Von der Ohnmacht des Linken

Palacio Nacional, Mexico City, von Diego Rivera
Palacio Nacional, Mexico City, von Diego Rivera. Bild: Wolfgang Sauber/CC BY-SA-3.0

Der gegenwärtig weltweit aufblühende repressive Autoritarismus und Faschismus müsste nachgerade Linke, mithin linkes Denken, auf den Plan rufen. Warum geschieht das nicht?

Bereits 1992 stellte der britische Sozialtheoretiker und Politikwissenschaftler Steven Lukes die doppeldeutige Frage “What is Left?”, die sowohl auf die Definition des gesellschaftlichen und politischen Linken zielte als auch auf die Erörterung dessen, was von ihm nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übriggeblieben sei. Rund ein Jahrzehnt später hat er dazu ein kleines Buch veröffentlicht, in welchem er im Hinblick auf die Beendigung des Kalten Krieges, die Dominanz neoliberaler Politik und die programmatische Entleerung vieler linker Parteien der Frage nachging, ob der Begriff “links” noch einen normativen Gehalt wahre oder sich historisch vollends erledigt habe.

Seine klare Antwort lautete, dass “Links” zwar nicht tot sei, aber neu bestimmt werden müsse. Dezidiert grenzte er sich dabei ab vom orthodoxen Marxismus und staatlichen Zentralismus, vom ökonomischen Determinismus und von der Idee, dass Geschichte zwangsläufig in eine sozialistische Zukunft führe. Diese Vorstellungen galten ihm als politisch gescheitert und moralisch diskreditiert. Stattdessen redete er dem normativen Kern des Linken das Wort; “links” sei eher eine moralische Orientierung. Es gelte, ungerechtfertigte Ungleichheit zu bekämpfen und eine Sensibilität für strukturelle Machtasymmetrien zu entfalten, mithin Macht und ihre Auswirkungen sichtbar zu machen. Zugleich müsse Solidarität zur Norm erhoben und kollektive Verantwortung betont werden. Den Universalismus begriff Lukes als Skepsis gegenüber rein identitätspolitischen oder partikularen linken Ansätzen; Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit seien für alle, nicht nur für bestimmte Gruppen zu postulieren.

Am 8.1.2026 hat der bedeutende Soziologe Richard Sennett der “Frankfurter Rundschau” ein bemerkenswertes Interview gegeben. Wie zu erwarten, ging es vordringlich um Donald Trump bzw. um die unmittelbare Drohung, die von seiner globalen Politik ausgeht. Sennett orakelt, dass die Grönland-Krise die Nato binnen Wochen zerstören könnte. Denn würde Trump Grönland einnehmen, träte der Fall ein, dass ein Nato-Mitglied faktisch das Territorium eines anderen Mitglieds an sich reißt: “Entweder die übrigen Staaten reagieren – dann ist das Bündnis durch offenen Konflikt zerstört. Oder sie reagieren nicht – dann ist es politisch erledigt. In beiden Fällen wäre die Nato funktionslos.” Er halte das für ein realistisches Szenario und macht keinen Hehl aus seiner Angst vor einem möglich gewordenen Krieg in Europa.

Er vergleicht gar die Lage mit München 1938, und erklärt dies mit der Schwäche der Europäischen Union, deren Führer sich hinter “Komplexität” versteckten. “Die Lage ist kompliziert” sei die sicherste Zuflucht für Politiker: “Sie schafft einen öffentlichen Raum der Untätigkeit, während sie hinter den Kulissen manövrieren. Das war Neville Chamberlains fataler Fehler. Beschwichtigung in der Öffentlichkeit, Vorbereitung hinter den Kulissen. Churchill verstand, daß dies nicht funktioniert. Man kann nicht öffentlich beschwichtigen und erwarten, dass sich die Gesellschaften im Hintergrund still mobilisieren. Führung erfordert Klarheit, insbesondere wenn die Architektur des Friedens selbst auf dem Spiel steht.” Eine erschreckend geringe Rolle spielten dabei internationale Institutionen, wobei ihn die völlige Bedeutungslosigkeit der Vereinten Nationen besonders traurig mache.

Und es ist in diesem Zusammenhang, daß er auch auf die Linke zu sprechen kommt. Die amerikanische Politik sei ihm ein echtes Rätsel: “Kategorien wie links und rechts erfassen diese Komplexität nicht. Selbst Klassenanalysen greifen oft zu kurz.” Gefragt, ob er glaube, dass wir in eine Epoche der Kriege eintreten, antwortet Sennett: “Ja. Das glaube ich. Und das ist für die Linke besonders schwer zu akzeptieren. Ich zähle mich selbst zur Linken, genauer gesagt zu einer bürgerlichen Linken. Wir haben lange geglaubt, dass Regeln, Institutionen, Zwischeninstanzen Macht bändigen können. Dass das der Normalzustand ist. Aber wir sind nicht in einem normalen Moment. Und viele Linke behandeln diesen Ausnahmezustand so, als wäre er Routine.” Und auf die folgende Frage, ob die Linke, “so wie sie heute besteht und ausgeprägt ist, darauf überhaupt noch antworten” könne, gibt er die Antwort: “In den USA wird das sicher passieren. Hier in Europa bin ich mir nicht sicher. In Großbritannien sehe ich im Moment keinen wirklichen linken Widerstand. Die Linke ist erschöpft, defensiv, ohne klare Antwort. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir – die Linke – im Moment die Lösung dieses Problems sind.”

Die Grundeinstellung der beiden hier angeführten Sozialwissenschaftler bedarf der Erörterung. Während der erste den Marxismus gleich ganz verwirft, deutet der andere dasselbe an, indem er sich selbst als einen “bürgerlichen Linken” apostrophiert. Während Lukes “links” nur noch als eine moralische Orientierung gelten lässt, registriert Sennett vor allem die Erschöpfung der Linken. Aber wenn Moral im bestehenden Machtgefüge vor allem durch den Herrschaftsapparat bestimmt wird (das wussten Linke einstmals am besten), dann verkommt moralische Orientierung allzu schnell zur Ideologie des schlecht Bestehenden oder sie ist zur Paralyse verurteilt, denn die real stärkere Herrschaft braucht sich entweder nicht um die Kritik der zur Ohnmacht verurteilten linken Opposition zu kümmern oder sie integriert sie gleich liberal in das Herrschaftgefüge.

Der Marxist Ernst Bloch hat die Kritik am Sowjetkommunismus als historisches Strukturproblem formuliert: “Hier wurde ein Dach auf den Boden gesetzt, die erste Etage und die zweite fehlen völlig: wo sind da Zimmer und Räume möglich? War es da nicht ganz gesetzmäßig […], daß sich Theorie in dieser Praxis bis zur Unkenntlichkeit verändern mußte? Wäre dasselbe in einem westeuropäischen Land eingetreten?” In der Tat war das agrarische, industriell zurückgebliebene zaristische Russland, ein Land, das keine bürgerliche Revolution, mithin auch noch nicht die Heraufkunft eines Proletariats gekannt hat, das denkbar unvorbereitetste Land für eine sozialistische Revolution.

Was sich viele Feinde des Sozialismus nicht klarmachen, wenn sie den Untergang des Sowjetkommunismus als historische Entscheidung im Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus feiern, mithin daraus auch eine historiosophische Schlussfolgerung und endgültige Entscheidung gezogen haben wollen, ist, dass dieser Einwand Blochs sich gerade auf Wesentliches in Marxens Denken berufen durfte. Denn – lapidar ausgedrückt – hätte der schiere Gedanke, daß die proletarische Revolution gerade im besagten zaristischen Russland ausbrechen werde, Marx gewiss entsetzt. Nicht der Sozialismus ist diskreditiert worden (den Sozialismus im Marxschen Sinne hat es noch nie gegeben), sondern der Versuch, ihn unter historischen Bedingungen zu verwirklichen, die seinem emanzipativen Wesen widersprachen. Das sei hier kurz erläutert.

Bei Marx ist der wahre revolutionäre Umbruch stets das Ergebnis eines evolutionären Vorlaufs, der erst dann den Umschlag hervorbringt, wenn der Widerspruch zwischen dem, was sich gesellschaftlich real in der Basis entwickelt hat, und dem Bewusstsein dieser realen Entwicklung, wie es sich im Überbau niederschlägt, nicht mehr zu halten ist und eine Entscheidung erfordert. Das ist die sogenannte revolutionäre Situation – sie ist historisch entstanden und manifestiert sich als Strukturproblem. Man kann also nicht einfach mal so „eine Revolution beschließen“, gleichsam als Gedankenspiel. Die Revolution ist, Marx zufolge, den gesellschaftlichen Bedingungen, aus denen sie hervorgeht, insofern unterworfen, als es bei ihm keine künstlichen Sprünge geben kann: Eine jede historische Phase muss sich ihrem System gemäß voll verwirklicht haben, ehe sie in die nächste revolutionär übergehen kann.

Wenn wir also von den drei zentralen Phasen in der Neuzeit ausgehen, die für Marx die Abfolge der aus den materiellen Bedingungen entstanden Produktionsweisen darstellen, lässt sich sagen, dass der bürgerliche Kapitalismus erst dann die neue gesellschaftliche Formation bilden kann, wenn sich der Feudalismus voll entfaltet, quasi sich vollendet hat. Und so auch beim Sozialismus: Er kann erst dann aus dem Kapitalismus erwachsen, wenn dieser an die Grenzen seiner Entfaltung gelangt ist, sich sozusagen überlebt hat. Das war in Russland von 1917 mitnichten der Fall.

Nun darf man mit Recht behaupten, daß es in der Geschichte keinen genauen, schon gar nicht einen verpflichtenden Zeitplan gebe. Es gibt auch keine Irrwege. Eingetreten ist historisch stets, was in der Logik des Bestehenden lag. Bedauern kann man im nachhinein, dass die alternativen Optionen, die dem Bestehenden innewohnten, nicht wahrgenommen wurden. Linkes Denken hatte seinem eigenen Anspruch nach immer das Emanzipative, also die Freiheit des Menschen, vor Augen. Aber solange sich diese freiheitliche Ausrichtung mit der Ambition des Wünschbaren begnügte, konnte sie sehr leicht der Macht bestehender Gewalt unterworfen werden. Das meinte Marx mit dem berühmt gewordenen Diktum: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.” Und die angestrebte Veränderung war immer notwendig auf die Massen der jeweiligen Gesellschaft angewiesen. Ohne ein gemeinsames Interesse (zumindest des allergrößten Teils) der Bevölkerung, einen sozialen Wandel politisch herbeizuführen, konnte der wie immer emanzipativ ausgerichtete theoretische Anspruch auf eine Neuordnung der Gesellschaft nur im Utopischen verharren bzw. in einem repressiven Machtapparat münden.

Wenn also Richard Sennett sagt: “Die Linke ist erschöpft, defensiv, ohne klare Antwort. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir – die Linke – im Moment die Lösung dieses Problems sind”, dann geht es über die gegenwärtige Zustandsbeschreibung hinaus. Eine erschöpfte Linke sollte sich schlafen legen (was sie an vielen Orten der Welt schon seit geraumer Zeit tut). Aber der Grund für die Erschöpfung liegt nicht nur in der Vergeblichkeit ihrer Anstrengung, sondern vor allem in der sich perpetuierenden Erfahrung, dass sie in der Bevölkerung keinen festen Anker mehr hat. Was sie gegenwärtig an Anhängerschaft aufzuweisen vermag, ist längst ausgeschöpft – es reicht bei weitem nicht aus, um einen wirklichen politisch-sozialen Wandel anzutreiben.

Was immer der Sowjetkommunismus in linker Hinsicht gewesen sein mag (bzw. eben nicht gewesen ist), bot er auf der Weltbühne des 20. Jahrhunderts zumindest den Gegenentwurf zum Kapitalismus und bildete eben darin (wie immer ideologisch und verzerrt) die Raison d’être für den sozialen Anker linker Bewegungen in der Welt. Der Zusammenbruch der Sowjetunion war für das Linke nicht nur in dieser Hinsicht ein Schlag, sondern auch, weil er für viele Anhänger des Sozialismus mit dessen moralischen Diskreditierung einherging (wie Steven Lukes bereits in den 1990er Jahren behauptete). Das Entscheidende war aber, dass sich kein gesellschaftlich relevanter und praktikabler Impuls für einen neuen Gegenentwurf zu Bestehendem zu entfalten vermochte.

Was Herbert Marcuse schon in den 1960er Jahren als die “eindimensionale Gesellschaft” diagnostizierte, sollte sich mit dem Wegfall der letzten Reste der negierenden Kräfte in der Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht nur tragisch bewahrheiten, sondern sogar in das umschlagen, was Richard Sennett so ratlos macht und ängstigt: das anti-emanzipative Aufleben und die Neuentfaltung autoritärer und faschistischer Kräfte in verschiedenen Regionen der Welt. Am Ende seines FR-Interviews sagt er, die fahle Tröstung der Historiosophie bemühend: “Natürlich hält nichts ewig. Vielleicht ist das alles in zehn Jahren vorbei. Vielleicht gibt es einen neuen Krieg, und danach sagen die Menschen wieder: Das darf nie wieder passieren. Dann entsteht erneut eine internationale Architektur. Ich werde das nicht mehr erleben […] Aber es wäre eine Schande, das einfach passiv geschehen zu lassen.”

Nun, Schande ist keine Kategorie wissenschaftlicher Analyse. Die Menschen selbst müssen nicht nur wollen, dass das nie wieder passiert, sondern diesen (ihren) Willen in eine neue gesellschaftlich signifikante Macht umsetzen, die den emanzipativen Gegenentwurf zum schlecht Bestehenden praktiziert. Aber “die Menschen” gibt es ja nicht; es bedarf einer linken Emphase, um eine historische Wende herbeizuführen. In der gegenwärtig vorherrschenden historischen Finsternis muss man Sennett leider beipflichten, wenn er sagt: “Ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß wir – die Linke – im Moment die Lösung dieses Problems sind.”

Darf man aber noch hoffen, dass das Linke zum globalen Gegenentwurf zu “diesem Problem” zu avancieren vermag? Sollte man diese Frage vorschnell verneinen, ist man auf die elementare Frage zurückgeworfen, wie es um die Freiheit des Menschen bestellt sei, vor allem aber, ob Freiheit überhaupt noch als Ziel der menschlichen Emanzipation gelten darf.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
Mehr Beiträge von Moshe Zuckermann →

Ähnliche Beiträge:

19 Kommentare

    1. „Die Linke“ wohl kaum. Allenfalls die Sozen und die Grünen, die jetzt den Neoliberalismus propagieren. Nicht anders als die Rechten.

  1. Wie kam es zur Erschöpfung der Linken? Korrumpiert, unterwandert, materiell unterlegen, diskreditiert, verleumdet, verfolgt bis zur massenhaften Ausrottung – das alles jahrhundertelang, und dazu dann noch die eigenen Fehler, der Versuch der Anpassung, des Strebens nach den Fleischtöpfen im Parlamentarismus, die Entfremdung zwischen Basis und Führung, die Liste ließe sich fortsetzen.
    Russland hatte damals – allen Unkenrufen der Theoretiker zum Trotz – eine revolutionäre Situation, entstanden, weil „die da unten nicht mehr wollten und die da oben nicht mehr konnten“. Sie haben sie damals genutzt. Genau solch einer Situation nähern wir uns gerade wieder: wenn die da unten nicht im Grabenkrieg krepieren oder gar im Atomblitz verglühen wollen und die da oben das nicht verhindern können. Welche linke Partei macht das nun zum Thema? Damit könnte man sehr schön den Unterschied zwischen links und scheinlinks festmachen.
    Und immer darauf achten: wenn die Meinungsführerschaft von einer Parteiführung monopolisiert werden möchte, kann die Mehrheit der Parteimitglieder doch anderer Meinung sein. Wenn diese Mehrheit keine Stimme bekommt, ist irgendwas mit der innerparteilichen Demokratie schiefgelaufen. Oder mit der innerparteilichen Meinungsbildung…

  2. Die autoritäre, etatistische, dogmatische und antifreiheitliche „Linke“(aus dem Parlamentarismus heraus bezeichnete (sic!))
    ist tatsächlich endgültig verrottet und ihr Versagen würde einen unendlichen langen Text an Beispielen und Belegen beinhalten, für den mir meine Lebenszeit zu schade ist. Jede/r welche/r ehrlich mit sich selbst ist, kann sich seine eigenen Gedanken und Beispiele hierzu machen.
    EIne freiheitliche, nicht auf die Eroberung des Staates, der Macht ausgerichtete Bewegung wurde eben auch von dieser „Linken“ bis aufs Blut bekämpft oder niedergeschlagen. Unzähliche Beispiele könnte man auch hierfür anführen…
    Diese paternalistische Linke(vor allem ihre Großkopferten) wußte immer alles besser, unzähliche interne Kämpfe und Intriegen wurden ausgefochten, andersdenkende mindestens ausgeschlossen, geschnitten und schlimmeres…
    Die Menge/Multitudo, der „general intellect“ hat sich von ihr abgewandt… selbstverschuldet bleibt sie nun zurück, ein Anachronismus, aus der Zeit gefallen und dem Vergessen übergeben.
    Die Frage für mich lautet: was sollte erhalten bleiben, was war gut und nützlich, was tatsächlich anwendbar?

    Mit Zwang und Gewalt läßt sich eben nicht dauerhaft etwas aufbauen…

    Return to Zero, zurück auf 1.

  3. Das Problem der meisten Linken ist, dass sie immer noch an den Marxismus glauben. Doch der Marxismus ist eine viel zu umfangreiche Theorie, um nicht an der Realität zu scheitern. Die Realität ist immer stärker als jede Theorie. Zeit ist nur jetzt. Auch Herr Zuckermann benutzt im zweiten Teil des Artikels noch Teile des marxschen Gebäudes, das sich fälschlicherweise als wissenschaftlich bezeichnet hat, um hier im 21. Jahrhundert weiter zu denken.

    Mein Vorschlag ist, Karl Marx und ganz besonders seine Voraussagungen für die Zukunft, komplett zu vergessen. Diese Zukunft ist nicht eingetreten und deshalb sind wir in einer anderen Realität angekommen, wo die Kategorien von Kapital und seinen Gesetzen keine reale Bedeutung mehr haben. Sie sind nur noch Diskussionsmaterial, also ein mediales Phänomen. Dieses Denksystem ist überholt. Wir fahren auch nicht mehr mit der Benzinkutsche von Carl und Bertha Benz.

    Links, wenn man das Wort noch benuztzen will, ist ein moralischer Anspruch, der gegen die Gesetze der feudalen Finanzmacht Gleichberechtigung, finanzielle und soziale Gerechtigkeit, Antimilitarismus und Friedfertigkeit verkündet. Und wenn jemand noch andere Prinzipien hinzufügen will, bitteschön. Mit dem, was die demokratische Partei in den USA vertritt, hat es nichts zu tun, auch nicht mit den Attitüden, die als links gelten: Gendern, Identitäts-Getue oder Multikulti-Gesellschaft. Ein neues Problem sind inzwischen die Medien. Die Menschen, die Menschlichkeit verkünden, kommen nicht zu Wort, sondern nur die Mächtigen, die Geld produzieren und diejenigen, die Waffen kaufen und dahin liefern, wo gerade Krieg ist. Es gibt ein besseres Leben, in der Realität. Für Einzelne und für die Gemeinschaft.

    Alles, was und fehlt, ist die Solidarität.

  4. ich kann da immer nur wieder Hauke Ritz empfehlen.

    In seinem Buch
    „vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas“ behandelt er im Kapitel 6.3 den gezielten Aufbau einer nichtkommunistischen Linken durch die CIA in den 50er Jahren.

    Es war eine bewusste Abgleisung der Linken Ideen und die Umlenkung in neue Ideen durch eine Kulturindustrie die von Amerika gesteuert wurde.

    Zitat:
    „das Ziel müsste deshalb darin bestehen, eine nichtkommunistische Linke zu schaffen, die zu einem produktiven Teil einer kapitalistischen Gesellschaft werden könnte. dazu müsste der Fokus nicht mehr länger auf die Haupt Widersprüche des Kapitalismus, nämlich den Gegensatz von Kapital und Arbeit, Krieg und Frieden, Imperialismus versus Imperialismus Kritik gelegt werden.

    Stattdessen käme es darauf an, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die neben Widersprüche des Kapitalismus zu lenken, also auf Widersprüche die Symptome einer verschärften kapitalistischen Konkurrenz sind. zu nennen sind hier z.b der Widerspruch der Rassen Diskriminierung, der Unterdrückung der Frau, der Ausbeutung der Natur, sowie überhaupt altmodische und repressive Traditionen, etwa die Haltung der katholischen Kirche zu Sexualität und ähnliche Widersprüche.

    Überhaupt müsste die Aufmerksamkeit der Linken vom Gemeinwohl auf individuelle Rechte umgelenkt werden Ziel wäre eine nicht kommunistische und zugleich liberale Linke zu schaffen die den Fokus von sozialen Rechten auf bürgerrechte verlagert.“

    und

    „tatsächlich konzentrierten sich die Linken Diskurse im Laufe des Kalten Krieges immer stärker auf freiheits- und bürgerrechte. damit einher ging eine Rehabilitierung des Liberalismus, der noch in den 1950er Jahren als eine der Ursachen mindestens des ersten weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise gegolten hatte. theoretisch begleitet wurde diese Verschiebung von der Totalitarismus these, durch die das Aufkommen des Faschismus nicht mehr auf die Exzesse eines deregulierten Liberalismus der 1920er und 1930er Jahre zurückgeführt wurde, sondern stattdessen Sozialismus und Faschismus als bloße Varianten eines Strebens nach totaler Macht neu verstanden wurden.“

    Der Liberalismus als Antithese des Totalitarismus.

    Die Botschaft lautete dass der Sozialismus immer nur als kollektivistische Überwachungsdiktatur in Erscheinung treten könne.“

    Gleichzeitig verschwanden Marx und Hegel aus den europ. Universitäten. Man hatte einen Ersatz gefunden. Friedrich Nietzsche.

    Da war er also der Dekonstruktivismus. Begleitet von französischen Philosophen wie zum Beispiel Michelle Foucault, Gilles Deleuze, Felix Guatari, Jacques Derida und Gianni Latino in Italien. Oder wie Nietzsche es selbst formulierte:

    „Die Umwertung aller Werte“

    Das war der Beginn der nihilistischen Infektion der Linken. Und er hat sich bis in die Staatsspitzen der EU hineingefressen.

  5. Heute ist in Leipzig Grosskampftag. Antideutsche, Prozionistische Linke gegen „Internationalistische“ Linke. Beide streiten um des Kaisers Bart und die Steuergroschen, die ihnen die Vertreter des globalen Finanzkapitals, aka Regierung vor die Füße wirft….

  6. Linker sein ist der härteste Job auf diesem Planeten. Man muss sich mit Kriegstreibern, Klimalügnern, der Pharmadiktatur, der Fossil- und Atomlobby und Blackrock anlegen. Die haben das Geld, die Macht und die Presse. Da hat man schlechte Karten. Einzige Möglichkeit: besser und treffender zu argumentieren. Sonst hat man nichts.

    Aber ginge es nicht etwas einfacher? Muss man sich das antun? Doch, man macht bei Free Palestine mit. Linkssein für Weicheier und Schlappschwänze. Wobei man sich zum nützlichen Idioten der Mullahs gemacht hat, deren eigentliches Wesen in diesen Tagen enttarnt wird.

    Neuanfang. Stunde null. Einzige Möglichkeit, da heraus zu kommen.

    1. Da muss ich widersprechen:
      Zumindest in Deutschland ist es ein deutlich härterer Job, ein Rechter zu sein.
      Aber was erträgt man nicht alles für seine Überzeugungen, nicht wahr?

  7. Das, was man gemeinhin im Westen als“Linke“ verkauft sind in erster Linie Reenactment Linke. Eine Gruppe die sich in linken Reden und Philosophie gefällt. Für diese Gruppe, oft aus dem akademischen Umfeld, ist linkssein vor allem ein Lifestyle, mit welchem sie ihre belesenheit und ihre moralische Überlegenheit zeigen können. Zu den von ihnen vertreten Subjekten, Arbeiter, Rentner, Arbeitslose, usw. haben sie meist keinen Bezug, kennen keinen einzigen persönlich und verabscheuen auch deren primitiven Vergnügungen und Wünsche.
    Und deswegen verlieren sie auch immer und immer wieder. Dabei ist das aber nicht schlimm, denn der Moralische Impitus bleibt bestehen und wächst sogar dadurch.
    Solange man diese Leute nicht von ihrem hohen Ross in den Schlamm ziehen kann, solange wird sich nicht ändern. Maos Umerziehung, bei der Professoren auf dem Land Scheisse schippen mussten, war da sehr hilfreich solchen Leuten Mal wieder die Realität vor Augen zu führen. Würde ich für jeden linken Politiker verpflichtend sehen.

  8. Wo sind eigentlich linke Stimmen, wenn es um Iran geht oder Syrien? Bei Palästina/Gaza sind oder waren sie zumindest mal da. Aber leider oft nur, weil Israel als Symbol westlicher, kapitalistischer Kolonialpolitik wahrgenommen wird, woraus sich oft mehr ein gegen etwas formulierte als ein für etwas.

    Es wäre wohl Unsinn zu sagen, dass sich unsere Zukunft im Nahen Osten entscheidet. Aber die Einstellungen, wie man auf Entwicklungen dort schaut, haben Einfluss wie man den Rest der Welt sieht. Stattdessen schaut man meist lieber auf trumpsche Geopolitik und malt sich aus, wie der nächste Krieg in Europa wohl aussehen könnte.

  9. Ich würde mich der Analyse anschließen, dass sich das eine strukturell überlebt haben muss, damit es etwas Neues geben kann. Den Leuten erscheint das Leben in diesen Strukturen fortzusetzen dann massenhaft als sinnlos. Die Offenkundigkeit ist eingetreten.

    Wie könnte das beim Kapitalismus passieren? Was wären dort die offenkundigen Probleme?

    – Massenarbeitslosigkeit in den kapitalistischen Zentren
    – massenhaft Unternehmer, die klagen, dass man keinen Gewinn mehr erzielen kann
    – Verknappung von Energie
    – Verknappung von Rohstoffen
    – Verknappung von Lebensmitteln

    Stell dir vor, du hast entweder Geld und du kannst im Laden dafür nichts bekommen oder jeder, den du kennst, hat zuwenig Geld die Dinge im Laden zu kaufen, die er braucht.

    Das ist das Ende dieses Kapitalismus, wenn es wirklich nicht mehr geht. Und dann braucht es auch keinen Intellekt mehr, um einer Theorie zu folgen, warum Kapitalismus nicht funktioniert. Sondern: jeder ist täglich mit dem Scheitern des Kapitalismus (ohne zu verstehen, was es ist) konfrontiert, dass eine Aufmerksamkeit für strukturelle Änderungen bei jedem vorhanden ist.

    Gleichzeitig wird die Sicherung durch Polizei und Militär deutlich abschwächen, denn auch diese Leute können nicht mehr so versorgt werden. Das Sicherheitssystem kollabiert aus sich heraus.

    Dann kommen also massenhafte Ausweglosigkeit, Aufmerksamkeit für strukturell neue Ideen und ein von innen kollabierender Staat zusammen. So hat es Marx schon damals gemeint. Nur war seine Vorstellungskraft dafür, wie sehr der Kapitalismus noch expandieren kann, etwas zu gering.

    Warum kann Kapitalismus irgendwann nicht mehr funktionieren? Wegen des strukturellen Zwangs zum Wachstum. Gewinne der Unternehmer sind am Ende Wachstumsgewinne. Wenn der Planet irgendwann die Ressourcen nicht mehr hat, um weiter zu wachsen (mehr Rohstoffe, mehr Arbeitskraft/Produktivität, mehr Energie, mehr Wasser, mehr …), dann kann dieses Ding nicht mehr funktionieren. So entstehen dann leere Regale, Arbeitslosigkeit, usw. die man als untragbare Zustände empfinden wird.

  10. Autor: „Stattdessen redete er dem normativen Kern des Linken das Wort; “links” sei eher eine moralische Orientierung. … Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit seien für alle, nicht nur für bestimmte Gruppen zu postulieren.“

    Genau mit diesem linken Argument wurde dann auch unsere Freiheit in Afghanistan verteidigt. Indem diese moralischen linken Werte exportiert wurden, machten sich die Linken zum Unterstützer des westlichen Imperialismus. Das ist ein Grund warum „links“ als politische Einordnung nicht mehr zu gebrauchen ist. Ein anderes Beispiel sind auch unsere ehemals linken Grünen, die zu einer normativen (moralisierenden) Werte-Partei verkommen sind, übrig geblieben ist eine biedere Bürgerlichkeit.

  11. Es ist gut, wenn es einige linke Parteien gibt. Aber wir brauchen keine sozialistische Linke. Sondern die sozialkonservative Basis (um Darwin Dante) muss unterstützt werden.
    Bitte klicke auf „Lebensreformer“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert