Ukrainische Nationalisten: Großukraine und die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“

Großukraine wie man sie sich bei Asow vorstellt
Großukraine wie man sie sich bei Asow vorstellt. Bild: Rainshouse

Am 22. Januar wurde in der Ukraine der Tag der Einheit gefeiert. Auch an diesem Tag fanden die Jagdszenen der Rekrutierungsagenten auf Männer statt, die man im Westen lieber nicht wahrnehmen will, weil sie die Kriegsunterstützung in Frage stellen. Die ukrainische Regierung, die unter Druck der verbliebenen europäischen Geldgeber den Krieg fortsetzen will oder muss, um Russland zu schwächen oder zu binden, und daher kriegsbeendende Kompromisse hinausschiebt, braucht mehr Soldaten zum „heldenhaften“ Widerstand bzw. zum Opfern für das Vaterland und die europäischen Interessen . Aber die gibt es nicht mehr, also müssen diejenigen, die nicht aus dem Land flüchten oder sich anderweitig freikaufen oder drücken können, mit Gewalt an die Front geschleppt werden

Die Eliteeinheiten der ukrainischen Streitkräfte sind die zahlreichen Freiwilligenverbände, die es teilweise wie etwa Asow ablehnen, Zwangsrekrutierte in ihren Reihen aufzunehmen. Die stürzen sich nicht in die Kämpfe, untergraben die Kampfmoral oder desertieren. Die meist nationalistischen Freiwilligenverbände sind zwar pro forma in die regulären Streitkräfte oder in die Nationalgarde integriert worden, weswegen sie auch Gelder und Waffen erhalten, aber sie haben eine gewisse Selbständigkeit behalten und die Möglichkeit, eigenständig Soldaten zu rekrutieren und auszubilden sowie Gelder über Spenden einzutreiben.

Für die Zukunft der Ukraine nach einem Ende des Kriegs mit territorialen Kompromissen stellen die mit allen verfügbaren Waffen ausgerüsteten nationalistischen Verbände ein hohes Risiko für einen Putsch oder einen Bürgerkrieg dar. Sie wollen nicht nur einen vom Militär geprägten Staat, sondern hegen territoriale Eroberungspläne für eine Großukraine, die Teile vom heutigen Russland umfassen soll. Es wird auch nach einem Friedensabkommen weitergehen.

Am Tag der Einheit (Sobornist) wird die am 12. Januar 1919 erfolgte Ausrufung der Vereinigung der Ukrainischen Volksrepublik (Hetmanat) und der Westukrainischen Volksrepublik (Galizien, Bukowyna, Ungarische Rus) erinnert und wiederbelebt. Die Ukraine Volksrepublik bzw. der Ukrainische Staat war ein von Deutschland und Österreich-Ungarn unterstütztes Gebilde unter dem Großgrundbesitzer und General Pawlo Skoropadskyj, der ähnlich wie später Stepan Bandera in Deutschland Zuflucht fand. Die Unterstützung ukrainischer Nationalisten ist mithin kein neues Phänomen deutscher Politik. Die nur wenige Wochen existierende Groß-Ukraine oder die wiederbelebte Ukrainische Volksrepublik umfasste bzw. beanspruchte auch größere Teile Russlands und Weißrusslands.

Ich hatte schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass der imperialistische Traum von der Großukraine nicht nur bei nationalistischen Freiwilligenverbänden, sondern auch etwa bei Dmitri Jarosch, Kommandeur der Ukrainischen Freiwilligenarmee, und Kirill Budanov, bis vor kurzem Chef des Militärgeheimdienstes und von Selenskij befördert zum einflussreichen Chef des Präsidialbüros, also zur Spitze der Regierung, herumgeistert. Im Oktober 2022 hatte Jarosch erklärt: „Es ist an der Zeit, geopolitische Ansprüche auf die von den Russen besetzten ukrainischen Gebiete zu erheben: Ukrainischer Kuban; die ehemaligen Gebiete der Kosakentruppen von Don und Tersk; die Gebiete des Grünen Keils im Fernen Osten der Ukraine; Gebiet Woronesch; Gebiet Belgorod; südliches Gebiet Kursk; Gebiet Starodub, usw. Sobornist ist Sobornist!“ (Jarosch und der Rechte Sektor: Worüber man im Westen nicht mehr sprechen will).

Bei einem Gespräch mit Journalisten in seinem Büro hatte Budanov demonstrativ eine Karte an der Wand aufgehängt und abfotografieren lassen, auf der die Großukraine in dem von Jarosch genannten Umfang, aber auch ein in Teilen zerfallenes Restrussland zu sehen war. Auf die Frage „Wir haben in Ihrem Büro eine Karte des „zerstückelten“ Russlands gesehen. Darauf sind die Regionen Kursk, Belgorod und Kuban als Teil der Ukraine mit einem schwarzen Marker eingekreist. Ist dies die nächste Stufe nach dem Erreichen der Grenzen von 1991?“ antwortete Budanow ausweichend, aber suggestiv bejahend: „Jeder sieht, was er sehen möchte. Vielleicht ist es nur eine breite Markierung. Oder vielleicht nicht.“ (Der ukrainische Geheimdienstchef und die Eroberung russischer Gebiete).

Karte der Großukraine und des geteilten Russlands, die in Budanovs Dienstraum hing. Bild: Liga.net

Das ist beispielsweise Oleksiy Rains („Consul“), ein Asow-Freiwilliger, der jetzt auch als Soldat in der 3. Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte, eine Asow-Brigade, kämpft, bezeichnet sich als „Ideologe des ukrainischen Nationalismus“ und hat zur Verbreitung der Ideologie den Verlag Rainshouse gegründet. Dort wird „Literatur zur Geschichte und Praxis des ukrainischen Nationalismus“ angeboten, aber auch Bekleidung und andere Dinge „mit einer stark rechtsextremen Ästhetik“, wie es auf der Website des Verlags heißt. Als Logo dient ein Umriss der Großukraine, eben ist das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ erschienen: „Es legt die historische, geopolitische und ideologische Rechtfertigung für die Notwendigkeit des ukrainischen Imperialismus als einzige Existenzform der Ukraine in der modernen Welt dar. Im Kern ist es ein Manifest des Irredentismus“, heißt es zur Werbung. Und Rains hat zahlreiche Karten der Großukraine gesammelt und die von ihm präferierte präsentiert. Bandera ist natürlich ein Idol.

Zum Tag der Einheit schreibt der „0ffizielle Kanal des 1. Korps der Staatlichen Asow-Universität“: „Der Kampf für eine vereinte und souveräne Ukraine begann und endete nicht 1919. Er wurde stets fortgesetzt: in den dunkelsten Zeiten, trotz des Klirrens der Ketten und der Gewalt der Repression; in scheinbar friedlichen Zeiten, als den Ukrainern begrenzte Freiheiten gewährt wurden, die ihnen bei Ungehorsam jederzeit wieder entzogen werden konnten. Er endete nicht 1991 mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Ukraine. Der Kampf für die Einheit der Ukraine dauert bis heute an.“ Zusammen mit Rainhouse wird für die Großukraine geworben.

Das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ mit der Großukraine.

 

Das nach dem 1941 mit ukrainischen Freiwilligen gegründete und an Pogromen beteiligte Nazi-Bataillon benannte Nachtigal-Bataillon, das dem Kommando von Yevhen Karas, dem Führer der NeonazigruppeC14, unterstand, wurde kurz nach dem Tag der Einheit in das Asow-Korps aufgenommen (Selenskij verleiht bekanntem Neonazi Yevhen Karas hohen militärischen Orden). Das Emblem von Asow ist die Wolfsangel, das Zeichen der Waffen-SS, was aber damit angeblich gar nichts zu tun haben soll. Gleichwohl bekennt sich das Bataillon zum Nazi-Bataillon und dessen Führer: „Wir tragen ehrenvoll den Namen der Einheit, die Roman Schuchewytsch anführte. Wir halten die Stellung, verherrlichen seinen Namen und besiegen denselben Feind, gegen den er uns zum Kampf befahl.“ Geografisch gibt man sich bescheidener: An diesem Tag im Januar 1919 „erklärten wir unser Recht, Herren unseres eigenen Landes zu sein – von den Karpaten bis zu den Müllhalden des Donbass, von den Wäldern Polissyas bis zur Küste der Krim. Wir sind die Nachkommen jener, die von einem vereinten Staat träumten, dafür kämpften und ihn aufbauten, und wir sind es, die ihn nun schützen müssen.“

Obgleich Selenskij auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU drängt, sind die ukrainischen Nationalisten, die der Präsident ehrt, über die er aber nicht spricht, nicht von der verweichlichten, kriegsunwilligen und liberalen EU angetan. Das hat Jarosch zum Tag der Einheit wieder einmal in seinen „geopolitischen Gedanken“ betont: „Die Europäische Union in ihrer heutigen Form ist für uns Ukrainer völlig unnötig. Unser Staat Ukraine könnte im Falle eines Waffenstillstands zum Zentrum einer neuen militärisch-politischen Allianz werden.“

Nach dem Krieg sieht Jarosch die Stunde der Freiwilligenverbände, aus denen Militärunternehmen entstehen, die sie bereits mehr oder weniger sein: „Die Streitkräfte der Ukraine sind die Grundlage eines neuen europäischen Militärbündnisses. Zukünftige ukrainische private Militärunternehmen unter der Kontrolle der ukrainischen Geheimdienste sind ein wichtiger Faktor für die geopolitische Entwicklung des Staates.“ Die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“ ist das angestrebte Ziel. Dafür muss Russland der Feind bleiben, der vernichtet werden müsse: „Solange Ерефія (Erefia oder die Russische Föderation) existiert, werden wir gezwungen sein, zu kämpfen oder uns auf den Krieg vorzubereiten. … Erefia muss vernichtet werden.“

Das sind Fantasien von Rechten, die vor allem seit 2014 ausgebrütet werden und sich durch den offenen Krieg in den Kreisen um die zahlreichen Freiwilligenverbände verstärkt haben. Die westlichen Unterstützerstaaten fördern diese mit rechten Parteien und Bewegungen in Europa vernetzten Strukturen, weil sie entscheidend für die Aufrechterhaltung des erwünschten Kampfeswillens sind. Aber es ist schon lange absehbar, dass die von Rechtsnationalisten und Neonazis angestrebte Militarisierung der Gesellschaft zu Konflikten führen wird, zumal wenn die Ukraine in die EU aufgenommen werden sollte (Bürgerkrieg oder Destabilisierung der Gesellschaft bei Rückkehr der Veteranen von der Front).

 

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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11 Kommentare

  1. Zu dem was gestern in der West Bank passiert ist:
    Im Video im Link können Sie sehen wie Hr.Abu Ayoub in Fakhit von den Siedlern mit Stöcken geschlagen wird. Es wurde eine Notfalloperation durchgeführt. Er liegt mit Schädelbruch im Krankenhaus.

    „Hören wir auf, es Siedlergewalt zu nennen. Es ist Siedler-TERROR. Diese Kriminellen treiben ungestraft ihr Unwesen im Westjordanland, und die Welt schweigt dazu.“
    Francesca Albanese
    https://x.com/FranceskAlbs/status/2016637010417533233

  2. „Am Ende wird nicht die EU die Ukraine europäisch machen, sondern die Ukraine wird Europa ukrainisieren.“
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=145515

    Sobald sie die Mitgliedschaft der EU in der Tasche haben, werden die ukrainischen Nationalisten aus ihren Löchern kriechen und ihre Forderungen auf den Tisch legen.
    Ich hoffe, dass die EU-Staaten noch soviel Restverstand haben (die Balten mal ausgenommen), dass sie ihr Vero gegen die
    ukrainische Mitgliedschaft einlegen.

  3. Es wäre doch so langsam besser, keine Waffen mehr in die Ukraine zu schicken. Es wird uns
    sonst so gehen wie den Ammis in Afghanistan, die nach der Übernahme durch die Taliban
    mit den US Waffen selbst beschossen wurden. Es scheint, dass die Russen schon genau
    wußten, warum sie die Sonderoperation gestartet haben. Wenn der Westen glaubt, dass
    es einen Frieden mit der Ukraine gibt, ohne das die entmillitarisiert und von den Nazis befreit
    ist, dann wird er, wenn er weiter alles an Waffen liefert, bis bis die letzte Oma ihr Erspartes
    dafür verpulvert hat, wieder auf den Stand der Anfänge der Industriellen Revolution zurückkehren.

    1. Die „Omas“, sicherlich meist gut versorgte Beamtenehefrauen, sagen gar nichts dazu. Ihnen fehlen die geistigen Voraussetzungen für kritische Betrachtungen.

  4. Ach, die Ukreiner sind schon Witzfiguren. Auch das 1919 bzw. ihre Staatsgründung überhaupt haben sie nicht aus eigener Kraft geschafft.

  5. Wie soll es jemals zu einer „gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur“ kommen,

    https://www.youtube.com/watch?v=3creQClHIhQ
    Dmitry Poljanskiy: Frieden erfordert eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur

    solange EUropa

    den ‚baldigen‘ Beitritt der Ukraine, möglicherweise schon 2027, als Joker im Ärmel behandelt?

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=145515
    Wird die EU-Mitgliedschaft der Ukraine Russlands größte Niederlage?
    „Ist die angestrebte Mitgliedschaft der Ukraine in der EU in Wahrheit eine „NATO durch die Hintertür“? Angesichts der militärischen Neuausrichtung Brüssels warnt der ungarische Diplomat und Botschafter a. D. György Varga vor einer massiven Fehlkalkulation Putins, der die EU-Mitgliedschaft Kiews bislang als zweitrangig einstufte. In einer Ära, in der sich die USA finanziell zurückziehen, droht Russland laut dem langjährigen Experten für den postsowjetischen Raum die dauerhafte politische und wirtschaftliche Isolation durch ein militarisiertes Europa.“

    Die Russische Föderation wird ein Szenario „dauerhafter, politischer und wirtschaftlicher Isolation“ so oder so nicht verhindern können, selbst wenn sie den Krieg bis zur völligen territorialen Übernahme der Ukraine und vor allem bis zur völligen ‚Unschädlichmachung‘ der na(z)ionalistischen Bataillone führte. Das würde paradoxerweise die EU-Finanzen vor unkalkulierbaren Beitrittskosten bewahren, etwas, das eigentlich im Sinne der EU-Landwirte und Steuerzahler sein müsste, andererseits der EU einen finanziellen Spielraum für beispiellose Aufrüstung schaffen.

    Auch ein auseinanderbrechendes EUropa wäre kaum für eine „gesamteuropäische Friedensarchitektur“ zu gewinnen, zu groß die Versuchung in FR und D plus UK, mit Aufrüstung ein ökonomisches Restüberleben sicherzustellen.

    Wie man es auch drehen und wenden möchte, die geopolitischen Zukunftsaussichten auf dem europäischen Kontinent sind mit dem vorhandenen politischen Personal zappenduster.

    b)

  6. In gewissem Sinne ist der gegenwärtige Krieg eine Fortsetzung des russischen Bürgerkriegs. In Russland ereignet sich eine demografische Katastrophe. Russland wird bald zum Rückzug gezwungen sein.
    Bitte klicke auf „Lebensreformer“.

  7. Mit der Ukraine in der EU ist der wirtschaftliche Kollaps Europas unabwendbar. Es mag dann noch ein paar Investoren aus anderen Kontinenten geben, die den Rest aussaugen, aber das Gebilde EU mit der Ukraine wird dem 3. Reich ähneln, allerdings ohne dessen damals durchaus vorhandener Wirtschaftskraft. Und weil das auch unsere „Demokraten“ wissen, werden bereits die Vorkehrungen mit Abschaffung von Arbeitnehmerrechten und Vertiefung von Zensur geschaffen. Mit Asov & Co. als Kämpfer und Rheinmetall & Co. als Waffenlieferanten malt man sich Chancen aus, Russland zu zerschlagen und die BRICS niederzuringen. Die Betonung liegt bei „ausmalen“, also so etwas, was Kindergartenkinder auf Papier tun und was dann irgendwann doch mal im Papierkorb landet. Europa hat fertig, weil es die Europäer mehrheitlich so wollen.

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