Vom Bibel-Gott zum Verfassungs-Gott

Bild: Marco Verch/ccnull.de/CC BY-2.0

Der Saarländische Landtag hat eine Verfassungsänderung beschlossen, die unter anderem die Ergänzung der Präambel um einen Gottesbezug umfasst. Nun soll „in der Verantwortung vor Gott“ auch im Saarland Politik gemacht werden.

In der Verfassungsänderung ging es darum, „den Verfassungsgerichtshof zu stärken und damit den demokratischen Rechtsstaat krisenfest zu machen“, so steht es im Protokoll des Verfassungsausschusses. Dazu brauchte es eine Zweidrittelmehrheit im Landtag. Die CDU machte dabei den Gottesbezug in der Präambel zur Bedingung für ihre Zustimmung.

Aus dem Protokoll des Verfassungsausschusses geht hervor, dass unter den 20 geladenen Sachverständigen zehn Befürworter des Gottesbezugs waren, darunter sieben Religionsgemeinschaften – aber keine einzige Gegenstimme. Der Präsident des Verfassungsgerichtshofs des Saarlandes, Prof. Roland Rixecker, verstieg sich sogar zu der Aussage, „Verantwortung vor Gott und den Menschen ist kein religiöses Bekenntnis“, um dann hinzuzufügen, er fände es „ganz gut, wenn ihr Schöpfer nicht außer Betracht gelassen würde“. Der Staatsrechtler Prof. Christoph Gröpl von der Universität des Saarlandes, bezeichnete sich als Befürworter, „nicht, weil ich das eng führen möchte in Bezug auf einen christlichen Gott, sondern in Bezug auf ein transzendentales Wesen“. Der Gottesbezug bringe „die Demut, die Fehlbarkeit von uns Menschen“ zum Ausdruck. Kurzum: die CDU forderte und bekam den Gottesbezug. Und so beginnt die Verfassung des Saarlandes nun – ab Mai 2026 – mit Gott.

Es ist das siebente Bundesland, das einen Gottesbezug in seiner Landesverfassung hat. Auch in Bayern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Thüringen wird – meist in der Präambel – die „Verantwortung vor Gott“ betont.  In der rheinland-pfälzischen Verfassung wird Gott als „Urgrund des Rechts“ und „Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft“ bezeichnet. Die Mehrheit der Bundesländer (9) verzichtet in ihren Verfassungen auf solche Formulierungen. Rechnet man allerdings die Sitze/Stimmenverhältnisse im Bundesrat, haben die Bundesländer mit Gottesbezug in der Landesverfassung die Mehrheit der Stimmen. Der Bibel-Gott wird zum Präambel-Gott. Er mischt mit in der deutschen Politik.

Die Präambel des Grundgesetzes (GG) beginnt mit „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“. Dies gilt als Ausdruck der kulturellen Wurzeln, nicht als Staatsreligion und wird als Begrenzung staatlicher Macht interpretiert.  Der Bezug auf Gott in der Präambel verletzt nicht das Neutralitätsgebot des Staates, da er keine bestimmte religiöse Praxis vorschreibt – so der Gesetzgeber.

Vor allem säkular-gesinnte Verfassungsrechtler erheben hier Einwände. Horst Dreier, ehemals Professor für Rechtsphilosophie an der Uni Würzburg, verweist in seinem vieldiskutierten Buch „Staat ohne Gott“ darauf, dass Gottesbezüge in Verfassungen historisch „weniger dem Lobe Gottes als der Abwehr der Volkssouveränität und der Demokratie gedient“ haben. Das Neutralitätsgebot des freiheitlichen Verfassungsstaates, das vom Bundesverfassungsgericht seit 1965 in ständiger Rechtsprechung bestätigt wird, ist laut Dreier „umso wichtiger, je mehr sich das religiöse Feld ausdifferenziert und zerklüftet“.

Zu Erinnerung: Wir leben in keinem homogen Kirchen-Staat, sondern in einem säkularen Verfassungs-Staat. Es herrscht Glaubensfreiheit. Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige müssen miteinander auskommen. Jeder Bürger darf seinen Gott, auch mehrere Götter haben. Jeder darf glauben, was er will, beten, zu wem er will. Jeder darf sich seinen Sehnsüchten und Paradiesträumen hingeben, wodurch er sein immerwährendes Seelenheil zu erlangen erhofft. Das private Illusionsglück steht unter staatlichem Schutz – solange es Privatsache bleibt. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Eintracht der Glaubensbekenntnisse. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Das ist das Prinzip der Religionsfreiheit. Es gibt keinen Verfassungsgott – auch nicht in einem verdeckten Schrein unseres Grundgesetzes.

Gott mag für einige Menschen ein sinnhaftes Zukunftsversprechen sein, für andere eine attraktive Möglichkeit, die Gegenwart zu bewältigen. Der Staat selbst aber muss „gottlos“ sein. Die Deutungsmacht über metaphysische Wahrheitsfragen gehört nicht in den Aufgabenkatalog des Staats – und Gott nicht in die Verfassung.

 

Vom Autor erschienen: Helmut Ortner: Das klerikale Kartell. Warum die Trennung von Staat und Kirche überfällig ist. Nomen Verlag. 272 Seiten, 24 Euro.

Helmut Ortner

HELMUT ORTNER hat bislang mehr als zwanzig Bücher, überwiegend politische Sachbücher und Biografien, veröffentlicht. Zuletzt erschienen: „Heimatkunde – Falsche Wahrheiten. Richtige Lügen“ (2024), „Das klerikale Kartell. Warum die Trennung von Kirche und Staat überfällig ist“ (2024) und „Volk im Wahn – Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit“ (2022). Seine Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt. Helmut Ortner ist Mitglied bei Amnesty International und im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung.
www.helmutortner.de
Foto: Peter Hönnemann
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38 Kommentare

  1. Damit ist ja alles in Ordnung. Wenn man Scheisse baut, hat man einen Verantwortlichen.
    Ist ja auch richtig human, auch Atheisten auf einen Gott einzuschwören, ob sie wollen oder nicht.

    1. Das ist eh nur die Präambel, das ist nix als hohles Geschwafel ohne jeden sittlichen Mehrwert. Davon abgesehen: Die verfassungsmässig garantierte unverbrüchliche Völkerfreundschaft zur Sowjetunion hat diese auch nicht retten können. Interessanter finde ich dabei die „Verpflichtung zur Bewahrung seiner wirtschaftlichen Grundlagen“. Was wohl damit gemeint ist?

    2. Das war auch mein erster Gedanke bei „die Fehlbarkeit von uns Menschen (betont durch die CDU)“, wenn die Politik Murks entscheidet, ist Gott schuld – kannste machen nix, mußte einfach hinnehmen.

  2. Die werden immer bekloppter. Verwandeln diese Typen das Land jetzt auch in einen Gottesstaat oder wie soll ich das deuten?
    Heißt es dann, wenn es wieder Richtung Russland geht, „Gott will es!“?
    Ich halte diesen ganzen Gottes- und Schöpferkram für ausgemachten Schwachsinn.

    1. Und dabei kann man sich jedenfalls nicht auf Jesus berufen. Der klipp und klar gemacht hat, daß sein Reich, das Reich Gottes, eben nicht von dieser Welt ist. Sehr zum Ärger aller, die Gott vor ihren Karren spannen wollen!

  3. Man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Dass der Politikbetrieb mit allerlei Derailing beschäftigt ist, wundert schon lange nicht mehr, aber wer da alles mitmacht, ist schon bemerkenswert.

    Nun also auch im Saarland »in der Verantwortung vor Gott«. Warum nicht? Wie wir vor einigen Tagen im OM-Artikel »Israel – Volk, Land und Staat in biblischer Sicht« gelernt haben, ist ja auch der unfehlbare biblische Gott fehlbar. Wir erinnern uns, er hat die Sintflut geschickt, um seine Schöpfung wegzuspülen: „Da habe ich wohl Mist gebaut, kann weg.“ Vielleicht nehmen wir Rumpelstilzchen und Mickey Maus auch noch dazu?

    Der Hinweis von @pk, 04.05.2026 19:26 Uhr ist allerdings auch nicht ohne.

  4. Also ich finde das ausgesprochen gut und befürworte die Entscheidung des Landtags ausdrücklich. Wenn ein demokratisch zustande gekommenes Parlament die Existenz Gottes beschließt, dann hat es ihn auch zu geben. Wer das ernsthaft diskutiert, kann nur Feind und/oder Verächter UNSEREDEMOKRATIE sein.

    Gab es zu dieser Verfassungsänderung eine Debatte im Landtag? Ich hoffe, dass ich die in irgendeiner Mediathek finde und mir, wenn ich Ruhe und Zeit habe, anschauen kann. Doch unbedingt. Man hat in diesen üblen Zeiten sonst so wenig zu lachen…….

    1. Die Frage ob es objektiv einen Gott gibt ist völlig unabhängig von dem was diese Leute machen und glauben oder vorgeben zu glauben.
      Dass sie aber bei allem was sie anstellen und Gott unterstellen nicht gleich der Blitz trifft spricht eher gegen die Existenz Gottes oder für seinen grenzenlosen Langmut.

    2. Zuerst schuf Gott den Affen. Dann machte der daraus den Menschen. Als er merkte, was fürn Mist er da gemacht hatte, schulte er um und wurde Schlagersänger. Also ich habe den Gott schon gesehen 🙂
      So, das mußte jetzt mal sein, man kann es ja nur noch mit (Galgen)humor ertragen.

      1. Ja, von Karel Gott: Einmal um die ganze Welt…und die Taschen voller Geld…
        und für die vollen Hundert:
        …davon habe ich als kleiner Bub ge-träu-ämt…

    3. Fragt sich nur welcher: Papa, sohnemann oder die Taube? Ich kann mit dieser vielgötterei nicht recht etwas anfangen. Mit den Hardcore monotheisten aber auch nicht. Schon wenn ich das Wort Schöpfung höre stehen mir die nackenhaare zu Berge.

  5. Wenn sie nur in christlicher Bescheidenheit und Nächstenliebe tatsächlich Politik machen würden im Saarland. Das wäre doch nicht schlecht. Werden sie aber natürlich nicht, und der Gottesbezug ist nur Getue für den Anschein. Und das Papier ist geduldig.

  6. Das ist ja mal eine gute Nachricht!

    Der Gottesbezug ist hier in einem ganz allgemeinen und keineswegs ausschließlich christlichen Sinne zu verstehen. Nicht mit Bezug auf eine Staatsreligion, sondern ganz allgemein in der Art, dass der Mensch sich eben nicht das Höchste auf der Welt verstehen sollte, dass er eine namenlose und transzendente Macht anerkennen soll. Eine Sichtweise, wie sie JEDER auch nur irgendwie religiöse Mensch überall unterschreiben könnte.
    Und so gesehen, ist diese Haltung weltweit, aber wahrscheinlich auch in Deutschland – dank der islamischen Migration – in der Mehrheit.

    Dass Atheisten damit nicht klarkommen, ist klar.
    Egal!

    Ebenso klar ist auch, dass jede Gesellschaft, die nachhaltig und auf Dauer Bestand haben will, die Bezugnahme auf etwas Übermenschliches, Numinoses braucht.

    Dass unsere heutigen Gesellschaften in Teilen – zum Glück nicht überall – eben diese Einordnung und Unterordnung brüsk und überheblich verweigern, hat etwas von Hybris an und damit wohl auch Teuflisches und Böses.
    Und entsprechend schlecht sind solche Gesellschaften ja dann auch.

    1. Yeah! @WW hat geliefert und das Lachen geht weiter. »… eine namenlose und transzendente Macht«, einige nennen sie einfach „aktive Ignoranz“, war schon immer das beste Argument jener, die sich erheblich mehr nehmen, als sie brauchen, weil sie es sich vor ihrem unsichtbaren Freund (oder auch Freunden: Gott, Jesus, Maria, Teufel und sonstige Heilige) verdient haben. Dass dieser Verdienst eigentlich immer Wegnahme bedeutet, kann mit den illustren Wundertüten heiliger Schriften („für jeden was dabei“) weggebetet oder fort zitiert werden.

      Egal, die einen nennen es numinös, die wenigen ominös und sind selbstverständlich im Unrecht, wie die »Haltung« zum »Übermenschlichen« der demokratischen »Mehrheit« beweist.

    2. @Wolfgang Wirth

      Wie kommst du darauf, dass es klar ist, dass jede Gesellschaft, die nachhaltig und auf Dauer Bestand haben will, die Bezugnahme auf etwas Übermenschliches, Numinoses braucht?

      1. @henio

        Vorweg: Da wir uns nicht kennen, möchte ich doch beim höflichen Sie bleiben. Wir sind ja erwachsen.

        Sie stellen eine ernsthafte und wichtige Frage.
        Die Geschichte zeigt, dass die Existenz eines gemeinschaftlichen (religiösen) Kults für praktisch alle Gesellschaften und Staaten immer von großer Bedeutung war. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo in der Vergangenheit von Seiten der Regierungen auf einen verbindenden Kult großen Wert gelegt wurde. Die bekanntesten Beispiele sind sicherlich der Kaiserkult der römischen Antike und der etwas später vom römischen Staat betriebene planvolle Übergang zum Christentum (um wieder Einheitlichkeit zu erreichen) sowie die im Mittelalter und der frühen Neuzeit betriebenen Anstrengungen auf religiöse Einheitlichkeit innerhalb der Landesgrenzen.
        Man könnte die Liste sicherlich beträchtlich erweitern, denn auch in außereuropäischen Kulturen wurde hierauf Wert gelegt. Auch im alten China und Ägypten war die Verbindung des Kaisers zum Himmel von extremer Bedeutung.

        Den Umstand, dass auch religionsferne oder sogar erklärtermaßen atheistische Staaten und Gesellschaften auftauchen, hatten wir auf der Erde überhaupt erst (kurzzeitig) in der Hochphase der Französischen Revolution. Allerdings wurde dann sogar dort versucht, 1793 einen „Kult der Vernunft“ einzuführen.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Kult_der_Vernunft
        Dauerhaften Erfolg hatte das nicht.

        In größerem Maße kam es dann auf der Erde erst seit der Russischen Revolution (1917) zur Ausbildung von atheistischen Staaten und Gesellschaften, und zwar in der Sowjetunion sowie später auch in ihren Satellitenstaaten und in China, Nordvietnam und Nordkorea. Wenn man sich nun die Stabilität und Dauerhaftigkeit jener erklärtermaßen atheistischen Regierungen und Gesellschaftsordnungen ansieht, so ist leicht zu erkennen, dass sie alle (von Nordkorea und Vietnam abgesehen) bald mit inneren Problemen zu kämpfen hatten und am Ende so schwach waren, dass ihnen keine Dauerhaftigkeit beschieden war.

        Nun würden überzeugte Ostblock-Nostalgiker vielleicht einwenden, dass der Westen den Ostblock ruiniert, ja ermordet hätte, doch würde man es sich damit zu leicht machen. Der Ostblock brach eben nicht schon 1950 oder 1970 zusammen, sondern erst dann, als die Bewohner den Glauben an die neue Ordnung bzw. die marxistische Zivilreligion weitgehend verloren hatten.

        Heute nun erleben wir auch im Westen den Versuch, eine atheistische Ordnung zu begründen, die allein auf den Glauben an das Glück durch Konsum (-> Hedonismus) und den Glauben an die Kraft des Menschen selbst gekennzeichnet ist. Der Historiker Noah Harari hat das 2015 mit dem Buchtitel „Homo DEUS“ perfekt auf den Punkt gebracht.
        Wie stabil und dauerhaft diese modernen atheistischen Staaten und Gesellschaften der Gegenwart sein werden, das wird die Geschichte zeigen.

        Das EXPERIMENT läuft, und nach all dem, was man so über die Verhältnisse in diesen Ländern hört und liest – über den Rückgang der Geburten, den Zerfall von Strukturen und Traditionen, über die allgegenwärtige Auflösung von Ordnung, Maß und Vernunft – dürfte diesen atheistischen Ordnungen keine lange Dauer bestimmt sein.
        Wie sieht es denn mit der Qualität und Dauerhaftigkeit der Kultur und Gesellschaft in einer nihilistischen und zynischen Welt aus?? Ein Blick in die Zeitung reicht!

        Ohne Glaube, keine dauerhafte Existenz!
        Die Einen glauben an Gott, die anderen allein an sich selbst bzw. an den Menschen und an dessen Vernunft, Erfindungsreichtum, Güte usw. usf. Wenn selbst der Glaube an den Menschen nicht mehr gelingt und scheitert – und an diesem Punkt sind wir ja längst – so bleibt nur noch nackter Zynismus in einer nihilistischen Welt übrig. Genau da sind wir. Und mit nacktem Zynismus und Nihilismus kann man nichts Beständiges aufbauen.

        Ich persönlich vermute, dass eine neue Konstantinische Wende – in historischen Zeitmaßstäben gesehen – kurz bevor steht. Angesichts der demographischen Entwicklung ist anzunehmen, dass die Eliten auf den Islam als neuen verbindenden Kult setzen werden. Vielleicht auch in der Art wie von Houellebecq in „Unterwerfung“ skizziert.

        Oder wird es ein Kult der KI sein?
        Einigen wäre das lieber. Ein Kult der KI im Sinne eines Kults der nackten Rationalität dürfte dann wieder eine Ähnlichkeit mit dem „Kult der Vernunft“ von 1793 haben. Wer weiß?

    3. Es gibt noch 1,2 Milliarden Hindus und 0,5 Milliarden Buddhisten, immerhin 1/4 der Weltbevölkerung, die sehen das vermutlich auch anders und schlössen sich hier den Atheisten an.

    4. Es gibt noch 1,2 Milliarden Hindus und 0,5 Milliarden Buddhisten, immerhin 1/4 der Weltbevölkerung, die sehen das vermutlich auch anders und schlössen sich hier den Atheisten an.

      1. Für Christen, Juden und Moslems gibt es leider nur einen Gott für alles. Friedvoller hat sie sie das aber auch nicht gemacht.

  7. Eines dieser Zehn Gebote in der Bibel der gläubigen Christen lautet: Du sollst nicht töten. Einige Zeitgenossen meinen zwar, das wäre ein Übersetzungsfehler und es müsste heißen: Du sollst nicht morden. Zwischen Mord und Totschlag ist juristisch schließlich ein großer Unterschied.

    Wichtig ist aber: Es ist kein Verbot. Es ist lediglich eine „Empfehlung“. Wenn Politiker (und Politikerinnen) einen Krieg vom Zaun brechen, um gegen die Menschen eines anderen Staates in den Krieg zu ziehen, die Menschen zu ermorden um ihnen das Land und die Ressourcen zu stehlen, dann hat das keinerlei „göttliche“ Konsequenzen für die gläubigen Täter.

    Für das Fußvolk, also die einfachen Soldaten (und Soldatinnen) und die Zivilisten (und Zivilistinnen) an der Heimatfront, kann es aber durchaus motivierend wirken, wenn die politischen Führungskräfte von religiösen Führungskräften unterstützt werden und diese religiösen Führungskräfte sagen: Der/die/das Gott will das so. Oder legt der/die/das Gott dann Widerspruch ein und bei wem und wie lange ist die Einspruchsfrist?

    Schizophren wird es allerdings, wenn die sogenannten Feinde im Osten an den gleichen Gott glauben (mit vernachlässigbaren Abweichungen) wie die Menschen im Westen oder Süden oder Norden und im Namen ein- und desselben Gottes Krieg gegen die jeweils anderen führen, aber die Feinde auf der jeweils anderen Seite der Front als „gottlos“ bezeichnen?

    Bei der Eroberung Nordamerikas war das zum Beispiel anders. Da hatten die unzivilisierten Ureinwohner aka „Indianer“ aus der Sicht der zivilisierten und größtenteils christlichen Eroberer aka „Siedler“ definitiv die falsche Religion bzw. falschen Geister. Außerdem hatten sie vergessen, ihre Grundstücke in das Grundbuchamt eintragen zu lassen. Das mögen Christen gar nicht, beim Thema Eigentum sind sie extrem penibel.

    Eine spannende Frage wäre in diesem Zusammenhang, was der Namenspatron der Vereinigten Christen, dieser pazifistische, basisdemokratische und kapitalismuskritische Sozialrevolutionär und „Sohn“ Gottes dazu sagen würde. Dieser wurde aber, wie sogar die meisten Ungläubigen wissen dürften, bereits lange vor der Firmengründung der Vereinigten Christen ermordet.

    Manch einer könnte nun einwenden, dass wir in diesem demokratischen und sozialen Deutschland Religionsfreiheit haben. Das steht sogar im Grundgesetz von 1949 und das ist prinzipiell auch gut so. Jeder kann an seinen Gott oder auch an keinen Gott glauben oder von Montag bis Samstag an den Gott und am Sonntag an einen anderen.

    Zum Problem wird jede „Freiheit“ und das gilt auch für die Religionsfreiheit, wenn diese Freiheit missbraucht wird, wenn man mit Religion und dem Glauben an (den richtigen) Gott versucht, andere Menschen zu manipulieren und gleichzeitig die eigene Verantwortung für Krieg, Mord, Totschlag usw. auf Gott abschiebt.

    1. Die SS hatte auch Gott im Herzen, und die Wehrmacht und die Amis wenn sie wahllos mal wieder brutale, völkerrechtswidrige Angriffskriege auf der ganzen Welt führen.

      Die Islamisten, die sich in die Luft sprengen und die jüdischen Siedler die Kinder abschlachten haben auch alle Gott im Herzen und er hat jedem einzelnen persönlich gesagt, dass sie im Recht sind und daher ihre „Verbrechen“ gar keine sind.

      Mit Gott im Herzen ist man immer auf der richtigen Seite, das ist soooo toll, kann man gar nix falsch machen, egal, wo man steht.

      1. @me-need-more-brain. Ja, ich gebe Ihnen recht.
        Es gibt ja diese Schnulze von Andrea Berg: „Du hast mich 1.000 Mal belogen.“
        Die kam mir in den Sinn, als ich ihren Kommentar las.
        Mit Gott hat man uns 1000 Mal belogen. Deswegen bin ich ja auch dagegen, dass der Begriff in die Verfassung kommt.
        Auch in der Bibel wird Gott nicht selten für die eigenen niederen Zwecke instrumentalisiert.
        Aber Gott wird da auch so beschrieben:
        „Das aber ist ein Fasten an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht bedrückt hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“ (Jesaja 58,6)

        „Prüft aber alles und das Gute behaltet“ (1 Thess 5,21) ist der richtige Weg.

        In diesem Sinne Ihnen einen schönen Tag.

    2. Bei mir im Herzen ist nicht mehr viel Platz. Da wohnen schon Frau und Kinder und noch ein paar andere Menschen. Nun ja ein Zimmer ist noch frei, ich weiß nun aber nicht, ob ich das an Vater, Sohn oder Heiligen Geist oder lieber gleich an Allah vermieten soll.

  8. Solange es Religionen gibt wird es auch Krieg geben.
    Damit kommt wieder näher zusammen, was seit Jahrtausenden zusammengehört.

    1. Religion ist nur einer von vielen Rechtfertigungsgründen für Kriege. Ohne diese würde man einfach einen anderen finden. Ein Vorteil könnte allerdings sein, dass sich dann weniger religiöse Fanatiker als Nützliche Idioten finden ließen. Es steht aber zu befürchten, dass die dann einfach aus anderen, quasi-religiösen Bewegungen rekrutiert werden, die dann auch entsprechend mehr Zulauf haben dürften.

  9. Es wird ja nicht auf einen bestimmter Gott verwiesen. Der Bezug in diesen Zeiten gilt den wehrtüchtigen Gottheiten, Sachmet, Mars, Ares, Thor. Letzterer bevorzugt – künftige Landespolitiker werden die Weitsicht loben.
    Die nachösterliche Zeit ist in ihrer Symbolkraft ideal für einen solchen Beschluss und will sagen, der pazifistische Gott ist tot. Erwartbar wurde er in seiner Wehrlosigkeit ermordet. Ihm kann der Gottesbezug also nicht gegolten haben.

    1. Da stellt sich mir Mal wieder die Frage: Was ist links, was ist rechts? Wer ist für die Trennung von Staat und Religion, wer drückt Atheisten raus?
      Es ist einfach nur lachhaft, wenn es nicht zum Weinen wäre.

    2. Eine nachvollziehbare Entscheidung. CDU und SPD sind an der Macht, und wenn die Zustimmung zu ihrer Politik vom Volk verloren geht, dann nimmt man Beistand auch von anderer Seite an. Und sei es nur ein Hirngespinst, das jedoch noch in vielen Hirnen eingenistet ist. Gott ist ein Instrument der Propaganda.

  10. Bevor ich mich für eine Verfassung mit einer »Verantwortung vor Gott« entscheide, sollen die Professoren bitte erklären, was sie unter »Gott« verstehen.

    Wenn sie nämlich den Gott aus der Bibel meinen – der die Welt in sechs Tagen und Eva aus einer Rippe von Adam – erschaffen hat, dann bin ich gegen eine Verfassung mit einer »Verantwortung vor Gott«.

  11. Welcher Gott ist gemeint? Und warum wird das gerade jetzt wichtig? Steigt der Druck durch den importierten Islam?

  12. Na, das hat uns gerade noch gefehlt!
    Hört sich an wie eine versuchte Selbstlegitimierung, also der alles andere als gottgefälligen Politik einen höheren Anstrich zu geben.
    Bundeskanzler von Gottes Gnaden hört sich doch besser an!
    Oder soll „unsereDemokratie“(ein Wort)jetzt einen sakralen Anstrich erhalten?
    Dann wäre Systemkritik endlich Gotteslästerung…..

    1. Wir sind auf dem Weg in ein Neo-Mittelalter. Das passt doch wie die Faust aufs Auge zum um sich greifenden Tech-Feudalismus. Die Vertreter von „Unsere Demokratie“ sind dann von Gott begnadet. Wer Kritik übt, ist automatisch Gotteslästerer. Ich bin gespannt, wann neben den digitalen Scheiterhaufen auch wieder die ganz realen brennen werden…

  13. Den Religiösen ist es recht und den Atheisten wird gesagt: es ist ja nur die Präambel und hat keine juristische Wirkung.
    Da stellt sich die Frage: Warum dann überhaupt? Merkwürdigerweise hat sich im Forum niemand diese Frage gestellt,
    sondern es geht immer um: ist das jetzt gut oder schlecht?
    Offenbar gehen alle Politiker davon aus, dass die Religion immer noch gut in der Bevölkerung verankert ist. Deshalb meinen die C-Parteien mit dem Herrgott punkten zu können, als moralisch gute, sich bescheiden dem Höheren unterordnende Menschen. Die SPD steht wie gewohnt zu ihren entschiedenen jein-aber. Der Rest hält es für opportun sich zurück zu halten; deshalb Enthaltungen und keine Nein-Stimme

  14. Wie im tiefsten Mittelalter soll mal wieder eine Einbildung Schuld an allem sein. Irgendwie kommt das mit dem Verstand anscheinend nie so wirklich zum tragen.
    Dabei auch noch so blöd sein das sich jeder etwas anderes unter der Einbildung Gott vorstellt. Leider auch andere Leute die Vergöttlicht werden, weshalb dieses Konzept, nicht zuletzt deshalb, dringend überprüft werden sollte.

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