämlich oft unbewussten psychischen Vorgängen.

Ohne Verankerung erfahren viele Betroffene bis heute, dass man ihre Probleme als „psychisch“ oder „psychosomatisch“ relativiert, kleinredet oder sogar gänzlich leugnet. Eine Leserin formulierte es in der Diskussion chronischer Erschöpfung (engl. Chronic Fatigue Syndrome, CFS) einmal treffend so: „Nein, das ist nicht psychisch, das ist real!“

Wenn das Psychische, unsere intimste Innerlichkeit, zur Illusion abgestempelt wird, dann ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst vollendet. In der Folge gibt man dann selbst sichtbar schwer Depressiven nutzlose und demütigende Ratschläge, etwa „Stell dich nicht so an!“ oder „Mach doch mal Urlaub!“, wenn man sie nicht gleich ganz als Faulenzer und Simulanten abstempelt.

Es hätte Vorteile, wenn die Neuropsychiatrie ihr Versprechen eingelöst hätte und wenn die Störungsbilder zum Beispiel im Hirnscanner diagnostizierbar wären: Dann könnte es nicht sein, dass die WHO die Häufigkeit von zum Beispiel Depressionen auf 4 Prozent der Bevölkerung schätzt, 2022 aber in Deutschland – wie wir oben sahen – 14 Prozent die Diagnose bekamen. Die neuesten Zahlen des Robert Koch-Instituts deuten sogar auf 22 Prozent, verwendeten hierfür aber andere Kriterien.

In der Praxis sehen Fachleute massenweise Menschen mit unspezifischen Problemen wie Erschöpfung, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit, vielleicht Schlafproblemen, Gewichtsveränderungen. Dazu kommt eine fast beliebig große Anzahl anderer psychischer und körperlicher Beschwerden, für die es keine eindeutige medizinische Erklärung gibt. Den Statistiken nach denken viele dann an eine depressive Störung und diagnostizieren diese auch. In einer Psychotherapie kann man dann, sofern man überhaupt einen Platz bekommt, je nach Verfahren problematische Denkmuster, unbewusste Konflikte und/oder Beziehungsdynamiken bearbeiten.

Individualisierung

Der Haken an der Sache ist aber: Sowohl das Gehirnmodell der Psychiatrie als auch die gängigen Psychotherapieverfahren individualisieren die Probleme. Dabei sahen wir, dass die Risikofaktoren oft in der Umwelt und in vergangenen Erfahrungen liegen. Wenn man nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel. Und wenn man eine Person immer nur für kurze Zeit und unter vier Augen in der abgeschotteten Praxis oder Klinik sieht, ist der naheliegendste Ansatzpunkt eben genau dieses Individuum. Seine normale, alltägliche, familiäre und berufliche Umgebung sieht man in der Regel nicht.

Zum Anstieg der psychologisch-psychiatrischen Diagnosen – oben wurde ihre Häufigkeit auf jährlich 38 Prozent beziffert, Tendenz steigend – wäre noch viel mehr zu sagen. Doch schließen wir an dieser Stelle damit, auf eine therapeutische Zwickmühle zu verweisen: Soziale Härten werden immer öfter psychologisiert, psychiatrisiert, medikalisiert. Doch diese Masse der Menschen lässt sich unmöglich psychotherapeutisch versorgen, selbst wenn wir heute mehr Therapeutinnen und Therapeuten haben denn je. Ich habe selbst Tausende akademisch im Fach Psychologie ausgebildet.

Ein derartiger Anstieg kann nur dann bewältigt werden, wenn sich auch die therapeutischen Maßnahmen entsprechend vervielfältigen lassen. Hier kommen Psychopharmaka ins Spiel, die sich – anders als Therapeutinnen und Therapeuten – fabrikmäßig produzieren lassen. Zum erwähnten Anstieg bei den diagnostizierten Depressionen auf inzwischen 14 oder mehr Prozent im Jahr passt, dass Hausärztinnen und Hausärzte die (angeblich) passenden Medikamente immer häufiger selbst verschreiben und das seltener den Fachleuten aus der Psychiatrie überlassen. Dabei geht es um die sogenannten Antidepressiva, die heute elfmal so häufig verabreicht werden wie vor 35 Jahren.

Von den sogenannten Antidepressiva, vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Verstärker, werden inzwischen jährlich 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben. Das ist genug für die tägliche Behandlung von rund 5 Millionen Menschen. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report.

Mit welchen Wirkungen und Nebenwirkungen das einhergeht und was das für die Betroffenen bedeuten kann, diskutieren wir im zweiten Teil.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Zum Thema s.a. sein Buch: Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen

  • Ashton, A. K., Jamerson, B. D., Weinstein, W. L., & Wagoner, C. (2005). Antidepressant-related adverse effects impacting treatment compliance: results of a patient survey. Current Therapeutic Research, 66(2), 96-106.
  • Felitti, V. J., Anda, R. F., Nordenberg, D., Williamson, D. F., Spitz, A. M., Edwards, V., & Marks, J. S. (1998). Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. American Journal of Preventive Medicine, 14(4), 245-258.
  • Oquendo, M. A., Abi-Dargham, A., Alpert, J. E., Benton, T. D., Clarke, D. E., Compton, W. M., … & Gogtay, N. (2026). Initial strategy for the future of DSM. American Journal of Psychiatry, 183(5), 292-300.
  • Rosen, R. C., Lane, R. M., & Menza, M. (1999). Effects of SSRIs on Sexual Function: A Critical Review. Journal of Clinical Psychopharmacology, 19(1), 67-85.
  • Schleim, S. (2026). Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt. BoD, Hamburg.
  • Thom, J. et al. Dtsch Arztebl Int 2024; 121: 355-62; DOI: 10.3238/arztebl.m2024.0052
  • Zeiss, R., Malejko, K., Connemann, B., Gahr, M., Durner, V., & Graf, H. (2024). Sexual dysfunction induced by Antidepressants—A pharmacovigilance study using data from vigibasetm. Pharmaceuticals, 17(7), 826.
Stephan Schleim

Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Sein Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Wissenschaftsproduktion und –kommunikation. Schleim ist Autor mehrerer Bücher zu Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie.
Bild: Elsbeth Hoekstra
Mehr Beiträge von Stephan Schleim →

Ähnliche Beiträge:

Ein Kommentar

  1. Irgendwie drängt sich mir der Gedanke auf, dass es heute in Wirklichkeit im Hinblick auf „Depression“ gar nicht viel anders ist als vor 70, 50 oder 30 Jahren und dass nur mehr Leute zum Arzt bzw. Psychologen gehen.
    Ich erinnere mich, dass früher eben auch in dieser Hinsicht vieles „weggesteckt“ wurde. Es wurde weit eher als heute gesagt: „Nun hab dich mal nicht so!“
    Ich will ein derartiges Verhalten jetzt nicht verteidigen oder loben, aber ich denke schon, dass es so war.

    Außerdem:
    Man kann heute mit solchen Diagnosen natürlich auch Geld verdienen. Ein Markt.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen