Stefan Zweig wider die „Magie der militärischen Worte“

Hans Larwin (1873-1938), Wien: „Soldat und Tod“ aus dem Jahr 1917. Bild: public domain

Bürgerliche Kultur und Kriegsgeschrei – Dichtungen, Aufsätze und Vorträge der Jahre 1914-1941 erschließen erstaunliche „Bekenntnisse zum Pazifismus“.

 

Zum Bildungskanon des sich als feingeistig verstehenden Bürgertums gehörten immer große Namen, die von einer tiefen Abscheu vor jeglicher Kriegsertüchtigung zeugen. Doch man verehrt oder liebt diese ‚Großen‘ gemeinhin nicht wegen, sondern trotz ihrer pazifistischen Standorte. Friedensliebe stellte die staatstragende bürgerliche Welt stets nur dort unter Beweis, wo sie dadurch nicht in Spannung geriet zum maßgeblichen Gefüge der öffentlichen ‚Geistigkeit‘. Wenn die Zeit des Buches ihre Tore schließt, wird von jener wundersamen Klasse, die literarisch bewandert und erhoben war, nur noch ein Gerücht bleiben. Zweierlei bleibt da zu wünschen:

Die Jugend möge sich die Klassiker wider den militärischen Heilsglauben aneignen, sie entwenden aus den verwaisten Bibliotheken derer, die sich mit allerlei Feinsinnigkeit beluden und doch zu leichtgewichtig blieben. Schier unerschöpflich bleibt jenes geistige Gemeineigentum, das uns nähren kann – unverdrossen bis hin zur Freude, ein Menschenantlitz zu tragen: trotz alledem.

Zu denken ist aber auch an all´ jene, die die Stätten der betuchten Geistigkeit noch aus eigener Anschauung kennen und deren Niedergang mit Bedauern oder gar Traurigkeit betrachten. Mögen sie zeitig erkennen, dass die Sachwalter der explodierenden Rüstungsbudgets nicht nur einen Kreuzzug führen gegen die materiell Bedürftigen und die Lebensräume unseres Alltags, sondern sich auch anschicken, das Beste der bürgerlichen Kultur zur Heimatlosigkeit zu verdammen. (Billionen umzuwidmen für die Bildung der nach uns Kommenden, daran denkt in Europa keiner der Herrschenden.) Die feinen Geister sollen, ja müssen wiederentdeckt werden, gerade weil es ihnen – oft nach langen Irrungen – gegeben war, den unversöhnlichen Gegensatz von Geist und Macht, Krieg und Kultur zu durchschauen.

 

Ein Stefan-Zweig-Lesebuch

Unter solchem Vorzeichen hat die Schalom-Bibliothek jetzt ein Lesebuch „Bekenntnisse zum Pazifismus“ mit ausgewählten Dichtungen, Aufsätzen und Vorträgen von Stefan Zweig (1881-1942) vorgelegt; außerdem auch eine Neuedition von Zweigs Antikriegsdrama „Jeremias“ und verwandten Texten.

Der Schriftsteller „wuchs in einer bürgerlichen jüdischen Familie auf, deren Vorfahren aus Mähren und Deutschland nach Wien gekommen waren. Der Vater war ein erfolgreicher Textilunternehmer, die Mutter kam aus einer angesehenen Bankiersfamilie. In seiner Autobiographie, der Welt von Gestern (1942), schrieb Zweig nicht ohne Wehmut: ‚So wie meine Eltern haben zehntausend oder zwanzigtausend Familien in Wien gelebt in jenem Jahrhundert der gesicherten Werte.‘ Dazu gehörte unabdingbar auch die Pflege der Kultur. Sie nahm als beinahe ontologische Größe einen festen Platz im Humanitätsverständnis des gehobenen Wiener Bürgertums ein. Die Beschäftigung mit der Literatur war auch für Zweig ein wichtiger Fluchtpunkt während seiner Schulzeit“ (Heidelore Riss, Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur – Ausgabe suhrkamp 2003). Bereits ab der Jahrhundertwende trat der Zögling aus einem eher kühl temperierten großbürgerlichen Elternhaus als Schriftsteller hervor – mit ‚psychologischem Gespür‘ und zunehmender Anerkennung in der Literaturszene. Er sollte einer der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler seiner Zeit werden.

Noch mehr als den ‚geborenen Pazifisten‘ hilft die Kenntnis von Entwicklung und Werk Stefan Zweigs heute jenen, die seit Jahren in den Chorgesang der neuen Weltkriegsertüchtigung ‚pflichtbewusst‘ einstimmen und nunmehr von Zweifeln heimgesucht werden. Der friedensbewegte Lebensweg des Dichters beginnt nämlich weitaus gebrochener, als wir es nach der Lektüre der späten autobiographischen Erinnerungen („Die Welt von gestern“, 1942) erwarten: „Den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begrüßte Zweig zunächst und wurde wie viele seiner Zeitgenossen vom Patriotismus ergriffen; auch er meldete sich nach der Mobilmachung freiwillig, wurde jedoch für dienstuntauglich erklärt. Dennoch wurde er zum Kriegspressehauptquartier eingezogen, einer Propaganda- und Zensurbehörde der österreichischen Armee […]. Im Auftrag dieser Behörde wurde Zweig 1915 ‚in das schwarzeste Gallizien‘ geschickt. Unter dem Einfluss von Romain Rolland, dessen ‚Jean Christoph‘ Zweig vor dem Krieg sehr gelobt hatte, löste er sich allmählich von seiner anfänglichen Kriegsbegeisterung und wurde ein entschiedener Kriegsgegner“ (Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur). So vermittelt Heidelore Riss den besagten Zeitabschnitt.

 

„Verwirrung der Gefühle“

Besonders gründlich und schonungslos hat Bettina Hey’l (Stefan Zweig im Ersten Weltkrieg, 2000) den „Widerspruch zwischen der Autobiographie und den Dokumenten der Kriegsjahre“ herausgearbeitet. Schriftstellerische Erzeugnisse, Briefe und Tagebucheinträge Stefan Zweigs zeugen von einer „Verwirrung der Gefühle“. Es will uns aber nicht gelingen, die Zeugnisse in ihrer Gesamtheit zu deuten mit Hilfe einer Unterscheidung von öffentlichem Schweigen (bzw. Schreiben!) und privater Mitteilung, von innerem Mitgefühl und gleichsam amtlicher Rolle. Auch von einem kontinuierlichen Wachstum hin zum reifen, gefestigten Friedensstandpunkt kann keine Rede sein. Fast gleichzeitig entstandene Schriftzeilen fallen gegensätzlich aus. Die Widersprüche (und ‚Rückwärtsschritte‘) sind offenkundig. Jede Fraktion der Deuter und Biographen kann sich entsprechend bedienen.

Einige Beispiele aus den Tagebüchern seien hier angeführt: „Mir ist ganz grauenhaft zu Mute bei solchen Nachrichten: mein inneres Empfinden glaubt nicht an einen österreichischen Sieg, ich weiß nicht warum. Und mir graut für Deutschland, das jetzt mitgerissen wird …“ (1. August 1914). – „Was so gräßlich ist, ist die gänzliche Abschirmung der Stadt von Nachrichten … Dafür schwirren Gerüchte … Wahr ist aber die deutsche Kriegserklärung. Was tut England, fragen wir uns alle?“ (2. August 1914) – „Es ist der furchtbarste Tag meines Lebens.“ (3. August 1914) – „Mittags am Graben das Gerücht von einem großen deutschen Sieg – nachmittags arbeite ich aus Verzweiflung meinen Artikel über Deutschland … Und abends in der Presse, wie ich ihn bringe trifft michs wie der Blitz: die Deutschen brachen Belgiens Neutralität, schaffen sich England auf den Hals, opfern die Colonien, geben unsere Flotte England und Frankreich preis und all dies nur, um rasch nach Paris zu stoßen. Es ist Genialität oder Irrsinn – nie war die Welt so rasend … Ich glaube an keinen Sieg gegen die ganze Welt – jetzt nur schlafen können, sechs Monate, nichts mehr wissen, diesen Untergang nur nicht erleben, dieses letzte Grauen.“ (4. August 1914) – „Die deutschen Siege sind herrlich, wie der Fächer der Armeen sich jetzt aufrollt gegen den Griff, gegen Paris zu. Das zu lesen und zu fühlen, man erlebt Napoleonszeiten.“ (25. August 1914) – „Sedanstag. […] Wir haben plötzlich ein grenzenloses Vertrauen, schon teilt man die Welt. Diesen Tag erlebt zu haben war wahrhaft schön, schon freue ich mich auf morgen. Man spricht von 100.000 Gefangenen.“ (1. September 1914) – „Ich kann mit den Leuten nicht reden: sie sind alle vernagelt in einem idiotischen und gar nicht echten Patriotismus. Dazu die Censur, das Erbübel!“ (12. September 1914) – „[…] drei große englische Kreuzer von einem Unterseeboot in den Grund gebohrt [!], 20 Menschen gegen 2000 – eine Heldentat der Umsicht und Kühnheit! Der Capitän Weddigen ist heute ein deutscher Held!“ (21. September 1914) – „Die ungeheure Sinnlosigkeit des Gemordes entsetzt mich. Und alles für Phrasen und Unwahrheiten – bei uns zumindest.“ (21. Dezember 1914) – „Die Kaiservergötterung z.B. ist mir unerträglich sowie die Fürstendienerei, der Mangel an Democratie, der selbst jetzt so furchtbar zum Durchbruch kommt, sehr im Gegensatz zu Frankreich und England. Darüber kann ich mit den wenigsten sprechen.“ (26. Dezember 1914) – „Ich bin viel ruhiger und werde den Krieg bald für mich gebändigt haben. Ich weiß jetzt wie sehr ich ihn hasse, daß ich nichts und nichts daran schön finden kann und auch nicht will.“ (4. Januar 1915) – „Und etwas Herrliches für Österreich: eine Erdbebenkatastrophe in Italien, in der Nähe Roms […] das diesmalige [Erdbeben, im Gegensatz zu einem früheren] ist – leider – geringfügiger, obzwar es auch 30.000 Menschen das Leben gekostet hat und der Materialschaden zweifellos ein furchtbarer ist. Etwas mehr – und wir wären die schwerste, die bitterste Sorge los gewesen.“ (14. Januar 1915) – „Kein Zweifel, es wird Krieg“ mit Italien geben, „und ich sehe einen Zusammenbruch. Ich denke jetzt an die Tragödie Jeremias die ich ja immer schon schreiben wollte.“ (17. Mai 1915)

Es ist, als führten hier bei den Eintragungen zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten die Feder, die voneinander nicht wissen. Dass viel später die autobiographischen Niederschriften Zweigs aus den Jahren 1939-1941 im Rückblick ein vielfach zu ideales, ja falsches Bild des ersten Weltkriegsjahres vermitteln, braucht uns nicht unbedingt zu verwundern.

 

„Militärische Pflichtübungen“?

Schier unerträglich ist die patriotische Wortmeldung „Ein Wort von Deutschland“ in der Neuen Freien Presse vom 6. August 1914. Zweigs früher Aufsatz „Die schlaflose Welt“ (Neue Freie Presse, 18. August 1914) und sein Wort „An die Freunde in Fremdland“ (Berliner Tageblatt, 19. September 1914) lassen sich hingegen weder als Kriegspropaganda noch als pazifistische Voten lesen. Der Beitrag „Warum nur Belgien, warum nicht auch Polen?“ für die Neue Freie Presse vom 4. April 1915, der einen kurzen Blick auch auf die Leiden der jüdischen Bevölkerung Galiziens richtet, atmet bereits einen anderen Geist; mit unserem heutigen Wissen um das tausendfache Niedermetzeln belgischer Zivilisten durch eine paranoide deutsche Soldateska kann man allerdings die knappen Auskünfte zum (angeblich ‚notwendigen‘) Einmarsch in Belgien nur schwer verdauen.

Kritisch merkt für das erste Kriegsjahr auch Knut Beck an: „Stefan Zweigs Verhalten in dieser Zeit muss verwundern: auf der einen Seite war er von den Nachrichten ‚ganz zerbrochen‘, konnte er nichts essen, seine Nerven flimmerten, es grauste ihm vor der Vorstellung des Kriegsgeschehens – auf der anderen Seite bekannte er sich zu seinem Staat und dessen militanter Aktivität.“ Zu den patriotischen Aufsätzen, die der Dichter dann für das staatliche ‚Kriegsarchiv‘ verfasst hat, gehören Beck zufolge die Titel „Die Feldpost“, „Lebende Kampfmittel“ und „Kriegsgefangene“: „… ihr nationalistisch-propagandistischer Charakter erklärt sie zu militärischen Pflichtübungen. […] Der Dienst gab Stefan Zweig Möglichkeiten genug zu einem eigenen ‚Wort zur Zeit‘, aber dieses blieb, trotz immer stärkerer Hinwendung zur Humanität, in einem gewissen Gegensatz etwa zu den Tagebucheintragungen und Briefäußerungen: vielfach national gestimmt, stark abgegrenzt vor allem gegen das einst geliebte Frankreich […]; man spürt die Kluft zwischen seinen publizierten Aufsätzen und den persönlichen Aufzeichnungen.“ (Knut Beck, 1995)

„Erst ab 1916“, so die zeitliche Einschätzung von Bettina Hey’l, „finden sich unter Zweigs Schriften keine kriegsbejahenden Äußerungen mehr; erst mit dem Schweizer Aufenthalt artikulierte sich die humanistisch-pazifistische Gesinnung, die bislang nur gelegentlich in Tagebüchern und Privatbriefen zum Ausdruck gekommen war, auch öffentlich“; im „Spätherbst 1916 erhielt Zweig zunächst für zwei Monate, dann nach einer vorübergehenden Rückkehr nach Wien für die gesamte Dauer des letzten Kriegsjahres die Genehmigung, sich in der Schweiz aufzuhalten. […] Zweig war froh darüber, dass er die Arbeit im Kriegsarchiv niederlegen konnte, die er zunehmend als Einschränkung seiner persönlichen Bewegungsfreiheit und Arbeitskraft empfand. […] Nur einmal, im Sommer 1918 drohte ihm ernsthaft die Zurückberufung nach Wien und eine offizielle Abmahnung. Mit Ausnahme des ‚Bekenntnisses zum Defaitismus‘ passierten alle seine Artikel aus dieser Zeit ungehindert die österreichische bzw. deutsche Zensur“ (Hey’l 2000). Wir sollten ergänzen: ‚Schweiz‘ – das bedeutete, nicht mehr im unmittelbaren Machtbereich bzw. Wirkungsfeld der ‚Autoritäten‘ zu leben (s.u.).

Schon im Februar 1916 entsteht die pazifistische „Legende der dritten Taube“; im Frühjahr des gleichen Jahres veröffentlicht der Dichter zunächst in Frankreich seinen Friedenstext „Der Turm zu Babel“, in welchem er der ‚antiimperialistischen Deutung‘ des biblischen Stoffes nicht folgt: Er begann „allmählich auf Europas Boden wieder zu erstehen, der Turm zu Babel, das Denkmal der brüderlichen Gemeinschaft, das Monument der menschlichen Solidarität“.

Man mag wie Bettina Hey’l mutmaßen, diese und nachfolgende ‚Widerworte‘ seien „ohne jede Gefahr“ gewesen „für den Pazifisten Zweig, dessen Friedensbotschaft jetzt eine ohnehin kriegsmüde Leserschaft erreichte“. Ob solch eine Betrachtung aber der überlieferten Ausgrenzung und Anfeindung von Pazifisten (‚Friedenshetzern‘) in allen Kriegsjahren gerecht wird, bleibt mehr als fraglich.

 

Jeremias – ein Prophet als Wehrkraftzersetzer

Seit dem Frühjahr 1915 arbeitete ‚Titularfeldwebel‘ Stefan Zweig an seinem biblischen Antikriegsdrama „Jeremias“, das er im Frühjahr 1917 abschließen konnte. Während sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung die imperiale Vorherrschaft in Westasien von Assyrien auf die Babylonier/Chaldäer übergeht, tritt der Prophet als Warner und ‚Wehrkraftzersetzer‘ in Erscheinung, kann aber den Untergang des Nordreichs Juda nicht abwenden. In der Dichtung des dritten Weltkriegsjahres kommt die Einsamkeit dieser Gestalt u.a. durch folgende ‚Selbstaussage‘ zur Sprache: „Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der Menschen; als einer musst du stehen gegen sie alle, denn immer ist das Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit. Oh, ich weiß, dass ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muss ich tun, und wer Gottestat will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Hass.“

Im Februar 1917 schreibt Zweig dem französischen Freund Romain Rolland, das Drama sei ein „Werk, das alles aussagt, was ich innen vom ersten Tage des Krieges fühlte“. (Erweist, noch weitergehender, womöglich er selbst sich – wie Casanova, Stendhal, Tolstoi – als ein ‚Dichter des eigenen Lebens‘?) Auch der Widerspruch von Zweigs Kriegsvoten klingt in der Tragödie an (König Zedekia: „Ich musste Krieg künden, aber ich liebte den Frieden“). Die Erstausgabe erscheint 1917 im Insel-Verlag zu Leipzig, die Uraufführung des Dramas erfolgt am 27. Februar 1918 in Zürich. Die pazifistische Tendenz des Stückes, dem auch ‚katholische Internationalisten‘ in Österreich Beifall spenden, kann schwerlich übersehen werden: „Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr! […] Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben.“ Nicht Territorien und Steinmauern müssen – bis hin zum Letzten – verteidigt werden, sondern lebendige Menschen – und die Hoffnung.

Im Stefan-Zweig-Lesebuch „Bekenntnisse zum Pazifismus“ sind nur einige beispielhafte Szenen aus dem Drama aufgenommen worden. Vollständig nachgelesen werden kann es im weiteren Band der Schalom-Bibliothek, der dem Lesebuch zur Seite steht. Dieser enthält folgende Texte des Dichters: Jeremias – eine dramatische Dichtung in neun Bildern (1917), Polyphem (Gedicht 1917), Der begrabene Leuchter (Legende 1937), Eine Ansprache (Hilfsverein deutschsprechender Juden Buenos Aires, 1936). – Zusammen mit den in der Einleitung dargebotenen Selbstaussagen erschließt diese zweite Auswahl nicht zuletzt wichtige Zeugnisse zu Stefan Zweigs Haltung gegenüber dem Zionismus in verschiedenen Lebensabschnitten.

Zu den weiteren zentralen Friedenstexten des Jahres 1917 gehört eine öffentliche Ansprache über die große Leitgestalt der Friedensbewegung, die der Dichter im April anlässlich des Internationalen Frauenkongresses für Völkerverständigung in Bern hält: „Seit zwanzig Jahren hatte Bertha von Suttner um diesen Weltkrieg gewusst, indes wir alle atemnah neben ihr ahnungslos unser Leben lebten. Aber – ich frage Sie und mich – spreche ich wirklich wahr, wenn ich sage, wir waren ahnungslos gewesen, wir hätten nicht um diesen Weltkrieg gewusst.“ Im Juli erscheint Zweigs überaus rühmende Rezension des französischen Antikriegsromans „Le feu“ von Henri Barbusse (ein „Welterfolgsbuch“). Am 28. November schreibt er sein „Testament des Gewissens“ nieder: „… Waffen zu tragen und von ihnen Gebrauch zu machen. Ich halte im Sinne Tolstois und noch dringender in dem meiner eigenen Erkenntnis dies als das schwerste Verbrechen wider den Geist der Menschlichkeit, das wir begehen können und betrachte es als eine moralische Pflicht, den Mord zu verweigern.“ Ein Bericht über das Genfer Büro des Roten Kreuzes trägt dann kurz vor Weihnachten den programmatischen Titel „Das Herz Europas“.

 

„Bekenntnis zum Defaitismus“

Im letzten Kriegsjahr 1918 betrachtet Stefan Zweig das unbekümmerte Leben der eigenen Klasse in Kriegszeiten („Bei den Sorglosen“) und schreibt über den Weltfeind „Opportunismus“. Im Juli/August-Heft der Friedens-Warte (Verlagsort Zürich) erscheint sein couragiertes „Bekenntnis zum Defaitismus“: „Bekenntnis wird erst wirksam durch Haß, Gefahr und Widerstand. Nehmen wir – wie einst die Geusen taten – das Haßwort unserer Feinde, machen wir aus ihrem Schimpf unsern Stolz, aus ihrer Verachtung unsere Ehre: nennen wir uns offen Defaitisten! Vereinigen wir uns im Defaitismus! Seien wir Flaumacher! Soyons déafitistes! Siamo disfattisti! Geben wir dem Wort unsern Sinn, wie wir es verstehen, tragen wir es als Waffe, und heben wir sie hoch, dass sie funkelt und glüht gegen Heimsiegfrieds Zorn!“

Gegenüber dem staatstragenden ‚Vernunftpazifismus‘ von Alfred H. Fried und der bürgerlichen Friedensbewegung, welcher erst im ‚zivilisatorischen Fortschreiten‘ den Krieg aus der Welt schaffen möchte und keineswegs ein Programm der Kriegsdienstverweigerung beinhaltet, entscheidet sich der Dichter im Sinne Tolstois. Es gehe, so schreibt er im Aufsatz „Die Entwertung der Ideen“, um „den alten Zwiespalt, was mehr dem Menschen wert sei, die Idee oder das Leben. […] Ideen siegen nicht, sie sind zu Gast in den Menschen und in den Zeiten, sie stärken sich nicht an ihrer Verbreitung (im Gegenteil!), sie sterben nicht an ihren Niederlagen. Aber die Menschen sterben, und darum muss unsere Anteilnahme jetzt bei ihnen sein.“ Vorangestellt ist dieser zweiten – wahrhaft ‚antitotalitären‘ – Apologie des Defaitismus ein Zitat von Jean Jacques Rousseau: ‚Das Blut eines einzigen Menschen ist wertvoller als die Freiheit der gesamten Menschheit.‘

Schon 1918 war in der Schweiz auch die erst 1920 unter dem Titel „Der Zwang“ veröffentlichte Novelle über einen ‚Fahnenflüchtigen‘ entstanden: „Der junge Maler Ferdinand R. ist in ein kleines Dorf über dem Zürichsee ‚geflohen‘, um sich ausschließlich seiner Kunst zu widmen. Die friedliche Atmosphäre wird jäh gestört, als ihn ein Stellungsbefehl aus der Heimat erreicht. Dieser Brief bildet den ersten Wendepunkt der Erzählung, vor dessen Hintergrund Zweig sein humanistisch-pazifistisches Menschenbild entfaltet […]. Der Protagonist gerät in einen emotionalen und moralischen Konflikt zwischen der Aufforderung des Staates, seine ‚vaterländische Pflicht‘ zu tun, und seinen persönlichen pazifistischen Idealen, die durch diesen Befehl herausgefordert werden. Die Figur der Ehefrau Paula stellt die zweite Konstituente der dialogisch angelegten Erzählstruktur dar und fungiert als ‚Stimme des Gewissens‘ […]. Sie appelliert an Ferdinand, den Stellungsbefehl, der in der neutralen Schweiz keine Gültigkeit habe, zu ignorieren“ (Elisabeth Erdem, in: Stefan-Zweig-Handbuch 2018).

Der ‚lebensgeschichtliche Entstehungskontext‘ dieser literarischen „Revolte gegen den Kriegsdienst“ ist vielleicht der bedeutsamste Schlüssel für das Verstehen: In der Schreiblade liegt ein Konzept, in dem der Künstler erklärt, „nie eine Waffe zur Hand zu nehmen“ (das ist, wie ich glaube, im realen Leben Zweigs „Testament des Gewissens“ vom 28. November 1917). Seine Gattin wiederholt bis zum Irrewerden: „Wer erwartet dich? Die Sklaverei und der Tod vielleicht, sonst niemand! Wach‘ doch auf, Ferdinand, spür‘s doch, du bist frei, ganz frei, niemand hat Macht über dich, niemand kann dir befehlen, hörst du, du bist frei, du bist frei, du bist frei!“ Doch Ferdinand (des Dichters ‚alter ego‘?!) bekennt: „Nie war ich fest! Nie war ich sicher. Alles das war Lüge, ein Verstecken vor meiner Angst.“ Das hieraus resultierende Ringen wirkt auf die Leserschaft so bedrückend und anstrengend wie die ‚Schizophrenien‘ der oben zitierten Tagebucheintragungen Zweigs aus dem ersten Kriegsjahr. Die innere Ablehnung des militärischen Menschenmordens steht für den Protagonisten der Novelle fest: „Aber seltsam, die Magie der militärischen Worte überwältigte ihn von neuem.“ – 1918 gab es kurzzeitig wirklich die Gefahr für den in der Schweiz lebenden Stefan Zweig, nach Österreich zurückberufen zu werden (s.o.). Zur entschiedenen Verweigerung findet der Künstler der Novelle erst, als er nach Ankunft eines Zuges dem entsetzlichen Ergebnis der Völkerschlachten selbst ins Angesicht schaut; biographisch bezeugt ist durch Friderike von Winternitz, die damalige Lebensgefährtin des Schriftstellers, die dem entsprechende reale „Begegnung mit verwundeten Frontsoldaten auf einem Innsbrucker Bahnhof“. – Jetzt sollte man sich auch daran erinnern, dass Zweig schon 1915 in Lazarettzügen eine entscheidende Tuchfühlung mit dem „eigentlich Grausigen des Krieges“ widerfahren war.

Was aber hat es nun mit der angsteinflößenden „Magie der militärischen Worte“ – den Ansprüchen des Staates (samt seiner ‚Autoritäten‘), der vermeintlich großen ‚Gemeinschaft‘ oder auch ‚nur‘ der bürgerlichen Gesellschaft – auf sich? Das Bedürfnis, ein ‚nützliches Glied‘ für das große Ganze zu sein, ist im Kontext des Dichterlebens wohl kaum losgelöst zu betrachten von der eigenen Zugehörigkeit zu einer Minderheit, der weite Kreise ‚Vaterlandsverrat‘ und chronische ‚Drückebergerei‘ unterstellten. Schon früh wusste Stefan Zweig um kommende Gefährdungen: „Ich bin fest überzeugt, dass die Erbitterung, die jetzt schon latent ist, nach dem Kriege sich nicht gegen die Kriegshetzer, die Reichspost-Partei, sondern gegen die Juden entladen wird. Ich bin überzeugt – felsenfest – daß nach dem Kriege der Antisemitismus die Zuflucht der ‚Großösterreicher‘ sein wird“.

 

„Wer teilhat an der Sünde der Tötung, ist selbst ein Toter“

Im ersten Nachkriegsjahr beleuchtet Zweig die „Tragik der Vergeßlichkeit“ (1919): „Mit Entsetzen sahen Millionen auf einmal das fremde Blut an ihren Händen, alles war in ihnen bereit, ihre Leidenschaften nun einem hohem Ziel, der Verbrüderung, der letzten Einheit hinzugeben. – Diesen Augenblick der höchsten Erkenntnis, diesen Augenblick, wo die Wahrheit wie ein milder Mond für eine Stunde zwischen den Wolken der Gehässigkeit und der Verdüsterung vortrat, ihn haben wir erlebt vor einem Jahre.“ Angesichts der Friedensverhandlungen plädiert er für „Die Wahl der Staatsangehörigkeit“: „Solange das letzte Ideal nicht erfüllbar ist – Weltbürger zu sein, frei vom Staate, ganz nur der letzten Gemeinschaft der Menschheit zugehörig – muss es unsere Aufgabe sein, das Staatsproblem zu einem möglichst menschlichen zu gestalten. Und zur Freiheit des Menschen gehört Freiheit der Entschließung: … als ein Recht für die sonst Rechtlosen“. Im „Epilog einer vergeblichen Bemühung“ klingt die Hoffnung an, eine neue übernationale, geschwisterliche Jugend werde sich organisieren; doch die Hemmnisse für einen wirklichen Wechsel des ‚Zivilisationsparadigmas‘ sind altbekannt: „Dr. Schulte-Vaerting hat jüngst in einem sehr schönen Aufsatz erzählt, wie die Welt seit Jahrtausenden immer nur den Krieg und nie den Frieden zu finanzieren sich entschlossen hat.“

Eine möglicherweise durch Zweigs Begegnung mit Rabindranath Tagore im Juni 1920 inspirierte Legende, die zuerst 1922 als eigenständiges Werk erscheint, trägt den Titel „Die Augen des ewigen Bruders“: „Der Unsichtbare hat mir ein Zeichen gesandt, und mein Herz hat es verstanden. Ich erschlug meinen Bruder, auf dass ich nun wisse, dass jeder, der einen Menschen erschlägt, seinen Bruder tötet. Ich kann nicht Führer sein im Kriege, denn im Schwerte ist Gewalt, und Gewalt befeindet das Recht. Wer teilhat an der Sünde der Tötung, ist selbst ein Toter. Ich aber will, dass nicht Furcht ausgehe von mir, und lieber das Brot des Bettlers essen, denn unrecht tun wider dies Zeichen, das ich erkannte. Ein kurzes ist das Leben in der ewigen Verwandlung, lass mein Teil mich leben als ein Gerechter.“ – Wir verletzen und werden verletzt, wir richten und werden gerichtet … Müssen wir, um zur Gewaltfreiheit zu gelangen, uns am Ende ganz auf das Nichttun verlegen oder gar die Gemeinschaft mit anderen Menschen fliehen?

 

„Dieses Schweigen, dieses furchtbare, undurchdringbare, endlose Schweigen“

In der rückblickend so genannten ‚Zwischenkriegszeit‘ veröffentlicht Stefan Zweig, der ganz sicher keiner ‚Stalin-Sympathie‘ unterlag, einen Bericht über seine Russlandreise von 1928 anlässlich des 100. Geburtstages des ‚Alten von Jasnaja Poljana‘ und zeigt sich besorgt mit Blick auf die Zukunft Europas. Er arbeitet an Texten über berühmte Botschafter des Friedens wie Romain Rolland, Erasmus von Rotterdam und eben Leo N. Tolstoi. Im Jahr 1932 heißt es im Aufsatz „Nehmt allen die Waffen weg“: „… Waffen und Gelder für Eigenbedarf und Organisationen darf man zwar vom feindlichsten Ausland sich schicken und schenken lassen, für Bündeleien und Zetteleien friedensmörderischer Art darf man ‚patriotisch‘ mit allen erdenkbaren Auslandsdiplomaten verhandeln – nur der redliche pazifistische Wille, seiner Nation und allen andern Blutopfer zu ersparen, heißt in diesem Vokabular Vaterlandsverrat und Feigheit. Nun, haben wir den Mut zu dieser ‚Feigheit‘!“

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten werden 1933 in vielen deutschen Städten auch die Werke Zweigs öffentlich verbrannt; ein Gleiches wiederholt sich dann am 30. April 1938 noch einmal auf dem Salzburger Residenzplatz. (Juden und Pazifisten stehen im Faschismus ganz oben auf der Liste der ‚Verbotenen Autoren‘). Die letzten acht Jahre seines Lebens hat der Dichter im Exil verbracht (England, USA, Südamerika, zuletzt Brasilien). 1936 enthält sein Text „1914 und heute“ eine Klage, die leider für unsere Gegenwart ganz unverändert übernommen werden kann: „Die Aufrüstung geschieht in ungeheuren Proportionen und am lichten Tage; täglich kann man in allen europäischen Zeitungen als Segnungen der Aufrüstung gerühmt lesen, dass sie die Arbeitslosigkeit vermindere, die Börse belebe.“ Das nächste große Menschenmorden wird vorbereitet und die Gazetten loben die wirtschaftlichen Vorteile der Mordwaffenproduktion. Tiefer können Redaktionen und Bürgertum kaum noch sinken … doch sie merken es nicht.

Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges verlangt Zweig im Vortrag „Geschichtsschreibung von morgen“ die Abkehr von einem Jahrtausende alten Irrweg der späten Menschheitsgeschichte: „Nur Hannibal, Scipio, Attila, Napoleon waren wichtig, nur Männer, die Kriege geführt, wurden uns als Helden dargestellt, und so von Anfang an unseren fügsamen Gehirnen der Gedanke mit immer wiederholtem Hammerschlag eingehämmert, das Wichtigste unserer Welt sei der Krieg und die wesentlichste Leistung eines Menschen, eines Volkes der Sieg. Unserer Generation wurde, und ich fürchte, auch der von heute noch in allen europäischen Ländern, von Anfang an eingeprägt, daß nur der Erfolg in unserer Welt entscheidet, dass jede Anwendung der Gewalt, auch des Krieges, eine nicht nur erlaubte, sondern auch wünschenswerte Handlung darstellt, falls sie dem Vaterland zum Vorteil gereicht. […] Die neue Geschichte, die wir fordern, muss von der Höhe des kulturell Erreichten und im Hinblick auf den weiteren Anstieg geschrieben werden – im Gegensatz zur Geschichte von gestern, die bloß Nationalgeschichte und Kriegsgeschichte war.“

Eine humanistische Fortschrittsvision beschwört Zweig hernach auch noch im Vortragsmanuskript „Die Geschichte als Dichterin“ vom September 1939: „Immer kommt es also im Letzten darauf an, wieviel eine einzelne Nation an Schöpferischem der ganzen Menschheit gibt. Hoffen wir, daß die Stunde nicht mehr fern ist, wo die Völker einzig in diesem Sinne des Einander-Gebens wetteifern werden, wo nicht durch Gewalt, sondern durch seine künstlerische Begabung eines das andere von seiner Daseinsberechtigung überzeugen kann, und die Geschichte, statt weiter nur eine Ballade unaufhörlicher Kriege zu sein, anheben wird als hymnisches Heldengedicht gemeinsamen Aufstiegs.“

Die Arbeit an den autobiographischen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ in den Jahren 1939-1941 lenkt den Blick noch einmal zurück auf das Hoffen nach dem Ende des Menschenschlachthauses 1914-1918 – fern vom Grundgefühl der ‚Vergeblichkeit‘: „Die Hölle lag hinter uns, was konnte nach ihr uns noch erschrecken? Eine andere Welt war im Anbeginn. Und da wir jung waren, sagten wir uns: es wird die unsere sein, die Welt, die wir erträumt, eine bessere, humanere Welt.“

Im Mai 1940 teilt Stefan Zweig mit Blick auf die Verbrechen der deutschen Faschisten sein Leiden an einer weit verbreiteten Teilnahmslosigkeit auf dem Erdenrund mit: „Dieses Schweigen, dieses furchtbare, undurchdringbare, endlose Schweigen, ich höre es bei Nacht, ich höre es am Tag, es erfüllt mein Ohr und meine Seele mit seinem unbeschreiblichen Schrecken. Es ist unerträglicher als jeder Lärm; es ist mehr Grauen in ihm als im Donner, als im Heulen der Sirene, als im Krachen der Explosionen.“ In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 scheidet er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Charlotte geb. Altmann (geb. 1908) in Petrópolis (Brasilien) ‚freiwillig‘ aus dem Leben: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus“ (22.II.1942).

Bis zum Ende hat der Dichter sein Bekenntnis zum Pazifismus nicht widerrufen. Das haben ihm – bis heute – viele verübelt. Mit hoher Achtung für den Freund sagt hingegen Franz Werfel, der selbst wohl zu jener Zeit einen abweichenden Standort einnimmt, in seiner Rede zur Trauerfeier 1942: „Ja, Stefan Zweig war ein Mann ohne Zorn. Darum war er auch einer der ganz wenigen echten Pazifisten, die es gibt. Für ihn bedeutete der Krieg die irdische Hölle, an die man nur mit Heulen und Zähneklappern denkt.“


Der Beitrag folgt der Einleitung zum neuen Stefan-Zweig-Lesebuch („Bekenntnisse zum Pazifismus“) der Schalom-Bibliothek (dort auch alle Quellennachweise und weiterführende Anmerkungen); inzwischen ist auch eine zweite Auswahl „Jeremias“ erschienen:

Stefan Zweig: Bekenntnisse zum Pazifismus. Ausgewählte Dichtungen, Aufsätze und Vorträge 1914 – 1941. Herausgegeben von Peter Bürger, in Kooperation mit Frieden wagen e.V. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 18). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-5208-8; Paperback; 404 Seiten; 15,99 Euro).
Stefan Zweig: Jeremias. Nebst der Legende vom begrabenen Leuchter und weiteren Beigaben. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 19). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-7065-5; Paperback; 340 Seiten; 14,99 Euro).

Bibliotheksportal | Alle Publikationen des nicht kommerziell ausgerichteten Regals „Pazifisten & Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal  – dort auch weitere Beiträge im „Lesesaal“ und alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten.

Peter Bürger

Peter Bürger (Jg. 1961), ist seit dem 18. Lebensjahr organisierter „Lumpenpazifist“ und versteht sich als christlicher Sozialist. Abgeschlossenes Hochschulstudium der katholischen Theologie (jedoch nie in bezahlten Kirchendiensten) und später Krankenpflege-Examen (1992). Nach psycho-sozialen Berufsjahren seit 2003 freier Publizist. Schwerpunkte seiner Forschungen/Veröffentlichungen: Westfälische Regionalgeschichte, Niederdeutsche Literatur (Rottendorf-Preis 2016), Krieg & Massenkultur (Bertha-von-Suttner-Preis 2006), Kriegsassistenz der staatlich subventionierten deutschen Großkirchen in Geschichte & Gegenwart, Friedenstheologie und Pazifismus, Imago der Einen Menschheit. – Leitbild für die eigene Schreibwerkstatt: Wer Quellen liest wird klüger; Mut zum Minderheitsvotum; keine Prostitutions-Dienstleistungen für den Medienapparat der Reichen und die militärische Heilslehre.
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  1. Zu dem was u.a. in der West-Bank passiert (Freitag 30.10.2026) :
    Das Militär verhaftet südlich von Tulkarm vier Palästinenser und durchsucht in Burin (südlich von Nablus) mehrere Zuhause und verschafft sich Zugang im Bethlehem-Gouvernorat zu mehreren Zuhause (Tuqu‘, Za’tara). Seit acht Tagen wird in Hebron vom Militär verstärkt durchsucht und auch Zuhause von Palästinensern zerstört (ein Angriff von Palästinensern ereignete sich am Farsh al-Hawa-Checkpoint, westlich von Hebron). Es wurden 4,969 Palästinenser vertrieben (mindestens 537 Familien und 2,872 Studenten können nicht studieren). Die Handelskammer von Hebron beziffert die Schäden durch die Schliessung der Geschäfte mit über 2,8 Millionen Euro pro Tag.
    Das Militär schliesst die östliche Haupteinfahrt nach Qalqiliya und wirft Tränengas und Schallbomben auf die Gegend (es werden drei Palästinenser verhaftet).

    Das Militär erklärt Ain Deir Baha in Hebron zu einer geschlossenen Militärzone und teilt den im Viertel verbliebenen Einwohnern über Lautsprecher mit dass es verboten ist in das Viertel zu gehen oder umherzugehen. Die Soldaten erklären auch Einwohnern „dass es gefährlich ist im Viertel zu bleiben“ (es gab mehrere Festnahmen). Es demonstrieren dutzende von Familien auf der al-Jaladah-Kreuzung (vom Militär gesperrt). Die Familien inklusive Kinder, Frauen und Ältere verlangen, dass man sie in ihre Viertel al-Jaladah and Deir Baha zurückgehen lässt.

    Die Siedler zäunen in der Ortschaft al-Duyuk al-Tahta, westlich von Hebron vierzig Hektar ein (und pflanzen Bäume) und das Land gehört den Palästinensern nicht mehr. Die Siedler sind in Jaba, südlich von Jenin in eine KFZ-Werkstatt eingebrochen, haben Gerätschaften gestohlen und die Scheiben von drei Kraftfahrzeugen eingeschlagen und die Reifen zerstochen (ebenfalls wurden ein Radio, Gerätschaften und zwei Schafe von ihnen in der Nachbarschaft gestohlen). Die Siedler haben nordwestlich von Nablus (al-Masudiya) einen Einbruch begangen und im Zuhause die Sachen zerstört.
    Die Siedler schlagen in Bruqin (Salfit) einen Landwirt so dass dieser zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht werden muss (seine Nutz- und Kraftfahrzeuge werden zerstört). Es gab auch Angriffe, Brandanschläge und Zerstörungen in Masafer Yatta, westlich von Dura, Hebron und östlich und südlich von Nablus (in der Tawa-Gegend und Beit Dajan, in Tel Rumeida auch vom Oliven pflücken abgehalten und in Beita auch noch die Gerätschaften gestohlen). Die Siedler haben in Burqa, östlich von Ramallah die Olivenbäume zerstört, konnten die Palästinenser aber nicht vom Ernten abhalten. Die Olivenernte wird dieses Jahr als sehr niedrig angegeben weil die Siedler und das Militär die Palästinenser nicht auf die Felder lassen, auf den Feldern die Männer und Frauen schlagen und vertreiben und die geernteten Oliven stehlen (es werden auch die Gerätschaften gestohlen z.B. Autoanhänger) [1].

    Zu dem was in Gaza passiert:
    Seitdem der Völkermord begangen wird ist kein Universitätsabschluss rausgegeben worden. Es werden in den ersten beiden Oktoberwochen über einhundert Kinder wegen schwerer akuter Mangelernährung behandelt. Es wurden im September nur 17.788 Tonnen an Hilfsgütern reingebracht (30.237 Tonnen im August). Die Palästinenser, auch Kinder, stehen mit leeren Kochtöpfen an den Gemeinschaftsküchen an.
    Es wird von Feuer berichtet weil die Zelte so nahe zusammen stehen (es sterben auch Kinder und erleiden Verbrennungen, die meisten verbrennen Müll beim Kochen, es wird zu wenig Kochgas reingelassen). Es sterben an einem solchen Feuer die vier Monate und sieben Monate alten Kinder Habiba Zannoun und Aysal Abu Suhaiban.
    Es wird am Montag (26.10.2026) Joury Al-Soufi 7-Jahre im Zelt erschossen (es wird berichtet dass sie um ihren getöteten Vater getrauert hat und bei ihm sein wollte, Al-Mawasi) [2]. Es stirbt Tahani Mohammad Shalalfeh, 6 Jahre an ihren Schusswunden (Dienstag 27.10.2026, Al-Mawasi). Es wurden am Mittwoch (21.10.2026) die Toten von einem Angriff im Industriegebiet ohne die Köpfe beim Zivilschutz abgegeben, was die Identifikation erschwerte. Es wurden bisher drei Palästinenser bei den Angriffen umgebracht (z.B.Diaa Abu al-Rous in Al-Nuseirat). Es wird am Samstag (31.10.2026) Yamen Saqer, 8 Jahre alt, beerdigt (an den Kriegsverletzungen gestorben). Es wurden am Freitag vierzehn Menschen bei einem Angriff auf ein Handy-Stromladepunkt verletzt (die meisten davon Frauen und Kinder oder hauptsächlich Kinder). In Gaza wurden im Oktober 2026 mehr als neunzehn Kinder bei den Angriffen ermordet. Die Wohngebäude werden zerstört.

    Seit dem Waffenstillstand im Oktober letzten Jahres wurden mehr als 1.574 Palästinenser getötet, und 5.687 Palästinenser verletzt [3] .Das sind über zweihundertsiebzig getötete Palästinenser und 1.397 Verletzte und Verstümmelte seit 27.08.2026.

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    Über den Völkermord sprechen.

    [1] Es wird auch oft in den Medien der Begriff Isr**l genannt als ob es sich um ein Land mit Institutionen handeln würde und nicht um Siedler und das Militär dass die Siedler beschützt. Die zahlreichen Angriffe auf die Palästinenser werden von den Behörden nicht verfolgt.
    [2] Die beiden anderen Erschossenen sind Hossam Fakhri al-Zamli, 21 und Tamer Saif al-Din Abu Sneima, 24.
    [3] Stand vom Donnerstag 29.10.2026.

  2. Natürlich wichtig. Auch und vor allem für die Journalisten. Aber nicht als Anleitung zum Verschlimmbessern; so wie mancher kapitalistische Bourgeois Marx und Engels gelesen hat. Wie schnell Deutsche sich für zackigen Kasernenton und Drill begeistern lassen, erkannte Corona-Generalmajor Breuer bereits 2020.

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