Therapie mit Psychedelika

Psilocybe mexicana. Bild: Alan Rockefeller/CC BY-SA-3.0

Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen

Im ersten Teil ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?

Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.

Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit How to Change Your Mind? (2018) wurde im ersten Teil schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays The Doors of Perception (dt. Die Pforten der Wahrnehmung) aus dem Jahr 1954 und dem zwei Jahre später folgenden Heaven and Hell (Himmel und Hölle) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von Brave New World (Schöne neue Welt) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.

Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen Schönen neuen Welt. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.

Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.

Verdienmodell

Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.

Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.

Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.

Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView

Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.

Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.

Millionenmarkt

Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der neuen Studie ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.

Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?

Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.

Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von zwei Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.

Deutsches McCybin?

Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:

Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:

„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)

Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.

Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „begründete Ausnahmefälle„.

Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.

Fazit

Im ersten Teil sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.

Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.

Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im ersten Teil beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:

Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.

Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift JAMA Psychiatry am 18. März eine umfangreiche Analyse, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:

„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)

Ausblick

Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.

Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.

Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:

Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.

Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.

Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im ersten Teil habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.

Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihm das BuchPerspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt“.

Stephan Schleim

Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Sein Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Wissenschaftsproduktion und –kommunikation. Schleim ist Autor mehrerer Bücher zu Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie.
Bild: Elsbeth Hoekstra
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4 Kommentare

  1. Das Konzept der roten oder blauen Pille, beschreibt eine fundamentale Wahl zwischen zwei Lebensweisen und zwar der : schmerzhaften Wahrheit oder der angenehmen Lüge.

    Ihr habt ja auf Zustimmung geklickt ♥️ 💙

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