Soziale Verteidigung Grönlands

Nuuk, Hauptstatd von Grönland
Nuuk, Hauptstand von Grönland. Bild: patano/CC BY-SA-3.0

Voraussetzungen, Strategien und Methoden eines gewaltfreien Widerstands – im Rahmen einer (hypothetischen) Besetzung Grönlands.

Vorliegender Beitrag analysiert, wie sich Grönland im hypothetischen Fall einer militärischen Besetzung durch die USA mit Mitteln der gewaltfreien, sozialen Verteidigung widersetzen könnte. Im Zentrum stehen nicht Fragen militärischer Abschreckung und Verteidigung, sondern eine effektive Verteidigungsstrategie, die sich der Fähigkeit und Bereitschaft zum gewaltfreien Widerstand, der Nichtkooperation mit dem Aggressor sowie Aktivitäten mit dem Ziel einer internationalen Delegitimierung des Okkupationsversuches verdankt. Aufbauend auf Theorien des zivilen Widerstands und historischen Fallbeispielen wird argumentiert, dass insbesondere kleine, sozial eng vernetzte Gesellschaften mit starker kultureller Identität über spezifische Vorteile für gewaltfreie Verteidigungsformen verfügen. Abschließend werden Voraussetzungen, Risiken und strategische Hindernisse dieser Verteidigungsform diskutiert.

 

Vorweg ist dieses noch anzumerken: Die Exemplifizierung eines Verteidigungskonzepts, das Verteidigung explizit gewaltfrei denkt, speziell am Beispiel Grönland, darf nicht als eine Art geistiger Kolonialismus verstanden werden. Über eine gewaltfreie Konfliktlösung im Rahmen einer (hypothetischen) Besetzung Grönlands nachzudenken und Resultate der Überlegungen zu publizieren, ist das Angebot eines Friedensforschers, der sich seit gut fünfzig Jahren mit Konzeptionen gewaltfreier, sozialer Verteidigung (unter anderem in einer von der Universität Freiburg i.Br. angenommenen Dissertation) beschäftigt und zu seinen Grundlagen häufig publiziert hat. In Zeiten der Globalisierung und vor dem Hintergrund des „human web“ einer weltumspannenden Unity sowie einem Wissenschaftsverständnis, das essentiell durch Universalienforschung geprägt ist, schließlich als eine Stimme im Konzert unzähliger Kommentierungen der Vorgänge um Grönland versteht sich der nachfolgende Versuch und seine Veröffentlichung durchaus legitimiert. Mehr noch: er versteht sich als Ausdruck von Solidarität in der Hoffnung, dass diese nicht als unerbetene, ungewollte, ja sogar übergriffige Einmischung empfunden wird. 

 

1. Sicherheit jenseits militärischer Logik

Traditionelle Sicherheitskonzepte definieren Verteidigung primär militärisch. Hiernach wird ein Territorium durch bewaffnete Kräfte geschützt und staatliche Souveränität durch Abschreckung gesichert. Diese Logik stößt jedoch – insbesondere – in asymmetrischen Konflikten, bei kleinen oder militärisch schwachen Gesellschaften sowie gegenüber überlegenen Großmächten an klare Grenzen. Vor diesem Hintergrund wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Konzept der gewaltfreien, sozialen Verteidigung entwickelt. Dieses begreift Verteidigung nicht als ein militärisches, sondern als ein gesellschaftliches, soziales Projekt.

Die hypothetische Annahme einer militärischen Besetzung Grönlands durch die USA – so unrealistisch sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt (09.01.2026) noch erscheinen mag – eignet sich analytisch besonders gut, um dieses Konzept auf seine Grundlagen und Praktikabilität hin zu untersuchen.

Grönland verfügt über vernachlässigbar geringe militärische Kapazitäten, besitzt jedoch eine stark ausgeprägte indigene Identität, dichte soziale Netzwerke und hohe internationale Sichtbarkeit. Diese Faktoren sind für einen zivilen Widerstand potenziell entscheidender als Waffenarsenale und Militärstrategien. Selbst unter der Voraussetzung seines Verbundes mit Dänemark und seiner Einbindung in die NATO, mit ihrem Schutzversprechen gegenüber allen Mitgliedsstaaten, machen Überlegungen zu einem militärischen Widerstand keinen Sinn. Grönland hat, will es einen Angriff – der jetzt schon euphemistisch mit „Übernahme“ beschrieben wird – realistisch abwehren, nur eine einzige Chance: nämlich sich im Rahmen von Strategien und Methoden eines gewaltfreien Widerstandes den Attacken des übermächtigen Aggressors und Okkupators zu widersetzen. In diesem Sinne ist nachfolgend zu fragen, wie Grönland eine Besetzung durch gewaltfreie, soziale Verteidigung politisch, administrativ und gesellschaftlich zu unterminieren vermag.

 

2. Was ist gewaltfreie soziale Verteidigung?

Gewaltfreie, soziale Verteidigung (social defense) bezeichnet eine Strategie, bei der eine Gesellschaft systematisch darauf vorbereitet ist, sich gegen äußere Herrschaft durch organisierte Nichtkooperation, institutionellen Widerstand und gesellschaftliche Selbstorganisation zu wehren. Zentrale Annahmen sind dabei,

  • dass Macht auf Kooperation beruht: Auch Besatzungsmächte sind auf lokale Verwaltung, Arbeitskräfte, Infrastruktur und soziale Akzeptanz angewiesen.
  • dass gesellschaftliche Kontrolle kostspielig ist: Je weniger Kooperation, desto höher der Repressionsaufwand und desto größer die politischen Kosten.
  • dass Legitimität strategisch entscheidend ist: Gewalt gegen friedliche Bevölkerung untergräbt internationale Akzeptanz und innenpolitische Unterstützung der Besatzungsmacht.

Verglichen mit dem spontanen Protest und einer kurzfristigen Mobilisierung zielt soziale Verteidigung auf eine langfristige Unregierbarkeit, indem sie auf institutionelle Kontinuität, parallele Strukturen und soziale Disziplin setzt. Dem Besatzer soll die Herrschaft über das Land unmöglich gemacht und seine Legitimität untergraben werden. Mit nicht zuletzt internationaler Unterstützung soll dieser zu Verhandlungen bzw. zum Rückzug gezwungen werden. Aktivitäten zielen auch auf die Zunahme kritischer Stimmen im Herkunftsland des Besatzers und Widerstand gegen dessen Vorgehen im eigenen Land. Die gewaltfreie, soziale Verteidigung erschöpft sich nicht in Widerstandsaktionen, sondern beinhaltet auch das Unterlaufen von strukturellen Repressalien durch die Errichtung alternativer Strukturen, einer funktionierenden Parallelgesellschaft auf der Grundlage der vor der Besetzung des Landes existierenden Gesellschaft.

Dänemark selbst hat Erfahrungen im gewaltfreien Widerstand aus der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung. Ähnlich Norwegen (1940-1945), später die Tschechoslowakei (1968), jüngst die Ukraine in ihren besetzten Gebieten.

Generelle Studien zur gewaltfreien, sozialen Verteidigung und historisch verbürgte Fallbeispiele füllen ganze Bibliotheken. Sie wollen zur Kenntnis genommen und durch eine daran anschließende Praxis fortgeschrieben werden. In Grönland könnte sich solches als eine Notwendigkeit aufzwingen.

Gletscher in Grönland. Bild: Jerzystrzelecki/CC BY-SA-3.0

3. Strukturelle Ausgangslage Grönlands

In vielerlei Hinsicht begünstigen die für Grönland spezifischen Strukturen einen gewaltfreien Widerstand. Diese versprechen, nicht nur das Eindringen ins Land, sondern auch eine dauerhafte Besetzung des Landes zu erschweren bzw. sogar unmöglich zu machen. Damit würde der US-amerikanische Aggressor, nach erheblichen Niederlagen in vorausgegangenen militärischen Konfliktfeldern, auch unter den Bedingungen eines gewaltfreien Widerstandes eine Niederlage erleiden.

3.1 Demografie und Sozialstruktur

Grönland zählt rund 57.000 Einwohner/innen. Diese verteilen sich auf wenige Städte sowie kleine Gemeinden. Das Zusammenleben ist stark geprägt durch soziale Dichte, soziale Kontrolle und gegenseitige Abhängigkeit, wodurch bereits strukturell

  • starke soziale Netzwerke
  • eine schnelle Mobilisierung
  • informelle Kommunikation sowie
  • kollektive Normbildung

begünstigt und Kollaborationen erschwert sind. Grönland mag militärisch zwar schwach sein, aber gesellschaftlich nur schwer kontrollierbar.

3.2 Kulturelle Identität

Die Kalaallit (Grönländer) verfügen über eine starke indigene Identität, eine eigene Sprache und kulturelle Praxis. Eine Besatzung würde nicht nur ihre politische, sondern auch kulturelle Selbstbestimmung bedrohen. Ein darin begründetes kollektives Mobilisierungsinteresse ginge weit über eine rein staatliche Loyalität hinaus.

3.3 Geografische und logistische Faktoren

Extreme klimatische Bedingungen, große Distanzen und Abhängigkeit von lokalem Wissen erhöhen die logistischen Kosten jeder dauerhaften Besetzung erheblich. Ohne lokale Kooperation ist die Verwaltung eines eingenommenen Landes zur Ineffizienz verurteilt.

 

4. Nichtanerkennung und Gegenlegitimität

Ein essentielles Element der gewaltfreien, sozialen Verteidigung ist die Verweigerung der politischen Anerkennung des Eindringlings.

4.1 Exilregierung und internationale Diplomatie

Eine grönländische Exilregierung, etwa in Kooperation mit Dänemark, könnte – vor dem Hintergrund einer hohen internationalen Aufmerksamkeit – mit dem Ziel einer politischen Isolierung der Besatzung:

  • völkerrechtliche Kontinuität sichern (im Falle der USA wird sie zunehmend zur Farce),
  • internationale Organisationen mobilisieren sowie
  • Verhandlungen auf globaler Ebene führen.

Sie kann – ncht zuletzt im Hinblick auf die Verletzung indigener Rechte und Kriterien der Arktispolitik – mit Solidaritätsbekundungen im Rahmen der Vereinten Nationen rechnen.

4.2 Lokale politische Nichtkooperation

Strategisch operiert die gewaltfreie, soziale Verteidigung in drei Bereichen: a) dem okkupierten Land, b) dem Land des Aggressors und c) der Weltöffentlichkeit. Im okkupierten Land ist das Agieren von Kommunalverwaltungen essentiell. Sie kann

  • sich weigern, Anordnungen des Okkupators umzusetzen,
  • formale Verfahren verzögern,
  • Entscheidungen vertagen oder sogar blockieren.

Damit würde ein Verwaltungsapparat zwar formal existieren, aber praktisch nicht funktionierten.

5. Institutioneller Widerstand, Arbeitsverweigerung und Errichtung alternativer Verkehrsformen

Die Rede von Widerstand, angefangen bei Protest, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die gewaltfreie, soziale Verteidigung nicht im Widerstand, im Nein zu den aufgezwungenen Verhältnissen erschöpft, sondern auf konstruktive, gesellschaftliche Alternativen setzt und diese parallel zu den aufoktroyierten Strukturen zu nutzen sucht.

5.1 Widerstand in der Bürokratie

Besatzer sind wesentlich darauf angewiesen, dass die Administration im besetzten Land nach seiner Einnahme weiterhin funktioniert. Widerstandshandlungen in diesem Bereich sind äußerst wirksam. Während die Einheimischen die Administrierung ihrer Gesellschaft durch die Eindringlinge gezielt lähmen, administrieren sie sich selbst in parallelen Strukturen.

Historisch zählt „Dienst nach Vorschrift“ (bekannt auch als Verhalten des „braven Soldaten Schwejk“) zu den wirksamsten Formen eines nichtmilitärischen Widerstandes. So erscheinen Beamte und Angestellte zwar zu ihrem Dienst, verhalten sich aber weitestgehend „passiv“, ahnungslos und naiv. Um nur einige Möglichkeiten anzudeuten, könnten beispielsweise:

  • Lehrpläne nicht angepasst werden und Lehrkräfte nicht nach curricularen Vorgaben der Besatzer unterrichten (vgl. den Widerstand der Norweger unter nationalsozialistischer Herrschaft),
  • Statistiken nicht geliefert und Datenweitergabe, beispielsweise durch ärztliches Personal, verweigert werden,
  • Genehmigungsverfahren verschleppt werden oder
  • in den Behörden jede Menge Fehlleitungen mit der Folge von Verzögerungen erfolgen.

Zwei Spezifika sind hier besonders bedeutsam: Maßnahmen dieser Art sind nur schwer zu ahnden und gezielt zu bestrafen. Hier kann jeder seinen/ihren Beitrag leisten. Selbst der Rollstuhlfahrer kann an der Rezeption oder in seinem Dienstzimmer für Verwirrung sorgen. Dieses ist nur ein einziges Beispiel, das zeigt, dass sich die gewaltfreie, soziale Verteidigung – anders als die militärische – nicht auf wenige wehrtaugliche Männer und Frauen stützt, sondern auch die breite Bevölkerung und darin auf jede und jeden.

5.2 Arbeitsverweigerung in Schlüsselbereichen

Erheblich erschweren sowie verteuern könnte partielle Nichtkooperation in etwa folgenden sensiblen Bereichen:

  • Häfen (Hafenarbeiter verzögern Transporte oder leiten sie bewusst fehl),
  • Energieversorgung (unter Umständen sogar Sabotageakte),
  • Telekommunikation
  • Logistik

5.3 Ökonomische Abschottung und Etablierung einer ökonomischen Parallelgesellschaft

Die gewaltfreie, soziale Verteidigung setzt nicht nur auf Strategien und Taktiken des gewaltfreien Widerstandes, sondern auf funktionierende Gegenstrukturen und Isolierung des Besatzers. Mit dem Verzicht auf Beschäftigung von Einheimischen in Militärbasen des Okkupators sowie der Ächtung von Beschäftigungen bei Besatzungsinstitutionen als Formen der Kollaboration kann die soziale Sanktionierung von wirtschaftlicher Kollaboration einhergehen und werden lokale Tauschsysteme sowie Verkehrsformen gefördert.

6. Soziale Isolation (bzw. Integration) der Besatzung

Besatzungstruppen setzen sich nicht zwangsläufig aus nur militärisch funktionierendem Personal zusammen, sondern auch aus empathischen, sozialen Akteuren/Akteurinnen. Eine zentrale Strategie der gewaltfreien, sozialen Verteidigung zielt auf die Fraktionierung des Besatzungstruppen. Sie geht davon aus, dass es neben der einen Fraktion – ihre Mitglieder agieren ganz im Sinne ihrer Befehlshaber – eine weitere gibt. Ihr gehören jene an, die Rechtmäßigkeit der militärischen Aktion (innerlich) in Zweifel ziehen bzw. sogar explizit missbilligen. Fraktionierung meint hier: die Gruppe der Zweifler und Oppositionellen im Militär durch gezielte Aktionen zu vergrößern und damit die Zustimmungsbasis in den Besatzungstruppen zu schmälern.

6.1 Verweigerung (bzw. Intensivierung) alltäglicher Interaktion

Historisch gut dokumentiert ist die Wirkung folgender Maßnahmen:

  • Nichtbedienung in Geschäften, Hotels, Cafés;
  • Ignorieren im öffentlichen Raum;
  • Verweigerung sozialer Kontakte.

Durch solches Vorgehen wird die moralische Übereinkunft der Truppen mit den Zielen des Besatzers aufgeweicht und eine längerfristige Stationierung erheblich erschwert. Grundlegend dabei zu beachten ist Unterscheidung von Rolle und Person. Formen der Missachtung beziehen sich auf die Rolle und nicht die Person. Das wird in jedem Kontakt deutlich zu machen sein. Als Okkupator muss das Gegenüber mit meinem entschiedenen Widerstand rechnen, als Person und Mensch hat er meine uneingeschränkte Zuneigung. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung, gibt es eine starke Basis, einander selbst unter den Bedingungen des Konflikts zu begegnen und in diesem Rahmen den anderen auch persönlich zu erreichen und vom Unrecht seines Tuns zu überzeugen.

Durch persönliche Kontakte mit den Besatzern können diese moralisch unter Druck gesetzt und auf diesem Weg die feindliche Front aufgeweicht werden. Plakatives Beispiel aus dem Widerstand in Prag 1968: das Angebot einer Tasse Kaffee für den diensttuenden Soldaten – wohlwissend, dass er sich nicht unbedingt mit seinem Auftrag identifiziert, sondern Befehlen und nur seinem beruflichen, existentiellen Interesse folgt, oder auch zu den Hardlinern zählt, die das Angebot einer Tasse Kaffee nachhaltig irritieren könnte.

6.2 Stigmatisierung von Kollaboration

Achillesverse des gewaltfreien Widerstandes ist die Bereitschaft von Angehörigen des besetzten Landes, mit dem Aggressor zu kollaborieren. Durch sie sind Marionettenregierungen realisierbar, sie können Bürgermeisterposten besetzen und aus diesen heraus Anweisungen erteilen, die dem Besatzer in die Hände spielen und diesem das Regieren bis in die untersten Ebenen der Administration hinein erlauben.

Kollaborationen kann beispielsweise durch

  • soziale Ausgrenzung,
  • Ausschluss aus Gemeinschaftsritualen,
  • moralische Delegitimierung

entgegengewirkt werden.

Will man den Ausverkauf des Landes verhindern, so wird es (Stand heute) sogar notwendig sein, dem perfiden Angebot der Trump-Regierung – eine Einmalzahlung pro Kopf über 100.000 Dollar – zu widerstehen. Hier unternehmen feindliche Kräfte den Versuch, Kollaboration auf breiter Basis zu erkaufen.

7. Widerstand auf symbolischer Ebene

Durch Aktionen symbolischer Art können Massen mobilisiert werden und der Widerstand in seiner ganzen Breite zum Ausdruck kommen. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. In Norwegen, unter dem nationalsozialistischen Quisling-Regime, trugen die Norweger Büroklammern als Zeichen ihres Widerstandes am Kragen ihrer Hemden bzw. Jacken und Mänteln. Mit dem lächerlichen Ergebnis, dass das Tragen von Büroklammern an den Revers verboten wurde. Reaktionen solcherart bescheinigen dem System seine eigentliche Schwäche und signalisieren bereits Erfolg.

7.1 Kulturelle Selbstbehauptung

Sprache, Gesang, Kleidung, Rituale, Versammlungen, Straßentheater und Rollenspiele sind geeignet, dem Besatzer

  • kollektive Identität;
  • Nichtanerkennung der auferzwungenen, neuen Ordnung;
  • Kontinuität kultureller Selbstbestimmung

vor Augen zu führen.

7.2 Regelmäßige Massenaktionen

Im Falle von regelmäßig stattfindenden Massenaktionen ist weniger die Größe, d.h. die Zahl der Teilnehmer/innen, entscheidend, sondern Kontinuität. Durch sie vor allem wird dem Eindringling demonstriert, dass die Bevölkerung den Zustand der Besetzung nicht akzeptiert. Durch:

  • wöchentliche Märsche;
  • kollektive Schweige- und Trauermärsche, Schweigeminuten;
  • wiederkehrende Versammlungen (etwa auch in Kirchen zu Gebet und Gottesdienst);
  • Demonstrationen und Mahnwachen;
  • kulturelle Aktionen (Tänze, Aufführungen, Konzerte in der indigenen Landessprache)

macht die Bevölkerung deutlich, dass sie auch auf Dauer gegen das feindliche Regime ist.

 8. Selbstorganisation und parallele Gesellschaftsstrukturen

Ein Kernproblem jeder Besetzung ist die Versorgung der Bevölkerung. Soziale Verteidigung setzt daher auf Selbstorganisation und die damit verbundenen Netzwerke wie Verkehrsformen.

8.1 Lokale Versorgungsnetzwerke

Um die Gesellschaft vom Besatzer möglichst unabhängig zu machen und sich seiner Steuerungsfähigkeit zu entziehen,

  • werden lokale Entscheidungsräte gebildet,
  • organisieren die politischen wie kirchlichen Gemeinden die Lebensmittelbeschaffung und -verteilung,
  • versorgen sich Nachbarn gegenseitig,
  • stellen Einheimische die medizinische Basisversorgung sicher und koordinieren die Versorgung von behinderten und altgewordenen Menschen,
  • machen Community Schools informelle Bildungsangebote.

8.2 Alternative Kommunikationsstrukturen

Unabhängige Medien, verschlüsselte Netzwerke, eigene Medienkanäle verhindern:

  • Informationsmonopole,
  • Propaganda,
  • soziale Fragmentierung.

Umso besser parallele Einrichtungen funktionieren, desto deutlicher wird, dass es den Besatzer nicht braucht. Die von ihm gesteuerten Strukturen und gesellschaftlichen Abläufe erweisen sich als ineffizient und obsolet.

9. Internationale Dimension: Konflikt ohne militärische Eskalation

Neben Aktivitäten im besetzten Land und dem des Besatzers streben die gewaltfreien Akteure/innen nach Verständnis und Unterstützung auf internationaler Ebene, hier beispielsweise

  • in Gremien und Unterorganisationen der Vereinten Nationen,
  • durch engen Kontakt mit dem UN-Sonderbeauftragten,
  • mit Hinweis auf indigene Rechtekonventionen,
  • durch Umwelt- und Klimadiplomatie,
  • durch internationale Kampagnen von NGOs,
  • durch diplomatischen Druck auf Bündnispartner der USA,
  • durch Boykottaufrufe und Sanktionen,
  • durch Appelle an Religionsgemeinschaften.

Narrative, denen sich eine hohe globale Mobilisierungskraft verdanken könnte, könnten auf die Verletzung indigener Selbstbestimmung abheben oder auch auf Umweltverantwortung. Im Falle Grönlands könnten auch Goliath-David-Schemen und damit Klein gegen Groß greifen und weltweit Solidarität bewirken.

 10. Risiken, Repression und strategische Grenzen

Was im Falle der Anwendung militärischer Gewalt als eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und akzeptiert wird – nämlich das Risiko, sein Leben zu verlieren oder (schwerste) Verwundungen hinnehmen zu müssen – kann für die gewaltfreie, soziale Verteidigung nicht ausgeschlossen, aber auch nicht als Gegenargument verwendet werden. Gewaltfreier Widerstand ist weder risikolos noch ungefährlich. Seinen Akteuren/innen wird mindestens eine Entschlossenheit und ein Mut abverlangt, den auch Mitglieder des Militärs aufzubringen haben. Eines unterscheidet diese allerdings von Soldaten: ihre Aktionen bedrohen nicht andere, nehmen ihnen nicht das Leben und verletzen sie nicht. Gewaltfrei kann widerstanden, aber nicht angegriffen werden.

10.1 Repression und soziale Belastung

Um gewaltfreien Widerstand zu brechen und eine auf die Dauer der Besetzung angelegte gewaltfreie, soziale Verteidigung aufzulösen, muss mit

  • Massenverhaftungen, eventuell sogar Hinrichtungen;
  • Kündigungen, Berufsverbote;
  • ökonomischen Sanktionen;
  • Zahlungseinstellungen

gerechnet werden.

Dabei können Repressionen durchaus Widerstand brechen, sie können aber auch dazu führen, dass die Okkupierten ihren Widerstand – entschiedener noch als zuvor – verstärken. Auch hier wird deutlich, dass man militärisch zwar Gebiete besetzen, aber Gesellschaften nicht unbegrenzt beherrschen kann.

Den Repressionen eines Okkupators kann nur – im schlimmsten Fall langfristig – ein Widerstand entgegengesetzt werden, der

  • eine transparente Vorbereitung,
  • psychische Resilienz,
  • ökonomisches Durchhaltevermögen
  • sowie ein solidarisches Netzwerk

beinhaltet.

Ein hoher Anspruch der gewaltfreien Verteidigung besteht darin, den Gegner nicht durch Geheimhaltung in seiner feindlichen Haltung zu bestärken und zusätzlich zu verunsichern, sondern dadurch Vertrauen aufzubauen, dass man ihn „in die eigenen Karten“ schauen lässt. Er braucht keinen V-Mann einzuschleusen und auch niemanden aus dem Kreis des Widerstands zum Verrat an der eigenen Gruppe zu gewinnen, er darf alles wissen, was die zum Widerstand Entschlossenen bereit sind zu unternehmen. Dieses zählt bereits zur Aktion.

Das von den gewaltfreien Akteuren/innen anzubringende Maß von Resilienz ist wesentlich das Resultat von Ich-Stärke. Im norwegischen Widerstand gegen den nationalsozialistischen Besatzer und seine Kollaborateure im eigenen Land waren Lehrkräfte bereit, als jeweils Einzelne durch ein entsprechendes Schreiben an das Quisling-Regime ihre Weigerung, nach nationalsozialistischen Richtlinien zu unterrichten, zum Ausdruck zu bringen.

Als Mitstreiter/innen von Martin Luther King einmal Bedenken im Hinblick auf eine geplante Demonstration äußerten, erhielten sie von King die eindeutige Antwort, dass er auch dann, wenn ihn niemand begleiten wolle, alleine die Straße entlanglaufen und demonstrieren werde. Diese Art von persönlicher Stärke ist eine wesentliche Grundlage der gewaltfreien Aktion. Wir können das vergleichen mit der Qualität einer Band, diese hängt wesentlich von der Qualität der einzelnen Musiker/innen ab.

Resilienz ist nicht zuletzt ein Resultat von Spiritualität. Vor allem letzteres beinhaltet das ungeteilte Vertrauen auf ein „Drittes im Zwischen“, auf eine Wirkmacht im gewaltfreien Zwischen der Konfliktparteien. Die Herstellung eines solchen Zwischen ist immer ein unilaterales. Wäre es ein bilaterales, wäre der Konflikt bereits im Ansatz gelöst. Gewaltfreie Akteure/innen treten immer in Vorleistung, riskieren mit dem Hinarbeiten auf ein Gewaltvakuum im Zwischen der Konfliktparteien, dass ihre „Rechnung“ nicht aufgeht, setzen aber im Vertrauen auf eine im gewaltfreien Raum agierende „force vitale“ und unternehmen alles, um diese zu mobilisieren. Das dem Gewaltverzicht zugrundeliegende Vertrauen auf ein „konstruktives Potential“ spiegeln unter allen Religionen und nicht zuletzt die jüdisch-christliche. Die entscheidende Traditionslinie reicht dort von der prophetischen Kritik des Vertrauens auf Kriegspferde, Wagen und Reiter bis hin zu Jesu demonstrativen Einritt in Jerusalem auf einem Esel anstelle eines (Kriegs-)Pferdes. Wer auf Gott vertraut, so müsste es heißen, der vertraut, setzt und baut nicht auf Waffen.

10.2 Abhängigkeit von internationaler Öffentlichkeit

Die unter erheblichem Druck stehenden Widerstandshandlungen müssen mit einem hohen Repressionsrisiko rechnen. Sie sind daher auf sowohl internationale Aufmerksamkeit als auch moralische, politische wie ökonomische Unterstützung angewiesen. Dieses setzt voraus, dass globale Netzwerke über die Repressionen informiert sind und ständig darüber informiert werden können.

10.3 Keine Garantie für schnellen Erfolg

Was für die Anwendung militärischer (Gegen-)Gewalt gilt, dass sie nämlich nicht über Nacht dazu beitragen kann, einen Konflikt seinem Ende zuzuführen, das gilt auch für die gewaltfreie, soziale Verteidigung und kann nicht als Gegenargument verwendet werden. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine währt mittlerweile vier Jahre. Auch die gewaltfreie, soziale Verteidigung verspricht kein Rezept, mit dem schnelle Erfolge sichergestellt werden können. Oft wirken Aktionen im Rahmen der gewaltfreien Verteidigung erst mittelfristig: indem sie die Kosten für den Aufenthalt im besetzten Land für den Aggressor unverhältnismäßig groß werden lassen, indem seine internationale Isolierung voranschreitet und die Zweifel über Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit der Okkupation im Land des Aggressors steigen und sich zunehmend gegen die politisch Verantwortlichen richten.

11. Vorbereitung als Schlüsselfaktor

Was für Grönland gerade noch realisierbar wäre, wäre die gezielte Vorbereitung auf eine Besetzung. Diese ist angekündigt und vor dem Hintergrund aktueller Erfahrungen (Verletzung des venezolanischen Selbstbestimmungsrecht durch Festnahme seines Präsidenten im eigenen Land sowie konkrete Drohungen gegen andere Staaten) als realistisch. Die häufigste Variante des gewaltfreien Widerstandes ist die spontan zustande gekommene. Erfolgversprechender ist selbstverständlich die vorher eingeübte. Aus diesem Grund empfehlen sich im Hinblick auf den nicht mehr auszuschließenden Fall der Besetzung:

  • Bemühungen um einen gesellschaftlichen Konsens hinsichtlich eines konsequent gewaltfreien Widerstands (u.a. mit dem Ziel, Fragmentierungen/Kollaborationen auszuschließen),
  • Dezentralisierungsmaßnahmen hinsichtlich der politischen Struktur des Landes, um sogenannten „Enthauptungsschläge“ vorzubeugen,
  • umfassende Notfallpläne (Versorgung mit u.a. Nahrungsmitteln und Energie),
  • Schulungen in gewaltfreier Aktion.

12. Grönland als unfreiwilliges Modell

Der hypothetische Fall Grönlands zeigt exemplarisch, dass Verteidigung nicht ausschließlich militärisch gedacht werden muss. Für kleine, gesellschaftlich kohärente und international sichtbare Gemeinschaften kann eine gewaltfreie, soziale Verteidigung eine realistische, wenn auch anspruchsvolle Alternative darstellen. Sie beruht nicht auf militärischer Abschreckung und Verteidigung, nicht auf der Androhung eines hohen „Eintrittspreises“, sondern auf der Aussicht des potentiellen Okkupators auf Zahlung eines hohen „Aufenthaltspreises“. Sicherheit wird hier nicht durch militärische Gewalt gewährleistet, sondern durch Formen einer nachhaltigen Nichtkooperation von Einzelnen und Institutionen, durch ein Höchstmaß an kultureller Selbstbehauptung, durch eine entsprechende Solidarität, durch die internationaler Delegitimierung des Aggressors und vieles andere mehr.

Grönland scheint, ungeachtet und gerade wegen seiner Bevölkerungsstruktur und so gut wie geschlossenen kulturellen Identität geradezu ein Ideal für gewaltfreien, sozialen Widerstand zu sein. Grönland ist nicht nur weltweit kulturell wie politisch sichtbar, vieles deutet darauf hin, dass seine Bevölkerung über ein beachtliches kollektives Aktionspotential verfügt. Es ist dem Land zu wünschen, dass es nicht unfreiwillig zu einem Experimentierfeld der gewaltfreien, sozialen Verteidigung wird. Die präventiven Überlegungen im Hinblick auf den allerdings nicht auszuschließenden Fall machen deutlich, dass die gewaltfreie, soziale Verteidigung auch unter anderen Bedingungen zur Lösung internationaler Konflikte beizutragen vermag.

 

Literaturauswahl

Spiegel, Egon: Pazifismus. Eine Einführung, Norderstedt, edition pace, 2026 (im Druck).

Spiegel, Egon: Gewaltverzicht. Grundlagen einer biblischen Friedenstheologie, Kassel: WeZuCo, 2. Aufl. 1989; außerdem als Nachdruck in der von Thomas Nauerth hrsg. Digitalen Handbibliothek Christlicher Friedenstheologie, Berlin 2005.

Nagler, Michael (Prof. em. der University of California, Berkeley, USA) / Spiegel, Egon: Politik ohne Gewalt. Prinzipien, Praxis und Perspektiven der Gewaltfreiheit, Berlin: LIT, 2008.

Liu, Cheng (Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Friedensforschung in der Nanjing University, China) / Spiegel, Egon: Peacebuilding in a Globalized World. An illustrated Introduction to Peace Studies, Beijing: People’s Publishing House, 2015.

Spiegel, Egon: Dresden 1945, Nanjing: Nanjing Normal University Press, 2022 (engl. und chin. Fassung).

Spiegel, Egon / Mutalemwa, George / Liu, Cheng / Kurtz, Lester R. (eds.): Peace Studies for Sustainable Development in Africa. Conflicts and Peace Oriented Conflict Resolution, Cham/Schweiz: Springer Nature, 2022.

Spiegel, Egon / Mutalemwa, George / Liu, Cheng / Kurtz, Lester R. (eds.): Peace as Nonviolence. Topics in African Peace Studies (Series: Advances in African Economic, Social and Political Development), Cham/Schweiz: Springer Nature, 2024.

Thomas Nauerth / Annette M. Stroß (Hrsg.): In den Spiegel schauen. Friedenswissenschaftliche Perspektiven für das 21. Jahrhundert. Ein Lesebuch mit Texten von Egon Spiegel, Norderstedt: edition pace, 2022.

Spiegel, Egon: Theology of Peace, in: Kurtz, Lester R. (ed.): Encyclopedia “Violence, Peace and Conflict”, 3rd edition, Amsterdam: Elsevier, 2022, Volume 4, 417-429.

Egon Spiegel

Prof. Dr. Prof. h.c. Egon Spiegel, Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Friedenswissenschaft der Nanjing University, Nanjing/China, bis 2022 Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie der Universität Vechta.
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34 Kommentare

  1. Wenn die USA ein paar Förderlizenzen vergeben, hat Grönland ruckzuck >500.000 Einwohner. Die 57.000 Grönländer sind dann marginalisiert, die interessieren nicht mehr.
    Internationale Unterstützung ist auch eher zweifelhaft. Den europäischen Atlantikern ist die NATO wichtiger als Grönland.
    Und mit Russland und China ist Europa im Clinch.

    1. @ Freiberufler
      *****
      Demographische, demok-rattische Mehrheiten. Vielleicht dürfen die ehemaligen Eingeborenen in ihren Reservaten Glücksspiel-Casinos bauen. Die Trump-Sponsorin Miriam Adelson hilft bestimmt mit Rat, Tat und angemessener(!!!!!) Gewinnbeteiligung.

    1. Das stimmt.

      Wie er den Gedanken nicht aufgreift, was in den USA passierte mit den Indianern und wie sie klein gemacht wurden, trotz gewaltlosem und gewaltsamem Widerstand. Siedlerkolonialismus ist für ihn auch kein erwähnenswertes Wort.

  2. Gut, diesmal habe ich die Karrierebeschreibung gelesen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Egon_Spiegel

    Nur römisch-katholischer Theologe laut wiki, aber hier auch Diplom-Politologe, Professor und als Akademiker auch mal im Ausland gewesen.

    Dänemark selbst hat Erfahrungen im gewaltfreien Widerstand aus der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung. Ähnlich Norwegen (1940-1945), später die Tschechoslowakei (1968), jüngst die Ukraine in ihren besetzten Gebieten.

    Gibt es auch eine Quelle zu diesem Widerstand in den von Russen besetzten Gebieten in der Ukraine?

    Übrigens weiß ich schon, wie die Amerikaner den Widerstand der indigenen Einwohner von Grönland brechen werden, falls sie den leisten.

    American Holocaust: The Conquest Of The New World

    https://academic.oup.com/book/47439

    Wenn von den 57.000 ein Paar fehlen wie in Gaza, kommt bestimmt kein Deutscher, um nachzuzählen. Passiert ja in Gaza auch nicht. Oder wenn da mal einer zählt in Zukunft, dann nur die legalen, israelischen Siedler. Die Indigenen können doch relativ wenig machen, wenn wir und die Amerikaner sich nicht ändern.

    1. Die Ammis sind zionistisch unterwandert. Ebenso wie die jüdischen Zionisten in Gaza
      alles platt machen, keinen könnten auch die Ammis sich ersteinmal freies Feld schaffen. Das
      haben sie im eigenen Land ja auch schon vorgeführt. In ihren Kriegen waren sie gegen
      friedliche Zivilisten nie rücksichtsvoll. Die Deutschen mussten das in Berlin, Köln, Dresden,
      Hamburg und anderen Städten spüren. Die Japaner in Hiroshima und Nagasaki. Die Iraker
      haben es gespürt, die Syrer usw. Die Ammis werden sich Grönland nehmen und einverleiben,
      wie sie es u.A. mit Hawai gemacht haben. Die werden sich für das Gesabbel der restlichen
      Welt gar nicht interessieren. Da hilft es auch nicht mit Wattebaeuschchen zu werfen.

  3. Trump will Grönland aber nicht besetzen, sondern kaufen. Im Augenblick sind 100 000 Dollar pro Einwohner im Gespräch. Wenn sich die Einwohner auf die o. g. Weise verteidigen, wird das Angebot wohl auf eine Million Dollar pro Person erhöht. Das ergibt also 56 000 Millionen. Eine Milliarde hat 1000 Millionen. 56 Milliarden sind in diesem Zusammenhang nicht sehr viel. Die EU könnte sich auf einen Überbietungskampf einlassen. Ich bin wirklich gespannt, wie das ausgeht. Trump will auch den Gazastreifen kaufen, d. h. den Wiederaufbau finanzieren. Annektieren wird er ihn wohl nicht, sondern verschenken. Und Venezuela hat er schon gekauft. Ich denke, es sind Bestechungsgelder geflossen, und die Ölförderung wird wieder in Gang gebracht. Wenn das erst mal läuft, sagen die Venezolaner nicht mehr nein, und die USA haben einen neuen Bundesgenossen.

    1. Die Frage ist, welche Venezolaner nicht nein sagen. Die 10.000, die dann ausschließlich von den Öleinnahmen profitieren oder die 28,5 Millionen, denen nichts davon zu Gute kommen wird?

      Das ist nämlich bei der Geschichte der Yankee-Invasionen und -Einflussnahmen in Südamerika schon immer die Gretchenfrage gewesen.

      Ok, die Frage war nur rhetorischer Natur.

    2. Schön wärs, aber wird hier genau so laufen wie mit allen anderen mafiösen Organisationen: „Entweder ihr akzeptiert unser großzügiges Angebot oder wir schicken ein paar Leute vorbei, die euch die Knochen brechen und anschließend in Zement eingießen“. Da wird es keine ernsthaften Preisverhandlungen geben. Einen „fairen“ Preis könnten sich selbst die USA nicht leisten. Da wird bestenfalls eine Showverhandlung inszeniert, so dass alle beteiligten ihr Gesicht wahren können.

      Gut, vielleicht nicht ganz so extrem, daher könnte es durchaus eine Strategie sein, nicht zu verhandeln und die USA zu zwingen, das Land zu besetzen. Dann allerdings ohne Widerstand, um Blutvergießen zu vermeiden – zumal man das eh nicht gewinnen kann. Das hätte immerhin den Vorteil, dass es sich um eine illegale Annexion handelt und man sich zumindest völkerrechtlich die Option offen hält, dass der Vorgang vielleicht irgendwann mal rückgängig gemacht werden kann. Würde Grönland durch einen offiziellen Verkauf international anerkannter Teil der USA, wäre diese Möglichkeit dauerhaft verbaut.

      Interessant ist auch in dem Kontext: Was sagt eigentlich die dänische Verfassung dazu, einen Teil des eigenen Territoriums zu verkaufen? In Deutschland wäre das eventuell nicht ganz so einfach, wenn eine Regierung beispielsweise Bayern an China verkaufen will. Ist das für Dänemark überhaupt rechtlich möglich? Und wenn ja, kann das eine aktuelle Regierung einfach so machen, oder benötigt es dafür eine einfache oder höhere Parlamentsmehrheit? Oder vielleicht sogar eine Volksabstimmung notwendig? Das könnte noch interessant werden.

  4. Noch bevor ich durch den Text gehe… obwohl ich den USA Grönland nicht gönne, bin ich – provokant gesagt – dafür, dass sie es den Europäern wegnehmen. Warum? Erstens: wenn mich einer als echter Europäer fragt, bin ich dagegen. Zweitens: wenn mich einer nach meiner Verachtung der rechtsradikalen europäischen bisher immer mehr pro-amerikanischen, weniger pro-europäischen europäischen Elite gegenüber fragt, dann bin ich dafür. Nun noch einmal die Frage: Warum? Weil ich die Hoffnung habe, dass wenigstens DAS mal dazu führt, dass man in Europa erkennt, dass die USA Europa nur als Vergewaltigungsopfer „lieben“. Kurz gesagt hab ich die Hoffnung, dass so eine Entwicklung eine heilende Wirkung auf die rechtsradikale, demokratiefeindliche Elite in Europa haben dürfte. In Deutschland zum Beispiel dürfte es unter solchen Umständen schwierig werden den Menschen noch die Lüge aufzutischen, dass die einst Hitler an die Macht bringenden USA uns nach diesem Kriegsgeschäft (sie waren die größten Profiteure des Holocaust, via Bank für internationalen Zahlungsausgleich) angeblich die Demokratie gebracht hätten (eine „Demokratie“, die auf Täuschung und Manipulation basiert und so gar nichts Demokratisches hat, ok… homöopathisch vielleicht) und daher angeblich unsere besten Freunde seien. Dann würde vielleicht sogar dem letzten Dummkopf auffallen, dass die Erzählung nicht stimmt, wobei ich ein paar ganz besonders hoffnungslose Fälle kenne. Aber ok… sogar die würden vielleicht irgendwann einmal die Richtung ändern, wenn sie feststellen, dass sich der Wind insgesamt gedreht hat und nun sie mit ihrer Position ziemlich alleine dastehen (nicht einmal mehr die Medien auf dieser Klaviatur spielen können, weil es zu offensichtlich absurd klingt).

    1. Außerdem würde das wohl die NATO wenn nicht beerdigen, dann doch erheblichen Schaden anrichten.

      Man kann es vielleicht so formulieren: ich kann die USA ÜBERHAUPT nicht ausstehen (im Westenlichen die Eliten; dem Volk werfe ich vor zu wenig Widerspruch zu leisten; Letzteres kann man von dem europäischen Volk allerdings auch sagen), wegen all ihre Krieg, Intrigen, Umstürze, Manipulationen, Unterdrückungen / Versklavungen, Räuberverhaltens etc. pp. ALLES Schlechte, aber WIRKLICH ALLES Schlechte findet man in den USA. Da findet man sogar Dinge, die so schlecht sind, dass einem die Vorstellungskraft dazu gefehlt hat (z.B. wie sie den Völkermord von Gaza einfach als eine simple Geschäftsentscheidung betrachten oder das ukrainische Volk an der Front verheizen, so wie andere zum Frisör gehen oder sich ne Currywurst kaufen). Aber fast noch schlimmer finde ich jene, die ihnen in den A… kriechen und tatsächlich über jedes Stöckchen springen, welches ihnen die USA hinhalten, z.B. „da, verhalte Dich pur rassistisch und geh auf Russland los“, Leute, die die USA als ihr Vorbild, als ihren (An)Führer betrachten, ihm huldigend auf den Knien rumrutschen (z.B. wenn man öffentlich erklärt ihre Energieversorgung zu beenden und sie damit in eine wirtschaftliche Katastrophe zu lenken).

    2. @Richard

      Schöner Kommentar(e), der gut zeigt, welcher alltäglichen Schizophrenie der denkende Europäer unterliegt, bzw. welchenr mentalen Druck die fortdauernde kognitive Dissonanz generiert.

      Die „Hoffnung“, dass »die rechtsradikale, demokratiefeindliche Elite in Europa« sich irgendwie änderte, ist illusorisch, da es genau diese Elite ist, die in ihrem opportunistischen Unvermögen vom gegenwärtigen Zustand maximal profitiert.

      Von daher ist die Notwendigkeit, für Europa eine »soziale Verteidigung« gegen diese Macht-Eliten zu entwerfen, absolut zwingend und wahrlich ist es noch notwendiger, jedem durchschnittlichen Europäer, der irgendwo zwischen gesellschaftlichem Koma und Schockstarre vegetiert, klar zu machen, dass niemand außer ihm selbst ihn davon befreien kann.

      Denn was hilft es den Kalaallit, einen sozialen Widerstand zu organisieren, der von der ganzen Welt in ihrem Unvermögen aktiv ignoriert oder erst gar nicht wahrgenommen wird und damit zwecklos ist?

  5. Warum denn in Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Bevor wir also den Grönländern nicht-geistige-Kolonialismus-Ratschläge erteilen, könnten „wir“, also insbesondere die Deutschen, das Konzept in Ramstein erproben. Meine Lebenserfahrung zeigt, das Ratschläge, die man selbst erfolgreich umgesetzt hat, gleich viel besser vermittelt werden.

    1. @BerndH60: In Ramstein hat man den friedlichen Protest schon probiert. Als der dann
      von den Ammis aufgelöst wurde, waren die Fernsehteams und die Zeitungsgeier schnell
      verschwunden. Dafür hatten die umliegenden Krankenhäuser erst einmal gut zu tun.

  6. Mit welchem Recht beansprucht Dänemark Grönland?

    1. Die rechtmässigen Bewohner Grönlands (überwiegend Inuit?)
    sollten die Möglichkeit bekommen, sich in einem Referendum von Dänemark zu lösen und einen eigenen Staat zu gründen.

    2. In einem weiteren Schritt können sie dann entscheiden, ob und an wen und zu welchem Preis sie ihr Land verkaufen wollen.

    1. Mit welchem Recht beansprucht Dänemark Grönland?

      Das sollte so langsam Thema von psychologischen Untersuchungen werden: Trump erklärt „Grönland wird amerikanisch“ und umgehend entdecken seine deutschen Anhänger ihr Herz für die von Dänemark unterdrückten Grönländer.
      Wie wär’s denn damit einfach mal einen Blick in die grönländische Presse zu werfen, um die dortige Stimmung aufzuschnappen?
      https://www.sermitsiaq.ag/

      2. In einem weiteren Schritt können sie dann entscheiden, ob und an wen und zu welchem Preis sie ihr Land _verkaufen_ wollen.

      Der grönländische Ministerpräsident hat sich gerade dazu geäußert: „Jens-Frederik: Greenland is not for sale“.
      https://www-sermitsiaq-ag.translate.goog/samfund/folg-med-her-vi-vaelger-det-gronland-vi-kender-i-dag-siger-jens-frederik/2329251?_x_tr_sl=auto&_x_tr_tl=en&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=wapp

      Ja, Grönland ist seit Jahrzehnten autonom und hat einen eigenen Ministerpräsidenten. Der wird wohl der Nächste sein, den Trump kidnappt.

    1. Irgend so ein Ar***, der immer im Telepolis Politik Forum seine Galle spuckt (und für den keine Regeln zu gelten scheinen), hat neulich damit geprahlt, einen 250.000 Follower YT-Kanal ‚genuked‘ zu haben, indem er systematisch alle Beiträge davon ‚gemeldet‘ habe.
      Ob das wohl Kanal von Lottaz war?

  7. Und wie sehen die „Erfahrungen mit Gewaltfreien Widerstand“ aus, welche die staatlichen Gewalten mit gewaltfrei widerständigen Bürgern mach(t)en?
    Sie definieren erstmal ALLES was eine bewusst organisierte Störung seiner Ordnung herbeiführen will als Gewalt. Und begegnen dieser Störung dann entsprechend mit ihrer Gewalt, sobald diese auch nur im Ansatz erfolgreich zu werden droht, aber am besten schon präventiv.
    Das sollte man auch als gewaltfreier Widerständler wissen.
    Bewaffnet oder „Gewaltfrei“, auch in diesem Fall gilt, der Erfolg gibt der jeweils präferierten Widerstandsform recht.
    Und bei Misserfolg darben die Protagonisten beider Widerstandformen gleichermaßen im Kerker oder vor dem Erschießungskommando.

  8. Ein prinzipieller Denkfehler ist, dass sich die US-Administrationen nie um Rechte irgendwelcher eroberten Gebiet gekümmert hatten. Letztlich war dann irgendwann alles faktisch geregelt. Keiner erkennt heute noch die Eroberung des Westens als einen solchen Akt an. Das Recht der US-Amerikaner auf ihr „eigenes“ Gebiet ist festgelegt. Dabei gehört den US-Amerikanern nichts. Nicht Mal das Gebiet von New York. Doch ihre ursprünglichen Besitzer sind zu 99% ermordet worden. Das nennt man bekanntlich Völkermord. Die 57000 Grönländer sind kein Problem. Einige werden bestochen, die anderen beseitigt oder sterben ganz plötzlich. Dann siedeln 100.000 US-Amerikaner auf Grönland und alles ist erledigt.

  9. Den Artikel mit einem Wort zusammengefasst: putzig

    Aber das kommt dabei heraus, wenn man den Menschen im Westen über Jahrzehnte erklärt, dass wir moralischen überlegen sind und nur das Gute auf die Welt bringen. For Peace and Democracy!
    Und jetzt glauben sie den ganzen Schei.. einfach, und sie bestürzt über die unverblühmte Ehrlichkeit von Trump.
    Herr Spiegel, sie müssen jetzt stark sein, unser ganzer westlicher Wohlstand ist seit Jahrzehnten aufgebaut auf geopolitischer Machtpolitik und Unterdrückung schwächerer Länder. Während die bisherigen US Präsidenten das alles, in eine heile-Welt-rosa-Plüschdecke verpackt hatten, spricht Trump es nun offen ohne heuchlerische Fassade aus. Einen Unterschied an der realen Politik macht dies aber kaum.
    Und wenn der Autor nur den Schreibtischrevoluzzer gibt und zum Widerstand aufruft, mög er sich nur kurz daran erinnern, in Grönland gibt’s keinen Dschungel und Guerilla ohen Dschungel wird nicht funktionieren.
    Oder kurz zusammengefasst, was kann die EU dagegen machen? Nichts.
    Hat die EU überhaupt geopolitisch noch etwas zu sagen? Nein.
    Warum? Kein Rohstoffe und vor allem keine Energie, kein (eigenständiges) Militär, und immer weniger Industrieproduktion und selbst der „Rohstoff“ Bildung geht z.Z den Bach runter (mal von Genderkompetenz abgesehen, da sind wir weltführend).
    Je schnell die Menschen in der EU das kapieren, desto eher wird es möglich sein noch im Rahmen des Möglichen sich auf das einzustellen, was der EU in den nächsten 10 Jahre blüht.
    Einhornfantasien, wie, die Amis daran zu hindern sich Grönland zu nehmen, sind das Gegenteil davon.

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