„Tarifrevolution“ bei der IG Metall

IG Metall-Gebäude in der Skyline Frankfurts. Bild: Donald24/gemeinfrei

 

Im Herbst startet die nächste Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Die Unternehmen haben wie stets „nichts zu verteilen“. Die Antwort der IG Metall: Verstehen wir, aber es gibt auch Firmen, die machen viel Gewinn. Also mehr Lohn dort und, klar, weniger bei dem großen Rest. Über eine fatale Logik.

Sonderlich einfallsreich waren die deutschen Unternehmer noch nie. Vor jeder neuen Tarifrunde das gleiche Lied: Wir leiden unter zu hohen Arbeitskosten, Sozialabgaben, Energiepreisen! Hinzu kommen zu viele staatliche Vorschriften, zu viele unlautere Konkurrenz aus dem Ausland und deshalb zu wenige gewinnbringende Aufträge! So geht auch dieses Mal die berechnende Klage. Die damit verbundene Botschaft an die Gewerkschaften ist ebenfalls nicht neu – „zu verteilen“ gibt es wenig bis gar nichts.

Da zeigen sich die Interessensvertretungen der abhängig Beschäftigten seit Jahren wesentlich kreativer. Mal sind es flexible Arbeitszeiten, mal Freizeit statt Geld oder umgekehrt, mal müssen die Arbeitsplätze in der Industrie mit einem Industriestrompreis gerettet werden, mal sorgen ordentliche Löhne, dafür, dass die Unternehmen mehr von ihrem Zeug verkaufen können, mal retten sie sogar die Demokratie.

Der neueste Vorschlag der IG Metall beweist dies einmal mehr: Es soll einen Aufschlag auf das Gehalt geben, zusätzlich zum Tarifabschluss. Da wundert sich jeder, der die traditionell verantwortungsbewussten Tarifabschlüsse der IG Metall kennt. Also die mehr als bescheidenen Gehaltserhöhungen, die stets dem Stand der gestiegenen Produktivität, sprich Ausbeutung, und der Inflation hinterherhinken. Sollte tatsächlich dieses Mal die Gewerkschaft auf Krawall gebürstet sein und für ihre Mitglieder spürbare Einkommensverbesserungen gegen die Unternehmen durchsetzen wollen?

Das riecht fast nach einer Revolution, zumindest hinsichtlich der bisherigen Gewerkschaftsarbeit. Und wirklich schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ von einer „Tarifrevolution“ in ihrem Bericht über die Idee, die in der IG Metall intensiv diskutiert werde (vgl. Alexander Hagelüken: Eine Tarifrevolution, in: SZ, 21. August 2026). Wenn im Wirtschaftsteil der größten überregionalen Tageszeitung Deutschlands eine Gewerkschaftsforderung nach deutlich mehr Geld gelobt wird, muss daran ein Haken sein. Ein Haken, der für die Wirtschaft, die Unternehmen, die Forderung interessant erscheinen lässt.

Mit einem Zuschlag für wenige den Abschlag für viele verkaufen

Denn die Idee der IG Metall passt nur auf den ersten Blick nicht in die aktuelle „Landschaft“, in der es bekanntlich wegen der Wirtschaftskrise nichts zu verteilen gibt. Am Ende bereitet sie nämlich den Weg für angemessen niedrige Tarifabschlüsse. Und das geht so: Den Aufschlag sollen nur jene Firmen der Metall- und Elektroindustrie zahlen, denen es entgegen der allgemein schlechteren Lage vergleichsweise gut geht. Dazu gehören die Luft- und Raumfahrtindustrie, Medizin- und Energietechnik, Rüstungsproduzenten und Teile des Maschinenbaus. Die Mehrheit der Unternehmen müsste keinen Aufschlag entrichten und erhielten ihren geforderten geringen Tarifabschluss. Ein nicht unerheblicher Teil von ihnen zahlt auf jeden Fall noch weniger. Denn das sogenannte „T-Geld“ entfällt automatisch für jene Betriebe, deren Umsatzrendite unter 2,3 Prozent sinkt.

So könnte die Gewerkschaft ihren Mitgliedern einen krisengerechten niedrigen Tarifabschluss verkaufen. Damit, schreibt die Süddeutsche Zeitung, muss sie „nicht befürchten, dass ihre Mitglieder in gutverdienenden Unternehmen der Rüstung oder Raumfahrt den generellen Abschluss ablehnen“ (SZ, ebenda).

Der Charme der Sonderzahlung: bei Bedarf jederzeit einstellbar

Willkommen im Tarifdschungel: Neben den Monatsentgelten, Eckentgelten, Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld, neben den zahllosen Lohngruppen und je nach Bundesland unterschiedlichen Entgelthöhen gibt es auch die Sonderzahlung „Tarifliches Zusatzgeld“ (T-Geld), in Höhe von 18,4 Prozent des Monatsgehalts. Sonderzahlungen haben laut IG Metall den Vorteil: „Sie können differenziert und in Zeit gewandelt werden, um in betrieblichen Krisen Arbeitsplätze zu sichern, ohne dass das Monatsgehalt gekürzt wird.“ Betriebe verfügen damit über ein bequemes Mittel, ihren Beschäftigten während eines gültigen Tarifvertrages weniger zu bezahlen – wenn sie weniger Gewinn machen als besagte 2,3 Prozent.

Die vermeintliche „Tarifrevolution“ besteht nun darin, dieses Instrument ausnahmsweise umzukehren: „Wir haben eine automatische Differenzierung von Teilen des Gehalts nach unten, wenn es einem Betrieb schlecht geht. Dann sollte es auch eine automatische Differenzierung nach oben geben, wenn die Geschäfte toll laufen. Denkbar wäre, das T-Geld zu erhöhen, wenn ein Betrieb eine bestimmte Umsatzrendite erwirtschaftet hat“, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen (zit. nach SZ, ebenda).

Die Monstranz der Gewerkschaften: der Arbeitsplatz

Ein Schelm, der diese Idee ein wenig weiterdenkt: Wie wäre es, liebe IG Metall, wenn schlicht jedes Unternehmen eine satte Lohnerhöhung bezahlt? Die Firmen machen doch alle Gewinn, sonst wären sie schließlich pleite und vom Markt verschwunden. Dann entfiele auch diese elende Rechnerei, ab welcher Rendite welcher Zuschlag gezahlt würde oder nicht.

Aber so einfach den Standpunkt der abhängig Beschäftigten einnehmen, geht für eine verantwortungsbewusste Gewerkschaft selbstverständlich nicht. Sie sorgt sich um den Fortbestand der Arbeitgeber. Nur konsequent für eine Interessensvertretung, die das größte Glück ihrer Klientel im Arbeitsplatz sieht. Dafür müssen allerdings deren Bereitsteller ihr Geschäft machen können, sonst gibt es den so schönen Arbeitsplatz ja nicht. Was ein solcher Arbeitsplatz für die ihn Einnehmenden leistet oder eher nicht, wie schädlich er ist und wie wenig er einbringt – das ist zwar auch einem Gewerkschafter bekannt. Aber das stellt für ihn nur die Aufgabe dar, im Rahmen dieses Arbeitsplatzes etwas Verbesserung für seine Leute herauszuholen. Wenn das jedoch dem Geschäft des Unternehmens zuwiderläuft, sogar Arbeitsplätze gefährdet, war eben „nicht mehr drin“.

Weniger Gewinn als üblich? Die Gewerkschaft hilft!

Der so „revolutionäre“ Vorschlag der IG Metall bleibt dieser Logik verhaftet. Den Autobauern geht es nicht gut, sie scheffeln nicht mehr die gewohnt enormen Gewinne? Zum Beispiel bei der Volkswagen AG mickrige 1,5 Milliarden Euro im zweiten Quartal dieses Jahres. Im Vorjahr waren es noch 2,3 Milliarden Euro. Da „muss“ natürlich an Kosten gespart werden, wo es geht. Unter anderem an Arbeitsplätzen. Das versteht die IG Metall und nimmt alle in die Pflicht, den Konzern aus dieser Lage herauszubringen: „Alle sind jetzt gefordert und müssen sich beteiligen, gerade auch die, die normalerweise von Dividenden in Millionenhöhe profitieren“,  gibt sich scheinbar kämpferisch Thorsten Gröger, Bezirksleiter Niedersachsen. Es sollen einfach nicht nur die Beschäftigten bluten. Die Besitzer sollten auch ihren Beitrag leisten. Wer von den Beiden den größten Anteil und Schaden haben wird, dürfte kein Rätsel sein. Das zum Thema gewerkschaftlicher Widerstand.

Der notleidenden Autoindustrie will die IG Metall mit ihrer „Tarifrevolution“ nicht kommen. Geschweige denn anderen Branchen mit weniger Gewinn: „Im Zweifel brauchen wir in diesen Zeiten ein neues Werkzeug für Unternehmen, denen es besonders schlecht geht“, sagt Gewerkschaftsfunktionär Giesler (zit. nach: SZ, ebenda). Keine gute Nachricht für die Beschäftigten: Zum Verzicht aufs T-Geld müssen nach Ansicht der Gewerkschaft noch weitere Zugeständnisse gegenüber Unternehmen kommen.

Boomende Firmen zahlen für angeschlagene Firmen? Wohl kaum

Wie die im Herbst beginnende Tarifrunde angesichts dessen verläuft, kann man sich ausrechnen. Die schon bescheidenen 5,5 Prozent Tariferhöhung plus Einmalzahlung aus der Runde 2024, gestreckt auf zwei Jahre, werden es kaum werden. Das Verständnis der Gewerkschaft wird sich in klingende Münze für die Unternehmen auszahlen. Weil die Wirtschaft weiß, wie sie die Vertreter der Arbeitnehmer erpressen kann. Und keine boomende Firma dürfte bereit sein, einen Zuschlag zu zahlen als Preis dafür, dass andere Firmen weniger Lohn bezahlen müssen. Dass beispielsweise die Rüstungsindustrie sich per Tarifvertrag auf exklusive Zuschläge verpflichtet zugunsten der Autoindustrie, die dafür von niedrigen Tarifen profitiert.

Doch selbst wenn dies passiert, eine „Revolution“ im Tarifpoker ist das nicht. Das meint auch die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner: „Flexible Instrumente, die die wirtschaftliche Situation berücksichtigen, sind keine Revolution. Sie sind Bestandteil einer differenzierten Tarifpolitik – und es hat sie in der Vergangenheit auch schon gegeben.“

Es gilt eben für die Gewerkschaft seit langem und weiterhin: Den Unternehmen muss es gut gehen! Dann kann man auf einen Anteil daran hoffen und darauf, dass Arbeitsplätze bestehen bleiben – jedenfalls die, die für Gewinn sorgen. So hat sich ein einstiger Gegner des Kapitals zu einem Bittsteller gewandelt.

Björn Hendrig

Björn Hendrig ist von Hause aus Journalist, längere Zeit auch tätig in der akademischen Lehre für Journalismus und Public Relations. Langjähriger Autor bei Telepolis und bei Overton. Björn Hendrig ist ein Pseudonym.
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2 Kommentare

  1. Deutschland 🇩🇪 ist ein gar wundersames Land. In diesen Land wird immer nur von „Lohnzurückhaltung“ gesprochen, aber fast nie von „Gewinnzurückhaltung“. Ist das nicht ein seltsames Land?

  2. Wer die Produktion von Waffen unterstützt handelt nicht im Interesse der Arbeiter!
    Mehr muss man zur IG-„Krawall“
    nicht sagen.
    Organisiert die IG -„Krawall“ – Führung Proteste gegen die Kriegsvorbereitung? NEIN, leider nicht!
    Dienstag am 1. September ist Antikriegstag!
    Wir sehen uns am 3. Oktober in Stuttgart oder Berlin auf der Friedens-Demo auch ohne die korrumpierte kriegstaugliche IG – Krawall-Führung!
    Alle Kolleginnen und Kollegen die gegen Aufrüstung und
    Säbelrasseln sind, sind herzlichst eingeladen

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