Trump-USA: Platon ist für Philosophiestudenten zu woke

Das Gastmahl des Plato. Gemälde von Anselm Feuerbach (1873), Alte Nationalgalerie, Berlin
Das Gastmahl des Plato. Gemälde von Anselm Feuerbach (1873), Alte Nationalgalerie, Berlin. Bild (Ausschnitt): Google Arts and Culture/gemeinfrei

Die Trump-Regierung wird beherrscht von rigoroser Machtpolitik und nationalem Interesse, sowie von einem paranoiden Vernichtungskreuzzug gegen alles, was sie als woke ansieht. Man kann an Teufelsaustreibung denken. Dazu gehören alle Formen der Förderung von und der Hilfen für gesellschaftlich Benachteiligte. Alles, was irgendwie Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion beinhaltet, wird verbannt.

Gelten soll angeblich nur das Leistungsprinzip und der ungebremste Egoismus, als ethisch gilt die buchstäbliche und sippenhafte Nächstenliebe, also zuerst man selbst, dann die Familie, dann die Region und die Nation. Darüber hinaus verliert sich die Nähe zur Gleichgültigkeit bis Feindschaft, wie sich das an der brutalen Praxis der Massenabschiebung oder der Exekution von angeblich Drogenschmuggelverdächtigen sehen lässt.

Der anti-woke Impetus nimmt durchaus groteske Züge einer Teufelsvertreibung an. Selbst Passagen aus Platons Dialog Symposion, eine gewisse Zeit vor den Woken verfasst, sind ihm jetzt zum Opfer gefallen und sollen nicht mehr an der Texas A&M University, eine der größten öffentlichen Unis, von Philosophieprofessor Martin Peterson gelehrt werden. Bei den beanstandeten Stellen handelt es sich um die Ausführungen von Diotima über den Eros und den Mythos von Aristophanes, nachdem Zeus die ursprünglichen Kugelmenschen mit vier Händen und Füßen und zwei Gesichtern, die es in Form von drei Geschlechtern gegeben hat, in zwei Hälften geteilt hat, die dann homo- oder heterosexuell. Das ist einfach zu viel Wokeness für die USA im 21. Jahrhundert.

Kristi Sweet, Vorsitzende der Philosophischen Fakultät, schrieb an Peterson wenige Tage vor Beginn des Semesters und stellte ihn vor die Alternative, entweder aus seinem Kurs (PHIL 111) die Module über „Rassen- und Genderideologie und die Lektüre von Platon, die diese enthalten“, zu streichen oder den Kurs „Ethics and Engineering“ (PHIL 482) übernehmen zu müssen, der die „Entwicklung von Techniken der moralischen Analyse und ihre Anwendung auf ethische Probleme, mit denen Ingenieure konfrontiert sind“, lehrt. PHIL 111 (Contemporary Moral Issues) ist ein Kerncurriculum-Kurs, in dem die anrüchigen Themen gar nicht vorkommen dürfen, PHIL 482 ist kein Hauptkurs, hier müsste die Thematisierung genehmigt werden.

Nach einer Beschreibung des Kurses geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen ethischen Themen, die auch aus dem Blick antiker Philosophie betrachtet werden. Eigentlich ziemlich harmlos: „Die Studierenden bewerten die Behauptungen, Vorannahmen und Argumentationen verschiedener Positionen, einschließlich ihrer eigenen, zu aktuellen sozialen Problemen und analysieren diese Probleme anhand ethischer und sozialer Theorien. … Die Studierenden üben sich in respektvoller und durchdachter Auseinandersetzung mit kontroversen Themen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Todesstrafe, dem Verhältnis von Ethik und Religion, Gewalt und Krieg, Tierethik, Sexualmoral, Geschlechterfragen, Gesundheitsethik, Gleichberechtigung und Diskriminierung, Biotechnologie und Bioingenieurwesen, wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, Klimaethik sowie globalem Hunger und Armut.“ Aber man findet wohl für die Konservativen Reizthemen wie Abtreibung, Sexualmoral, wirtschaftliche Ungerechtigkeit oder Klimaethik und eben Race and Gender Ideology an vier Tagen.

Wissen muss man – es ist Texas, wo auch sonst Zensur geübt und akademische Freiheit begrenzt wird, unter stramm rechter Führung -, der „Board of Regents“ – Hochschulrat – marschiert Maga-konform und hat im November 2025 neue Leitlinien zur Beschränkung der akademischen Freiheit paradoxerweise unter dem Titel „Civil Rights Protections and Compliance“ (Schutz der Bürgerrechte und deren Einhaltung)  beschlossen. Hinweise auf Verletzungen können auch anonym eingegeben werden.

Der argumentative Trick dabei ist, dass davon ausgegangen wird, dass in einer ungleichen Gesellschaft jeder dieselben Chancen haben soll (und entsprechend selbst am Versagen, Armut, Bildung, Leistung, Karrierehemmnissen etc. schuld ist) und deswegen  nicht wegen „Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht, Religion, nationale Herkunft, Alter, Behinderung, genetische Informationen, Veteranenstatus oder jede andere Klassifizierung, die durch Bundes-, Landes- oder lokale Gesetze geschützt ist“, diskriminiert oder eben auch gefördert werden kann.

Dazu gehört, alles im Übrigen hoch bürokratisch, wie das für Zensur typisch ist, Rule 08.01 mit der Vorschrift: „Kein akademischer Kurs des Systems wird Ideologien in Bezug auf Rasse oder Geschlecht oder Themen im Zusammenhang mit sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität vertreten, es sei denn, der Kurs und die entsprechenden Kursmaterialien wurden zuvor vom CEO des Mitglieds genehmigt.“ Nur ausnahmsweise unter eng begrenzten Umständen dürfen die Themen Rasse (Ethnie), Gender-Ideologie, sexuelle Orientierung oder Gender-Ideologie behandelt werden. Definiert wird, was nicht vertreten oder eher thematisiert werden darf:
„Gender Ideologie – bezeichnet ein Konzept der selbstbestimmten Geschlechtsidentität, das die biologische Kategorie des Geschlechts ersetzt und von dieser losgelöst ist.

Rassenideologie – bezeichnet ein Konzept, das versucht, eine bestimmte Rasse oder ethnische Gruppe zu beschämen, sie als Unterdrücker in einer rassischen Hierarchie oder Verschwörung zu beschuldigen, ihnen aufgrund ihrer Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit einen geringeren Wert als Beitragende zur Gesellschaft und zum öffentlichen Diskurs zuzuschreiben oder ihnen aufgrund der Handlungen ihrer vermuteten Vorfahren oder Verwandten in anderen Teilen der Welt eine intrinsische Schuld zuzuweisen. Dazu gehören auch Kursinhalte, die eher Aktivismus in Fragen der Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit fördern als akademische Bildung.“

Offenbar soll schon die Auseinandersetzung mit bestimmten Begriffen und Konzepten unterbleiben, um die wehrlosen Studenten nicht zu gefährden. Wird es bald zensurangepasste Ausgaben von Platon und anderen Philosophen geben. Oder wird das Symposion aus den texanischen Bibliotheken verbannt, weil es da nicht züchtig zugeht? Es ist natürlich grotesk, dass ausgerechnet die Trump-Regierung so tut, als würde sie für die Meinungsfreiheit eintreten, und dass Trump und die Seinen fortlaufend selbst gegen die „Rassenideologie“ verstoßen, wenn es gegen Somalier, Haitaner,  Puerto Ricaner etc. geht. Von Freunden wie Epstein und seinen „Symposien“ auf der Insel muss man nicht sprechen.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, hat nach dem Studium der Philosophie als freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik in München und als Organisator zahlreicher internationaler Symposien gearbeitet. Von 1996 bis 2020 war er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis. Von ihm erschienen sind u.a. „Denken, das an der Zeit ist“ (Suhrkamp 1988), „Die Telepolis“ (1995), „Vom Wildwerden der Städte“ (Birkhäuser 2006), „Smart Cities im Cyberwar“ (Westend 2015), „Sein und Wohnen“ (Westend 2020) oder „Lesen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ (Bielefeld 2023). Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat, erscheint demnächst.
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22 Kommentare

  1. Aber anti-woke gilt doch bei den „Erwachten“ in den Alter_naiven Medien als vorbehaltslos gut?
    Zumindest hat man den Erlöser, der mit orangem Lichtschwert alles Woke zerschlägt, immer wieder dafür abgefeiert – freilich ohne zu realisieren, dass das Lichtschwert lediglich ein oranger Laserpointer ist, der permanent nur auf Trump himself zeigt.
    Einige, die langsam verkatert aus ihrer Verklärung des Gottgleichen erwachen, erkennen stückweise, dass Trump mit seiner MAGA-Sekte nur die carotingelbe Seite derselben Medaille ist, die sich die „demokratischen“ Ideologen der letzten Regierungen aus dem anderen Lager so gerne um den Hals hängten.
    Merke: immer hübsch beobachten.. und ja nie glauben, die AfD, die grossteils immer noch in trumpscher Verzückung deliriert, würde es dereinst anders handhaben.

  2. tldr: Zensur ist die Kunst, die eigene Unsicherheit und (Freiheits)Angst mit ordentlich Moralin als Wahrheit zu verkaufen. Willkommen in der algophoben Gegenwartsgesellschaft – hier wie auf der anderen Seite des großen Teichs. 🤷‍♂️

  3. Soweit ich sehe, richtet sich das Verbot (?) doch gar nicht gegen Platon, sondern gegen einen Kurs über Genderismus. Ob da Platon oder irgendein anderes Märchen gelesen wird, spielt doch keine Rolle.

    Dass die Theorie, es habe Kugelmenschen gegeben, die von einer höheren Macht in homo- und heterosexuelle Menschen mit jeweils der Hälfte der ursprünglichen Extremitäten und Köpfe geteilt wurden, evolutionsbiologisch nicht haltbar ist, dürfte doch hoffentlich Konsens sein?

      1. Da Heute ein guter Tag ist werde ich ne Erklärung versuchen: Es handelt sich um eine rein Metaphysische (romantische) Erklärung warum sich 2 Menschen (Geschlecht egal) zu einander hingezogen fühlen bzw. warum sich der Mensch alleine allein fühlt.

        Hat also mit Evolution nichts zu tun.

  4. Muss ausgerechnet das Thema „Rassen- und Genderideologie und die Lektüre von Platon“, behandelt werden, ginge nicht auch „Klimawandel und CO²-Emission und die Lektüre von Platon“?
    Ich musste übrigens in der Schule Platon lesen und erkannte, dass ich nichts weiß.

  5. Es war sowas von absehbar, dass das Pendel jetzt gewaltig in die entgegengesetzte Richtung ausschlägt, nachdem man es mit der woken Ideologie dermaßen auf die Spitze getrieben hat. Beides ist scheiße! Man muss aber auch erkennen, dass beide Seiten daran die Schuld tragen. Es ist ja nicht so, dass man vorher nicht auch gegen Professoren vorgegangen ist, die es beispielsweise wagten zu behaupten, es gäbe nur zwei Geschlechter.

    Bevor man das nicht erkennt, wird dieser Bullshit immer weiter gehen.

  6. Man kann sicher den antiwoken und rassistischen Ausschlag unter Trump kritisieren, in alternativen Medien allemal. Aber alle, die sich derzeit hinter die meisten europäischen Regierungen und Organisationen stellen, haben keinerlei Recht, sich darüber zu echoffieren, solange die noch einmal eine Stufe schlimmer agierenden Zionisten und Banderisten mit unseren Steuergeldern vollgepumpt und als Verteidiger der Freiheit gefeiert werden. Das die USA ein Rassenproblem hatten und haben, ist nun wirklich keine Neuigkeit, auch wenn es Sinn macht, immer wieder einmal darauf hinzuweisen, für Neuankömmlinge das indoktrinierte Jungvolk, was sich eventuell hierher verläuft.

  7. Das macht doch nichts. Ich bin 2 x ins Amiland gereist. Ist schon länger her. Jeder Haushalt hatte da in jedem Zimmer 24/7
    einen Fernseher laufen. Ich gehe davon aus daß sich daran nicht viel geändert hat. Vermutlich halten die meisten da Platon für eine Zahnpastamarke.

  8. Fantastisches Bild, Feuerbach hat jeden Raum genutzt um noch Kleinigkeiten unterzubringen und das Bild lebendig zu machen. Auch interessant wie sich die Vergangenheit die noch ältere Vergangenheit vorgestellt hat. Und der Höhepunkt sind Platons (oder Sokrates?) 6 Finger 😉

    A ja fast vergessen die Yankees können sterben gehn.

  9. Schwul, lesbisch und hetero hat doch eigentlich nichts mit 64 Geschlechtern zu tun. Es bleibt bei Platon bei 2 nur Geschlechtern.
    Was soll daran woke sein?
    Oder geht unter Trump auch gegen den Eros an sich, wenn er nicht dem Gelderwerb dient? Studenten sollen schließlich auf der Uni lernen worauf es später einmal ankommt.

  10. Der ideologische Kern des Wokismus liegt meiner Meinung nach in der Leugnung des Beobachtbaren. Ich habe selbst erlebt, wie mir der Hinweis, dass sich kleine Kinder, Jungen und Mädchen, sehr für die Beschaffenheit des anderen Geschlechts interessieren und es ersichtlich eine kindliche Sexualität gibt, den Vorwurf eintrug, pädophil zu sein.
    Der Wokismus in seiner extremsten Form, der die Existenz des männlichen und weiblichen Genoms/Geschlechts leugnet und aus der Verkleidung oder operativen Umwandlung den Schluss zieht, dass es diese Zweiheit nicht gäbe, zielt darauf, die Schere an einer der fundamentalsten Beobachtungen des Menschen anzusetzen. Wer diese Wokismus Erzählung verinnerlicht, wird auch für alle anderen Schandtaten benutzbar sein – das hat uns die Erfahrung ja auch schon gelehrt. Dieser Zusammenhang ist wichtig, denn er erlaubt einem die Vehemenz, mit der von oben nach unten diese Wokismus-Ideologie durchgesetzt werden soll, zu verstehen.
    Jetzt zu Trump und dem Anti Wokismus: Sicher könnte der Anti-Wokismus dem alten Hass gegen die Homosexualität einen neuen Auftrieb verschaffen – aber dafür ist der irrationale Wokismus selbst mit verantwortlich!
    Die Platon-Erzählung, vergleicht man sie mit der Schöpfungsgeschichte des Christentums, ist dieser in ihrer Humanität und der Ablehnung des antisexuellen Schuldgefühls „himmel“weit überlegen, sehr wahrscheinlich kommt das Antiplatonische auch aus dieser finsteren christlichen Ecke. Im Übrigen fehlt im Artikel leider der wichtigste Punkt zu Platon: Weil sie früher eins waren, streben die jetzt geteilten Wesen immerfort zueinander und versuchen, ihre frühere Einheit als Kugelwesen wieder zu erlangen. Soviel zum Trieb, zum Verlangen…
    Folglich: Müsste ich mich zwischen zwei Alternativen entscheiden: den Wokismus würde ich nie und nimmer wählen.

    1. Routard

      Ich habe selbst erlebt, wie mir der Hinweis, dass sich kleine Kinder, Jungen und Mädchen, sehr für die Beschaffenheit des anderen Geschlechts interessieren und es ersichtlich eine kindliche Sexualität gibt, …

      Es gibt keine kindliche Sexualität.
      Das, was sie beobachten, ist nicht das Interesse am „anderen Geschlecht“, sondern das Interesse an Unterschieden. Sexualität hat eine Funktion, die ich hier nicht zu erörtern brauche. Den Nymphen (Wasserlarven der Eintagsfliege) wird auch keine Sexualität nachgesagt, weil es sie nicht gibt und für diese Entwicklungsphase schlicht irrelevant ist.

      Wenn es eine kindliche Sexualität geben würde, dann müsste sich das auch im überwiegenden Interesse einiger Kinder an gleichgeschlechtlichen Merkmalen niederschlagen. Das aber wurde noch nicht beobachtet. Warum wohl nicht?

      Beobachtbar ist übrigens auch das Verhalten der Kinder beim Anblick von Sex zwischen Erwachsenen: es wird als überwiegend gewalttätig empfunden und massiv abgelehnt.

      1. Ich habe mir angewöhnt, mit Menschen, die die Existenz kindlicher Sexualität ablehnen, nicht zu diskutieren. Sie mögen ihre Gründe haben, meist ähnlich denen der Wokisten (s.o.). Andere Speise, aber ein Topf.

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