
Die Stromversorgungslage ist vor allem, aber nicht nur, in Südosteuropa prekär. Besonders dramatisch ist sie in Ungarn. Das Atomkraftwerk Paks steht erstmals kurz vor der vollständigen Abschaltung, 40 Prozent der Stromproduktion des Landes sind schon ausgefallen. Dass eine Turbine noch produziert, liegt nur an einer Notverordnung, die erlaubt, die Donau über den Grenzwert von 30 Grad aufzuheizen. Da auch in Rumänien, Frankreich und sogar an kühlen Bergflüssen liegende Atomkraftwerke in der Schweiz abgeschaltet oder gedrosselt werden, sind die Strompreise hoch.
Alle Jahre wieder könnte man sagen, müssen wir auf Overton über die Abschaltungen von Atomkraftwerken (AKW) berichten, da wegen Dürre und Hitzewellen Kühlwasser für die Meiler fehlt, die ja angeblich die Grundlast in vielen Ländern sichern sollen. Das sollte gar kein Thema mehr sein, ist es aber, weil sich die Lage Jahr um Jahr zuspitzt. So wurde das im vergangenen Jahr deshalb erneut zum Thema, da sogar AKWs, die an eigentlich kühlen Flüssen, die aus den Schweizer Alpen gespeist werden, gedrosselt oder erstmals sogar abgeschaltet werden mussten. So war das dieses Jahr sogar schon im Juni. Zum Monatswechsel mussten beide Meiler im Schweizer Beznau wieder heruntergefahren werden, weil die Aare erneut über die Marke von 25 Grad aufgeheizt worden war.
Von „kühlen“ 25 Grad können zahllose verendenden Fische und andere Tiere in der Donau nur noch träumen. Denn am Atomkraftwerk Paks, das bis zu 50 Prozent des gesamten Strombedarf des Landes deckt, gilt eigentlich ein Grenzwert von 30 Grad. Da Strom fehlt, wurde, wie schon in Frankreich gesehen, per Notverordnung auch dieser schon hohe Wert außer Kraft gesetzt. In der südfranzösischen Garonne hing schon 2022 der zarte Hauch von faulem Fisch über dem Wasser und es konnten Kadaver großer Fische bestaunt werden. Sogar in der Schweiz, mit niedrigeren Grenzwerten, wurde im gleichen Jahr ein Fischsterben festgestellt.
„Wir waren nachts einen Millimeter entfernt“, hatte der Bayrische Rundfunk am Donnerstag Ungarns Premierminister Peter Magyar zu der Lage am Atomkraftwerk Paks zitiert. „Ungarn: Wegen Donaupegel – AKW entgeht Abschaltung knapp“, titelte der Sender. Hier haben wir es erneut, wie oft im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mit der einer Sprach-Akrobatik zu tun, die mehr verschleiert als aufklärt.
Real ist das Atomkraftwerk praktisch schon abgeschaltet. Denn drei der vier Meiler in zwei Doppelblöcken produzieren nichts mehr. Es ist nur noch ein Reaktor ist stark heruntergeregelt am Netz. Mit nur einer der acht Turbinen werden noch 230 Megawatt erzeugt, da das Kühlwasser fehlt. Man hofft nun in Budapest darauf, dass es regnet, zuletzt sei der Pegel sogar wieder leicht gestiegen. Allerdings haben für diese Tage Meteorologen erneut eine Hitzewelle mit Höchsttemperaturen bis zu 42 Grad vorausgesagt. Die Stromversorgungsanlage würde sich mit einem weiteren Absinken des Wasserspiegels deutlich verschlimmern, da erneut Kapazität wegfallen würde und das AKW sogar zum Großverbraucher von Strom würde, denn Atomreaktoren müssen weiter mit einem hohen Stromverbrauch gekühlt werden.
Ungarn und Paks stehen für eine hirnverbrannte Energiestrategie
An der ohnehin überforderten Donau sollen am Standort Paks mit Paks II sogar weitere Atommeiler gebaut werden. Allerdings hat im vergangenen Jahr das höchste Gericht der EU einer Klage Österreichs stattgegeben und der EuGH hat die Genehmigung der EU-Kommission für staatliche Beihilfen für den Ausbau für nichtig erklärt. Denn die Vergabe des Milliardenprojekts war sogar ohne Ausschreibungsverfahren an ein russisches Unternehmen erfolgt.
Man muss mit dem Klammerbeutel gepudert sein, sich allein von einer Energiequelle abhängig zu machen und das zudem an nur einem Standort. Schon jetzt fehlen Ungarn etwa 40 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes. Die komplette Abschaltung, die eigentlich wegen der aufgeheizten Donau schon hätte umgesetzt werden müssen, ist nur aufgeschoben. Dann fehlen bis zur Hälfte der Produktion. Das hat schon jetzt heftige Auswirkungen, da die Industrie vor allem die Produktion in den Abendstunden drosseln muss, wenn die Produktion von Solaranlagen zurückgeht. Es gibt zum Beispiel auch keinen Schienengüterverkehr zwischen 17 und 22 Uhr. Ohne erneuerbare Energiequellen wäre der Blackout in Ungarn längst Realität. Das Strom muss wie verrückt und sehr teuer Strom von europäischen Nachbarn importieren. Zwar wird gerne von „Dunkelflauten“ schwadroniert, dabei ist der „Hitze-Blackout“ viel realistischer, wie wir gerade sehen.
Bisher verordnete „freiwillige Verbrauchsreduzierungen der Unternehmen“ würden die Realität ohnehin verschleiern, meint Ungarn Heute. Die „freiwillige Verbrauchsreduzierung sei für die Unternehmen kurzfristig, also für ein bis zwei Wochen, noch realistisch zu bewältigen; eine darüberhinausgehende Einschränkung könne jedoch bereits eine außergewöhnliche Betriebssituation bedeuten“, zitiert man Péter Lakatos, den Chef des Arbeitgeberverbands (MGYOSZ). Mit der Notverordnung wurde aber auch der „Lastabwurf“ auf die Tagesordnung gesetzt. Mit der Komplett-Abschaltung von Paks kann nun die Stromversorgung für Industrie-Großverbraucher gekappt werden, wenn Appelle zum Stromsparen an die Industrie und die Verbraucher nicht fruchten. Die Frage ist, was in der EU bei einem Ungarn-Blackout geschieht, Spanien hat im vergangenen Jahr auch Portugal mit in den Abgrund gezogen.
Die Lage in Südosteuropa ist nicht nur wegen Ungarn so dramatisch- Montel-News titelt, dass wegen dem Wasserstand der Donau „etwa 2,44 GW oder 40 % der Kernkraftwerkskapazität Südosteuropas“ außer Betrieb sind. Neben den ungarischen Meilern sind auch die in Rumänien betroffen. Man greift dort panisch zu drastischen Mitteln. Um mehr Kühlwasser schneller flussabwärts zum AKW-Cernavodă fließen zu lassen, wurden vom Militär gerade sogar freigelegte Felsen im Bett eines Donau-Arms bei Izvoarele gesprengt, um den Fluss teilweise umzuleiten und wieder mehr Kühlwasser zu diesem AKW zu lenken. Der Fluss führt nur noch etwa ein Drittel der üblichen Menge. Mit der Sprengung soll eine dauerhafte und vollständige Abschaltung verhindern werden.
Denn auch in dem Land am Unterlauf der Donau wurde längst der „Strom-Notstand“ ausgerufen. Schon Ende Juli war Block 1 des einzigen rumänischen AKWs abgeschaltet worden. Für Landwirte wurde der Zugang zum Donau-Wasser eingeschränkt, um die Kühlwassermenge für die Meiler nicht noch weiter zu verringern. Doch das änderte nichts daran, dass kurz danach wegen fehlendem Kühlwasser auch der zweite Block heruntergefahren werden musste. Damit fehlen dem Land etwa 20 Prozent der gesamten Stromproduktion. Auch in Rumänien rief Ministerpräsident Ilie Bolojan die Bevölkerung zum Stromsparen auf. Der Autoproduzent Dacia hat die Produktion im Hauptwerk schon gestoppt. Die ökonomischen Auswirkungen des angeblich so billigen Atomstroms liegen auf der Hand. Hier wird erneut und unmissverständlich klargestellt, dass es auch ein Märchen ist, dass Atomkraft die Grundlast sichert. Wie in Ungarn will auch Rumänien ausgerechnet am Donau-Standort Cernavodă zwei neue Meiler errichten. Woher das Kühlwasser kommen soll, dass angesichts der Klimakatastrophe knapper und knapper wird, weiß niemand.
Kühltürme sind keine Lösung
In Ungarn zeigt sich allerdings eine ganz besonders absurde Energiepolitik, da man, wie berichtet, auch das Atomkraftwerk Paks ausbauen will. Damit wird die Abhängigkeit von einer Energiequelle an nur einem Standort nur noch größer. Man hat aber den Ausbau von Solar- und Windkraft unter der Orban-Regierung nicht verschlafen, sondern aus ideologischer Verblendung nicht vorangetrieben. Dafür erhält das Land jetzt und in der Zukunft die teure Rechnung. Die Uraltmeiler in Paks, die schon mehr als 40 Jahren Laufzeit auf dem Buckel haben, hätten deshalb ohnehin längst abgeschaltet werden müssen. Sie verfügen nicht einmal über Kühltürme und geben über die Umlaufkühlung besonders viel Hitze an die Donau ab, die sie dann in Richtung Rumänien weitertransportiert, wo dann ebenfalls in Cernavodă die Kühltürme fehlen und die Donau noch weiter aufgeheizt wird.
Zwar werden Kühltürme von der Atomkraftlobby gerne als Lösung angeboten, das sind sie aber nicht. Denn die verdampfen viel Wasser zur Kühlung. In Ungarn ist nicht nur die aufgeheizte Donau das Problem, sondern inzwischen die Tatsache, dass das Kühlwasser fehlt. Und das fehlt verstärkt inzwischen praktisch fast überall in Europa. Nur als Hinweis: Photovoltaik, Windanlagen oder andere erneuerbare Kraftwerke brauchen kein Kühlwasser und führen weder zu Fischsterben, noch schaffen sie hochgefährliche strahlende Altlasten, die für eine Million Jahre teuer gelagert werden müssen, wobei auch da niemand bisher eine richtige Lösung hat.
Wegen Dürre und Hitze werden auch in Frankreich immer wieder und auch jetzt erneut etliche Atommeiler abgeschaltet. Gerade am Dienstag wurde im größten französischen AKW Cattenom der erste Meiler abgeschaltet. Das AKW steht an der Grenze zu Deutschland und Luxemburg. Unweit davon wurde auch der zweite Meiler des AKW in Chooz nun abgeschaltet, der erste war schon im Juni dran, weil Mosel und Maas zu stark aufgeheizt sind. In Frankreich wurde zudem die Produktion von vier weiteren Meilern stark gedrosselt. Gerne kommt die AKW-Lobby damit, dass man dann halt die Meiler am Meer bauen sollte. Nur als Hinweis, im vergangenen August mussten im AKW Gravelines in Nordfrankreich alle vier Reaktoren abgeschaltet werden, da ein großer Schwarm Quallen die Leitungen und Filter verstopften. Der Anstieg des Meeresspiegels wird für bestehende AKWs zudem längst zum Problem.
Der Ausfall des Atomstroms führt zu sehr hohen Börsen-Strompreisen, womit erneut das Märchen von der angeblich billigen Atomkraft entlarvt wird. Am Abend des 25. Juni musste an der Strombörse pro Megawattstunde (MWh) sogar auf 747 Euro bezahlt werden, das sind 74,7 Cent pro Kilowattstunde (kWh), wobei Abgaben und Steuern noch fehlen. Das ist sogar ein noch viel höherer Wert als der Spitzenwert aus dem Vorjahr von 583,40 €/MWh. Die Stromversorger werden diese Kosten natürlich auch an ihre Kunden und damit an die Verbraucher weitergeben.
Da wir gerade bei den Kosten und der Atomkraft sind. Der „neue“ Meiler in Flamanville, der bekanntlich 12 Jahre verspätet nach einer Serie von Pleiten, Pannen und Pech ans Netz ging, kostete keine 3,3 Milliarden Euro, wie einst veranschlagt wurde. Nach Angaben des französischen Rechnungshofs wurden es nun sogar 23,7 Milliarden. Es ist kein Wunder, dass der größte Stromversorger weltweit, die EDF, 2025 wegen immer größerer Schulden wieder vollkommen rückverstaatlicht werden musste.
Geschätzte Größenordnung der Kosten, die auf die Franzosen zukommen
Den Franzosen wird bei den Strompreisen immer mehr abverlangt, denn in Paris wurde der Umstieg auf erneuerbare Energien lange verschlafen. Auch hier kann erneut der Rechnungshof zitiert werden. Allerdings ist der zugrundeliegende Bericht schon ein Jahr alt, die geschätzten Kosten dürften also noch deutlich höher liegen. Das sieht man auch am Fall Flamanville. Da hatte der „Cour des Comptes“ zuvor noch von 22,6 Milliarden gesprochen.
Die Kosten für diesen Reaktor wurden immer weiter nach oben geschraubt. Deshalb dürften auch die geschätzten 460 Milliarden Euro, die an horrenden Kosten auf die EDF bis 2040 zukommen sollen, als noch zu tief angesehen werden. Doch auch so hatte der Rechnungshof schon im vergangenen Jahr mit Blick auf den Staatsbetrieb EDF von „erheblichen Unsicherheiten hinsichtlich seiner langfristigen Finanzierungsfähigkeit“ gesprochen. Das ist angesichts von ausstehenden Investitionen im Umfang von fast einer halben Billion Euro nicht verwunderlich. Das sind etwa 20 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP) des ohnehin hoch verschuldeten Landes.
Der Rechnungshof geht konservativ von Kosten in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Instandhaltung und Laufzeitverlängerung des altersschwachen Atomparks aus. Er setzt 115 Milliarden Euro für den Bau der geplanten 14 EPR-2-Reaktoren (davon 75 Milliarden für die ersten sechs) auch sehr niedrig ein, da allein der erste EPR in Flamanville fast 24 Milliarden gekostet hat. 100 Milliarden Euro sollen in das Stromnetz fließen und hier sind die Kosten für Endlagerung und der AKW-Rückbau noch nicht einmal angeführt. Der Rest des Geldes soll in andere Anlagen und Infrastruktur fließen.
Allerdings hat man in Paris inzwischen kapiert, dass ohne billigen Solar- und Windstrom angesichts eines altersschwachen Atomparks die Lichter ausgehen. Deshalb wird massiv ausgebaut. Frankreich hatte stets einen hohen Anteil an Wasserkraft an der Stromerzeugung, etwa 25 MW. Ende 2025 waren nun auch Windkraftanlagen mit der gleichen Leistung aufgestellt. Solaranlagen lagen zu diesem Zeitpunkt mit 29 MW schon darüber. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Solarstromproduktion um 30 Prozent an. Absurde Normen wurden, wie im Südwesten des Landes, geschleift. Bis zum Jahresbeginn mussten Solarmodule extrem kostenintensiv ins Dach integriert werden. Seit diese Vorgabe gefallen ist, werden eilig Dächer mit Solaranlagen versehen, wo früher weit und breit keine einzige Anlage zu sehen war.
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Die so billige und zuverlässige Atomkraft für die Grundversorgung und die Stabilität der Netze. Ich lach mich schief…
Aber sicher kommen gleich Atomtrolle mit Zauberlösungen ..
Pläne hat man, 10 GW Offshore, ein Großteil als Resilienz- und schwimmende Anlagen. Bestell- und lieferbar wären aktuell meine ich europaweit ca. 15 Stück. Dazu sollen sich die Bieter mit 10 Cent/kWh begnügen.
An Land hingegen – als realistischere Alternative – sind mickrige 1.200 MW Solarenergie und 800 MW Windenergie ausgeschrieben.
Wird sich wohl erst ändern, wenn der Wind den Mutterboden von den entstockten Weinbauffächen restlos ins Meer getragen hat.