
Eine Waffenschau, die Volk und Führung im Stolz auf „unseren“ Gewaltapparat vereinigt. Natürlich nichts für Drückeberger und „Lumpenpazifisten“! Aber auch keine langweilige Wehrkunde.
Am 6. Juni fand der diesjährige Tag der Bundeswehr statt, gleich gefolgt vom Ehrentag unserer Veteranen und Veteraninnen. Tage der offenen Tür suggerieren in der Regel, dass die Öffentlichkeit Einblick in das Tun und Treiben von Institutionen erhält, die sonst eher im Verborgenen werkeln. Im vorliegenden Fall vermittelt der Begriff allerdings ein Bild, das mehr als schief ist. Wenn z.B. Werkstätten für behinderte Menschen oder Schulen einen Tag der offenen Tür veranstalten, dann öffnen sie nicht einfach ihren Betrieb, um Zuschauer zuzulassen, oder in Schulräumen Interessierten Einblick ins Unterrichtsgeschehen zu gewähren. Das wäre wohl auch eine eher langweilige Angelegenheit.
Tage der offenen Tür sind im Normalfall als Leistungsschauen angelegt, verbunden mit Volksfestcharakter. Während die besagten Werkstätten vorführen, welche Leistungen ihre Mitarbeiter vollbringen und welche Produkte sie herstellen können, zeigen Schulen etwa durch Theater- oder Musikdarbietungen, was ihre Schüler gelernt haben. Doch wie sollten Soldaten ihre Leistungen zur Darstellung bringen? Sie können schließlich schlecht präsentieren, wie sie Städte verwüsten oder Feinde umbringen, also die wirkliche Leistungsfähigkeit ihres Handwerks anschaulich machen. Von daher haftet dem Tag der offenen Tür bei der Bundeswehr von vornherein etwas Verlogenes an.
„Nah dran, bereit, tapfer“
So lautete das Motto des diesjährigen Tages der Bundeswehr, der in zehn Städten durch die deutsche Armee inszeniert wurde. Das Motto sollte bebildern, wofür die Truppe steht: „Schutz, Verantwortung, Einsatzbereitschaft und Tapferkeit.“ Das galt es mit Vorführungen an diesem Tag den Bürgern nahe zu bringen. Doch schon die Behauptung, die Armee sei für den Schutz der Bürger da, stellt die Welt auf den Kopf. Denn durch die Kriegsdrohung mit einer leistungsfähigen Armee und durch deren Einsatz im Ernstfall werden die Bürger doch gerade gefährdet. Es ist ja genau umgekehrt als üblicherweise dargestellt: Die Bürger sollen als Soldaten oder an der Heimatfront, also mit dem Einsatz ihres Lebens, für die Durchsetzung der Politik sorgen, die nicht das Wohl der Einzelnen, sondern das der Nation im Auge hat.
Eine führende europäische Nation sein zu wollen und damit zur Weltmacht aufzusteigen, ist nun einmal etwas anderes als alles dafür zu tun, dass die eigenen Bürger geschützt sind. Diese haben vielmehr die Konsequenzen des eingeschlagenen politischen Kurses zu tragen, sie werden zur Verantwortung gezogen – im Ernstfall und auch schon bei dessen Vorbereitung. Das bekommen sie zur Zeit ja reichlich zu spüren, in Form von steigenden Preisen, Abgaben und gekürzten Sozialleistungen. Sich für den Staat ganz zu opfern gilt dann als letzte Konsequenz, als ein Akt der Tapferkeit, der im Soldatenberuf zur Selbstverständlichkeit wird und der am ebenfalls neu eingeführten Veteranentag mit Respekt und Anerkennung bedacht wird.
Dieser vom Job erzwungene Opfergang mit seinen wüsten Konsequenzen für Freund und Feind wird am Tag der offenen Tür allerdings nicht vorgeführt. (Jedenfalls nicht bei uns – so weit wie ein US-Präsident, der zu seinem 80. Geburtstag blutige Gladiatorenspiele aufführen lässt, ist man in Europa noch nicht.) Präsentiert werden stattdessen ganz andere Dinge.
„Ein Blick hinter die Kasernentore…“
…dürfen nach Angaben der Veranstalter die Bürger an diesem Tag werfen. Doch dass sie damit über ihre Armee alles Wesentliche mitbekommen, wird ihnen nicht versprochen. Auch wenn sie sich an diesem Tag auf dem Kasernengelände frei bewegen dürfen, bleibt dieser das, was er im Alltag ist: ein Sicherheitsbereich, der streng bewacht wird. Dass die Armee dieses Sicherheitsinteresse auch nur für einen Tag vergisst und in alles Einblick ermöglicht, sollte niemand glauben. Hier wird eine gezielte Inszenierung geboten.
Den Bürgern wird etwas vorgemacht, wie der Kriegsminister, der sich – noch? – Verteidigungsminister nennt, zu erkennen gibt, wenn er die Truppe ganz so präsentiert, als ob sie ein Dienstleistungsunternehmen für die Bürger wäre: „‚Wir sind da!‘ gilt in der Truppe nicht nur am Tag der Bundeswehr, sondern über das gesamte Jahr: für Menschen in unserem Land, für unsere Verbündeten und Partner. Das wissen auch diejenigen in Europa und der Welt, die gewaltvoll Grenzen verschieben und Kriege führen.“
Mit dem Verweis auf die gewaltvollen Grenzverschiebungen wollte der Minister übrigens nicht an den deutschen Einsatz im Jugoslawienkrieg 1999 erinnern, bei dem die Grenzen zwischen den Balkanländern mit Bomben neu gezogen wurden – eine legendäre „Friedensmission“, für deren Sicherstellung heute immer noch Bundeswehrsoldaten als maßgebliche Gewaltinstanz vor Ort sind. Der Minister wollte vielmehr den Bürgern den aktuellen Kriegsgegner Russland vorführen, und zwar als Störenfried für ihr Leben, auch wenn er sich gar nicht am Alltag der Bürger stört, sondern an der Verschiebung der Nato-Grenzen nach Osten.
Demonstriert wird nicht das „für uns“, sondern das „gegen andere“, also die eigene Kriegsbereitschaft. Und die dürfen die Bürger bestaunen an der Ausstattung der Truppe und an den Fertigkeiten der Soldaten.
„Technik zum Anfassen“
Anfassen und Besteigen dürfen die Bürger Gerätschaften, die sie im Alltag gar nicht brauchen und die auch nicht darauf ausgerichtet sind, ihnen das Leben leichter zu machen. Vielmehr zeigen die technisch aufwendigen Gerätschaften, dass der Staat keine Mittel scheut, wenn es um seine Sicherheit geht. Da ist das beste technische Gerät gerade recht, gilt es doch, besser zu sein als andere Staaten; die Technik dient hier pur dazu, andere Mächte zu bedrohen und nach Möglichkeit schon die eigene Überlegenheit, d.h. Schlagkraft so zu demonstrieren, dass die Gerätschaften gar nicht zum Einsatz kommen müssen.
Für die Finanzierung dieser Mittel haben die Bürger geradezustehen, die am Tag der offenen Tür die Militär-Monster bestaunen und hautnah erleben dürfen. Bestaunen als technische Wunderwerke – und das gerade in Absehung von dem Zweck, für den sie beschafft wurden: zur Zerstörung anderer Länder und zur Tötung von Menschen. Betont wird bei der Demonstration dieser Gewaltmittel in der Regel das Gegenteil. Sie seien nur zur Verhinderung des Krieges da, zur Abschreckung, damit der Gegner keinen Angriff auf uns unternimmt.
Glaubwürdig ist eine Abschreckung aber immer nur dann, wenn der Abschrecker auch beweist, dass er bereit ist, diese Mittel einzusetzen, also Krieg zu führen. Dass „wir“ diese Kriegsbereitschaft in unserem „friedensverwöhnten“ Volk endlich als Selbstverständlichkeit betrachten müssen, ist ja auch die Ansage, die von allen maßgeblichen Sicherheitsexperten kommt. Und die Bundeswehr befindet sich überhaupt seit Jahren „im Einsatz“, dokumentiert also in allen möglichen Kriegssituationen – ganz ohne den Ernstfall der Landesverteidigung –, dass sie dazu bereit ist. Ob das jetzt am Horn von Afrika ist, in Jordanien oder auf dem Balkan. Nach dem Abzug aus Afghanistan und Mali herrscht kein Mangel an Einsatzgebieten. Und neue Aufgaben etwa am Persischen Golf oder im Indopazifik stehen schon an…
„Was unsere Frauen und Männer leisten, was sie können, wer sie sind“
Das soll der Tag zeigen. Vorgeführt wird an den verschiedenen Standorten in der Tat das, wofür die jeweiligen Einheiten stehen: So bekommen die Besucher in Kastellaun Fallschirmspringer und Diensthunde der Bundeswehr zu sehen. Munster demonstriert, dass dort keine Kasernen sind, sondern die ganze Stadt im Grunde eine Kaserne ist – mit 22 Dienststellen und 6000 Soldaten bei ca. 15.000 Einwohnern (der Rest sind wahrscheinlich Armeeangehörige). Oder die Besucher werden mit „Fernspähkräften“ in ihrem „natürlichen Habitat“ unterhalten. Unna verfügt über eine Panzerbrigade und führt vor, dass sich auch die tonnenschweren Geräte im unwegsamen Gelände schnell bewegen können. Weißenfels ist Standort des Sanitätsdienstes, der dann gebraucht wird, wenn der Staat beschließt, über Leichen zu gehen und nicht alle Verletzten zu solchen werden sollen.
Bei allen Demonstrationen sollen die Bürger die Geschicklichkeit der Soldaten bewundern, im Umgang mit der Technik oder bei der Überwindung von Hindernissen und Widrigkeiten. Wobei es Letztere nur gibt, weil der Staat durch seine politischen Entscheidungen Widersacher definiert, die er nicht mehr aushalten will. Doch die sind ja nicht Gegenstand der Schau.
„Verteidigungsfähigkeit: keine Sache einiger weniger…“
…nicht nur der „Berufssoldatinnen und Soldaten – es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ So heißt eine weitere Losung. Damit will der Kriegsminister keineswegs daran erinnern, dass die Bürger schon jetzt in vielfältiger Form zur Kasse gebeten werden. Sie sollen vielmehr – einerseits – generell zu einer positiven Haltung zur Armee und – natürlich andererseits – zu einer konkreten Entscheidung für den „Job“ des Kriegshandwerks bewegt werden. Insofern ist ein Tag der offenen Tür immer eine Werbeveranstaltung für den Kriegsdienst.
Er richtet sich daher vor allem an Kinder und Jugendliche, die exemplarisch zum Mitmachen bewegt werden sollen. Durch Mitfahren in einem gepanzerten Fahrzeug sollen sie beeindruckt und animiert werden, sich vorzustellen, dass auch sie einmal ein solches Monstrum steuern könnten. Kinder und Jugendliche können sich testen, ob sie den Anforderungen des Soldatendaseins gewachsen sind, wie die eindeutige Ansage lautet: „Werden Sie selbst aktiv! Messen Sie sich auf unserem Parcours mit den Besten und testen Sie ihre eigenen physischen Grenzen.“
Voll Anerkennung führt die Tagesschau am Abend einen 14-Jährigen vor, der einen schweren Kanister durch den Parcours geschleppt hat und stolz auf seine Leistung ist. Soldat sein kommt da als Leistungssport daher, als Aktivität einer Elite, bei der es eine Ehre ist, dazuzugehören. Unterstrichen wird diese Stellung durch die Anwesenheit von Spitzensportlern. Die Bundesregierung hat schließlich von der DDR gelernt und ihre Förderung der Sportler in vielen Bereichen mit dem Dienst bei Bundespolizei und Armee verbunden. So leistet die Bundeswehr auch im Bereich des Sports ihren Beitrag, in der Konkurrenz der Staaten Punkte zu machen – natürlich auf der Ebene der Repräsentation. Wurden die Sportler der DDR dafür noch als Sportsoldaten geschmäht, gilt dies heute als eine Ehre.
Mit dem Leistungstest, bei dem sich die jungen Leute bewähren können, wird denen, die sich dem Test unterwerfen, vorgemacht, dass es beim Militär auf sie und ihre individuelle Leistung ankäme. Dabei könnte sie ein Blick auf die Uniformen eines Besseren belehren, nämlich klarmachen, dass es beim Militär auf die Leistung des Individuums nur sehr bedingt ankommt. Die Uniform macht ja deutlich, dass Individualität in der Armee keine Rolle zu spielen hat. Die Menschen unterscheiden sich nach Dienstrang und Abzeichen und nach Zugehörigkeit zur Waffengattung.
Das heißt: Sie fungieren mit ihren Leistungen als Rad im Getriebe eines Gewaltapparats – je nach Rang auf Befehl und Gehorsam. Sie sind in dem Getriebe austauschbar, weswegen es auch immer Nachschub – nicht nur bei der Munition, sondern beim Menschenmaterial – braucht. Soldaten mögen sich ja untereinander immer als Kameraden bezeichnen, auch wenn niemand sich diese Form der Kameradschaft ausgesucht hat. Die Wahrheit dieser Kameradschaft ist, dass sie als Zwangsgemeinschaft besteht.
„Blaulichtmeile“
An allen Standorten wurde auch eine „Blaulichtmeile“ aufgebaut – mit Polizei, Technischem Hilfswerk und Rettungsdiensten von Maltesern, Johannitern und Rotem Kreuz. Damit reiht sich die Bundeswehr ein in diese Dienste, obgleich sie bis auf das gelegentliche Führen eines Blaulichts, etwa auf den Fahrzeugen der Feldjäger, wenig mit ihnen gemein hat. Schließlich geht es der Polizei darum, die Einhaltung des Rechts zu sichern, durch Drohung von Rechtsfolgen bei Verstoß. Technisches Hilfswerk und Rettungskräfte kommen bei Katastrophen und Unfällen zum Einsatz.
Alle diese Dienste bekommen natürlich auch im Kriegsfall ihre Aufgaben zugewiesen, somit sind sie Bestandteil der Aufrüstung. Nur ist zu beachten: Wenn die Politik sich als Verteidiger der Demokratie in Szene setzt, so sind doch die demokratischen Verkehrsformen im Kriegsfall durch die Notstandsgesetze außer Kraft gesetzt – und damit bekommt die Polizei entsprechend neue Aufgaben. Das Technische Hilfswerk ist auch nicht einfach für den (Natur-)Katastrophenfall eingerichtet. Es war zu Zeiten des Kalten Krieges für die Sicherung der zivilen Infrastruktur zuständig und demgemäß nach dessen Ende Gegenstand von Sparmaßnahmen, die zur Zeit wieder korrigiert werden. Auf die Rettungsdienste kommen im Kriegsfall natürlich auch erweiterte Aufgaben zu, etwa bei der Versorgung von Kriegsopfern im zivilen Bereich, wofür sie jetzt angemessen ausgestattet werden.
„Ein Tag für die ganze Familie“
Bloß zum Zuschauen bei ein paar Fallschirmspringerübungen, beim Auffahren monströser Kriegsfahrzeuge oder bei kurzen donnernden Überflügen von Militärfliegern würden sich wohl nur wenige Menschen einfinden. Also braucht es Unterhaltung und Biergärten, die dann auch fester Bestandteil dieses Tages sind. Dafür gibt es die Auftritte des Heeresmusikkorps Kassel (in Höxter), der Dixiland-Band der US-Air-Force (ebenda) oder des Marinechors „Blaue Jungs“ aus Bremerhaven (in München). Auch die Kirchen sind regelmäßig dabei und präsentieren sich im Rahmen eines Feldgottesdienstes (in Nordholz). Gott findet sich ja stets auf beiden Seiten der Kriegsparteien.
An spezielle Kinderprogramme ist natürlich auch gedacht. Die Kleinen können in einer „Teddyklinik“ (in Weiden) erproben, ob sie das Zeug zum Arzt haben, denn im Kriegsfalle werden viele davon gebraucht. Die Ausrüstungen der Soldatinnen und Soldaten lassen sich zudem in Form einer Modenschau präsentieren. So geht eben Kriegsvorbereitung, sie spricht alle an, denn alle sind nicht nur betroffen, sondern sollen dazu auch noch eine positive Haltung entwickeln. Und wenn es dann zu gelegentlichen Störungen wie in Unna oder Neubiberg kommt, gibt es ja noch die Feldjäger, die ihren Einsatz vorführen können.
Der Bundeswehrtag ist inzwischen kein isoliertes Ereignis, das nur einmal im Jahr stattfindet. Er ist integraler Bestandteil einer Kriegspropaganda, die ihren Fortgang sowohl täglich in den Medien findet als auch gleich weitere Events und Festtage nach sich zieht. Als Erstes den erwähnten Veteranentag am 15. Juni. So geht es „von einer Gewaltsause zur nächsten“, wie ein kritischer Kommentar zur Einrichtung dieses „Ehrentages“ unserer Veteranen festhielt. Wobei natürlich nicht unterschlagen werden soll, dass mittlerweile Veteraninnen genauso Anspruch auf Ehre haben. Nicht zuletzt eine feministische Außenministerin hat zu der neuen Selbstverständlichkeit beigetragen, dass weibliche Selbstverwirklichung auch auf dem Schlachtfeld stattfindet.
Nach den bisherigen Highlights folgt nun am 20./21. Juni der Tag der offenen Tür der Bundesregierung, bei dem die Armee sicher wieder groß rauskommen wird. Und nicht zu vergessen: In deutschen Schulen ist die Bundeswehr inzwischen mit ihren Jugendoffizieren regelmäßig präsent, um das Ihre zum „Schulfrieden“ beizutragen. So kann man schon in Friedenszeiten – zumindest symbolpolitisch – von einem „Volk in Waffen“ sprechen…
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