Über den Angriff auf das Kiewer Höhlenkloster

Das brennende Dach der Kathedrale. Bild: DSNS

Vor dem G7-Gipfel versuchte der ukrainische Präsident Selenskij noch einmal eine Propagandaaktion, Russland half ihm mit einem massiven Angriff. Seit längerem läuft die Kampagne, um die Unterstützung der europäischen Länder für eine Fortsetzung des Kriegs zu gewährleisten, dass die Ukraine derzeit auf dem Schlachtfeld Russland überlegen sei und mit den Drohnenangriffen vor allem auf die Energieinfrastruktur schwäche. Die zweite Schiene ist, dass Russland terroristisch zivile Ziele angreift, eine Argumentation, die auch die russische Seite pflegt, seitdem die Ukraine vermehrt Ziele im russischen Hinterland angreift. Beide Seiten sehen ihre Aktionen als Reaktion auf die Angriffe der anderen Seite. Kiew braucht dringend mehr Geld, da man bei der „Transformation“ des Militärdienstes auch mit Gewaltanwendung nicht mehr ausreichend Männer mobilisieren kann und jetzt auf massenhafte Rekrutierung von ausländischen Söldnern und eine höhere Bezahlung setzt.

In der Nacht zum Montag haben russische Truppen Kiew, Charkiv, Dnipro und andere Orte in der Ukraine mit Raketen und Drohnen angegriffen. Der Angriff soll mit 70 Raketen und 611 Drohnen erfolgt sein. Die ukrainische Luftwaffe berichtet, es seien 50 Raketen, fünf von sechs 3M22-Zircon-Hyperschallraketen, 15 von 34 Iskander-M/S-400-Raketen und alle 30 Kh-101/Iskander-K-Marschflugkörper, und 582 Drohnen abgeschossen oder abgewehrt worden. Ob das stimmt, vor allem was die Zircon betrifft, lässt sich nicht überprüfen. 20 Raketen und 27 Drohnen, heißt es weiter, hätten 42 Ziele getroffen, Trümmer von abgeschossenen Drohnen seien in 12 weiteren Gebieten heruntergefallen. Kiews Bürgermeister Klitschko berichtete allerdings von 50  Orten mit Schäden und Bränden allein in Kiew. Die Differenz weist bereits auf die Unzuverlässigkeit der Zahlen hin. Angeblich wurden die Zircon mit Patriot-Abfangraketen abgeschossen, die kurz zuvor, so Selenskij, geliefert worden seien.

Der ukrainische Präsident will natürlich den russischen Angriff für das Treffen auf dem G7-Gipfel ausbeuten und als Beweis für das „russische Barbarentum“ darstellen. Besonders die Brandbeschädigung der Maria-Entschlafens-Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters (Lavra) will er als gezielten Angriff mit einer Drohne auf die „ukrainische Identität“ und auch gleich auf das Christentum darstellen. Präsentiert werden vom Geheimdienst SBU Drohnenteile angeblich von einer Geran-2. Allerdings sprach er nicht explizit von einem direkten Angriff auf die Kathedrale, sondern davon, dass zwei Drohnen “den Teil Kiews angegriffen haben, in dem sich die Lavra und das Mystetskyi Arsenal befinden“. Wenn eine davon abgeschossen wurde und Teile auf die Kathedrale fielen, könnte man eigentlich nicht von einem Angriff auf Lava sprechen, schon gar nicht von einem gezielten.

Die tagesschau griff am 15. Juni die Suggestion von Selenskij auf. Er habe im Zusammenhang mit der Lavra von einem „gezielten Angriff“ gesprochen. Vassili Golod trieb das noch weiter und sprach von der Kathedrale: „zerstört durch eine russische Drohne“. Weiter im unkritischen Duktus der ukrainischen Regierung: „Museen, Kulturzentren, Klöster: Russland greift verstärkt die Orte an, die für die historischen Wurzeln der Ukraine stehen.“

Präsident Selenskij besuchte am 15. Juni die beschädigte Kathedrale. Bild: president.gov.ua/CC BY-ND-NC-4.0

Die Bilder von der brennenden Kathedrale zeigen allerdings weniger, dass eine Drohne in sie eingeschlagen ist, sondern eher, dass vielleicht ein Teil einer abgeschossenen Drohne auf das Dach gestürzt ist. Man vermisst in den ukrainischen Angaben in aller Regel Informationen darüber, welche Orte oder Gebäude direkt angegriffen wurden und welche durch abgeschossene Raketen- oder Drohnenteile beschädigt wurden. Geheimnis bleibt auch stets, welche militärische Anlagen getroffen wurden, es werden nur die zivilen Opfer und Schäden herausgestellt. Typisch dafür etwa Klitschko: „Der Feind griff Wohnhäuser, Infrastruktureinrichtungen und Betriebe an, ebenso wie Kiewer Heiligtümer.“ Selbstverständlich bleibt Russland auch für Schäden durch herabfallende Teile verantwortlich, aber Abschüsse über einer Stadt riskieren immer auch Schäden. Das ist stets eine Abwägung zwischen dem Schutz von militärischen Anlagen und dem Kollateralschaden. Wobei der Kollateralschaden, zynisch gesagt, propagandistisch ausgebeutet werden kann.

Russland pflegt ebenfalls die strategische Kommunikation. Aus dem Verteidigungsministerium heißt es, man habe mit „hochpräzisen“ Raketen und Drohnen nur militärische Ziele in Kiew und anderswo angegriffen. Die militärischen Ziele in Kiew werden aufgezählt. Welche nicht getroffen wurden und was beschädigt wurde, erfährt man auch nicht, es wird nur behauptet, alle Ziele seien getroffen worden. Abgestritten wird, die Lavra angegriffen zu haben, die Kathedrale sei vielmehr von einer fehlgegangenen Patriot-Abwehrrakete getroffen worden, was aber auch kaum mit den von ukrainischen Behörden veröffentlichten Bildern des Brandes auf dem Dach zu vereinbaren ist. Ein größerer Einschlag ist nicht zu sehen oder wird nicht gezeigt. Ein Grund könne sein, suggeriert ohne jeden Beleg das russische Verteidigungsministerium, dass der Ukraine alte Patriot-Abwehrraketen mit abgelaufenem Verfallsdaten von europäischen Staaten übergeben worden seien, die nicht mehr zuverlässig funktionieren.

Trotz der suggestiven Berichterstattung etwa der tagesschau, der Details von ukrainischen Behörden entweder vorenthalten werden oder die daran nicht interessiert ist oder völlig unkritisch die Informationen der ukrainischen Behörden wiedergibt, wissen wir nicht, was tatsächlich geschehen ist.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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12 Kommentare

  1. Der Overton-Artikel „Die Heldenverehrung der ukrainischen Nationalisten: „Ob es jemandem passt oder nicht – scheiß drauf“ vom 11. Juni 2026 von Florian Rötzer mit 58 Kommentaren ist nicht mehr verlinkt.
    (Man muss zwei mal auf „Mehr Beiträge klicken, dann kommt die Headline „Heldenverehrung …“
    Er erscheint zwar mit der Überschrift aber der Link führt zu Olaf Scholz von 2024.
    https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/56446/
    Das ist die Adresse des Link unter dem Artikel „Heldenverehrung …“
    Was ist denn da passiert?

  2. Es war vermutlich ein gezielter Angriff, allerdings ebenso vermutlich nicht durch Russland – zumal die Ukraine bereits in der Vergangenheit gegen Mönche ebendieses Klosters vorgegangen ist.

    1. Nein, es gibt auch andere Möglichkeiten: z.B. ein Dachstuhlbrand
      ausgelöst durch ein nicht kontrollierbares Feuerwasserbrennen, was
      sonst sonst machen diese Klosterbrüder unter ihren Klosterdächern?
      Dabei ist es egal ob ukrainische oder prorussische Alkis.

  3. Stand nicht gerade das Höhlenkloster bis zum Schluss für das inzwischen verbotene Bekenntnis zum Moskauer Patriarchat? Welchen Sinn sollte demnach eine gezielte Vernichtungaktion machen? Aber es passt in die Diktion von der gezielten Vernichtung des ukrainischen Volkes (bei gut 16.000 zivilen Toten nach mehr als vier Jahren). Und dann machen die blöden Russen das wieder (wie angeblich in Butscha) vor einem Gipfel der Selenski-Freunde … Denen ist wirklich nicht mehr zu helfen.

  4. Gestern wurden unvorsichtigerweise die auch die Selbstaufnahmen der Fotografen veröffentlicht, die sich schon am späten Nachmittag auf dem Dach eine Strasse vor der Kirche aufgebaut hatten. Mehrere Trupps haben sich gegenseitig geknipst wie sie fest aufgebaut, mit mehreren Stativen auf die Kirche gerichtet auf ihren Klappstühlen sitzen und warten.

  5. Russland greift verstärkt die Orte an, die für die historischen Wurzeln der Ukraine stehen. ….?!?!?!?!? Hat Russland das neue Ehrengrab für den exhumierten Melnyk bombardiert ? Der doch eine der ukrai –
    nischen Wurzeln ist

  6. Das Kiewer Höhlenkloster wurde 1051 gegründet und ist eines der ältesten Klöster der Kiewer RUS. Es umfaßt um die 140 Gebäude, und die zum Moskauer Patriarchat gehörende Ukrainisch-Orthodoxe Kirche hatte dort die Leitung, bis sie 2024 durch die ukrinische Regierung vertrieben wurde.
    Und diese Einrichtung, die zu einer der wichtigsten der orthodoxen Christenheit gehört, soll von Russland gezielt als „Angriff auf unsere Geschichte“ (Zelensky) beschossen worden sein? Das können sie vielleicht den bildungsfernen und geschichtsvergessenen westlichen Politkern erzählen.

  7. Das Höhlenkloster samt Kathedrale ist ein bedeutendes Denkmal der russisch (!!!!) orthodoxen Kirche, nicht der neuen Staatskirche Selenskis, in deren „Eigentum“ es vom Kiewer Regime zwangsweise übertragen wurde, und um das nach wie vor gestritten wird. Schon aus diesem Grund wird das russische Militär keinen gezielten Angriff darauf ausführen. Das sollte jedem denkenden Menschen klar sein – was „Journalisten“ der deutschen „Qualitätsmedien“ logischerweise ausschließt. Die erzählen einem ja auch regelmäßig, die Russen würden sich im AKW Saporoschje selber beschießen.

    Vorwürfe des Staatskirchen-Chefs, Russland wolle „mit dem Angriff die ukrainische Geschichte auslöschen“ sind derart absurd, daß es wehtut, sowas im deutschen Fernsehen sehen zu müssen.

    Denkbar ist der Absturz einer (oder mehrerer) von der Luftabwehr getroffenen russischen Drohne(n), oder Teilen davon, wofür auch der Schaden im Dachbereich spräche. Oder aber wie beim Kinderkrankenhaus vor Jahren der Einschlag einer Abwehrrakete selbst. Die Dinger kommen ja letzten Endes auch immer wieder irgendwo runter.
    Leider ist auch eine ukrainische False Flag nicht völlig auszuschließen, ich halte dies jedoch für eher unwahrscheinlich.

  8. Dass es sich um eine gelungene Propagandaaktion handelt, ist nur schon aufgrund der Koinzidenz mit dem G7-Gipfel wahrscheinlich. Nach Beweisen für die ukrainische Version fragt im Westen ja garantiert keiner.

  9. „Das Kiewer Höhlenkloster gilt als inoffizieller Hauptort der ost­slawischen Orthodoxie. Im März erläuterte Kyrill, Patriarch von Moskau und ganz Russland, die Bedeutung des Kiewer Höhlenklosters für die Rechtgläubigen: „Dieses Kloster ist der Ursprung der gesamten geistlichen Mönchs­tradition der Völker Russlands, der Ukraine und Belarus. Es ist die Wiege unserer Zivilisation und nationalen Kultur. Hier wurde die erste historische Denkschrift der Alten Rus geschrieben – die erste Chronik, hier nehmen die Schriftsprache und die Literatur unserer Völker ihren Anfang.
    Das Kiewer Höhlenkloster liegt im Zentrum Kiews und wurde 1051 gegründet. 1688 erhielt es den Status einer Lawra. Das Mariä-Entschlafens-Kloster in Potschajiw befindet sich im westukrainischen Gebiet Ternopol. Es wurde im 13. Jahrhundert gegründet und erst im Jahre 1833 zur vierten Lawra des Russischen Reiches. “

    https://mdz-moskau.eu/das-kiewer-hoehlenkloster-kampf-um-die-heilige-erde/

    und jetzt soll Russland absichtlich und voellig boese das Kloster mit Raketen und Drohnen und und und angegriffen haben, schwer zu glauben, jedenfalls bedarf dies einer genaueren Untersuchung, wenn man die in Kiew ueberhaupt zulaesst!
    Dazu sind aber weder die Ukrainer, noch die Unterstuetzer bereit, es passt so schoen alles zum Gipfeltag in Evian/France
    https://mf.b37mrtl.ru/deutsch/images/2026.06/article/6a31268748fbef27e5788c2f.jpg
    Die Selbstdarsteller am Gipfeltisch, zum Kotzen!

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