Verrat der Intellektuellen?

Julien Benda (1950). Bild: By Dornac – Invaluable, Public Domain

Welche Bedeutung hat Julien Bendas Kritik an den Intellektuellen knappe 100 Jahre nach Erscheinen seiner epochalen Schrift?

„Der Verrat der Intellektuellen“ (La Trahison des clercs) ist eine berühmte, 1927 erschienene Streitschrift des französischen Philosophen Julien Benda. Der Autor kritisierte darin, dass Intellektuelle ihre Rolle als prononcierte Verteidiger ewiger und universeller Werte (Vernunft, Wahrheit, Gerechtigkeit und Humanität) aufgegeben und sich stattdessen in den Dienst politischer Leidenschaften wie Nationalismus und Rassismus gestellt haben.

Der „Verrat“ bestand demnach darin, dass die clercs (Benda verwendet den Begriff nicht nur für Akademiker, sondern allgemein für Menschen des Geistes – Philosophen, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und religiöse Denker) ihre geistige Unabhängigkeit zugunsten partikularer politischer, klassenspezifischer oder nationaler Ziele preisgaben. Intellektuelle sollten gerade nicht „praktisch“ oder parteilich sein, denn sobald sie sich ganz in den Dienst politischer Interessen stellten, verlören sie ihre eigentliche geistige Funktion. Benda sah darin eine reale historische Gefahr: Wenn selbst die geistigen Eliten vorrangig nationale oder ideologische Leidenschaften verstärkten, werde Europa zwangsläufig in immer extremere Konflikte und Kriege geraten.

Angemerkt sei, daß das Werk im Kontext der aufkommenden politischen Spannungen in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand. Benda selbst war dabei stark von der Dreyfus-Affäre in Frankreich geprägt: Der jüdische Offizier Alfred Dreyfus war zu Unrecht des Verrats beschuldigt worden. Viele Intellektuelle (allen voran Émile Zola) verteidigten die Wahrheit (im Hinblick auf Dreyfus’ Unschuld) und den Rechtsstaat, andere hingegen unterstützten den florierenden antisemitischen Nationalismus. In diesem Zusammenhang entstand überhaupt erst der Begriff des „Intellektuellen“ als öffentlicher moralischer Akteur. Er ist ein Begriff der Moderne.

Und doch verfolgt Julien Benda in seinem Buch eine historische Entwicklung. Er behandelt zunächst die traditionelle Rolle der „clercs“, mithin das klassische Ideal des Intellektuellen, welches sich in der Suche nach Wahrheit, Orientierung an universellen Maßstäben, dezidierte Distanz zu Machtinteressen, Verteidigung von Vernunft und Gerechtigkeit manifestiere. Als Vorbilder gelten ihm antike Philosophen, religiöse Moralisten, universalistische Humanisten. Diese hätten zwar oft wenig politische Macht gehabt, aber gerade dadurch eine moralische Gegenposition zur Gewaltpolitik verkörpert.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erkennt Benda einen Bruch: Intellektuelle beginnen, politische Leidenschaften nicht mehr zu kritisieren, sondern zu verherrlichen und verschreiben sich Nationalismus, Militarismus, Klassenkampf-Ideologien, rassischem Denken, politischem Romantizismus. Die Werturteile wandeln sich und man postuliert nunmehr, Eigennutz sei legitim, Macht sei ein Wert, Nationen dürften egoistisch handeln, Politik brauche keine universelle Moral. Mehr noch, Benda redet von einer „Organisation der Leidenschaften“: Früher seien Leidenschaften spontan gewesen, wohingegen moderne Intellektuelle daraus systematische Ideologien entwickelten – sie rationalisierten Hass, philosophierten Gewalt, ästhetisierten Machtpolitik. Kollektive Feindbilder würden dadurch dauerhafter und gefährlicher. Benda extrapoliert daraus die drohende Katastrophe Europas. Europa sei auf dem Weg in eine Epoche totaler politischer Mobilisierung: Nation gegen Nation, Klasse gegen Klasse, Ideologie gegen Ideologie. Und wenn sogar Philosophen und Schriftsteller den Konflikt moralisch adeln, gebe es keine geistige Bremse mehr.

Bendas Analyse ist beeindruckend, aber auch umstritten. Zum einen enthält sie eine sehr frühe Warnung vor ideologischer Radikalisierung, etwa davor, dass ultranationalistische Bewegungen, Faschismus und totalitäres Denken von Intellektuellen mitgetragen würden. Er widerspricht dabei der romantischen Vorstellung, dass Bildung automatisch moralisch mache. Zudem insistiert Benda darauf, dass Wahrheit nicht bloß politisches Werkzeug sein und Moral nicht völlig relativ werden dürfe, mithin dass Intellektuelle eine Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit trügen. Dieses Postulat beeinflusste später viele Debatten über öffentliche Verantwortung, Wissenschaftsethik, Medien und Propaganda. Zum anderen zeichnet sich seine Analyse aber durch zu scharfe Trennung zwischen Denken und Politik. Kritiker haben darauf hingewiesen, dass niemand völlig außerhalb gesellschaftlicher Konflikte stehe, Benda selbst habe politische Positionen vertreten. Seine Forderung nach „reiner“ Universalität sei schon im Kern unrealistisch. Auch der Vorwurf der Selbstüberhöhung wurde erhoben: Benda idealisiere Intellektuelle teilweise als Hüter der Wahrheit, was aber antidemokratisch, mihin moralisch elitär wirke. Spätere Denker argumentierten, dass politische Neutralität selbst nicht davor gefeit sei, politisch zu sein, und dass „sich über die Politik zu stellen“ Gefahr laufe, gerade eine Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse zu bewirken.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bendas „Der Verrat der Intellektuellen“ gilt als klassische Kritik an der Politisierung der Intelligenz und wird oft in Debatten über Extremismus und die Verbreitung von Massenideologien zitiert. Es handelt sich also um ein emphatisches Plädoyer für den Universalismus und gegen die freiwillige Unterordnung des Geistes unter parteiische Interessen. Benda behauptete, dass frühere Geistestraditionen Europas – etwa Humanismus oder christlicher Universalismus – trotz aller historischen Gewalt wenigstens noch ein Ideal des Guten anerkannten. Die Moderne dagegen verherrliche offen Macht, Eigeninteresse und nationale Feindschaft. Besonders gefährlich sei, dass die Intellektuellen diese Entwicklung moralisch adelten. Rückblickend wirkt das Buch für manche fast prophetisch im Hinblick auf Faschismus und den Zweiten Weltkrieg. Gleichwohl sei es weniger für ein systematisches philosophisches Werk zu erachten, sondern eher als polemische Diagnose der europäischen Geisteslage.

Man muss freilich bedenken, daß Bendas Streitschrift nächstes Jahre 100 Jahre alt wird. Zu fragen gilt es, welche Relevanz sie heute noch haben könne. Angesichts der Mediendominanz und politischen Polarisierung dürfte Bendas ursprüngliche Frage heute lauten: Werden öffentliche Intellektuelle überhaupt noch von Wahrheit geleitet oder sind ihre Positionen in erster Linie durch Lagerdenken, Aufmerksamkeit und Ideologie bestimmt? Die Fragestellung hat dabei Talkshows, soziale Medien, parteinahe Journalisten, Influencer, politische und sonstige Kommentatoren im Blick. Die Universitäten geraten dabei nicht minder ins Visier, namentlich mit der aktuellen Frage, ob Wissenschaft neutral oder politisch engagiert sein soll.

Die Frage ist natürlich nicht neu. Man denke etwa an den noch vor dem Ersten Weltkrieg begonnenen „Werturteilssteit“, an dem sich als Hauptkontrahenten Max Weber, Werner Sombart und Gustav Schmoller beteiligten. Es ging dabei um die kardinale Frage, ob die Gesellschaftswissenschaften normativ verbindliche Aussagen über die von der Politik zu ergreifenden Maßnahmen treffen sollen bzw. – noch bedeutender – ob politische Handlungen wissenschaftlich überhaupt gerechtfertigt werden können. Auch Max Webers berühmte Schrift “Wissenschaft als Beruf” von 1919 gehört in diesen Zusammenhang. Die Frage ist bis zum heutigen Tag mitnichten apodiktisch beantwortet worden. Bendas Warnung würde noch heute vermutlich lauten: Wenn Forschung nur noch moralische oder politische Ziele verfolgt, verliere sie ihre unabhängige Wahrheitssuche. Kritiker halten freilich dagegen: Absolute Neutralität sei schlicht und ergreifend illusionär. Dies erweist sich besonders deutlich in den Debatten und Konflikten der Kulturwissenschaften, in denen es aktuell um Identitätspolitik und Kulturkämpfe geht.

Bendas angedachter Gegensatz von universalem Menschheitsdenken und partikularen Gruppenidentitäten passt erstaunlich gut auf heutige Kulturkonflikte. Sowohl rechte als auch linke Bewegungen werden manchmal mit Bendas Kritik analysiert. Von nicht minderer Bedeutung sind in diesem Kontext die Auswirkungen des Informationszeitalters. Denn wenn Benda die „Organisation der Leidenschaften“ befürchtete, so erscheint dies im digitalen Zeitalter nachgerade prophetisch: Viele sehen in der algorithmischen Empörung, den ideologischen Echokammern, der stark emotionalisierten Öffentlichkeit und der politischen Markenbildung eine moderne Form dessen, was Benda beschrieb.

Aber es will scheinen, als mache man sich bei derlei Aktualisierungsversuchen für einen Grundumstand blind: Die Kategorie des Intellektuellen selbst ist objektiv obsolet geworden. Die Relevanz des Intellektuellen bemisst sich an seiner Wirkmächtigkeit, und sei’s die des Unheilspropheten oder des Rufers in der Wüste; ungeachtet der Tatsache, dass er einer Minderheit angehört und eine minoritäre Botschaft zu verkünden hat, muss der Intellektuelle als solcher wahrgenommen werden. Aber genau das ist inzwischen in einem Ozean von Äußerungen unendlich vieler „Intellektueller“ untergegangen. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Wirksphäre des öffentlichen Intellektuellen in den letzten Jahrzehnten durch die Entfaltung und Verbreitung der digitalen sozialen Medien und Netzwerke durchwirkt und bis zum Exzess „demokratisiert“ worden ist. Jede/r kann heutzutage sich medial äußern; jede/r kann sich nach Belieben in Foren und Debatten einschalten, wenn nicht als Beitragende/r, so doch als Kommentierende/r bzw. likes-Beifallspender/in. Es bedarf keines besonderen kulturellen Kapitals mehr, um sich in digitale Diskussionen einzubringen und bemerkbar zu machen, wobei die Kategorien von universell-partikular, objektiv-subjektiv, allgemein-spezifisch etc. keine Rolle mehr spielen: Jede/r hat eine Meinung, und jede Meinung muss, wenn nicht unbedingt respektiert, so doch zumindest zugelassen werden. Das geistige und argumentative Niveau des Geäußerten spielt dabei kein Rolle, eine wie immer gedachte und konstruierte Qualitätshierarchie ist zum Einsturz gebracht worden – weder will man noch eine exklusive Entscheidungsinstanz dafür anerkennen noch die Kriterien zur Beurteilung von Qualitativem annehmen.

Die Öffentlichkeit ist dabei weitgehend von den hohen Debatten der Fachleute, Spezialisten und Profis ausgeschlossen; von deren inneren Diskursen hat sie sich entfremdet, während die Mitglieder der inneren Diskurse sich ihrerseits von der Öffentlichkeit abgrenzen. Man ist dann schnell mit dem Vorwurf des Elitismus bei der Hand oder – öfter praktiziert – macht sich über die Verkopfung, den unverständlichen Fachjargon oder das hohe Gerede lustig. Man braucht keine Belehrung mehr, und wenn man sich dennoch etwas schnell aneignen möchte, bedarf es nicht mehr des kompetenten Intellektuellen; man hat digitale Applikationen zur schnellen Selbstbedienung (Wikipedia, Google, ChatGPT etc.) zur Verfügung.

In den Anfangsphasen der Aufklärung gab es die Figur des „Volksaufklärers“, der das vollzog, was sein Auftrag verhieß: Aufklärung. Aber dieses Zeit ist längst vergangen und erfreut sich heute fast keiner Nachwirkung. Denn erstens ist die einstmals ignorante Bevölkerung mittlerweile gebildeter und aufgeklärter; zweitens ist die Autorität des Aufklärers entschwunden – und mit ihr auch die Aura der Aufklärungsinhalte. Hinzu kommt: Jean-François Lyotards These vom „Widerstreit der Diskurse“, derzufolge Konflikte zwischen unterschiedlichen Diskursen zumeist unauflösbar sind, weil sie nach verschiedenen Regeln funktionieren und es keine übergeordnete neutrale Sprache gibt, die zwischen ihnen gerecht vermitteln könnte, verleiht diesem letztlich anomischen Zustand gleichsam die philosophische Bestätigung des Nun-mal-so-Seins: Es gibt keine „große universelle Wahrheit“ mehr. Unterschiedliche Diskurse konkurrieren miteinander. Macht zeigt sich oft darin, welcher Diskurs als legitim gilt. Und wenn das der Ertrag der hohen (postmodernen) Philosophie ist, dann lohnt es – quasi offiziell – nicht, sich um die Bestrebung der zeitgenössischen Vertretern der Frankfurter Schule (z.B. Jürgen Habermas oder Karl-Otto Apel) zu kümmern, die noch davon ausgehen, daß eine argumentative, „konsensuelle“ Schlichtung moralischer, sozialer und politischer Konflikte grundsätzlich möglich sei. Aber während Lyotard und Habermas sich in einem agonalen Widerstreit befanden, der sie als führende Intellektuelle ihrer Zeit herausstellte, scheint auch dieses letzte Aufscheinen der „Welt von gestern“ erloschen zu sein.

Im März dieses Jahres behauptete die israelische Soziologin Eva Illouz, dass mit dem Tode von Jürgen Habermas auch „das Gewissen Europas“ und das moralische Zeitalter, das er repräsentiert habe, gestorben sei. Das war natürlich Unsinn. Das Gewissen eines Kontinents (insofern es so etwas überhaupt gibt) kann nicht durch eine Einzelperson verkörpert sein. Was sie aber vielleicht meinte, ohne es so zu sagen, war, dass die Rolle, die der Intellektuelle Jürgen Habermas gespielt hat, sich überlebt hat. Nicht etwa, weil die Inhalte seines Denkens unstimmig seien, sondern weil die Zeit, in der er die Rolle des öffentlichen Intellektuellen verkörpern konnte, unwiederbringlich vergangen ist. Hundert Jahre nach „Der Verrat der Intellektuellen“ kann es keinen Verrat der Intellektuellen mehr geben, denn niemand erwartet von ihnen noch irgendetwas, das verraten werden kann.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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5 Kommentare

  1. „sondern allgemein für Menschen des Geistes – Philosophen, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und religiöse Denker)“

    „Religiöse Denker“ sind keine „Menschen des Geistes“ sondern Ideologen.

    „Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erkennt Benda einen Bruch: Intellektuelle beginnen, politische Leidenschaften nicht mehr zu kritisieren, sondern zu verherrlichen und verschreiben sich Nationalismus, Militarismus, Klassenkampf-Ideologien,“

    Heute sind es weniger „Klassenkampf-Ideologien“ von denen sich Leute verwirren lassen sondern Kulturkampf-Ideologien die bei Einigen das Zeug zwischen den Ohren weich machen.

  2. „Hundert Jahre nach „Der Verrat der Intellektuellen“ kann es keinen Verrat der Intellektuellen mehr geben, denn niemand erwartet von ihnen noch irgendetwas, das verraten werden kann.“
    Leider wahr!

    1. Warum sollten Intellektuelle vorm verdummen gefeit sein indem man plötzlich irgendwelchen Ideologien anhängt?

      Schau dir aktuell die ganzen Kulturkampf Sprallos an, total erbärmlich sind die die das mit einem Opferkult begründen weil ja die Gegenseite angeblich mal die Überhand hatte oder noch hat.

  3. Gibt es noch Intellektuelle im krieglüsternen Deutschland und auf welcher Seite stehen die?
    Ja, es gibt einige wenigeund mutige Intellektuelle die sich noch für Frieden einsetzen aber immer der Gefahr der unrechtmäßigen Sanktionierung ausgesetzt sind.

    Dann gibt es noch die die
    Schweigen und die die das Kriegssystem bewußt unterstützen.
    Letztendlich kommt es aber auf jeden Einzelnen an für sich zu entscheiden auf welcher Seite er steht oder stehen will, nicht nur unter Intellektuellen.

    Jeder muß für sich entscheiden ob er sich für den Frieden einsetzen will und es auch praktisch umsetzt oder die Kriegspolitik entweder durch Schweigen oder aktiver Mithilfe fördert.

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