Sozialdemokraten in Österreich: Sturm im Wasserglas

SPÖ-Plakat zum  Wahlkampf zur Nationalratswahl 1975.  Bild: SPÖ Presse und Kommunikation/CC BY-2.0

Der erfolgreiche Medienmanager und Ex-RTL-Chef Gerhard Zeiler will die SPÖ übernehmen und liefert ein Lehrstück in aufgeblasener Verblendung. Zur Schande Österreichs muss eingeräumt werden, gänzlich chancenlos ist er nicht.

Gerhard Zeiler hat fraglos eine Erfolgsbiografie im Rücken. Ehemals Pressesprecher mehrerer österreichischer Bundeskanzler war er Generalintendant des Österreichischen Rundfunks, später CEO der RTL-Group und letztlich Chef von WarnerMedia International. Ein Macher, der weiß, wie die Dinge laufen. Oder sollte man besser sagen, wie sie liefen.

„Ich glaube, dass ich die richtige Person bin, um die Partei aus diesem historischen Tief herauszuführen“, ließ Zeiler vor wenigen Tagen das erstaunte österreichische Publikum wissen. Diese mediale „Bombe“ diktierte der alte Medienfuchs der Kronenzeitung, Österreichs größtem Boulevardmedien, in die Aufnahmegeräte.

Danach kam etwas, was man nur als Powermove bezeichnen kann. Zeiler verließ nach dem Interview das Land und war für Fragen anderer Medien nicht zu haben. Also zum Mitschrieben: Jenes Land (Österreich), das er so liebt, bewundert, schätzt (jedes beliebige Wort der Hochachtung darf hier eingesetzt werden) und das er durch die Übernahme der altehrwürdigen Sozialdemokratischen Partei wieder nach vorne bringen möchte, schätzt, liebt, bewundert etc. er so unermesslich, dass er es nach einem kurzen Interview für die Krone erst mal verlässt. Es gibt schließlich offenkundig noch Wichtigeres.

Bereitschaft, die ins Leere läuft

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse kommentierte die Posse genüsslich und spekulierte, Zeiler habe mit dem Krone-Interview lediglich deponieren wollen: „Ich will, dass man mich will.“ Und da reiche nach Meinung des Medienmanagers, dass man nur sein Interesse am SPÖ-Vorsitz verlauten lässt und die anderen sich dann ausdenken, warum der Gerhard Zeiler jetzt der richtige Mann an der Spitze sei.

Blöd nur, dass den anderen nichts einfiel. Zeiler war abgerauscht und durch Österreichs Medien rollten lediglich ein paar Tumbleweeds (zu Deutsch „Taumelkräuter“) über die staubige, aber ansonsten leere Straße. Der Ausruf: „Endlich, der Retter ist da!“ war nirgends zu vernehmen und die grenzenlose Selbstüberschätzung Zeilers wurde auch den weniger aufmerksamen Teilen des Publikums bewusst.

Die SPÖ-Granden waren in die Intrige offenkundig nicht eingeweiht, obwohl Zeiler, nach eigener Aussage, zumindest mit einigen von ihnen geredet haben will. Die übliche Dramaturgie eines Putsches läuft bekanntlich so, dass das Spitzenpersonal der Partei nacheinander (damit das Thema medial präsent bleibt) sich für den möglichen neuen Vorsitzenden ausspricht und dessen frischen Wind lobt, damit der alte Vorsitzende klein beigibt. Aber da kam nichts aus der SPÖ, nur der leise säuselnde Wind der Prärie blies sinnlos vor sich hin.

Klärende Worte im TV

Deshalb sah sich Zeiler zwei Tage später genötigt in das Studio des ORF zu gehen und dort seine Visionen vorzutragen. Allerdings war auch dies auch nicht mehr als das Abfeuern der nächsten Platzpatrone. Zur Verwunderung der eigens einberufenen ORF-Medienexperten, die wissbegierig an den Lippen ihres ehemaligen Senderchefs hingen, sagte dieser im TV-Interview nahezu nichts.

Er verhaspelte sich ein paar Mal, was wohl seinem eher vorgerückten Alter geschuldet sein mag, aber letztlich unerheblich ist, denn auch ein blutjunger Gerhard Zeiler hätte nicht kaschieren könne, dass das Interview improvisiert war. Ein vorbereiteter Kandidat hätte nämlich die zigfach durchgespielten und rhetorisch erprobten Erzählungen abgespult, die dem Publikum verdeutlich hätten, warum er jetzt der richtige für die SPÖ sei.

Aber Zeiler meinte lediglich, er sei mit dem Kurs der Regierung und dem der SPÖ grundsätzlich so weit zufrieden. Er würde es nur, als der erfahrene Manager, der er eben sei, besser machen. Selbstverständlich könne er in der Kürze der Zeit nicht sagen wie, aber so etwas findet sich naturgemäß, sobald einmal der richtige am Ruder ist.

Sagt zumindest der Richtige von sich selbst. Neben der Präsentation seiner monumentalen Selbstgewissheit hatte Zeiler dann nur noch ein paar Stehsätze des üblichen Politikdiskurses im Gepäck, wie etwa der Ruf nach weniger Bürokratie oder die Aufforderung, die hohen Förderungen einmal zu überdenken.

Zeilers Versprechen auf weniger Wartezeiten für Kassenpatienten, mehr Geld für die Elementarpädagogik und dergleichen, ähnelte hingegen frappierend Punkten aus dem aktuellen SPÖ-Programm. Kein Wunder, denn Zeiler sieht in sich ja auch einen „klassischen Sozialdemokraten“. Aber ganz sicher keinen Marxisten.

Babler konnte nie abheben

Damit meint er natürlich den amtierenden und gerade erst im März neu gewählten Parteivorsitzenden Andreas Babler. Den bilden Österreichs Boulevard und auch die „Qualitätsmedien“ gerne mit Sowjetinsignien ab und sagen ihm nach, noch immer Marxist zu sein. „Marxist“ heißt hier so viel wie „gefährlicher Spinner“.

Die jahrelange Kampagne gegen den „Marxisten“ Babler haben tatsächlich hervorragend gefruchtet und liefern Gerhard Zeiler seinen einzigen, echten Angriffspunkt. Die SPÖ liegt mit Babler in Umfragen bei 15 Prozent und darf als „stehend KO“ bezeichnet werden.

Der frische linke Wind, den Andreas Babler ernst in die Partei brauchte, ist gänzlich verflogen. Dafür gibt es mehrere Gründe und zumindest einen muss sich der amtierende Parteivorsitzende anlasten lassen.

Als Babler die Partei im Sommer 2023 übernahm, herrschte Aufbruchstimmung. Rekordverdächtig viele Menschen traten in die Partei ein. Sie brachten Ideen und Lust auf Politik mit. Aber Babler und sein eilig zusammengehextes Team konnten ihnen keinen Anker in der Partei bieten.

Das Scheitern Jeremy Corbyns in Großbritannien hätte man vermutlich besser studieren sollen.  Eine neue Bewegung braucht eine eigene Fraktion in der Partei, mit eigener programmatischer Arbeit. So aber liefen die Neumitglieder in die alten verknöcherten Strukturen und bissen dort auf Granit. Umwelt- und Klimabewegte, die Bablers Brandreden zum Kampf gegen die Klimakrise gehört hatten, landeten beispielsweise in der Bezirkspolitik und mussten sehen, wie die verknöcherten Betonmehrheiten der alten SPÖ neue Parkplätze beschlossen.

Hier hätte es einer produktiven innerparteilichen Konfrontation bedurft, die neue politische Ziele formulieren und auch verankern kann. Dieses Durchhaltevermögen hatte das Team Babler nicht und so entstand nur Frust auf beiden Seiten. Der Flügelkampf der SPÖ ließ sich nie beilegen und ist heute zermürbend sinnlos geworden.

 Ein Medienprofi aus den 1990ern

Das spürt Zeiler schon richtig: Babler ist am Ende und es ist nicht mehr sinnvoll mit ihm in einen Wahlkampf zu gehen. Im nächsten Jahr stehen Landtagswahlen in Oberösterreich an. Die FPÖ führt hier in Umfragen vor der jahrzehntelang regierenden ÖVP.

Verliert die ÖVP den Landeshauptmann in Oberösterreich, wird sie wohl die Reißleine ziehen und Neuwahlen im Bund ausrufen. Denn warum soll sie sich noch drei weitere Jahre durch die Regierung mit SPÖ und den liberalen NEOS quälen und dabei ihre Mehrheiten in den Ländern verlieren?

Darauf müsste die SPÖ vorbereitet sein und ein neuer Vorsitzender könnte helfen. Deshalb will Gerhard Zeiler wohl in die Trickkiste von vor dreißig Jahren greifen, als Gerhard Schröder meinte, zum Regieren braucht es nur „Bild, BamS und Glotze“. In jenen Jahren hatte auch Zeiler seine große Zeit und beschenkte die Welt mit Programmen wie „Deutschland sucht den Superstar“.

Zeiler ist – das muss man ihm lassen – bei seiner Auffassung der Massenmedien Überzeugungstäter. Er hält noch immer die Glotze für ein Leitmedium und meint über den Zeitungsboulevard die Bevölkerung zu erreichen. Nur, viele Menschen in Österreich haben keinen Fernseher mehr und schlagen auch keine Zeitungen mehr auf.

Die Massen müssen heute anders und auch mit anderen Medien erreicht werden. Gerhard Zeiler, der nicht einmal einen Socialmedia-Auftritt hat, wirkt hier wie aus der Zeit gefallen. Beeilt sich aber im Fernsehen zu sagen, er will junge Leute in sein Team aufnehmen. Na, ob das was wird?

Allerdings sollte man ihn noch nicht ganz abschreiben. Gerhard Zeiler hat eine Altherrenriege um sich, die einst mit ihm und durch ihn Karriere machte. Vielleicht gelingt es dem Old-Boys-Club doch noch Babler abzusägen und die neue Kleinpartei SPÖ zu übernehmen. Die nächsten Wahlen wird Zeiler damit sicher nicht gewinnen. Aber von Wahlsiegen war – bezeichnenderweise – auch nicht mehr die Rede.

Frank Jödicke

Frank Jödicke, Autor und Journalist. Studium der Malerei & Grafik, sowie der Philosophie in Wien und London. Chefredakteur des Magazins skug. Schreibt für verschiedene österreichische und internationale Magazine. Im Bündnis alternativer Medien (BAM!) bemüht er sich um die Vernetzung unabhängiger Journalist*innen in Österreich. Als Herausgeber zuletzt: „Bürokratiepolitiken“, Sonderzahl; Wien 2021.
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2 Kommentare

  1. intrrrressant, intrrrressant : Parteien mit 15% Wählerzuspruch sind „stehend KO“

    Da gibt es in Österreich und in €uropa dutzende von Parteien, die KO sind, auch die SPD. Oder die GRÜNE PARTEI dies-seits und jenseits der Grenze. Gutn !

  2. „Das spürt der Medienzampano Zeiler schon richtig: der SP Parteivorsitzende Babler ist am Ende “

    eeecht jetzt? – Ist dem Autor noch nicht aufgefallen, dass nirgendwo in €uropa
    sozialdemokratische Politik einen Stich macht. Warum wohl? Am Personal liegt es hier nicht. Schon mehr an der Verfasst heit der Leyen Union. So wie die gestrickt
    ist, wird keine sozialdemokratische Partei
    mehr auf die Beine kommen.

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