
Das „adipöse Gehirn“ ist ein weiteres Beispiel für verfehlten Neuro-Essentialismus.
In seiner Nobelpreisrede 1981 prägte Roger W. Sperry (1919–1994) die These, dass praktisch jedes soziale und politische Problem ein Gehirnproblem sei, denn „alles kommt im Gehirn zusammen“. Kurz darauf wurden die 1990er-Jahre politisch zur „Dekade des Gehirns“ erklärt. Dies implizierte eine neurowissenschaftliche Perspektive auf den „Krieg gegen Drogen“ und 1997 veröffentlichte Alan I. Leshner, damals Direktor des National Institute on Drug Abuse, seinen einflussreichen Essay „Sucht ist eine Gehirnkrankheit, und das ist wichtig“ in der Fachzeitschrift Science.
Es wurden Versprechen gemacht, Milliarden investiert, Karrieren in der Neurowissenschaft aufgebaut – und bis heute ist keine der versprochenen hirnbasierten Suchtbehandlungen Realität geworden. Der problematische Drogenkonsum nimmt in vielen Ländern seit Jahrzehnten zu, ebenso wie die Zahl der drogenbedingten Todesfälle. Unterdessen erfreuen sich Behandlungsansätze, die auf gegenseitiger Unterstützung und Spiritualität basieren, wie das Zwölf-Schritte-Programm, zunehmender Beliebtheit. Sie greifen auf uralte menschliche und soziale „Techniken“ zurück. (Das griechische Wort „techné“ bedeutet übrigens Handwerk, Wissenschaft.)
Ge- oder erfunden? Das „adipöse Gehirn“
Nun scheint eine Gruppe von Forschern, die das „adipöse Gehirn“ untersuchen und die tiefe Hirnstimulation als Behandlungsmethode vorschlagen, denselben Fehler zu wiederholen: Sie deuten ein primär umweltbedingtes und verhaltensbezogenes Problem als Hirnproblem, um es auch so zu behandeln. Andere und ich bezeichnen dieses Vorgehen in unserer Forschung darüber, wie die Hirnforschung die Wissenschaft und Gesellschaft prägt, als „Neuro-Essentialismus“. Bereits 30 Studien zur Hirnstimulation des „adipösen Gehirns“ oder von Essstörungen wurden veröffentlicht, an denen insgesamt 120 Patienten teilnahmen – darunter mit 95 Prozent auffällig viele Frauen!
Betrachtet man die Sache aus kultureller Perspektive, zeigen sich große Unterschiede, beispielsweise beim durchschnittlichen BMI (Body Mass Index) selbst zwischen ähnlich entwickelten Ländern wie den USA (durchschnittlicher BMI = 28,8), Großbritannien (27,3), Deutschland (26,3), den Niederlanden (25,4) und Japan (22,6). Übergewicht wird allgemein als BMI > 25 und Adipositas (Fettleibigkeit) als BMI > 30 definiert. Der Zusammenhang zwischen diesen Durchschnittswerten und dem sozioökonomischen Status, Bildung, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit ließe sich noch genauer untersuchen.
Es stimmt zwar, dass „alles im Gehirn zusammenkommt“, insofern das Nervensystem ein wesentlicher Bestandteil der Wechselwirkung zwischen Umwelt, Körper und Gehirn ist, auf der unser Verhalten basiert. Gleichzeitig ist das menschliche Gehirn aber auch ein formbares Organ, das durch die Umwelt und die darin gemachten Erfahrungen geprägt wird.
Gehirn, Umwelt und Verhalten
Ich bestreite nicht, dass sich Verhalten durch Gehirnstimulation verändern lässt. Vielleicht lässt sich das Hungergefühl mit solchen Gehirn-Implantaten modulieren, was ausreichen würde, um die Daten als Machbarkeitsnachweis in renommierten Fachzeitschriften zu veröffentlichen – doch man sollte auch die Kosten und Nebenwirkungen bedenken. Ich bezweifle aber, dass sich das gesellschaftliche Problem mit dem Übergewicht auf diese Weise lösen lässt. (Und man denke auch daran, dass stimulierende Drogen und Psychopharmaka ebenfalls den Appetit unterdrücken, weshalb stark Konsumierende oft sehr dünn sind. Dies verbindet die beiden angeblichen Hirnprobleme auf interessante Weise.)
Wenn Sie dem „adipösen Gehirn“ genauso skeptisch gegenüberstehen, wie wir alle dem „süchtigen Gehirn“ hätten gegenüberstehen sollen, und Adipositas als ein historisches und soziales Phänomen verstehen, eröffnen sich andere Lösungsansätze: Zunächst einmal besteht unser Körper buchstäblich aus dem, was wir essen und trinken. Wenn eine Industrie unsere Ernährung weitgehend bestimmt, die ihre Gewinne durch den Verkauf von zucker-, fett- und salzreichen Lebensmitteln (die allesamt sehr billige Geschmacksverstärker sind) maximiert, werden sich viele Menschen zwangsläufig ungesund ernähren. Und wenn man möchte, dass sich Menschen ausreichend bewegen, muss man dies fördern und unterstützen, anstatt sie den Großteil des Tages im Auto oder vor dem Computer sitzen zu lassen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wenn Adipositas nicht länger fälschlicherweise als Gehirnproblem verstanden wird, werden sich einige Neurowissenschaftler ein anderes Thema suchen müssen, um Forschungsgelder zu erhalten und Karriere zu machen – doch die Chancen stehen gut, dass sich die Gesellschaft dann tatsächlich verbessert, wenn wir die Umwelt gesünder gestalten. Denken wir an die Lektion vom „süchtigen Gehirn“.
Medikalisierung
Aber auch das ist noch nicht das letzte Wort: Wenn man weiter denkt als die Frage, was Neuro-Essentialismus aus einem körperlichen Zustand macht und welche technologischen Lösungen er aufdrängt, kommt man auf die allgemeinere Frage der Medikalisierung. Das heißt, inwiefern ist Adipositas überhaupt ein Zustand, der medizinische Aufmerksamkeit erfordert? Der BMI-Wert von 30 ist pragmatisch bestimmt.
Bei der – übrigens schon im 19. Jahrhundert vorkommenden – Verwendung des lateinischen Fremdworts von adeps, Fett, sollte man sich dafür hüten, Adipositas als Krankheit anzusehen. Zwar können Krankheiten das Gewicht beeinflussen und verändert das Gewicht das Risiko für bestimmte Krankheiten. Risiken sind aber abstrakte Größen und bei den meisten Menschen dürfte ab einem BMI von 30 das Leben nicht dermaßen eingeschränkt sein, dass man sie als krank ansehen dürfte. Wie so oft, legt der medizinische Diskurs eine Problemsicht und damit auch eine mögliche Ausgrenzung nahe, wo es gar kein Problem geben muss.
Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Von Stephan Schleim ist im hogrefe-Verlag das Buch „Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten“ erschienen.
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Die Zutaten für den Salat putzen und auf Tellern anrichten. Die Zutaten für das Dressing verrühren.
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Für die Zubereitung des Gehirns, dieses unter einem kalten Wasserstrahl abspülen, so dass Blutreste weggewaschen werden. Mit Küchenkrepp trocken tupfen. Mit einem spitzen Messer oder mit den Fingern vorsichtig die Äderchen abziehen. Das geht ganz leicht und lässt sich in einem Stück, ähnlich wie beim Abziehen eines Netzes, entfernen. Wenn keine Spuren von roten Äderchen mehr zu sehen sind, ist das Hirn verarbeitungsbereit.
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Anschließend wird das Hirn kurz aufgekocht und angebraten. Hierfür das Lorbeerblatt mit der Nelke auf die Zwiebel spicken und in einem kleinen Topf aufkochen lassen. Die Hitze reduzieren und das Hirn in den Sud geben. Das Wasser sollte nicht mehr sprudeln. Nach etwa 10 Minuten das Hirn mit der Schaumkelle herausheben und abkühlen lassen. Das Menschenhirn ist sehr klein, aber wer etwas größeres Transhumanhirn hat, kann dieses nun in kleinere Stücke teilen. Ein Ei verquirlen und das Hirn darin und anschließend in Mehl wenden. Das Hirn von jeder Seite in Butterschmalz anbraten, bis die Panade goldbraun ist.
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Das Hirn auf den Salat setzen und mit dem Dressing benetzen. Unbedingt warm servieren.
„Neuro-Essentialismus“ – der ist gut … kann man ja was „Neues“ aus einem Standpunkt schneiden, der seit etwas über hundert Jahren
https://de.wikipedia.org/wiki/John_B._Watson
Bestandteil von etwas ist, das ich mal launig „Scheitelpunkt der wissenschaftlichen Sklavenhalterdoktrinen“ labeln will.
Und was ist Deine Kritik, Stephan? Ich lese da nur: funzt nicht, ist unproduktiv und riskant. Aha.
Ich poste das auch, um zu testen, ob Verlinkungen zweier Grundsatzpostings zum Thema von mir „blacklisted“ sind, oder nicht.
https://overton-magazin.de/top-story/der-anti-intellektualismus-als-ausweg-aus-der-perspektivlosigkeit/#comment-397234
Die Neurowissenschaften – in diesem Fall der Zweig der ‚Adipositas-Forschung‘ – haben viel mit der ‚Klimawissenschaft‘ gemeinsam. Man greift ein Problem heraus, das uns gerade akut betrifft und sucht eine Lösung – ohne im Einzelnen die Verursachung untersucht zu haben – an der sich viele Forschungsmittel generieren lassen und die verpricht, an unserer Lebens- und Wirschaftsweise und unseren Sozialformen nichts zu ändern. Dabei werden alle verfügbaren Mittel der Propaganda genutzt, gerne mit Weltverbesserungsanspruch und/ oder Weltuntergangsszenario. Nach einiger Zeit versickert das Thema und macht Platz für das nächste oder die nächste Welle desselben Themas.
Wäre interessant, mal zu untersuchen, welche neurowissenschaftlichen Bereiche dafür verantwortlich sind, dass sich so viele Wissenschaftler auf diese Themen auf solche Weise einlassen. Gibt es so etwas wie den Blindstellungskomplex und warum wird der nicht längst untersucht?
Hört sich für mich nach versuchter Geldschneiderei an, irgendwie genauso schräg wie die ADHS-Geschichte, der Artikel hier dazu ist noch nicht allzu lang her. Wachsweich in meinen Augen.
Im Bereich der Hirnforschung finde ich die Erkenntnisse über das limbische System und die Amygdala wesentlich interessanter. Die Verbindung zwischen Gewalttätern und deren insuffizienten, bzw. schwach ausgeprägten Hirnanteilen in besagtem Bereich könnte das Strafrecht zum wackeln bringen.
Denn ob jetzt im Hirnstoffwechsel etwas daneben läuft und ein Schizophrener Gewalttaten begeht ( Selten!), krankheitsbedingt als Schuldunfähig befunden wird oder eben hirnorganisch bedingt Gewalttaten begangen werden, hat die Schuldfähigkeit betreffend für mich die gleiche Qualität.
Das finde ich viel interessanter und wesentlicher als das „Adipösen-Gehirn.“
Den Ausdruck allerdings haben wir gelegentlich verwendet, um ein satten, selbstgefälligen Menschen zu kennzeichnen, der hätte ein fettes, adipöses Gehirn; bei so manchem Politiker passt das schon.