Wann genau kommt der Russe?

Getarnter und gegen Drohnen mit Gitter geschützter russischer T-80BVM-Panzer. Bild: 1. Angriffsbataillon |

Das eigenartige Genre der „Zukunftskriegserzählung“ hat in Deutschland auf dem Buchmarkt und bei Experten Konjunktur. Praktisch, so weiß man gleich, an welchem Datum der Russe (wahlweise der Chinese) kommt.

„Alarm! Der Russe kommt“ – so heißt ein Beitrag, der gerade im FriedensForum, der Zeitschrift der Friedensbewegung, im Schwerpunktheft „Russland“ (Nr. 6/26) erschienen ist, das sich mit dem aktuellen Stand von Feindschaftserklärung und Feindbildproduktion gegen den neuen/alten Kontrahenten im Osten auseinandersetzt. In dem genannten Artikel geht es um detailliert ausgearbeitete Szenarien, die sich mit dem Ablauf des künftigen europäischen Weltordnungskrieges befassen und deren Tenor immer der gleiche ist, auch wenn es Variationen bei Details oder Datum (2029 oder schon 2028?) gibt: Russland greift „uns“ an, worauf „wir“ nicht vorbereitet sind, also in ziemliche Kalamitäten geraten. Für bare Münze braucht man keins der verschiedenen Modelle zu nehmen, die dort vorgestellt werden. Das vermelden deren Urheber bei Gelegenheit selber; um ernsthafte Analysen, etwa des Kräfteverhältnisses, handelt es sich ja nicht, gefragt ist vielmehr das Vorstellungsvermögen.

Aber ernst gemeint ist das schon: Die angesprochene Problematik soll ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Es geht um publizistische Unterstützung bei der Herstellung von „Resilienz“. Zur Aufrüttelung einer pazifizierten Bevölkerung werden die ausgedachten Szenarien verbreitet; eine „postheroische Gesellschaft“ (Münkler), die sich die Verabschiedung vom soldatischen Ethos auf die Fahnen geschrieben hat, soll in ihrem Kurs korrigiert und zu einer opferbereiten Gemeinde gemacht werden, „eingeschlossen das größte, das des Lebens“ (Münkler). Dass darüber heftig diskutiert wird und die Phantasieprodukte als seriöser Beitrag gelten, ist schon der halbe Erfolg. Und der Konstruktion weiterer Modelle wird damit die Bahn eröffnet – mit der klaren Ansage: Die Tugend der Wehrhaftigkeit, die besagte Resilienz, muss endlich gesamtgesellschaftlich verankert werden.

Kriegstüchtig allerorten

Zu dem Themenkomplex ist jetzt auch das Buch „Kriegstüchtig an allen Fronten“ des Politikwissenschaftlers und Historikers Jürgen Wagner erschienen, der zum Leitungsteam der Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI) gehört und schon zahlreiche Veröffentlichungen zu Rüstungsfragen vorgelegt hat. IMI hat auch zur aktuellen Ausgabe des FriedensForums eine Information zu den deutschen Rüstungsanstrengungen beigesteuert.

Wagners Buch umreißt in 14 Kapiteln die Maßnahmen, die den neuen Imperativ Kriegstüchtigkeit in BRD und EU umsetzen (sollen), und widmet ein 15., abschließendes Kapitel „Kriegsuntüchtig: Proteste an allen Fronten!“ der Gegenwehr. Es bewertet die von Kanzler Scholz seinerzeit prompt ausgerufene „Zeitenwende“ als Übergang zu einer auf Angriffsoperationen ausgerichteten Bundeswehr – in die Wege geleitet über die (tendenzielle) Umstellung auf Kriegswirtschaft oder die Einführung eines neuen Wehrdienstes bis hin zur systematischen Einbeziehung ziviler Akteure in die Kriegsvorbereitung gegen Russland via Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU). „Kaum ein Bereich“, so resümiert Wagner, „der inzwischen nicht von einer umfassenden Militarisierung durchdrungen ist. Der Hintergrund: Im EU-Verbund will sich Deutschland als militärische Führungsmacht gegenüber Russland, China und zunehmend auch den USA in Stellung bringen.“

Diesen deutschen Anspruch, die daraus folgenden strategischen Weichenstellungen und die eigenartige „Kriegsunion: MAGA vs. MEGA“ behandeln die ersten beiden Kapitel. Es folgt ein genauerer Blick auf die deutsch-französische „Rüstungsfreundschaft“, die bekanntlich eher durch Konkurrenz gekennzeichnet ist, sich zur Zeit aber im Blick auf eine eigene nukleare Option der EU wieder enger gestaltet. Dem schließen sich vier Kapitel zu Kriegsbudget, -armee, -doktrin und -gerät an, also zu der im engeren Sinne militärischen Implementierung des deutschen Vorhabens, zur Weltmacht aufzusteigen, sowie zwei Kapitel zu der Kriegswirtschaft, die im Anmarsch ist.

Die folgenden drei Kapitel sind dem „Kriegsdienst: Aufwuchs – Rekrutierung – Wehrpflicht“ gewidmet, dem Prozess der Erfassung und Kasernierung sowie der „Kriegslogistik“, d.h. der zivil-militärischen Kooperation, einschließlich der Planungen, die die Repression von Protest betreffen. Bevor dann das 14. Kapitel unter dem Titel „Kanonen statt Butter – Aufrüstung als Klassenfrage“ die sozialen Konfliktlinien des Hochrüstungskurses herausstellt, geht das 13. auf die Beschwörung bzw. Inszenierung einer Kriegsgefahr ein, wobei auch das Genre der „Zukunftskriegserzählung“ gewürdigt wird.

Das ominöse Jahr 2029

Unter dem Titel „Russland und die Nato: Wie 2029 zum Datum der Aufrüstung wurde“ hat Wagner jetzt bei Telepolis einen Auszug aus dem besagten Kapitel veröffentlicht, das der fixen Idee einer Vorabdatierung des nächsten Weltkriegs nachgeht. „Ein möglicher Angriff wird zum politischen Zeitplan“, schreibt er und fragt: „Wie belastbar ist das Szenario – und was rechtfertigt es?“.Die detaillierte Rüstungsanalyse stellt diese Kriegsphantasien in den Kontext der propagandistischen Bemühungen um Rüstungsakzeptanz: Die gebetsmühlenartig beschworene Bedrohung durch Russland habe eben als zentrale Rechtfertigung für den aktuellen Rüstungsschub herzuhalten. Im Zentrum stehe dabei die Behauptung, „Russland sei im Jahr 2029 sowohl willens als auch in der Lage Nato-Territorium anzugreifen“.

Man müsste sich hier natürlich als Erstes fragen: Wo kommt diese Aussage her? Und vor allem: Wie plausibel ist sie? In den deutschen Leitmedien wurde sie dagegen gleich als wichtige Meldung kolportiert, wie Wagners Überblick zeigt. Offiziell bekannt gemachte wurde das Angriffsdatum im Jahr 2024 von Verteidigungsminister Pistorius, basierend auf einer NATO-internen Bedrohungsanalyse, die von etwa einem Dutzend Nato-Staaten erstellt worden sein soll. Dabei wurde dieser Kontext aber erst ein Jahr später bekannt, öffentlich zugänglich gemacht wurde das Papier nicht. Bekannt wurden später einige Details, z.B. die Tatsache, dass in dem Szenario das Datum 2029 fehlt, dass eher über Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten der nächsten Jahre spekuliert wird oder dass sich dort auch folgendes Resümee findet: Es gäbe keine Hinweise auf eine „unmittelbar bevorstehende russische Konfrontation mit der Nato“ (was sich übrigens mit Äußerungen des NATO-Oberbefehlshaber Grynkewich auf der Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin vom Juni 2026 deckt, Russland sei „nicht auf einen Konflikt aus“).

Wagner schließt daran eine Übersicht zu den – etwa traditionellerweise von Friedensforschungsinstituten erarbeiteten – Analysen des Kräfteverhältnisses an. So zitiert er die Studie von Greenpeace, die Ende 2024 erschien und festhielt: „Die Ergebnisse der statistischen Auswertung belegen eindeutig, dass es in keinem der klassischen Bereiche von Großwaffensystemen einen Nachholbedarf für das Nato-Bündnis gibt, selbst wenn man die Kapazitäten der USA nicht berücksichtigt. Die jahrzehntelange Aufrüstung in der Nato hat für ein deutliches Übergewicht gesorgt, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. In fast allen Bereichen verfügt die Nato über wenigstens dreimal so viele Waffensysteme wie Russland. Zudem sind die verfügbaren Großwaffensysteme der Nato in der Regel moderner (im Sinne der Fähigkeiten und Leistungsfähigkeit) als die russischen.“

Hinweisen kann man auch auf die zahlreichen westlichen Einschätzungen des Geschehens im Ukrainekrieg, die – hoffnungsvoll – die Schwächung der russischen Militär- und Wirtschaftsmacht hervorheben. Vor diesem Hintergrund müsste es eigentlich ausgeschlossen sein, dass Russland, auch nach einem Kriegsende in der Ukraine, den Westen „totrüsten“ können sollte. Es ist eben „schwer nachvollziehbar, wenn teils im selben Atemzug auf die zur Neige gehenden sowjetischen Bestände hingewiesen und dennoch gleichzeitig vor einem möglichen russischen Nato-Angriff gewarnt wird.“ So Wagner, der auch das beliebte „NARWA-Szenario“ vom „begrenzten Angriff“ thematisiert: Dessen Urheber hatten sich einen Überraschungsangriff auf einen oder mehrere baltische Staaten ausgedacht, deren Besetzung plus anschließende Absicherung durch eine russische Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen Nachdruck erfahren würde.

Bei den einschlägigen Experten war das Szenario eine Zeit lang sehr angesagt, wurde dann aber wegen des neuen Schlagers von der „hybriden Kriegführung“, derzufolge die BRD bereits von Russland angegriffen wird, wieder in den Hintergrund gerückt. So haben die Bedrohungsphantasien  ihre eigenen Konjunkturen! Wagners Resümee lautet: „Am Ende lässt sich mit den verfügbaren Informationen natürlich nicht zweifelsfrei sagen, was Russland im Schilde führt. Was sich aber sagen lässt ist, dass ein Angriff angesichts der Kräfteverhältnisse überaus unwahrscheinlich – oder sagen wir, verrückt – wäre.“

Wir spielen Krieg

Bleibt ein Punkt nachzutragen, der auch in den Analysen der Zeitschrift FriedensForum angesprochen wird, wo etwa im Blick auf die Bundeszentrale für politische Bildung die Rede davon ist, dass sich die Behörde „geschmeidig in einen Zeitenwende-Diskurs (einfügt), bei dem militärische Logiken zum unhinterfragten Normalfall werden“: Militärs wiegeln, wenn es passt, bei solchen Szenarien auch wieder ab und verweisen darauf, dass es sich hier um übliche Planspiele handelt, wie sie etwa bei Manövern zum Einsatz kommen. Da heißt es aus der Bundeswehr beispielsweise, „dass die Betrachtung unterschiedlicher Szenarien, und seien sie auch extrem unwahrscheinlich, zum militärischen Alltagsgeschäft gehören, insbesondere in der Ausbildung.“ Diese nachträgliche Verharmlosung, die auch die staatstreuen BRD-Experten (Masala!) beherrschen, ist aber kein Grund zur Beruhigung.

Als Erstes ist festzuhalten, dass Politiker wie Scholz, Merz und Co. mit den Datumsangaben in der Öffentlichkeit hantieren und die Gedanken- und Planspiele ihrer dienstbeflissenen Sicherheitsbehörden – deren klandestiner Wirkungsgrad in der BRD gerade massiv erweitert wird – als objektive geopolitische Lagebeschreibung verkaufen. Natürlich immer unter der Betonung: Wir sehen daran, dass der Feind (d.h. der Russe, wahlweise auch der Chinese) uns mit seinen eindeutig offensiven Maßnahmen dazu zwingt, militärpolitisch zu reagieren.

Zweitens ist damit im Blick auf das „Resilienz“-Erfordernis das Wesentliche geleistet, auch wenn immer mal wieder nachgeschoben wird, der Bürger brauche keine Angst zu haben, weil der Russe sich seine Siegessicherheit gar nicht leisten könne. Bestärkt wird auf jeden Fall der Glaube an die eigene, westliche Überlegenheit und damit die Bereitschaft, einen solchen Krieg auf dem Kontinent zu führen. Der alte friedensbewegte Appell „Stell Dir vor, es ist Krieg!“ wird so aus der Warnung bzw. Absage ins Gegenteil verkehrt: Stellen wir uns einmal vor, wie wir reagieren müssen, um zu gewinnen, und welche Aufrüstungsschritte – auch in unserem Gemütshaushalt – vorher zu leisten sind.

Drittens erfolgt damit ein entscheidender Übergang: Das Undenkbare wird denkbar – der Atomkrieg. Er ist in den Szenarien natürlich nicht das Thema, wie das FriedensForum an den einzelnen Beispielen erläutert: Das Genre der „Zukunftskriegserzählung“ behauptet vielmehr, es wüsste, wie es los geht, nämlich als Eroberung unserer Heimat durch ein expansives Russland. Aber ausgeschlossen ist damit die nukleare Katastrophe nicht. Dass man es beim Gegner mit einer atomar bestückten Großmacht zu tun hat, ist klar; aber das soll kein Hinderungsgrund sein, sich mit ihm auf ein militärisches Kräftemessen einzulassen – im Gegenteil, bei kluger Vorbereitung wird man ihn besiegen können.

Das Ganze verbleibt natürlich bei der hiesigen Kriegspropaganda im Rahmen der üblichen Abschreckungsideologie: Wir machen uns als deutsche Führungsmacht im Rahmen von NATO und EU so überlegen, dass der Russe kapituliert, zumindest unserer hegemonialen Rolle auf dem Kontinent nichts mehr entgegenzusetzen weiß. Nur heißt das in der aktuellen Lage, dass wir auch glaubwürdig drohen müssen, dass also bei uns der Wille zum Krieg vorhanden ist und dass wir bereit sind, bis zum Äußersten zu gehen. Vordenker wie Münkler bestehen ja auf äußerster Opferbereitschaft; verlangt ist eine Haltung, man könnte auch sagen: eine Verrohung, die es auf die Konfrontation ankommen lässt, statt ein Drückebergertum zu praktizieren, das im letzten Moment dann doch wieder den Schwanz einzieht.

Das Undenkbare denken

Eine Zukunftskriegserzählung, die noch vor der legendären Zeitenwende erschien, hatte sich übrigens an diesem heißen Eisen versucht und ebenfalls ein genaues Datum für den Kriegsbeginn angegeben (in dem Fall durch China verursacht): „2034“. So hieß der Roman, den der der pensionierte US-Admiral Stavridis, bis 2013 Alliierter Oberkommandierender der NATO in Europa, im Jahr 2021 vorlegte und den Overton damals als „Politainment“ zum soldatischen Ethos im Atomzeitalter würdigte. Der  nukleare Holocaust wird hier als volkspädagogischer Nervenkitzel geboten – mit der doppelten Botschaft: einmal als Warnung, wie weit es kommen könnte, wenn die NATO nicht massiv genug aufrüstet, und das andere Mal als Verklärung des soldatischen Opfermutes, im Falle des Falles bis zum Äußersten zu gehen und sich mit der Atombombe selber in den Tod zu stürzen.

Selber ausdenken musste sich der General dabei nicht viel, er brauchte bloß auf seine Berufserfahrung zurückzugreifen, auf die Szenarien aus dem NATO-Hauptquartier. Deren Programm ist ja eindeutig. Derzeit findet z.B. in Europa das Atomkriegsmanvöver „Steadfast Noon“ statt, in dem auf Basis geheimer Nato-Planspiele „Übungen für ein Kriegsverbrechen“ durchgeführt werden. Martin Singe, einer der Organisatoren der Proteste gegen das Manöver in Büchel und Nörvenich, hat im Junge-Welt-Interview darauf hingewiesen, dass sich die Manöverplanung zur „nuklearen Teilhabe“ einen feuchten Kehricht um die hehren Bestimmungen des Völkerrechts kümmert: „Ein Atomkriegsmanöver bedeutet ja die Bereitschaft zum Einsatz von Atomwaffen im Ernstfall.“

Und genau diese Bereitschaft wird eingeübt. Hier natürlich vom professionellen Personal, das im Rahmen des militärischen Planspiels übt, ob das Anbringen von Atombomben am Flieger reibungslos klappt und ob keiner aus der Mannschaft (sind auch Pilotinnen dabei?) Hemmungen hat, am Schluss auf den roten Knopf zu drücken. Genau diese Hemmungslosigkeit steht – nach der subjektiven Seite des Manövers – auf dem Prüfstand. Und wenn sie gegeben ist, war „Steadfast Noon“ ein Erfolg. Dieselbe Bereitschaft, bisherige Hemmungen zu überwinden und das Projekt der Profis mitzutragen, soll mit den phantasievoll ausgeschmückten Szenarien beim breiten Publikum erzeugt werden. Die Datumsangaben, die jetzt schon zirkulieren, muss man da nicht für bare Münze nehmen. Wichtig ist die Lektion: Das genaue Datum, wann es losgeht, wird einem die Obrigkeit im gegebenen Fall mitteilen.

Johannes Schillo

Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).
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2 Kommentare

  1. •Wann genau kommt derRusse?“
    Kann man sich bitte darüber einig werden, ob er entweder seit vielen Jahrzehnten (mittlerweile vergreist oder eher mumifiziert) bereits vor der Tür steht oder doch erst definitiv kommen werden muss will?!

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