
In der Ukraine wird zunehmend der extreme Nationalismus mit seinen Helden gefeiert, die teils mit den Nazis kollaboriert haben. Auch in manchen ukrainischen Freiwilligenverbänden werden ganz offen Nazi-Symbole verwendet oder auf die Haut tätowiert, auch wenn das in Europa seit Kriegsbeginn ausgeblendet wird. Der wegen der Korruptionsskandale angeschlagene Präsident Selenskij hat im März gemeinsam mit seinem neuen Präsidialamtschef und Ex-Geheimdienstchef Budanow eine Initiative gestartet, die „Helden, die für die Unabhängigkeit unseres Landes kämpften und in anderen Staaten beerdigt wurden“, heimzuholen und in der Ukraine in einem Pantheon prominenter Ukrainer zu begraben. Man habe bereits 98 Gräber von Ukrainern in 21 Ländern identifiziert. Das könnte dann leicht unübersichtlich werden.
Für Selenskij dient die Aktion vermutlich als Geste für die Rechtsnationalisten in der Bevölkerung und vor allem in den weiter kampfwilligen Freiwilligenverbänden, die ihm bei einem unbefriedigenden Friedensabkommen oder Kriegsende gefährlich werden könnten („Der jüdische Präsident und sein ‚Arier‘-Soldat mit SS-Runen“). Zudem soll angesichts der massiven Korruption, die nicht nur engste Vertraute von Selenskij betrifft, sondern wahrscheinlich auch ihn selbst, die nationale Einheit beschworen werden.

Wer alles heimgeholt werden soll, ist noch nicht bekannt, Selenskij hat jetzt die ersten Namen genannt – und die lassen schon aufhorchen. Am 19. Mai gab Selenskij bekannt, dass Vorbereitungen für die Rückholung von Leutnant Yevhen Konovalets (1891–1938) und Andriy Melnyk (1890-1964), dem Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), und seiner Frau Sofia begonnen wurden: „Wir holen sie nach Hause. Wir haben sowohl die Möglichkeit als auch die moralische Pflicht, sie hier in der Ukraine, in ihrer Heimat, wieder zu bestatten. Ein entsprechender Prozess wurde nun für Oberst Andriy Melnyk und seine Frau Sofia eingeleitet – zwei ikonische Persönlichkeiten der Ukraine des 20. Jahrhunderts, die hoch geachtet sind.“
Die Melnyks sind in Clervaux (Luxemburg) begraben, ihre Überreste wurden bereits am 19. Mai exhumiert. Gestorben ist Melnyk in Köln. Bohdan Chervak, erster stellvertretender Leiter des Staatlichen Komitees für Fernsehen und Rundfunk und Vorsitzender der noch existierenden OUN, ließ sich neben dem neuen Sarg mit der OUN- und der ukrainischen Flagge abbilden und schrieb feierlich-schwülstig: „Die höchste Ehre wurde dem Oberst von der unabhängigen Ukraine zuteil. Zur Exhumierungszeremonie waren bevollmächtigte Vertreter der ukrainischen Behörden angereist: vom Büro des Präsidenten der Ukraine, vom Außenministerium der Ukraine und vom Ukrainischen Institut für Nationales Gedenken. Der ukrainische Staat, dem er sein Leben im kompromisslosen Kampf um die Unabhängigkeit gewidmet hatte, erwies dem großen Oberst die letzte Ehre. Zweifellos ist dies ein historisches Ereignis. Die Ukraine holt nicht nur ihre Helden zurück, sondern zeigt der ganzen Welt, dass das historische Gedächtnis, die Würde und die Ehre der Nation für sie an erster Stelle stehen.“ Die Welt, zumindest die europäischen Unterstützerstaaten, sollten wahrnehmen, wen und was die Ukraine „an erster Stelle“ verehrt.
Die 1929 gegründete OUN führte zunächst in Galizien und Polen Terroranschläge aus, ermordete 1934 den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki und kooperierte dann mit der Abwehr der Nazis 1939 gegen Polen und 1941 gegen die Sowjetunion. 1940 zerfiel die OUN in zwei Organisationen: die OUN-M, aus der die Freiwilligen für die Waffen-SS-Division „Galizien“ kamen, geführt von Melnyk (SS-Division „Galizien“ als Werbepartner der Armee-Mobilisierung) und die OUN-B geführt von Stepan Bandera, deren Mitglieder sich in die Bataillonen „Nachtigall“ und „Roland“ einreihten. Bandera, beerdigt in München, ist sicher einer der in der Ukraine bewunderten „Helden“, die auch ins Pantheon geholt werden dürften.
Melnyk (1890-1964) wurde 1938 OUN-Chef, nachdem sein Vorgänger und Freund Jewhen Konowalez, dessen Überreste auch in die Ukraine verfrachtet werden sollen, in Rotterdam ermordet worden war. Melnyk kämpfte im Ersten Weltkrieg in der Ukrainischen Legion bei den Sitsch-Schützen mit der österreichisch-ungarischen Armee, geriet 2016 in russische Gefangenschaft. Er kurzzeitig Oberst in der Armee der Ukrainischen Volksrepublik (1917-1921). Er war Gründungsmitglied der Ukrainischen Militärischen Organisation (UVO), einer militanten Untergrundgruppe, die den bewaffneten Kampf gegen Polen fortsetzte und Terrorakte sowie Attentate verübte. Von 1924-1928 saß er deswegen in Polen im Gefängnis.
Melnyk war Anhänger der Natsiokratiia und kooperierte mit den Nazis, wurde dann aber von den Nazis von 1941 bis 1944 unter Hausarrest gestellt und anschließend kurzzeitig im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Auch Bandera wurde als Sondergefangener inhaftiert, weil die Nazis einen unabhängigen ukrainischen Staat zu verhindern versuchten, Melnyk scheint jedoch die besseren Beziehungen zu den Nazis gehabt zu haben. Er soll aber trotz seiner faschistoiden Ideologie und dem Ziel einer ethnisch reinen Ukraine die von OUN-B begangenen Pogrome nicht unterstützt haben. 1945 zog Melnyk nach Luxemburg. Die OUN gibt es immer noch, Melnyk war auch einer Initiatoren des Weltkongresses der Ukrainer.
Begraben wird Melnyk (zunächst?) am 24. Mai auf dem im August 2025 eröffneten National Military Memorial Cemetery nahe Kiew, der in einem Naturschutzgebiet des Smaragd-Netzwerks der Berner Konvention gebaut wurde. Die Feierlichkeiten beginnen bereits am Freitag mit Gottesdiensten, heute traf die Asche der beiden in Särgen in der Ukraine ein, sie wurden mit militärischem Pomp in Empfang genommen. Vize-Chefin des Präsidentenbüros Iryna Vereshchuk schrieb: „Die Initiative des Präsidenten zur Schaffung des Nationalen Pantheons der Helden ist ein wichtiger Bestandteil bei der Schaffung neuer Traditionen des nationalen Gedenkens und der Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit. Wir holen nicht nur bedeutende ukrainische Persönlichkeiten zurück, die im Ausland begraben sind. Wir geben der Ukraine ihr historisches Gedächtnis, ihre Kontinuität und ihre Helden zurück.“ Es soll also der Nationalstaat neu auf dem Gedenken der Nazi-Kollaborateure begründet und das historische Gedächtnis weißgewaschen werden (Der ukrainische Nationalismus).
Wo das Pantheon als Kult. und Pilgerstätte des neu-alten Nationalismus gebaut werden soll, ist noch nicht entschieden. Oleksandr Alfyorov, der Leiter des Nationalen Instituts der Nationalen Erinnerung und ehemaliger Asow-Offizier, sagte: „Das Pantheon ist kein Friedhof im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr ein Ort des historischen Gedenkens und der nationalen Identität. Es wird ein Ort für die Besten sein.“
In Polen sieht man Melnyk als Anführer und Ideologen der OUN mitverantwortlich für die für die Verbrechen der OUN und UPA, auch wenn vor allem die Bandera-Fraktion den Völkermord an Polen in Wolhynien und Ostgalizien begangen haben. Das polnische Institut für Nationale Erinnerung erklärt: „Die OUN und die UPA sind keine Organisationen, denen man Ehre erweisen sollte. Ihre Aktivitäten beruhten auf Terror und ethnischen Säuberungen, nicht auf Werten, die als Grundlage eines freien und demokratischen Staates angesehen werden können.“
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Tja. Eigentlich eine gute Sache. Dass etliche der Leute in Deutschland liegen, was zu latenten Pilgerstätten führte, fand ich bisher nervig.
Hier um die Ecke gibt es einen Friedhof, auf dem (vermutlich) seit 2022 immer eine ukrainische Fahnen in einem Eck steht. Nachdem die anderen ukrainischen Fahnen schon seit geraumer Zeit aus dem sonstigen Stadtbild verschwunden sind, eine Chance nun auch für den Friedhof.
Wenn man will dass die Ukrainer der Welt ein angemessenes Bild von/für sich selber zeichnen, heißt, zwanglos alles raus darf, was raus will, muss man sie machen lassen. Das geht am Besten daheim.
Prinzipiell eine gute Sache. Banderas Grab in München ist hoffentlich auch bei den Heimholungen. Weg damit.
Der Autor schreibt :
„Bandera, beerdigt in München, ist sicher einer der in der Ukraine bewunderten „Helden“, die auch ins Pantheon geholt werden dürften.“
Das ist eine gute Nachricht !
Friedrich Merz hat eine Idee, die Ukraine soll den Status eines „assoziierten Mitglieds“ der Europäischen Union werden.
Na dann kommt ja endlich zusammen was zusammen gehört. Deutschland bezahlt die Rückführung der faschistischen „Helden“
und die EU-Kommissarin kann, wenn die Rest-Ukraine in Brüssel angekommen ist, aus den Reihen der OUN, die es ja noch gibt,
endlich ihren „europäischen Geheimdienst“ einrichten, für „Innen und Aussen“ versteht sich.