Strümpfe-Sauger und argentinische Malediven

Messi ist nicht Maradonna. Donald Trump delivers empfing Lionel Messi mit dem Team von Inter Miami im März im Weißen Haus. Bild: Weißes Haus

 

Gleich vorweg: Ich kann einen Elfmeter nicht von einem Freistoß unterscheiden, aber ich staune immer wieder über strunzdumme Berichterstattung. So berichtete, am Tag nach dem Spiel Argentinien/ England, der Deutschlandfunk, offensichtlich empört über den glückseligen Mittelstürmer Giovani Lo Celso, der mit weißer Fahne “Die Falklands sind argentinisch” auf dem Rasen herumtobte. Huch? Ich dachte, die Latinos haben gewonnen – wen meinte er mit “Falklands”? Ein Unwort am Río de la Plata! Was war da los?

Die Titelseiten – ALLE Titelseiten – klärten mich auf, auf dem Banner stand: “Las Malwinas son argentinas”. Klar. Was auch sonst? Aber offensichtlich hatte sich der Kölner Journalist mit der britischen Presse begnügt, die die umstrittene Inselgruppe am Südatlantik “Falklands” nennt. Da fiel es mir ein: Als ich früher für den Deutschlandfunk aus Südamerika berichtete, musste ich erklären, dass es sich bei den “Malwinen” nicht um die Malediven handelt, der Zusatz “Falklands” war zwingend.

Auf Giovanis Fahne hatte natürlich “Malwinas” gestanden – und darüber hatte es im Vorfeld einen heftigen Streit gegeben. Aber den hatte der öffentlich-rechtliche Funk unterschlagen. Zur Erinnerung: Die Malwinen liegen 400 Kilometer vor der argentinischen Küste und wurde nach der Unabhängigkeit von Spanien 1820 von Buenos Aires in Besitz genommen. Das Vereinigte Königreich errichtete dort 1833 einen militärischen Stützpunkt und eine Kolonialverwaltung. Bis heute fordert die UNO London zur Entkolonialisierung auf. Vergeblich, und 1982 kam es zu einem Krieg, es starben etwa 1000 Matrosen.

Für die Argentinier verkörpert die Inselgruppe die nationale Identität. Der ultrarechte Präsident Javier Milei allerdings ist ein fanatischer Anhänger von Margaret Thatcher und meint, man “müsse den Willen der Inselbewohner respektieren”, also den Willen einer Handvoll Schafhirten, die aus dem britischen Staatshaushalt finanziert wird. Seine Vizepräsidentin Victoria Villaruel, die von nationalistischen Kräften unterstützt und die Milei für einen Hochverräter hält, hatte vor dem Spiel in Atlanta die Briten als “Piraten” beschimpft – und natürlich hatte das Foreign Office protestiert.

Auf jeden Fall hatte Mileis Sicherheits-Ministerin Alejandra Monteoliva in Zusammenarbeit mit FBI, Homeland Security und ICE durchgesetzt, dass die massenhaft angereisten Fans peinlichst auf T-Shirts und Fahnen mit der Aufschrift “Malwinen” am Eingang des Stadions durchsucht wurden. Wer mit einem Malwinen-Symbol erwischt wurde, durfte nicht rein – trotz des teuren Tickets. Die Ministerin hatte das damit begründet, dass sie “provokative Aufrufe” verhindern wolle, seien sie “politischer oder rassischer Natur”, und die Aussage “Die Malwinen sind argentinisch” sei eben politisch.

Einen Tag nach dem Spiel wurde im Senat ein Gesetz durchgeboxt

Zufällig (?) einen Tag nach dem Spiel in Atlanta sollte im Senat das Gesetz über Landverkauf an Ausländer durchgeboxt werden. Die Vizepräsidentin und Senatspräsidentin hatte versucht, die Abstimmung zu vertagen, weil die Bevölkerung wohl noch besoffen von der Freude über den Sieg war und nationalistische Kreise – von rechts wie links – dieses Gesetz als einen “Ausverkauf des Landes” ablehnen. Es soll die Beschränkungen des Landerwerbs an Ausländer aufheben. Es erlaubt die sofortige Räumung besetzter Landstriche (auch durch die Mapuche-Indianer). Bisher dürfen nicht mehr als 15 % des nationalen Territoriums in ausländischem Besitz sein, aber in letzter Zeit kaufen sich nicht nur Scheichs aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten dort eine private Estancia, sondern diese Staaten treten als Staaten als Käufer auf. Auch von Landnahmen israelischer Staatsbürger ist die Rede.

Schon heute besitzt Benetton in Patagonien 920.000 Hektar und der britische Millionär Joe Lewis 38.000 Hektar besten Ackerlandes in Río Negro, mittendrin der Escondido See, zu dem er der Bevölkerung den Zutritt verweigert. Laut eines Berichtes des Observatorio de Tierras der Universität von Buenos Aires sind bereits 13 Millionen Hektar in ausländischem Besitz, und wenn Mileis Gesetz abgenickt wird, werden am Ende die Argentinier Fremde im eigenen Land sein. Aber von all dem ist im Freudentaumel der Fußball-WM keine Rede. Immerhin aber musste das Projekt im Senat verschoben werden, weil nicht genügend Abstimmungsberechtigte erschienen waren.

Messi nach Maradonna

Wenn am Sonntag die Mannschaft um Lionel Messi den Pokal nach Hause bringt, wird Buenos Aires vermutlich wieder tagelang im Freudentaumel versinken; man gönnt es ihnen, die Leute haben angesichts der wirtschaftlichen Krise wenig zu feiern. Und Messi wird, wie zuvor der legendäre Diego Maradonna, in die Geschichte eingehen. Aber Messi ist nicht Maradonna. Letzterer kam von unten, war stets ein Rebell, traf sich mit Fidel Castro und Hugo Chávez und feierte in Mar del Plata, als Néstor Kirchner George W. Bush und seinem Freihandelsbündnis die Rote Karte zeigte. Mit dem vielen Geld kamen das Kokain, junge Frauen und am Ende starb Maradonna verlassen von allen.

Messi ist anders. Er stammt aus einer Mittelschichtsfamilie und ist erfolgreicher Geschäftsmann. Aber warum machte er im März dieses Jahres, zusammen mit Gianni Infantino, Donald Trump im Weißen Haus seine Aufwartung? Und als sich der US-Präsident bei seinen Generälen “für den größten Militäreinsatz” in Iran bedankte, applaudierten Messi und seine Teamkollegen von Inter Miami brav. In Argentinien waren die Fans entsetzt. Ein Mann wie Lionel, der nicht nur stinkreich ist, sondern der auch das Herz der männlichen Weltbevölkerung sein Eigen nennt, kriecht zu Kreuze? Sie erinnerten sich an die letzte WM, als die Mannschaft stundenlang durch Buenos Aires zog und mit den Menschen jubelte. Sie hatte sich damals explizit geweigert, die Casa Rosada zu betreten, den Regierungspalast, wie es üblich gewesen wäre, um von dort aus den Jubelnden zuzuwinken. Man akzeptierte damals, dass sich ihre Idole nicht mit diesen widerlichen Politikern sehen lassen wollten, wenngleich auch die Idee aufkam, diese aus dem Fenster zu werfen und vom Balkon herab den Maiplatz zu grüßen. Aber dann der Kniefall vor Trump? Warum diese Unterwerfung vor der Kosher Nostra? “Chupamedias” hieß es auf argentinisch, nicht offen, aber hinter vorgehaltener Hand, wörtlich übersetzt: Strümpfe-Sauger.

Aber, ok, wenn Messi und seine Jungs am Sonntag wieder den Pokal gewinnen, wird man es ihm verzeihen. Und vielleicht geht dann auch ganz schnell das Gesetz über den Landverkauf an Ausländer durch den Kongress.

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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2 Kommentare

  1. Ich glaube dass Argentinien am Sonntag verlieren wird. Und dann einige Monate später folgendes passiert:
    https://ibb.co/FbR4LTfq
    Dass Hr.Milei an der Mauer in Jerusalem seinen Frust über das verlorene Fussballspiel weinend abkippt.

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.

  2. Als Nicht-Fußballgucker interessiert mich trotzdem all das, was mit diesen Massen-Events sozial und politisch verbunden ist. Keine Frage, in erster Linie der unverschämte und von den Sportfans vielleicht widerwillig, aber ohnmächtig mitgetragene, geradezu unverschämte Kommerz mitsamt seinen Korruptionen. Und der mit solchen Meisterschaften meist verbundene, etwas lächerliche Nationalismus. Insofern fand ich auch diesen Artikel hier mit seinen Hintergründinformationen zu Argentinien durchaus lesenswert.

    PS:
    Ich kann diese permant sich aufdrängenden Fratzen auf den vermeintlich unvermeidbaren Artikelbildern (ich brauche sie nicht!), sozusagen die zweite oder erste Headline, schon lange nicht mehr sehen. Und offensichtlich müsste der Trump mit seinem triumphierenden Gestus und der blöd-strahlenden Entourage hier nicht abgebildet werden.

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