Wahl des neuen UN-Generalsekretärs

Bild: UN Photo/Loey Felipe

 

Am vergangenen Dienstag und Mittwoch wurden in New York die vier Kandidaten vorgestellt, die sich um die Nachfolge des Generalsekretärs der Vereinten Nationen beworben haben. Und in einem waren sich alle einig: die Organisation müsse dringend reformiert werden, um verhandlungsfähig zu werden. Sie hat massive finanzielle Probleme, nicht zuletzt weil Donald Trump nicht viel von ihr hält und sein Land aus etlichen UNO-Institutionen wie der WHO herausgeführt und Zahlungen erheblich reduziert hat. Doch in welche Richtung der neue Steuermann bzw. die neue Steuerfrau das untergehende Schiff künftig lenken will wurde bei den Anhörungen nicht verraten, es blieb bei der verbalen Demonstration des Reformwillens.

Gute Chancen werden dem Argentinier Rafael Grossi zugeschrieben. Er leitet seit Jahren die Wiener Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) und gilt als Wunschkandidat der USA und der G7-Staaten. Vorgeschlagen und gelobt in höchsten Worten hatte ihn Präsident Javier Milei; aber ob das für ihn spricht, ist mehr als fraglich. In seiner Antrittsrede kritisierte Grossi die bisherige Rolle der UNO. „Wenn wir Gaza, den Südsudan, den Kaukasus, Indien, Pakistan und Kambodscha ansehen, fällt die Abwesenheit der Vereinten Nationen auf“, so der Argentinier, „das darf so nicht weitergehen.“ Doch konkrete Vorschläge legte er nicht vor, etwa ob in den UN-Sicherheitsrat endlich auch Länder wie Brasilien, Indien oder Südafrika als ständige Mitglieder aufgenommen werden sollten oder ob New York noch der geeignete Ort für den Sitz der Vereinten Nationen sein soll, da die USA die Einreise von ausländischen Politikern und Mitarbeitern der UNO oft genug behindert hat.

Trotzdem soll – angeblich – auch der Kreml eine „positive Ansicht von Grossi“ haben, da er wiederholt mit Wladimir Putin über die Sicherheitsprobleme des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja verhandelt habe – so zitierte die konservative Tageszeitung La Nación den Sprecher Dimitri Peskov. Ob Russland ihm seine Stimme geben wird, ist zweifelhaft. Denn sein Verbündeter – das BRICS-Mitglied Iran – wirft Grossi vor, die Vorwürfe der US-Administration kritiklos zu übernehmen und die Regierung in Teheran mit falschen Beschuldigungen zu überhäufen. So hatte Grossi behauptet, dass der Iran atomwaffenfähiges Material „für zehn Atombomben besitze“, und dies benutzte Trump als Legitimation für den Angriff im Nahen Osten.

Fakt ist, dass sich Grossi zu keinem Zeitpunkt nur einen Deut um die (illegale) Existenz der israelischen Atombombe gekümmert und sie damit toleriert hat. Deshalb wird er vermutlich nicht die Stimmen der arabischen und afrikanischen Welt bekommen.

Michelle Bachelet (Chile), Rafael Grossi (Argentina), Rebeca Grynspan (Costa Rica) und Macky Sall (Senegal). Bild: United Nations

Vor ihm hatte in New York Michelle Bachelet ihre Pläne vorgetragen, wie sie im Falle ihrer Wahl die UNO reformieren will. Die Kandidatur der früheren Präsidentin Chiles und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte wird von Brasilien und Mexiko unterstützt. Der neue chilenische Staatschef José Antonio Kast hatte seine Unterstützung für sie aus ideologischen Gründen zurückgezogen – Bachelet ist Mitglied der Sozialistischen Partei und Kast ein bekennender Anhänger der Ideen des früheren Diktators Pinochet.

Am folgenden Tag war Rebecca Grynspan aus Costa Rica an der Reihe. Die Regierungsbeamtin ist in der internationalen Bürokratie bestens vernetzt und leitet seit 2021 die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung UNCTAD. Sie ist Tochter jüdischer Einwanderer aus Polen, hat in Israel studiert und sitzt im Aufsichtsrat der 2016 gegründeten staatlichen Stiftung Fundación Hispano Judía. Im Gegensatz zu der israelkritischen Bachelet hat sie sich bisher aus dem Nahostkonflikt zurückgehalten, schrieb die Jüdische Allgemeine, die Grynspan hohe Chancen für die Wahl einräumte. Drei Gründe sprechen für sie, die Geografie, das Geschlecht und ihre Farblosigkeit. Nach den Gepflogenheiten der UNO rotiert das Amt zwischen den Kontinenten, und zuletzt war der Peruaner Javier Pérez de Cuéllar Generalsekretär des Staatenbundes (1982-1991), es wird also Zeit für einen erneuten Latino, und noch besser, Zeit für eine Latina. Und da Grynspan bisher keinen Anlass für die Annahme gegeben hat, mächtige Interessen in Frage zu stellen, könnte sie ein Kompromiss werden.

Kandidat Nummer vier ist Macky Sall, der ehemalige Präsident des Senegals. Der Sohn eines Arbeiters und einer Erdnussverkäuferin ist Geophysiker und begann seine Karriere in der Demokratischen Partei. Sein Hauptanliegen sei, so Sall, der Nord-Süd-Konflikt und die Kontrolle der multinationalen Konzerne, die den Kontinent finanziell ruinieren. Am 5. Februar 2022 war er für ein Jahr zum Vorsitzenden der Afrikanischen Union gewählt worden. Gegen ihn spricht, dass er während seiner Amtszeit als Staatschef autoritär regiert hat und mit brutaler Repression gegen die Opposition vorgegangen ist. Auch die Vorwürfe der finanziellen Misswirtschaft und Korruption stehen noch im Raum. Ausschlaggebend dürfte aber sein, dass Afrika diesmal nicht „dran“ ist, und dass er ein Mann ist.

Wer immer das Rennen machen wird, am Ende haben die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates das Sagen: China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA. Sie besitzen ein Vetorecht und können einzelne Bewerber blockieren. Ein allzu deutliches politisches Profil und ein zu großer Reformwille würden ihren Interessen eher entgegenstehen.

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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11 Kommentare

  1. Grossi wäre doch die richtige Person. Kein anderer hätte es fertig gebracht, 4 Jahre seine Leute im KKW Sap. zu halten, ohne 1mal die Ukraine für den offensichtlichen Beschuß zu benennen.
    Welche Qualifikation wäre besser?

    1. Das wollte ich auch gerade schreiben!
      Der arme Mr. Grossi konnte den Beschuss einfach nicht zuordnen. Ein echtes Mysterium, so wie die Frage, wer denn die Nordstream gesprengt hätte. Aber dank eines mazedonischen Enthüllungsreporter vom WSJ wissen wir jetzt endlich Bescheid wer es war und seinem Buch. Der Prozess soll übrigens im Sommer anfangen gegen einen der 7 Verdächtigen.

      Mrs. Grünspan wäre natürlich auch eine großartige Wahl, als Frau und echte Costa Ricanerin, die sich für das sehr wichtige Existenzrecht von Israel sehr einsetzen würde. Also wir haben da eine echte Konkurrenzsituation zwischen der Ukraine- und der Israellobby, fast so wie beim großartigen Eurovison Chanson Contest. Da können die anderen beiden Kandidaten einpacken, vor allem die Bachelet. Bei der ist ja alles falsch.

  2. Die UN sind so tot wie Julius Cäsar!
    Die ganze Konstruktion taugt nichts, ist ein zahnloser Papiertiger.
    Israel hat sämtliche Resolutionen folgenlos negieren können, Kriege kann sie nicht verhindern, beenden schon mal gar nicht, Hilfslieferungen darf sie auf den Weg bringen, nur um unsägliche Zustände zu pepetuiren.
    Der „Sicherheitsrat“ mit seinen ständigen Mitgliedern schafft alles, nur keine Sicherheit, ein total antiquiertes Gremium, das die Welt von 1945 spiegelt, aber nicht die von heute!
    Was soll mir das?
    Keine Exekutivbefugnisse, keine Streitkräfte, ein zu einem Jammerverein degeneriertes Gebilde, das nur den Zeigefinger erheben darf und deren Mahnungen ein ebenso geringen Einfluss wie die des Vatikans haben!
    Ein impotentes Gremium, bei dem es vollkommen gleichgültig ist, wer diesem nun vorsteht!

  3. Zum Glück ist es inzwischen völlig egal wer der UNO vorsteht. Man könnte genauso gut einen Labrador, einen Wischmop oder eine Statue als Gensek bestimmen und es würde keinen Unterschied machen.

  4. Wo bleibt Annalena Baerbock?!? Warum kam niemand auf diese Patentlösung?
    Sie ist die ideale Besetzung für diese zahnlose Institution. Sie braucht noch nichtmal umzuziehen.

    Baerbock vor! Noch ein Tor!

    1. als Praesidentin der UN Generalversammlung ist Baerbock doch bis September 2026 blockiert, so was Dummes aber auch,
      Aber ja, der von Oberst Mayer favorisierte Grossi waere der richtige Mann, wer das AKW beschiesst hat man ihm bis heute noch nicht entlocken koennen.

  5. Die einzige Person, die der internationalen Bedeutung dieses Amts absolut angemessen wäre, ist Anna-Lenchen.
    Und außerdem, denkt doch mal bitte auch an die Kabarettisten!

  6. Solange die UN weiterhin so vom Westen dominiert sind, ist es vollkommen egal wer da Generalsekretär wird.

    Eins ist gewiss:
    Einen neuen
    Dag Hammarskjöld
    wird es nicht geben.

  7. Der Nicht-Westen sollte gemeinsam gegen jede Kandidatur stimmen, die offensichtlich den status quo erhalten will. Dies trifft wahrscheinlich für alle vier vorgestellten Kanddaten zu. Die UNO braucht keinen Grüssaugust, sondern einen eigenwilligen Menschen, der gewillt ist, den bescheidenen Freirum, der gegeben wird zu nutzen. Das fängt mit Sanktionen für Staaten mit überfälligen Beitragszahlungen an.

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