War der iranische Angriff mit Interkontinentalraketen auf den Stützpunkt Diego Garcia Desinformation?

Start einer iranischen Zuljanah-Trägerrakete für Satelliten (2021). Sie könnte eventuell auch als Mittelstreckenrakete eingesetzt werden. Bild: Fars/CC BY-SA-4.0

Man wird sich noch an die Nachricht erinnern, dass der Iran angeblich zwei Marschflugkörper Richtung des britisch-amerikanischen Stützpunkts Diego Garcia fliegen ließ. Eine sei im Meer abgestürzt, auf den zweiten sei eine von einem US-Kriegsschiffe eine SM-3-Abfangrakete abgefeuert worden. Hervorgehoben wurde, dass der Stützpunkt etwa 4000 km vom Iran entfernt ist.

Unklar blieb, wo die erste Rakete abgestürzt sein soll und ob und wo die zweite abgeschossen wurde. Berichtet hatten zuerst das WSJ und CNN. Es hieß dann, der Angriff sei erfolglos geblieben. Auffällig war, dass der Angriff kurz vor der Entscheidung der britischen Regierung erfolgte, den amerikanischen Streitkräften aufgrund „kollektiver Selbstverteidigung“ zu eröffnen, britische Stützpunkte zu benutzen, um iranische Stellungen anzugreifen, die Schiffe in der Straße von Hormus bedrohen. Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums bestätigte den Angriff: „Die rücksichtslosen Angriffe des Iran, die sich über die gesamte Region erstrecken und die Straße von Hormus lahmlegen, stellen eine Bedrohung für britische Interessen und britische Verbündete dar. … Diese Regierung hat den USA die Erlaubnis erteilt, britische Stützpunkte für spezifische und begrenzte Verteidigungsoperationen zu nutzen.“

Auch der britische Verteidigungsminister John Healey sagte noch am 23. März dem Parlament: „Ich kann dem Parlament bestätigen, dass in den frühen Morgenstunden des Freitags zwei iranische Raketen in Richtung Diego Garcia, unserem gemeinsamen Stützpunkt von Großbritannien und den USA, abgefeuert wurden. Eine verfehlte ihr Ziel, während die andere noch vor Erreichen ihres Ziels abgeschossen wurde. Keine der beiden kam Diego Garcia auch nur nahe.“ Wie nah oder fern sagte er nicht. In einem Interview mit Sky News wollte er nicht ausschließen, dass der Iran UK mit Raketen angreifen könne, erklärte jedoch, man gehe nicht davon aus, dass Teheran entsprechende Pläne habe. Das weist daraufhin, dass mit der iranischen Bedrohung gespielt wird, ohne etwas zu sagen, was sich nachprüfen ließe. Die meisten Medien übernehmen solche strategische Kommunikation oder Desinformation. Auch Wohnungsminister Steve Reed, der natürlich keine „operativen Einzelheiten“ mitteilen wollte, folgte der Sprachregelung und sagte der BBC: „Es gibt keine konkreten Hinweise darauf, dass die Iraner das Vereinigte Königreich ins Visier nehmen oder dies überhaupt könnten, selbst wenn sie es wollten.“

Israel nutzte den angeblichen Angriff, um zu demonstrieren, dass der Iran  auch Europa bedroht. Israels Militärchef Ejal Zamir einen Tag später: „Der Iran hat eine zweistufige Interkontinentalrakete mit einer Reichweite von 4000 Kilometern auf ein amerikanisches Ziel auf der Insel Diego Garcia abgefeuert. Diese Raketen waren nicht dazu bestimmt, Israel zu treffen. Ihre Reichweite reicht bis in die Hauptstädte Europas – Berlin, Paris und Rom liegen alle in direkter Reichweite.“

Die Israelischen Streitkräfte (IDF) veröffentlichten auch gleich eine Karte, auf der die Reichweite der iranischen Raketen ausgewiesen war, um in einem begleitenden Text den Angriff auf den Iran als Schutz Europas zu legitimieren: „Im Rahmen der Operation „Rising Lion“ im Juni 2025 enthüllte die IDF, dass das iranische Regime die Absicht hat, Raketen mit einer Reichweite von 4000 km zu entwickeln, die eine Gefahr für Dutzende Länder in Europa, Asien und Afrika darstellen. Das iranische Regime bestritt dies. Wir haben es immer wieder gesagt: Das iranische Terrorregime stellt eine globale Bedrohung dar. Jetzt mit Raketen, die London, Paris oder Berlin erreichen können.“

Der Kontext und die nur abstrakte Behauptung der Raketenangriffe lässt es nicht unwahrscheinlich sein, dass es sich um Desinformation oder strategische Kommunikation durch Israel, die USA oder Großbritannien handelt. Alle könnten ein Interesse daran haben, den Krieg gegen den Iran nachträglich um die unmittelbare Bedrohung zu rechtfertigen, London, um Trump entgegenzukommen, indem Stützpunkt in der Region für amerikanische Flugzeuge geöffnet werden.

Esmaeil Baqaei, Sprecher des iranischen Außenministeriums, den die IDF von der Kill-Liste angeblich entfernt hat, um Washington einen Ansprechpartner zu lassen, bezeichnete die Story als Desinformation. Er verwies dabei auf den Nato-Generalsekretär Rutte, der CBS am 22. März erklärte, er könne nicht bestätigen, dass Iran Diego Garcia mit Interkontinentalraketen angegriffen hat. Baqaei: „Dass selbst der NATO-Generalsekretär (der bekanntlich Druck auf die Bündnismitglieder ausübt, den USA entgegenzukommen und ihren illegalen Krieg gegen den #Iran zu unterstützen), sich weigert, Israels jüngste Desinformationskampagne zu unterstützen, spricht Bände: Die Welt hat diese abgedroschenen und diskreditierten „False-Flag“-Geschichten gründlich satt.“

Nun ja, Rutte hatte den Angriff nicht bestätigt, aber unterstützt den Krieg, weil iranische Interkontinentalraketen bald möglich seien, die die Region und Europa bedrohen: „Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass sie kurz davor stehen, über diese Fähigkeit zu verfügen; ob dies im Fall des britischen Stützpunkts Diego Garcia zutrifft, prüfen wir noch. Sollte es jedoch zutreffen, bedeutet dies, dass sie diese Fähigkeit bereits besitzen. Sollte es nicht zutreffen, wissen wir, dass sie kurz davor stehen, diese Fähigkeit zu erlangen.“

Seltsam ist, dass der Vorfall nach den ersten Wellen unkritischer Berichte schnell in den Hintergrund geriet. Es wurden keine weiteren Beweise und offizielle Verlautbarungen nachgeliefert, während der iranische Außenminister einen Tag brauchte, um ausgehend von Rutte die Story als falsch zu bezeichnen. Das iranische Medium Mehrnews bezog sich auf den WSJ-Artikel und schrieb: “Iran fired two intermediate-range ballistic missiles at ‘Diego Garcia’, a joint US-UK military base in the middle of the Indian Ocean, according to the US officials.” Um dann den Iran zu feiern: “that shows that the range of Iran’s missiles is beyond what the enemy previously imagined”. Andere staaliche Medien haben gar nicht darüber berichtet oder nur Baqaei wiedergegeben. Man kann davon ausgehen, dass Mehrnews Propaganda betreiben wollte.

In einem Interview mit NBC Anfang März hatte Araghchi gesagt, der Iran habe die Reichweite seiner Raketen bewusst unter 1250 Meilen (2000 km) gehalten, „weil wir von niemandem auf der Welt als Bedrohung wahrgenommen werden wollen“. Das kann man glauben oder auch nicht, allerdings rühmt das iranische Regime ansonsten seine im Land entwickelten Waffen. Wenn zwei Interkontinentalraketen Richtung Diego Garcia zur Demonstration abgefeuert wurden, dann hätte man wohl die Reichweite propagiert.

Der Verdacht, dass die Story von den beiden iranischen Interkontinentalraketen, die Diego Garcia und Europa erreichen könnten, eine von Israel, den USA oder Großbritannien erfunden sein könnte, resultiert aus der Vagheit der Behauptungen. David Vine schreibt für Foreign Policy in Focus (FPIF): „Die Rätsel um den angeblichen Raketenangriff auf Diego Garcia könnten geklärt werden, wenn die US-Regierung Beweise über die beteiligten Raketen, ihre Flugbahnen und damit ihre potenzielle Reichweite vorlegen würde. Solange keine Beweise seitens der Regierung oder aus unabhängiger Quelle vorliegen, sollten Beobachter es vermeiden, unbestätigte Behauptungen zu wiederholen und Schlussfolgerungen zu ziehen, die auf Aussagen von Regierungen beruhen, die ein Interesse daran haben, die militärische Bedrohung durch den Iran aufzubauschen.“

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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9 Kommentare

  1. Das passierte u.a. in der West-Bank (Samstag den 28.03.2026):
    Die Siedler lassen in Beit Imerin, nordwestlich von Nablus, ihr Vieh auf die Fläche die zum Zuhause gehören. Das Zuhause von Mahmoud Al-Aqqad (Attentat gegen Militär-Checkpoint, erschossen) in Nablus wurde zerbombt. Die Siedler lassen in Shaab Al-Battum-Gegend in Masafer Yatta, die Schafe auf die Felder der Palästinenser.
    Die Siedler greifen von CNN welche an und das soll geprüft werden (wahrscheinlich Narrative vom Besatzer). Und das Militär sagt “[..] All diese Länder [Felder] gehören uns.“.
    Die Siedler greifen in Sekka, in Hebron, an und verletzten mehrere Palästinenser und das Militär verhaftet. Es stirbt der Gefangene Marwan Harzallah, 54 der seit 08.01.2026 inhaftiert war. Es sind schon über einhundert Gefangene in den letzten Jahren gestorben. Das Militär hat nur von achtundachtzig Verstorbenen die Namen mitgeteilt.

    Das Militär begibt sich nach Tuqu, südlich von Betlehem. Das Militär begibt sich nach Al-Mughayir, nordöstlich von Ramallah. Die Siedler lassen dort die Schafe auf die Felder der Palästinenser mit den Olivenbäumen. Die Siedler greifen in Qusra auf den Feldern der Palästinenser an und es gibt einen Gegenangriff. Das Militär schlägt in Beit Furik, östlich von Nablus einem jüngeren Palästinenser bei der Festnahme mal auf den Kopf. Das Militär begibt sich nach Zeita, im Norden von Tulkarem und durchsucht die Zuhause (Möbelstück beschädigt). Es werden in Tulkarem (Innenstadt) mehrere Palästinenser verhaftet. Das Militär stürmt in Jiyous, nordöstlich von Qalqilya mehrere Zuhause. Das Militär begibt sich nach Nablus. […]

    Und im Libanon werden die Journalisten Fatima Fattouni, Mohammad Fattouni und Ali Shaib [Zielperson] bei einem Angriff auf ein Kraftfahrzeug ermordet. Das Militär sagt sie hätten angegriffen (Hizzin, im Süden des Libanon). Die meisten Meldungen sagen dass Journalisten ermordet wurden und im Kraftfahrzeug lag mindestens eine blaue Journalisten-Weste (von Fr. Fattouni). Bei einem Angriff auf das Zuhause wird die mit Zwillingen schwangere Lehrerin Sara Al-Qadi ermordet.

    Das passierte u.a. in Gaza:
    Das Militär greift in der östlichen Gegend (Shujayya-Viertel) von Gaza-Stadt an und tötet die Brüder Fahmi und Saed Omar Qaddoum. Die kleine Tochter sagt „Wach bitte auf, Papa. Bitte, wach auf.“ als der Vater abtransportiert wird. Es sind hunderte von Menschen bei der Beerdigung. Diese Brüder waren am kämpfen gegen Miliz die vom Militär unterstützt wird.
    Das Militär greift an Bani Suheila-Kreisverkehr, östlich von Khan Younis, ein Fahrzeug an. Es wird Ahmed Faiz Salem Abu Reida getötet.
    Das Militär tötet sechs Menschen bei einem Angriff auf zwei „Polizeistationen“ in Al-Mawasi, Gaza-Süd (es gibt mehrere Verletzte). Das Militär explodiert im Al-Tuffah-Viertel von Gaza-Stadt die Wohngebäude. Das Militär beschiesst die östlichen Gegenden vom Shujayya-Viertel in Gaza-Stadt (evtl. werden die Wohngebäude zerstört).

    Es finden in London eine Demonstration mit 500.000 Teilnehmern statt. Es sind verschiedene Demonstrationen die zusammen stattfinden und es ist auch eine Palästina-Demonstration dabei.

    Zum Völkermord:
    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    Eine Unterschriftenaktion auf EU-Ebene bei der jede Stimme zählt.
    https://eci.ec.europa.eu/055/public/?lg=de

    [1] Es wurden im Libanon seit dem 02.03.2026 mindestens einhunderteinundzwanzig Kinder getötet (10% der Getöteten. The Guardian).
    [2] „Seit dem Oktober 2023 wurden in der West-Bank über eintausend Menschen getötet. Nahezu ein Viertel davon sind Kinder.“

  2. Die Zweifel an der Geschichte sind berechtigt. Da die üblichen, anscheinend tollwütigen, Kriegstreiberregimes so vehement Zeder und Mordio geschrien haben und die iranischen Gegenparts ihre militärische Potenz bescheiden und vermutlich klug, unter den Scheffel gestellt haben, dürfte, bei was immer oder auch nicht geschehen ist, ausser Propaganda, nichts handfestes passiert sein. Neutrale, glaubwürdige Zeugen für die Vorfälle zu finden, könnte praktischerweise schwierig werden.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Diego_Garcia

  3. Ich hätte mich auch nicht mehr gewundert, wenn 500 km vor der Insel eine taktische
    Atombombe detoniert wäre. Dann hätten die israelischen Faschisten endlich auch
    noch behaupten können, sie hätten mit der Atombombenentwicklung durch den
    Iran Recht gehabt. Nach all den konstruierten Vorwänden der Ammis und Israelis
    um Krieg zu führen und zu morden, hätte ein solches Szenario gepasst.

  4. Nicht nur die Geschichte mit den beiden Raketen ist dubios. Auch sind angeblich „iranische“ Raketen in der Türkei abgefangen worden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit eine „FalseFlag“ Aktion um auch die NATO ( Artikel 5) in den Krieg gegen den Iran zu ziehen.

  5. Solange Diego Garcia noch nicht in Schutt und Asche gelegt ist, kann es sich bei dem angeblichen Angriff nur um Desinformation handeln.
    Fakt jedenfalls ist, dass keine Rakete dort eingeschlagen ist.
    Während Israel, die USA und auch Großbritannien eigentlich immer Lügen, wenn sie nur den Mund aufmachen, hat der Iran bisher nur dann gesprochen, wenn er seine Versprechen auch halten konnte.

    Deshalb:
    Solange Diego Garcia noch unbeschädigt dasteht, solange hat der Iran auch dort nicht angegriffen.

    P.S.:
    Natürlich könnte Iran theoretisch auch Mittelsteckeinraketen bauen.
    Technisch könnten sie das vielleicht. Aber welches Motiv hätten sie dazu?
    Wie blöde müssten sie sein, um Berlin oder Paris zu beschießen?

  6. Danke.
    Ich kam mir zwischen den ganzen „Iran – Weltgefahr!“- und „Iran – Weltheld!“-Tröten schon recht seltsam vor, wo es doch so ca. 0 belastbare Beweise für das Stattfinden gab …

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