Synthese und Konkurrenz

Boris Godunov von Petrov-Vodkin, 1924. Bild: Kuzma Petrov-Vodkin – art.in.ru/public domain

Zur Dialektik von Individuum und Kollektiv in der Kunstmusik.

Insofern das Individuelle und das Kollektive ein polares Gegensatzpaar bilden, darf behauptet werden, dass sich in der Musik das volle, von diesen gegensätzlichen Polen umfasste Spektrum abbildet.

Musik kann zum einen sowohl für den Praktizierenden als auch für den Hörenden ein individuelles Erlebnis par excellence bewirken: der vor sich hinsummende Straßenpassant, das selbstverloren trällernde Kind, der in der Feldeinsamkeit vor seiner Herde flötende Hirte, wie denn der für sich selbst Klavier spielende Hausmusiker – sie alle kennzeichnet ein spezifisches Beisichsein, das in keinem anderen Kunstmedium so ausgeprägt ist wie in der Musik.

Musik kann aber zum anderen das prononcierte Medium kollektiver Kunstpraxis sein, und zwar sowohl in der Ausführung als auch in der Rezeption: von den Kleinformen des musikalischen Ensembles der Kammermusik oder der Popband bis hin zum voll ausgebildeten philharmonischen Orchester bzw. großen Chor – sie alle haben die kooperierende Versammlung von Menschen zur Voraussetzung, die in der kleinen Zuhörerschaft des bürgerlichen Salons, im Großpublikum des Konzertsaals oder auch in der riesigen Stadionmasse des Rock- oder Popkonzerts ihre Entsprechung finden mag.

Diese strukturell bewirkte Dimension des Individuellen-versus-Kollektiven ist in der Form des Konzerts für Soloinstrument und Orchester der klassisch-romantischen Epochenfolge zur gereiften Ausprägung gelangt, die ihre außermusikalische Grundlage wohl in der Heraufkunft der bürgerlichen Gesellschaft hatte: Dem zum Ideal dieser neuen Zeit erhobenen selbstbestimmten Individualsubjekt stand die sich objektiv bildende moderne Massengesellschaft gegenüber, wobei das Individuum als solches nur mit Bezug aufs überindividuell Kollektive gedacht werden konnte. Was die klassische Soziologie als das Problem von Individuum und Gesellschaft zu apostrophieren pflegte, ging in die Konzertform als künstlerisches Prinzip eines dialektischen Kokurrenz- und gleichzeitigen Synthesenverhältnisses von Solopart und orchestralem Tutti ein.

Im letzten Satz der Neunten von Beethoven ist dieses dialektische Grundverhältnis zur höchsten inhaltlichen wie formalen Einheit geronnen. Beethoven begeht dabei einen revolutionären „Tabu“-Bruch: In die autonome Sphäre der „kollektiven“ Instrumentalmusik – die der klassischen Symphonie – schleust er nicht nur Vokales ein, sondern rekrutiert zu diesem Zweck ein Gedicht: Schillers „Ode an die Freude“. Dieses Poem ist bekanntlich eine einzige Huldigung ans menschlich Kollektive bzw. an den Eintritt jedes Einzelnen in den universellen Menschheitsbund. Mit dem Überschwang eines allumfassenden Verschwisterungspathos heißt es parolenhaft „Seid umschlungen Millionen!“, und schon die berühmte erste Strophe verweist aufs Emanzipative des Kollektiven: „Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elisium, / Wir betreten feuertrunken, / Himmlische, dein Heiligthum. / Deine Zauber binden wieder, / Was die Mode streng getheilt, / Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt.“

Interessant ist nun, was Beethoven mit dieser Kernaussage musikalisch anstellt: Er legt das in der Symphonie Gesungene wechselweise in den Mund von vier Solosängern und einen großen gemischten Chor (so als sollten parallel dazu im Bereich der Instrumentalmusik das Streichquartett und das große Orchester miteinander vereint werden). Ein Einzelner ist es, der zur Ton-Harmonie aufruft: „O Freunde, nicht diese Töne! / Sondern laßt uns angenehmere / anstimmen und freudenvollere.“ Was sich im weiteren Verlauf dieses Schlusssatzes variationenreich entfaltet, kulminiert im ekstatischen Chorgesang: Das Kollektive wird in diesem grandiosen Schlusssatz – auch von der Musikstruktur und -form her – als humane Vergemeinschaftung von autonomen Einzelmenschen begriffen. Sowohl in der Wortaussage als auch in der Anordnung des musikalischen Materials vollzieht sich das hohe Aufklärungsideal einer Synthese von Individuum und Kollektiv.

Gleichwohl kann die Konstellation von Individuellem und Kollektivem auch zu einer widersprüchlichen Aussage des Kunstwerks führen. Als Paradebeispiel hierfür darf Modest Mussorgskis Oper „Boris Godunow“ gelten. Etwas Merkwürdiges widerfuhr diesem Werk im Verlauf seiner Rezeption. Rimski-Korsakow, Mussorgskis enger Freund, erkannte zwar die Genialität der Oper, meinte indes nach Mussorgskis Tod, man müsse ihre stilistischen „Entgleisungen“ ausmerzen, ihre musikalische „Wildheit“ zähmen, sie glätten und verfeinern, und orchestrierte sie entsprechend neu, schnitt ganze Teile aus ihr heraus, fügte eigene Takte Musik hinzu, vor allem aber – wechselte die Reihenfolge des zweiten (vorletzten) und dritten (letzten) Bildes im abschließenden vierten Akt. Die „korrigierte“ Fassung Rimski-Korsakows erlangte große Popularität und erwies sich als bevorzugte Aufführungsversion auf allen Bühnen der Welt, während Mussorgskis Original über Jahrzehnte in Vergessenheit geriet.

Georg Lukács war wohl der erste, der darauf hinwies, dass die Änderung der Szenenfolge im letzten Akt der Oper die Inhalte und die  Botschaft, die Mussorgski in seiner Originalversion zu vermitteln trachtete, ideologisch entstelle: statt der ursprünglich ans Ende der Oper gestellten revolutionären Aufstandsszene der Massen gegen die repressive Bojarenherrschaft – die dramatische Sterbeszene des bis zu seinem Tode von Wahnvorstellungen und großer Gewissenspein geplagten Zaren Boris; anstelle der gesellschaftlich-kollektiven Botschaft, die sich im Freiheitsdrang der „von unten“ rebellierenden Massen manifestiert, wird die Tragödie des Einzelnen, seine „oben“ erlittene individuelle Seelenqual hervorgehoben.

Es gibt gleichwohl einen weiteren, vielleicht wichtigeren Grund, auf Mussorgskis originale Szenenfolge zu insistieren: Die letzte Szene des vierten Aktes (und der gesamten Oper) endet mit dem herzzerreißenden Klagelied des Dorfnarren über das bittere Schicksal von „Mütterchen Russland“ – eine verdichtet stimmige, lyrisch-schöne künstlerische Warnung vor der nach der Revolution eintretenden Unbekümmertheit und der mit dieser einhergehenden Neigung der Massen, wie eine Schafsherde stets wieder einem „falschen Dimitij“ hinterherzulaufen, einem vergötterten charismatischen Führer, der sie mit seinen leidenschaftlichen Sprüchen erhitzt, um sie in die nächste Katastrophe zu stürzen.

Das in betörend schöner Chormusik sich kundtuende Kollektiv der Massen wird also von Mussorgski keinesfalls blauäugig als an sich schon für gut und moralisch gefestigt erachtet; es mag sich regressiv, nicht selten auch grausam verhalten. Und der Einzelne ist nicht nur eigenbezogen mit sich selbst und seiner Gewissensqual befasst, wie der mächtige Zar, sondern kann sich – so in der Gestalt des heiligen Narren – als Verkünder von großer Einsicht und tiefer Wahrheit erweisen. Auch hier findet sich also letztlich eine dialektische Verzahnung von Individuum und Kollektiv. Denn so wie der Einzelne nur im Verhältnis zum Kollektiv und als Teil von diesem ein solcher sein kann, kann der Chor nur so lange bestehen, wie die Einzelnen sich an ihm um seinetwillen beteiligen. Hinter jeder Arie „lauert“ ein Chor; und jeder im Chor kann potentiell aus diesem heraustreten, um (s)eine Arie zu singen.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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8 Kommentare

  1. Den vorletzten Satz von Moshe Zuckermann kann ich als langjähriger Chorsänger nur unterstreichen: „Denn so wie der Einzelne nur im Verhältnis zum Kollektiv und als Teil von diesem ein solcher sein kann, kann der Chor nur so lange bestehen, wie die Einzelnen sich an ihm um seinetwillen beteiligen.“ Leider beteiligen sich immer weniger, vor allem junge Leute an dieser so wertvollen Form gemeinsamer Betätigung, die nicht nur das musikalische Verständnis prägt, sondern auch erleben lässt, wie gemeinsames Tun zu einem gemeinsam erreichten Ergebnis führt. Und leider fehlt heute im Westen die Musik, die – wie Beethovens 9. oder Mozarts Zauberflöte – die Heraufkunft einer neuen Epoche ankündigt. Zugegebenmaßen wären selbst diese beiden Heroen der Musik überfordert damit, heute eine solche Musik zu schaffen.

  2. Das finde ich interessant und auch mal eine Abwechslung. Hier auf overton kommen ja vielerlei Analysen zum Zeitgeschehen, die mitunter (recht) lesenswert sind. Aber manchmal ist es auch mal wieder schön, etwas zu schmökern, was die ganzen weltweiten Machtspiel(ch)e(n) außer acht lässt…

  3. Der Autor meint, in der Musik von Beethoven wäre die dialektische Synthese von Individuellem und Kollektivem gelungen – was leider auf gesellschaftlicher Ebene noch aussteht. Allerdings hab ich mit Beethoven und Kunst im Allgemeinen wenig am Hut, ganz einfach, weil ich das Reden über Kunst zu 90% als ästhetisierendes (und damit belangloses) Geschwätz empfinde.

    Den dialektischen Widerspruch von Individuum und Kollektiv finde ich aber höchst interessant: Als DDR-Bürger hatte ich gelernt, dass sich das Individuum dem Kollektiv unterzuordnen hatte. Im Westen ist es nach Recht und Selbstverständnis der liberalen Demokratie umgekehrt, da hat das Individuum Vorfahrt vor dem Kollektiv des Staates.
    Was für den Staat aber ein Widerspruch in sich ist, was sich gut in der Corona-Zeit zeigte. Denn der Staat ist ja dem Kollektiv verpflichtet (das ist die Grundlage für seine Existenz) und nicht dem Individuum, die liberale Staatsideologie fordert aber genau das.

    Die Problematik, die sich aus diesem Widerspruch der liberalen Demokratie ergibt (zwischen individuellem Anspruch und kollektiven Erfordernissen), ist jedoch noch sehr viel umfangreicher mit vielen destruktiven Tendenzen – und eine Synthese nicht in Sicht.

  4. Schöngeistige Reflexionen in Zeiten wie diesen? Anregende und unterhaltsame Abwechslung? Oder doch wieder nur eine Ablenkung und Flucht ins innere intellektuelle Exil einer Elite die gerade nicht auf einem völkerrechtswidrigen Kriegsschauplatz ermordet und gemeuchelt wird, sondern die – die Elite – die diese Verbrechen veranlasst!?

  5. So ganz verstehe ich den Artikel nicht nicht. Kann sein, deshalb, weil ich immer wieder an dem Begriff der „Kunstmusik“ festhake, was soll das sein? Da Kunst von Können kommt, habe ich mich entschlossen, den Begriff für mich so zu definieren: Kunstmusik ist Musik, die von Könnern gemacht wird. Und da ich selbst ein Instrument spiele,
    (
    das allerdings in seiner Vielfalt nur schwer zu beschreiben ist, deshalb hier diese Herstellerseite:
    https://www.hammond.de/produkte/hammond-skx-pro.html
    )
    verlinke ich einen echten Könner auf solchen Instrumenten, der auch noch sehr schön erzählt:
    https://www.youtube.com/watch?v=kl_co3GGNE4

    Wünsche viel Vergnügen beim Anschauen. Denke, das ist das richtige zum Wochenende statt tiefsinniger Gedanken. 😃

  6. Danke für diesen Wink. Ein wirklich schöner kleiner Beitrag. Gerade auch weil ich nie ein so großer „Fan“ dieses Instrumentes war und bin, weder im Funk noch in der Rockmusik der 60er/70er Jahre.
    Und „so ganz verstehe ich den Artikel (auch) nicht nicht“.

  7. Die eigentliche Kunstform des bürgerlichen Zeitalters dürfte die Oper gewesen sein: Befreiung von religiösen Inhalten, Spiel zwischen Orchester, Chor und Arie. Und natürlich ist Mozart der große Komponist dieser Epoche der Aufklärung gewesen.

    Sehr schön arbeitet Zuckermann den Zusammenhang vom „Aufheben“ des Individuums in der Gemeinschaft von Freunden anhand von Beethovens Neunter heraus. Und wie traurig, dass uns diese Hoffnung heute so sehr verloren gegangen ist. Die zeitgenössische Musik spricht davon.

    An dieser Stelle des Artikels: „…lyrisch-schöne künstlerische Warnung vor der nach der Revolution eintretenden Unbekümmertheit und der mit dieser einhergehenden Neigung der Massen, wie eine Schafsherde stets wieder einem „falschen Dimitij“ hinterherzulaufen, einem vergötterten charismatischen Führer, der sie mit seinen leidenschaftlichen Sprüchen erhitzt, um sie in die nächste Katastrophe zu stürzen“,

    habe ich gestutzt. War es wirklich so?
    Erst einmal komponierte Mussorgski seine Oper um 1870, also weit vor der russischen Revolution. Oder welche andere Revolution ist gemeint? In Russland?
    Egal?
    Sollte aber Zuckermann evtl. ein Warnung vor der Zeit im Sinn haben – und mit dem charismatischen Führer etwa Stalin, würde ich etwas mehr „Butter bei die Fische“ anmahnen: wodurch war das Volk sträflicherweise „unbekümmert“, welches waren die „leidenschaftlichen Sprüche“, die Zimmermann anprangert?
    Fragen, die sich natürlich nur dann stellen, wenn man nicht, wie es in manchen Kommentaren tönt, Kunst als „netten Zeitvertreib“ auffasst. Solche Zeitgenossen werden auf dem Weg zum Himmelreich immer an der erstbesten Pommesbude stecken bleiben. Sei’s drum, auch nicht schlimm, denn: Wozu brauchen wir schon (noch) Orchestermusik?

  8. Die Natur ist die kreative Gestalt, um Inspiration zu erlangen.
    Die heute Natur und ihr Gesang, geht unter im menschlichen Lärm…
    A
    M. m. n., soweit ich den Artikel verstand, könnte man eben auch Abba hinzunehmen,
    „The winner takes it all“!
    Denn damals wie heute war jede musikalische Größe vom Spender abhängig.
    Der Unterschied zwischen der klassischen Musik und ‚modernen Musik‘,besteht darin, das die Klassik mit Gedanken von Menschen, damals kreiert wurde und heute nutzt der Mensch die Technik und das Medium Media.
    Wenn ich mir vorstelle was damals Menschen alles in der Lage waren zu kreieren, stelle ich für mich fest, das die sogenannte heutige zivilasorische Entwicklung rückwärts geht und nicht nach vorne.
    Die Mehrheit der Weltbevölkerung bewegt sich zurück, durch geniale freudsche Gedanken.

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