
Eigentlich tritt das Wetterphänomen „el niño“ regelmäßig auf, alle 7 bis 8 Jahre, wenn sich im Äquatorialen Pazifik das Wasser erhitzt. Doch was in diesem Jahr nicht nur an der Pazifikküste, sondern auch im Cono Sur (im lateinamerikanischen Südkegel) passiert, schlägt alle bisherigen Rekorde, was die Heftigkeit angeht.
El niño heißt auf spanisch das Kind, gemeint ist das Christkind, weil es um die Weihnachtszeit herum besonders kräftig wird, um nicht zu sagen: verheerend. An den peruanischen Küsten sterben Meerestiere, Seevögel und Korallen, die Erwärmung des Meeres führt zum Absterben des Planktons, die Fischbestände gehen massiv zurück, weil die Fische nichts mehr zu fressen haben.
Aber auch in Chile kam es in diesem Jahr zu extremen Überschwemmungen und Erdrutschen, der Ausnahmezustand wurde verhängt. Und in Uruguay und Argentinien herrscht seit April Winterklima. Dort waren die Temperaturen Mitte des Jahres auf den Nullpunkt gesunken (worauf die Wohnungen nicht vorbereitet sind), und jetzt, im südamerikanischen Frühling, sollte das Quecksilber deutlich über 20 Grad klettern. Doch seit einem halben Jahr regnet es fast ununterbrochen, und der Himmel ist wolkenbehangen.
„Wo ist die Sonne geblieben?“ – fragt die argentinische Tageszeitung La Nación, entnervt. Denn das Ausbleiben von Wärme lässt nicht nur die Ernte mickrig ausfallen, das Fehlen von Sonnenlicht sorgt bei Menschen für Depressionen. Hatten bereits im letzten Jahr die Statistiken einen massiven Anstieg von Selbstmorden gemeldet, sind es in diesem Jahr noch einmal mehr, bisher 8.000 Fälle, drei Viertel davon sind Männer, vor allem Alte und Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren.
In Norden Argentiniens, wo der Paraná fließt, stehen ganze Landstriche unter Wasser. Die Menschen fliehen vor den gewaltigen Überschwemmungen in höhere Lagen, Schlauchboote werden zu Fortbewegungsmitteln, (giftige) Tiere und Kaimane dringen in die Wohngebiete ein. Und das Schlimmste des Christkinds steht noch bevor: November und Dezember. Werden die Dämme von Itaipú und Yacyretá diese Massen aushalten?
Die wirtschaftlichen Folgen sind immens, die Felder stehen unter Wasser, und ganze Rinderherden werden durch die überfluteten Weiden getrieben und irgendwo in höheren Lagen in Sicherheit gebracht. Die Lebensmittelpreise, die ohnehin schon teurer als in Deutschland sind, steigen. Der internationale Tourismus ist seit Mileis Amtsantritt am Boden, denn dank der Parität des Pesos zum Dollar sind die Preise in Restaurants und Hotels astronomisch; die Leute fahren eben woanders hin. Das Gastgewerbe setzte Hoffnungen in die Binnen-Urlauber. Aber wer will schon einen teuren Ferienaufenthalt in Mar del Plata buchen, wenn die Wettervorhersage Stürme voraussagt?
Nun kam diese Klimakatastrophe nicht aus heiterem Himmel, wie gesagt, alle paar Jahre kommt el niño. Und – rein theoretisch – hätte man sich darauf vorbereiten können. Doch in Zeiten neoliberaler Regierungen sind staatliche Eingriffe nicht gefragt, der Markt soll es richten – heißt immer noch die Parole, auch wenn der Markt und ausbleibende Regulierung zu erheblichen wirtschaftlichen und humanitären Einbrüchen führt.
Jetzt hat die oppositionelle, peronistische Provinzregierung von Buenos Aires angekündigt, Strafanzeige gegen den Präsidenten Javier Milei zu erstatten. Er soll die Finanzmittel des Wasser-Fonds (Fondo Hídrico) zweckentfremdet haben, nämlich zur Stützung des künstlich hochgehaltenen Peso-Kurses.
Laut Gesetz wird auf den verkauften Treibstoff eine Steuer in Höhe von 4,31 % erhoben, die diesen Wasser-Fonds speist. Damit sollen Dämme gebaut werden und Drainagen, um überflüssiges Wasser aus den von der Soja-Monokultur strapazierten Feldern abzuleiten. Dies ist seit Jahrzehnten ein Problem, und auch die peronistischen Regierungen haben nicht gerade durch eine professionelle Lösung dieser Aufgabe geglänzt, um es höflich auszudrücken. Das Geld ist also vorhanden, die Infrastruktur wurde trotzdem nicht verbessert, und seit Mileis Amtsantritt geht es nur noch extrem bergab.
Bei der Strafanzeige der Provinzregierung von Buenos Aires geht es um „Veruntreuung öffentlicher Gelder, Verletzung von Amtspflichten, ungerechtfertigte Verzögerung von Zahlungen sowie betrügerische Verwaltung zum Nachteil der öffentlichen Verwaltung“ durch die nationale Regierung. Nachweislich wurden 85 % der Gelder des Wasser-Fonds nicht für Bauten verwendet, sondern in Anleihen verwandelt, um die Staatskasse zu füllen. Die Opposition will auch das Thema der bereits beschlossenen Privatisierung der Wasserbehörde AySA erneut im Parlament auf die Tagesordnung setzen und gegen die geplante Tariferhöhung vorgehen. Ob die neuen privaten Eigentümer Verbesserungen planen, darf bezweifelt werden, ein Viertel aller Bewohner der Provinz verfügt nicht über Trinkwasser, 36 % nicht über Kloaken.
Laut Informationen des Instituto Argentina Grande, auf die sich die Strafanzeige stützt, sind seit 2024 die Wasserpreise um 555 % gestiegen und die Gewinne um 135 %, die Investitionen jedoch um drei Viertel gesunken. Im Dezember 2023, als Milei sein Amt übernahm, gab es immerhin 273 reale Infrastruktur-Projekte, die seitdem stagnieren, weil das Geld nicht zur Verfügung gestellt wird. Und auch die Katastrophen des diesjährigen Niño werden daran kaum etwas ändern. Der Markt wird es schon richten.
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https://www.nzz.ch/meinung/klimapolitik-ist-kein-naturschutz-ueber-ein-oekologisches-missverstaendnis-zulasten-der-arten-ld.10038415
wie Werner Herzog seine Kauzigkeit mit
„Die Fakten sind mir scheißegal, ich will die Wahrheit wissen.“
dokumentierte, hab ich mal eben etwas wichtigeres gefunden.
Das ist nun der Neoliberalismus in Aktion. Beziehungsweise Nichtaktion, denn gegen Gefahren wie diese tut er exakt nichts. Man hat nun 200 Jahre Erfahrung mit dem kapitalstischen System und es sah eine Zeitlang so aus, als ob das begriffen worden wäre.
Ist es nicht. Diese Generation muss allkes nochmal nreu lernen.
Wer die Kettensäge wählt, bekommt die Kettensäge. So schlimm, so erwartbar.
Vielleicht gibt es bei »Der Markt wird es schon richten.« einen schlimmen Schreibfehler:
„Es auf dem Markt schön richten.“ Das scheint plausibler, zumal es da historische Teilerfolge gibt.