Solidarität mit welchem Israel?

Screenshot aus IDF-Video

Israelische Sicherheitspolitik als Heilung deutschbefindlicher Neuralgien oder was haben deutscher Antisemitismus und Philosemitismus gemeinsam?

 Dieser Aufsatz wurde 2018 verfasst. Er thematisiert heute noch Aktuelles der deutschen Gegenwart.

 

Es will zuweilen scheinen, als habe sich in den letzten Jahren der in Deutschland vorherrschende Diskurs über den Antisemitismus von seinem Gegenstand, dem real vorwaltenden Antisemitismus, solchermaßen gelöst, dass man den Eindruck gewinnen könnte, mehr als um die vorgebliche Bekämpfung des realen Antisemitismus, gehe es um die Perpetuierung des Eigenwerts, den seine ideologische Zerredung erlangt hat.

War es der deutschen politischen Kultur der Nachkriegsära weitgehend um die Überwindung dessen zu tun, was der deutsche Sonderweg mit zwei Weltkriegen, der NS-Diktatur und dem am europäischen Judentum verübten Genozid gezeitigt hatte, mithin um die unermüdliche Aufdeckung der den „Rückfall in die Barbarei“ subkutan bedingenden sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen, vor allem aber um die rigorose Bekämpfung von perennierendem Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass, so hat sich diese ursprünglich emanzipativ ausgerichtete Politisierung des Sozialen mittlerweile dermaßen verdinglicht, dass ihre Praxis zu einer durchideologisierten Reihe von als „öffentliche Debatten“ ausgegebenen leeren Worthülsen verkommen ist.

Rang man früher noch beharrlich um den Begriff des weltgeschichtlich Monströsen, weil man das Unsagbare als solches zu respektieren trachtete; verbat sich für Adorno nach Auschwitz Lyrik als kulturelle Gedenkleistung, weil Kultur Verrat begangen hatte, so ist „Antisemitismus“, mithin „Auschwitz“, inzwischen solch inflationärem Gebrauch ausgesetzt, dass das postulierte Einzigartige der Shoah zum Fungiblen, das Unsagbare zum allzeit Abrufbaren entartet, und die Bekämpfung dessen, was als Vorstufen der Barbarei herausgearbeitet worden war, in die befindlichkeitsbeseelte Arena des diskursiven Kampfes um deutsch-normale bzw. normalisierende antideutsche Identitätsfindungen entglitten ist.

Der erste Aufschrei ist bereits hier deutlich vernehmbar: Darf man die vom real vorwaltenden Antisemitismus ausgehenden Bedrohungen und die Überspanntheiten, die seiner verhunzten Rezeption innewohnen, auf eine Vergleichsebene stellen? Geht es beim einen nicht um eine praktisch verübte Repression Juden gegenüber, während es sich beim anderen lediglich um schiefe Bewusstseinslagen handelt? Zweierlei muss bei der Beantwortung dieser Fragen angegangen werden: zum einen das Problem einer antisemitisch motivierten realen Bedrohung von Juden. Dazu einiges später. Zum anderen aber das akute Problem der heteronomen Ideologisierung rhetorischer Praktiken bei der vorgeblichen Bekämpfung von Antisemitismus.

Denn man kann sich schlechterdings kaum noch des Eindrucks erwehren, dass beim vermeintlichen anti-antisemitischen Diskurs in Deutschland etwas ganz anderes ausgetragen wird, als was (zumindest gemessen am mantrahaften Gerede über die den Juden drohende antisemitische Gefahr) zu erwarten stünde: Juden, will es scheinen, haben deutsche Antisemitismuskritiker nie konkret interessiert. Juden wurden (und werden) von ihnen stets abstrahiert bzw. in ferne Regionen außerhalb des unmittelbaren lebensweltlichen Blickfelds und Zusammenhangs delegiert.

So sind Juden als „sechs Millionen“ vernichtete Shoah-Opfer, als exemplarische Holocaust-Überlebende (möglichst im Ausland), als Träger untergegangener Lebenswelten und Kulturen (vorzüglich im klezmer-beseelten Osteuropa) oder eben als „wehrhafte Israelis“ im „zionistischen Zufluchtsland der jüdischen Volkes“ argumentativ in Anschlag gebracht worden; die in Deutschland real lebenden Juden werden, insofern sie nicht schon durch ihr Fremdländisches ein (diskret) unterdrücktes Befremden auslösen, mehr oder minder ignoriert. Und da sie – seit Ende des Zweiten Weltkriegs zumeist osteuropäischer Provenienz – sich selbst kaum je als der „deutschen Gesellschaft“, in der sie leben, im emphatischen Sinne zugehörig gefühlt, vielmehr ein Jahrzehnte lang währendes Selbstverständnis des transitorischen Auf-den-Koffern-Sitzens gepflegt haben, enthielt dieses lebensgeschichtlich originär gewachsene Entfremdungsmoment in der Tat stets einen gewissen gesellschaftlichen Wahrheitskern.

Das deutliche Desinteresse deutscher Bekämpfer des Antisemitismus an den in Deutschland lebenden Juden war (besonders in der Nachkriegszeit) der argwöhnischen Distanz dieser Juden gegenüber ihrer als „deutsch“ begriffenen Umwelt eng verschwistert. Als Ignaz Bubis Ende der 1980er Jahre öffentlich mit dem Postulat auftrat, jüdisches Gemeindeleben möge in Deutschland wieder erblühen, wurde er nicht nur von den meisten jüdischen Gemeindemitgliedern seiner Generation verwundert schief beäugt; interessant war die durchschnittliche nichtjüdische Wahrnehmung seiner Erscheinung: Man registrierte „wohlwollend“, dass es einen exemplarischen Juden gab, der einer Renormalisierung der deutsch-jüdischen Beziehungen in Deutschland, mithin mutatis mutandis einer Art eigenen „Schlussstrichs“ das Wort redete, ohne dass es die philosemitischen und sonstigen Befürworter dieses neuen Zugangs zu etwas anderem verpflichtet hätte, als zur abstrakten Anerkennung einer offenbar ausgebrochenen Versöhnlichkeit seitens „der Juden“.

Als dann Bubis durch die Walser-Debatte eines besseren belehrt werden, mithin auf hartem Weg lernen sollte, wie es um die konkrete Solidarität mit Juden bestellt ist, wenn es mal nicht um die Unterstützung des weit (genug) entfernten Israel oder um die wochenendliche Liebe zur altdiasporischen Klezmermusik (eine in Deutschland bezeichnenderweise besonders stark verbreitete Liebe) ging, stellte er am Ende seines Lebens resigniert fest, seine Mühe sei umsonst gewesen, sie habe nichts gefruchtet. Seine Schlussfolgerung mag dahingestellt bleiben. Nicht auszuschließen ist indes, dass sich seine Resignation primär gerade auf die deutschen Antisemitismus-Bekämpfer, seine vermeintlichen Verbündeten, bezog; über latente und manifeste Antisemiten durfte er sich eh keine Illusion machen.

 

Philosemitismus, Antisemitismuskritik und Israelsolidarität als (anti)deutscher Befindlichkeitsdiskurs

 

Und dennoch floriert das Anti-Antisemitismus-Geschrei im heutigen Deutschland mehr denn je. Das mag mit einer realen Zunahme antisemitischer Tendenzen zusammenhängen; es will jedoch scheinen, als sei die Diskursaufgewühltheit primär anderen, ihrem Wesen nach heteronomen Ursachen geschuldet. Bezeichnend war in diesem Kontext die Antwort eines renommierten, antisemitismuskritischen deutschen Herausgebers und Verlegers vor einigen Jahren, der, darauf hingewiesen, dass er einen bestimmten Sachzusammenhang in bezug auf Israel falsch sehe, antwortete, Israel interessiere ihn gar nicht; es gehe ihm einzig um Deutschland. Geht man davon aus, dass ihm „Israel“ für „Juden“ stand, der Staat der Juden mithin das jüdische Volk kodierte, so ist das hier anvisierte Problem prägnant auf den Punkt gebracht: Philosemitismus, Antisemitismuskritik und Israelsolidarität als (anti)deutscher Befindlichkeitsdiskurs.

Nun mag man einwenden, das sei letztlich nicht gar so falsch – ist doch der Antisemitismus kein Problem des Juden, sondern in erster Linie das des Antisemiten. Wohl wahr, man kann dieser alten Sartreschen Einsicht noch immer weitgehend beipflichten. Und doch wird man sich füglich fragen lassen müssen, wann die instrumentalisierende Funktionaliserung „des Juden“ für wie immer emanzipativ gemeinte Zwecke ins Gegenteilige umschlägt, und die Abstraktion dessen, was man zu verteidigen wähnt, der gleichen fremdbestimmten Struktur verfällt, kraft der (bei umgekehrten Vorzeichen) der Antisemitismus erst eigentlich möglich wird.

Die Vereinnahmung konkret ausgeblendeter Juden als „Juden“-Matrix der eigenen Identitätsbestimmung mag sich spätestens dann als fatal erweisen, wenn es darum geht, dem konkreten Juden, der sich als solcher stereotyp-heteronomer Abstraktion entschlägt, in der eigenen Lebenswelt zu begegnen. Es mag sich dann peinlicherweise herausstellen, wie sehr der Jude als Projektionsfläche wohlmeinender Deutscher fungiert. Die vom Philosemiten latent betriebene Entindividualiserung des individuellen Juden hat dem manifesten judenfeindlichen Ressentiment des Antisemiten nichts vor. Der Aufschrei gegen den Antisemitismus kann durchaus Spuren dessen aufweisen, was der Struktur nach als antisemitismusfördernd zu werten wäre. Wenn also stimmt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, dann stimmt auch, dass der „wiedergutmachende“ deutsche Philosemit keinem Juden seine auschwitzferne Individualität verzeihen kann.

 

Der Anti-Antisemitismus ist zum neuen zivilgesellschaftlichen Lustprinzip einer gewissen deutschen Öffentlichkeit avanciert

 

Muss man aber gleich Philosemit sein, wenn man den Antisemitismus anprangern und bekämpfen möchte? Natürlich nicht. Da nun aber die unentrinnbare Bürde einer monströsen Geschichtskatastrophe jegliche Beziehung zwischen Deutschen und Juden affizieren muss, Auschwitz mithin zum Paradigma dieser Beziehung geronnen ist, bestehen nun mal wenige „Fluchtwege“ aus dem sich stets aufs neue verfestigenden Neuralgiezirkel.

Viele begehren – normalisierungssüchtig –, sich von der Geschichte ganz abzuwenden. Andere „bewältigen“ das Unbewältigbare durch einen primitiven Projektivantisemitismus, wieder andere durch einen ressentimentgeladenen, zutiefst unreflektierten Antizionismus. Manche verharren in einem apolitisch gelähmten Ehrfurchtsschweigen – ja, und zunehmend viele sind zu Sachwaltern einer neuen Antisemitismusbekämpfung mutiert, und zwar mit solcher Verve, dass man den Eindruck gewinnt, der Anti-Antisemitismus sei zum neuen zivilgesellschaftlichen Lustprinzip einer gewissen deutschen Öffentlichkeit avanciert.

In schdanowistischer Türhütermentalität wird alles angeprangert und verfolgt, oft auch pauschal denunziert, was nach „Antisemitismus“ riecht bzw. – genauer – was sich unter dem neuen Begriff von Antisemitismus, den sich diese Öffentlichkeit zuruechtgebastelt hat, subsumieren lässt, wobei sich Aufklärungselan und paranoider Pathos solcherart wechselseitig durchwirken, dass politische Emanzipationspraxis zur befindlichkeitsgeschwängerten Lust am publiken Verfolgungswahn verkommt. Man gefällt sich als „hauptamtliche Antisemitenjäger“ (gut deutsch der Verbeamtung von Emanzipation frönend), beruft sich dabei auf Adornos neuen kategorischen Imperativ, wobei sich freilich der alte Frankfurter Denker im Grabe drehen dürfte, wenn er erführe, von welchem Ungeist diese Vereinnahmung beseelt ist, und geht alles brutal-denunziatorisch an, was sich nicht den Vorgaben des manipulativen Antisemitismus-Diskurses unwidersprochen fügt. Auch Juden sind vor der Definitionsallmacht dieser vermeintlichen Sachwalter ihrer Belange nicht gefeit.

Ist das schlimm? – mag man sich fragen. Ist es nicht begrüßenswert, daß gerade in Deutschland und gerade angesichts der neuen Erstarkung neonazistischer Tendenzen der Antisemitismus mit so viel Elan attackiert wird? An sich schon. Nur stellt sich zunehmend die Frage, ob tatsächlich ein erstarkender Antisemitismus angegangen wird, der beispielsweise in der „braunen Szene“ immer schon sein zuverlässiges historisches und gesellschaftliches Zuhause hatte und noch immer hat; oder ob nicht doch der ungleich „attraktivere“ Weg der politisch-korrekten Polemik gewählt wird, bei der der periodisch sich einstellende antisemitische Verbalskandal um eine Person des öffentlichen Lebens mit mehr oder minder auffälliger Breitenwirkung zur Drohkulisse einer heraufbeschworenen Verantisemitisierung, gar Neonazifizierung der gesamten Gesellschaft hoch- bzw. niederstilisiert wird.

Da der Antisemitismus immer schon soziale (oft auch sozio-öknomische), sozialpsychische und kulturell-ideologische Ursachen hat – man hüte sich stets davor, den Antisemitismus zu enthistorisieren bzw. gesellschaftsfern zu abstrahieren –, und da man diese Ursachen bei der gängigen „Bekämpfung“ von Antisemitismus geflissentlich zu ignorieren pflegt, erweisen sich die medienwirksamen Empörungs-Knalleffekte um die enttabuisierten, bewusst-provokant orchestrierten miniantisemitischen Verbaleklats als bewußtseinstrübende Ideologie der sogenannten Antisemitismus-Bekämpfung.

Die sensationslüsterne Aufgewühltheit begnügt sich mit dem Lustgewinn an öffentlicher Erregung; um Gesellschaftskritik, gar emanzipativen sozialen Wandel bekümmert sie sich zumeist herzlich wenig, wenn überhaupt je. Und in der Tat mag sich die Frage stellen, was da letztlich bekämpft wird: die sich politisch-korrekt nicht gehörende Zulassung des antisemitischen Verbalressentiments, mithin die publike Akzeptanz seiner manifesten Erscheinung, oder die strukturellen Ursachen, also gesellschaftlich wirkmächtigen Bedingungen für Entstehung, Verfestigung und Sedimentierung dieses Ressentiments. Handelt es sich um ersteres, so liegt dem ein Antisemitismusbegriff zugrunde, der sich mit dem (durchaus notwendigen) Geplänkel einer feuilletonistisch-publizistischen Kultur debattierender Zerredung, mit akademischen Diskursanalysen und massenmedialen Talkrunden „fürs Volk“ begnügt. Sein Geltungsbereich ist die Sphäre parlierender Entrüstung und getragener Nachdenklichkeit von besorgten Gutmenschen. Handelt es sich hingegen um letzteres, so sieht man sich vor einem Problem ganz anderer Größenordnung gestellt. Denn man kommt dann nicht um die ehrliche Einschätzung von Stellenwert und Bedeutung dessen, was – salopp als „Antisemitismus“ eingestuft – eine fundamentale Gesellschaftskritik und rigorose politische Tathandlungen erfordern würde.

 

Bedrohung von Juden im heutigen Deutschland

So muss man sich beispielsweise fragen, was mit Bedrohung von Juden im heutigen Deutschland gemeint sei. Sind in Deutschland lebende Juden heutzutage in ihrer Existenz bedroht? Besser gefragt: Lässt sich eine Entwicklung in Deutschland denken, die die Existenz von Juden ernsthafter Bedrohung aussetzen würde? Die Antwort darauf muß notwendig spekulativ bleiben. Aber abgesehen von massiver Bewachung jüdischer Institutionen, die primär der Bedrohung durch arabischen Terror geschuldet ist, besteht seit Jahrzehnten keinerlei physische Bedrohung von in Deutschland lebenden Juden qua Juden. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass jüdisches Gemeindeleben in der bundesrepublikanischen Nachkriegsära ohnehin nur spärlich aufkeimte (die Zahl der Juden in der DDR war ganz nichtig), sondern vor allem damit, dass das allgemeine Entsetzen vorm Grauen der jüngsten deutschen Vergangenheit zu einer tabuisierten Unantastbarkeit von Juden geronnen war.

Die politische Aufregung um die Erstarkung der NPD Mitte der 1960er Jahre galt nicht der möglichen realen Bedrohung von Juden, sondern der Durchbrechung des Tabus, das im Zuge der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ jedem politischen Funken, der sich anschickte, den antinazistischen Konsens provokant anzusengen, ein politisch prästabilisiertes Löschungs-Veto zu erteilen trachtete. Es handelte sich um eine Regung in der Sphäre symbolischer politischer Interaktion, um ein Gerangel im Reich der Signifikanten, nicht um reale Bedrohung von Juden. So werden bis zum heutigen Tag jüdische Friedhöfe in Deutschland geschändet, auch Gebäude jüdischer Institutionen mit antisemitischen Verbalinjurien beschmiert. Aber das sind auch die Grenzen: Jüdische Menschen bleiben unangetastet, man regt sich an ihren steinernen Monumenten ab. Dem ist entgegengehalten worden, es handle sich um ein an einem sehr dünnen Faden hängenden Tabu – es reiche hin, dass sich in der politischen Klasse ein Stimmungswechsel vollziehe und ein Zeichen „von oben“ gesetzt werde, damit die perennierende antisemitische Hölle in Deutschland wieder losbreche und große Teile der Gesellschaft erfasse.

Eine zweifellos düstere Prognose, wenngleich eine eher zweifelhafte. Denn nicht nur lässt sich vermuten, dass ein für Juden antisemitisch-bedrohlich gewordenes Deutschland von Machtinstitutionen der westlich-amerikanischen Öffentlichkeit wohl kaum ohne deutliche Nachteile für ein solches Deutschland hingenommen würde, sondern in Deutschland selbst dürften sich massive zivilgesellschaftliche Kräfte mobilisieren, um einer solchen unheilvollen Entwicklung entgegenzuwirken.

Diejenigen aber, die einer solchen Prognose aus uneingeschränkter Überzeugung das Wort reden, mithin fest davon überzeugt sind, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis es Juden in Deutschland wieder an den Kragen geht, dürften sich nicht mit ihrer Einsicht begnügen. Aus der sich von dieser Einsicht ableitenden Verantwortung müssten sie unermüdlich dafür sorgen, dass Juden schleunigst aus Deutschland herauskommen. Dass sie sich nie und nimmer einfallen ließen, diesen Schritt zu unternehmen, lässt darauf schließen, dass sie ihrer eigenen Katastrophalprognose wohl selbst nicht sonderlich trauen, dafür aber als gestandene Protagonisten im Spielfeld pseudoemanzipativen Raunens die endzeitliche Katastrophe in ein diskursiv-polemisch lohnendes kulturelles Kapital umso perfekter für eigene Belange umzusetzen verstehen.

Gleiches gilt übrigens für jene in Deutschland lebenden jüdischen Studenten, die sich bei einer Veranstaltung darüber beklagten, dass sie sich zuweilen in der Tat nicht mehr als Juden auf die Straße wagen könnten; danach gefragt, warum sie sich nicht schleunigst diesem üblen Zustand durch Auswanderung entzögen, verfielen sie in den Gestus indignierter Aufgebrachtheit von Menschen, denen man gerade ein Stück ihrer (diasporischen) Identität geraubt hatte – die der existentiell gelebten Bedrohung durch eine zutiefst feindliche Umwelt.

 

Der Antisemitismus ist mit dem antisemitismusfeindlichen Philosemitismus verschwistert

 

Das will wohlverstanden sein: Es soll hier mitnichten der Ungeist einer neuerlichen Legitimation von Antisemitismen im öffentlichen deutschen Diskurs, schon gar nicht die Zunahme neonazistischer Politpraktiken und Agitation verantwortungslos verharmlost bzw. schöngeredet werden. Das, was sich in der alten Bundesrepublik spätestens seit Ende der 1960er Jahre an kritischer Öffentlichkeit und aufklärerischer politischer Kultur herausgebildet und sedimentiert hat, muss stets aktiviert werden, um besagtem Ungeist rigoros entgegenwirken zu können. Dieses Postulat verliert selbst dann nicht an Geltungsanspruch, wenn man in Kauf nimmt, dass es um den kritischen Geist und seinen Trägern zur Zeit nicht gerade zum besten bestellt ist. Denn selbst unter Bedingungen eindimensionierender Entsorgung der umfassenden Kritik am Besteheneden darf und muss gefordert werden, dass die Enttabuisierung dessen, was, wie immer scheinhaft, in den Stand des Unantastbaren gesetzt worden ist, kritisch reflektiert werde. Zwischen solcher Kritikforderung und der paranoid-leichtfertigen Heraufbeschwörung eines neuen, für Juden bedrohlichen Antisemitismus liegt freilich eine Kluft, die ihrerseits der Reflexion bedarf.

Denn wenn dem in der Tat so ist, dass der Antisemitismus einerseits wieder salonfähig wird (bzw. Tabus seiner Eindämmung gebrochen werden), andererseits aber auch zum konjunkturell gestylten „Thema“ mit entsprechender Feuilleton-Resonanz verkommt; wenn darüber hinaus gefragt werden muss, ob es gerade Juden sind, welche die real bedrohteste und ungeschützteste Minorität im deutschen xenophobischen Diskurs abgeben, dann muss zugleich auch geklärt werden, ob die in diesem Zusammenhang allzu schnell und leichtfertig abgerufene Auschwitz-Metapher die adäquate Kategorie für die geforderte Auseinandersetzung mit dem zu Bekämpfenden sein könne; ob mit der veralltäglichenden Aushöhlung dieses Begriffs nicht zugleich die systematische Banalisierung des Antisemitismus als Auslöser einer geschehenen welthistorischen Katastrophe und als Folie künftiger Bestrebungen, Rassismus und Fremdenhass zu bekämpfen und auszurotten, stattfinde.

Wenn sich zudem der Verdacht hinzugesellt, dass mit der vorgeblichen Bekämpfung des Antisemitismus etwas ausgetragen wird, das sich zwar für die „Lehre aus Auschwitz“ ausgibt, letztlich aber als projektive Entleerung dessen erweist, was als zu Mahnendes im Bewusstsein erhalten werden soll, dann kommt man schlechterdings nicht um die ärgerliche Einsicht herum, dass deutsche Befindlichkeiten wieder einmal am Werk sind, Befindlichkeiten, die den Antisemitismus als Fahrplan der Ausfechtung von Heteronomem vereinnahmen.

Es wird an diesem Phänomen besonders deutlich, wie sehr doch der Antisemitismus dem antisemitismusfeindlichen Philosemitismus stets verschwistert ist: In beiden Fällen hält „der Jude“ für etwas her, wird mithin dahingehend seines konkreten Daseins beraubt, dass er als leeres Gefäß für austauschbare Inhalte, fürs fungibel Abladbare in instrumentalisierender Absicht konstruiert wird. Ob dabei Hass und Aggression oder Schuld und wiedergutmachende „Liebe“ abgeladen werden, bleibt sich im Hinblick aufs Resultat der entmenschlichenden Abstraktion des Juden letztlich gleich.

Immerhin hätten Philosemiten aber keine KZs errichtet, lässt sich dagegen einwenden. Wohl wahr. Aber genau darum geht es ja im heutigen Deutschland nicht; es geht beim gegenwärtigen Antisemisimus-Diskurs nicht um die Möglichkeit einer neuen Shoah. Dass aber gerade die Assoziationsfolie des KZ (als „Auschwitz“ kodiert) für etwas in Anschlag gebracht wird, das sich ihm als Reales entzieht (und mag dabei das Pathos des aus der Vergangenheit fürs Künftige abgeleiteten Anmahnens sich noch so sehr selbst hochpeitschen), indiziert, wie erbärmlich sich der Begriff des historischen Grauens im Spiegel der befindlichkeitsgeschwängerten Realitätsbewältigung der Gegenwart ausnimmt. „Antisemitsmus“-Bekämpfung als Reparation für „Auschwitz“ – eine neue ideologische Variante des psychologischen Grundverhältnisses, wonach die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden.

Ein zweiter Aufschrei lässt sich an dieser Stelle vernehmen: Ist es zulässig, im hier erörterten Zusammenhang pauschal von Deutschen, von deutschem Antisemitismus-Diskurs und von deutscher Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu reden? Verbietet sich eine solch generalisierende Nomenklatur nicht schon deshalb, weil doch sehr unterschiedliche, gar gegensätzliche Stimmen und jedenfalls eine heterogen gestimmte deutsche Öffentlichkeit auf kurzfristige tagespolitische Aufloderungen wie auf geschichtlich verfestigte Ideologeme bzw. Tabuübertretungen reagieren?

Dem ist gewiss so, und gewiss ist der eine oder andere Punkt in der vorliegenden Erörterung überspitzt geraten und formuliert worden. Und doch lässt sich darauf insistieren, dass die plurale Stimmenvielfalt einem umfassenden (hier idealtypisch angesprochenen) Muster subsumiert sei, das sich an der elementaren Neuralgie des Verhältnisses von Deutschen-und-Juden-nach-Auschwitz schärft und bei periodisch paroxystisch aufflammenden Debatten um die nunmal als deutsch apostrophierte und als ebendiese verhandelte „Vergangenheit“ in einer sich stets zugleich einstellenden Polarisierung mit besonderer Deutlichkeit zutage tritt.

Antisemitische Abneigung gegen Juden und philosemitische Juden“liebe“ erweisen sich dabei, ebenso wie vorgebliche, vor allem bei Jugendlichen anzutreffende „Indifferenz“ Juden gegenüber, als exemplarische Reaktionsmuster, die eines gemeinsam haben: die abschätzige, verklärende oder eben „teilnahmslose“ Abstraktion von „Juden“, die als solche zur Projektionsfläche für selbstbezogene Befindlichkeitskämpfe und Identitätsgerangel, welche sich einzig der unhintergehbaren neuralgischen Verfasstheit eines jeden „Deutschen“ gegenüber dem „Juden“ verdankt, reduziert werden.

Ob es in der gegenwärtigen Geschichtsphase einen Ausweg aus diesem Zirkel gibt, sei dahingestellt. Ganz gewiss findet er sich jedoch ebensowenig in der normalisierungssüchtigen Abkopplung von der deutschen Vergangenheit wie in der „Bekämpfung“ eines katastrophisch herbeigeschrieenen Antisemitismus, so als stünde nichts weniger, als die Heraufkunft des Vierten Reiches bevor.

 

Gleichsetzung des Juden mit Israel

 

Die eklatanteste, zugleich auch politisch geladenste Form der instrumentalisierenden Abstraktion des Juden für heteronome Zwecke manifestiert sich in der metonymisch verwendeten Gleichsetzung des Juden mit Israel und, davon kurzschlüssig abgeleitet, des Antisemitismus mit Antizionismus oder gar schon mit simpler Israelkritik. Man ist zunächst geneigt, die Analogisierung wie selbstverständlich hinzunehmen: Da sich der Zionismus als die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes und den Staat Israel als Staat der Juden (zuweilen auch als „jüdischen Staat“ ) versteht, liegt es scheinbar nahe, „Israel“ als pars pro toto eines wie immer zu denkenden Jüdischen anzusehen. Da zudem die Gründung des Staates Israel unmittelbar nach der Shoah stattfand und nicht zuletzt infolge dieser Katastrophe des jüdischen Volkes erheblich forciert wurde, wird Israel nicht nur mit Juden gleichgesetzt, sondern sowohl in der proklamierten Ideologie des Zionismus als auch im Selbstverständnis vieler Juden als „Zufluchtstätte des jüdischen Volkes“ apostrophiert, die der jüdischen Diaspora, mithin einer jahrtausendealten Verfolgungsgeschichte ein Ende setzen soll.

Dass diese ex negativo gebildete Gleichsetzung vieles an ideologischer Verzerrung schon deshalb in sich birgt, weil viele Juden keine Zionisten, viele Zionisten keine Israelis, und viele Israelis keine Juden sind, fällt im hier erörterten Zusammenhang zunächst nicht ins Gewicht. Denn es reicht schon hin, davon auszugehen, daß die allermeisten Juden eine durch die schiere Existenz des Judenstaates genährte Israel-Affinität entwickelt haben, um die Verbindung zwischen „Juden“ und „Israel“ als selbstverständlich gegeben zu akzeptieren.

Was sich indes an der (wie immer ideologisierten) jüdischen Israel-Affinität aus der Perspektive besagter Leiderfahrung als unhinterfragbar ausnehmen mag, erhält in der Israel-Rezeption von Deutschen gemeinhin einen ganz anderen Stellenwert, und zwar besonders dann, wenn Deutsche „Israel“ und „Juden“ in Beziehung zueinander setzen. Denn dass Deutsche die Staatsgründung Israels als eine Art „Wiedergutmachung“ der Geschichte für das von ihnen geschichtlich am jüdischen Volk Verbrochene ansehen, mithin einer grundsätzlichen Israel-Solidarität das Wort reden, mag als nur zu natürlich erscheinen. Welches Volk, wenn nicht das deutsche, müsste so „fühlen“? Ob dabei die offiziellen Staatsabkommen zwischen der alten Bundesrepublik und Israel (wie etwa das Wiedergutmachungsabkommen von 1952 oder die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten im Jahre 1965) diesem „Gefühl“ nachkommen konnten, darf mehr als bezweifelt werden.

Zweifellos drückte sich demgegenüber in fortlaufenden Unternehmungen wie „Aktion Sühnezeichen“ ein genuines Bedürfnis aus, etwas von der letztlich unabtragbaren historischen Schuld durch eine fortwährende, zweckgebundene Handlungspraxis zu „sühnen“. Und doch darf man sich fragen, ob sich an der gängigen deutschen Israel-Rezeption und Israel-Solidarität nicht primär jenes Projektionsmuster festmacht, welches der neuralgischen Grundbeziehung zwischen Deutschen und Juden nach der Shoah zwangsläufig zugrundeliegt. Denn nicht nur muss einerseits ein von nichtjüdischen Deutschen deklarativ gefeierter Antizionismus, der in der grundsätzlichen Infragestellung des Existenzrechts Israels kulminiert, auf seine latenten Motivationen hin abgeklopft, mithin der ihm möglicherweise einwohnende antisemitische Impuls entlarvt werden; nicht minder dringlich ist andererseits die Dekodierung einer allzu überschwenglichen deutschen Israel-Solidarität angeraten, die bei jedem massiven Militärschlag Israels Urstände feiert, ohne sich freilich je die Larmoyanz über die vermeintliche Bedrohung der Existenz Israels vermiesen zu lassen.

 

Der proisraelische Philosemit kann einen israelkritischen Juden oder einen zionismuskritischen Israeli nicht verkraften

 

Die Vernichtungsphantasie des deutschen Antisemiten ist der Freude an der von Juden praktizierten Gewalt des deutschen Philosemiten aufs engste verschwistert. Bezeichnend ist dabei das sich im Topos der „Existenz des Judenstaates“ deutlich niederschlagende projektive Moment. Was der antizionistische Antisemit wunschgedanklich imaginiert, komplementiert der zionismussolidarische Philosemit durch die „besorgte“ Heraufbeschwörung desselben wunschgedanklichen Inhalts. Gemessen daran, dass Israel schon seit Jahrzehnten nicht in seiner Existenz bedroht ist (und nicht sein kann: jeder Staat im Nahen Osten, der sich anmaßte, es in seiner physischen Existenz zu bedrohen, würde unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben), nimmt sich die permanente Imagination besagter Existenzbedrohung mehr als prekär aus: Was der brachiale antizionistische Antisemit gern „am Juden“ austoben würde, aber nicht austoben darf und daher zur Phantasie der Vernichtung des Judenstaates gerinnen lässt, lebt der israelsolidarische Philosemit an dem aus, was der zionistische Judenstaat gewaltdurchwirkt an anderen austobt bzw. von anderen an ihm ausgetobt wird. Deutsche Israelfreunde pflegen den Kampf Israels „um seine Existenz“ bis zum letzten israelisch-jüdischen Blutstropfen auszufechten.

Die hier skizzierte Komplementärdichtomie trägt freilich idealtypischen Charakter. Der proisraelische Philosemit kann sich gleichwohl durchaus auch als selektiv in seiner „Judenliebe“ erweisen, wie denn der gängige Antisemit gar nicht israelfeindlich zu sein braucht. Denn während letzter sich ohne weiteres alle Juden nach Israel wünschen mag, damit sie aus seiner Lebenswelt verschwinden, kann erster bitterböse werden, wenn er einem israelkritischen Juden oder einem zionismuskritischen Israeli begegnet; zuweilen wird er, der Deutsche, sich nicht entblöden, ihn, den Juden, als Antisemiten zu schmähen – denn nie wird der „wiedergutmachende“ philosemitische Israelfetischist, der seine objektive Zugehörigkeit zum Tätervolk kaum je verwinden kann, dem israelkritischen Juden, der aus Auschwitz nicht die Konsequenz eines militaristisch ideologisierten und gewaltdurchwirkten Israels gezogen hat, diese andere Art des Judeseins verzeihen.

Als im Jahre 1999 deutsche Kampfflugzeuge im Kosovo zum Einsatz kamen, schrieb Frank Schirrmacher von der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”: “Dieser Krieg wird in Deutschland, anders als in anderen Ländern, fast ausschließlich mit Auschwitz begründet. Und vielleicht stimmt es ja, und die deutschen Tornados im Himmel über Jugoslawien bombardieren in Wahrheit nicht die Serben, sondern die deutsche Wehrmacht von 1941” (FAZ, 17.4.99).

Was bombardieren in den Augen deutscher Israelanhänger israelische Kampfflugzeuge, wenn sie über palästinensische Ziele fliegen? Etwa auch die deutsche Wehrmacht? Gar Auschwitz? Das Perverse dieser Art der Projektion erweist sich nicht nur an der Widerlichkeit der späten Kompensation dessen, was historisch nicht stattgefunden hat, mithin an der instrumentellen Funktionaliserung der Nachfahren der Opfer für die neurotischen Bedürfnisse der Nachfahren der Täter, sondern auch daran, dass mit der legitimierten Täterwerdung „der Opfer“ sich mutatis mutandis eine Entlastung dessen vollzieht, was immer schon als die pathologische Grundlage der vorgeblichen deutschen Israel-Solidarität angesehen werden darf.

Die gängige Variante dazu ist der antizionistische Antisemitismus. Auch er speist sich ja aus der historischen Schuld und der psychischen Bemühung um ihren projektiven Abbau. Was allerdings beim Antisemiten in diesem Kontext in Aggression gegen den Juden umschlägt, wird beim Philosemiten auf den aggressiven Juden übertragen – einzig er vermag, den historisch schuldig gewordenen Deutschen kraft selbst aufgeladener Schuld zu entschulden.

 

Israelische Sicherheitspolitik als Heilung deutschbefindlicher Neuralgien

 

Nun spielt sich aber Israels Sicherheitspolitik in einem bestimmten Kontext ab – dem einer seit nunmehr 38 Jahren betriebenen Okkupation und brutaler Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland und Gazastreifen. Will man den geschichtlichen Kontext weiter stecken, so kann man auf 1948 zurückgehen, dem Jahr der israelischen Staatsgründung, zugleich aber auch dem der Nakba, der großen Katastrophe des palästinensischen Volkes; man mag letztlich auch aufs Ende des 19. Jahrhunderts zurückgreifen, der Entstehungszeit des politischen Zionismus als der nationalen Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, die aber zugleich eine massive Kolonisierungsbewegung in Gang setzte, die das Territorium Palästinas eben nicht, wie es die zionistische Ideologie von Anbeginn weismachen wollte, als „Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ besiedelte, sondern auf ganz bewusste Landnahme eines bereits bevölkerten Territoriums aus war.

Man beurteile den Nahostkonflikt, wie man möchte – an dem von Juden am palästinensischen Volk begangenen historischen Unrecht kommt man schlechterdings nicht vorbei. Und bringt man in Anschlag, dass die zionistische Staatsgründung (oder doch zumindest ihre forcierte Beschleunigung) sich in erheblichem Maß der von Deutschen am jüdischen Volk verbrochenen Vernichtungskatastrophe „verdankte“, so muss auch die Rezeption des Nahostkonflikts durch Deutsche von der schweren Last der deutsch-jüdischen Vergangenheit affiziert werden.

Mehrere Ausrichtungsmuster sind dabei möglich: Manche werden sich von dem Umstand, dass die Palästinenser zu historischen „Opfern der Opfer“ geworden sind, „entlastet“ fühlen und in eine sachlich disproportionale, womöglich durchaus auch antisemitisch durchwirkte Israel- bzw. Zionismuskritik verfallen; andere werden sich in ihrer Israelkritik mit der Begründung zurückhalten, keinem Deutschen stünde es an, einen Juden, mithin Israel als Judenstaat je zu kritisieren; wieder andere werden sich aber in eine umso euphorischere, ihrem Wesen nach fetischistische Solidarität mit „Israel“ hineinstürzen, nicht zuletzt, um somit die letzte Konsequenz aus der verbrecherischen Geschichte ihres Landes gezogen zu haben.

Die hier idealtypisch aufgelisteten Muster weisen allesamt einen projektiven Charakter auf, bei dem Deutschbefindliches, „Juden“ und „Israel“ nur indirekt Angehendes, ausgetragen wird. Heisst das nun, dass Deutsche in der gegenwärtigen Geschichtsphase im wesentlichen unfähig seien, einen sachgerechten Zugang zu Israel und zu Juden (was im übrigen mitnichten dasselbe ist) zu entwickeln? Sind sie dazu verurteilt, alles Jüdische von Grund auf neuralgisch zu rezipieren? Geht man bis auf die tiefenpsychsche Matrix der perennierenden Belastung durch die deutsch-jüdische Geschichte, muss man diese Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt in gewisser Hinsicht bejahen.

Beredten Ausdruck verlieh diesem Grundgefühl Karl-Heinz Hansen, Bundestagsmitglied zwischen 1969-1983, dem während der Walserdebatte von 1998-99 in einem Leserbrief an die „Süddeutsche Zeitung“ der Kragen platzte: “Wenigstens solange noch ein einziges Opfer des deutschen Verbrecherstaates unter uns lebt, sollten Leute wie Walser und Dohnanyi diese nicht beleidigen dürfen und uns nicht mehr mit ihren persönlichen Wehwehchen belästigen. Sie sollten schlicht und einfach die Klappe halten” (SZ, 18.12.98).

Der in diesen Worten mit Emphase beklagten Instrumentalisierung des Schuldimpulses auf deutscher Seite ist freilich eine nicht minder instrumentalisierte Heteronomisierung des Schuldzusammenhangs auf israelischer eng verschwistert. Nicht von ungefähr sind es unter allen Kollektiven gerade Deutsche und Israelis, die unermüdlich auf „Normalität“ und „Normalisierung“ des eigenen Kollektivs pochen. Nichts vermag das Anormale ihrer pathologischen Grundbeziehung besser zu manifestieren, als gerade diese (ideologische) Normalitätssehnsucht.

Nun lässt es sich aber so nicht gut leben. Das gängige Verhältnis des jüdischen Israeli zu Deutschland mag dabei im hier debattierten Zusammenhang unerörtet bleiben.

Was bedeutet demgegenüber obiges Verdikt für Deutsche? Sie können ja nicht außerhalb jeglicher Beziehung zu Israel (und Juden) stehen. Die objektive Wirklichkeit des stets entflammbaren Nahen Ostens und der in seinem Kontext besonders gravierenden Besatzungsrealität in Palästina fordert ihnen unweigerlich eine, wie immer schwach bewusste und nur partiell bestimmte, Positionierung ab. Von selbst versteht sich dabei, dass alles, was den Geruch von Antisemitismus aufkommen lässt, geschweige denn manifester Antisemitismus, kritisch angegangen und rigoros bekämpft werden muss.

Nicht minder kritisch freilich ist die Fetischisierung der Antisemitismusbekämpfung anzuvisieren, die sich in ihrer pseudoemanzipativen Paranoidgeste immer mehr als kontraproduktiv fürs vorgegebene eigene Anliegen erweist. Die Erzählung vom kleinen Kind, welches das eine ums andere Mal „Wolf! Wolf!“ schrie, ohne dass von diesem direkte Gefahr drohte, dem aber dann auch niemand mehr glaubte, als es das erste Mal vor einem wirklichen Wolf zu warnen trachtete, mag da in den Sinn kommen. Was es zu bekämpfen gilt, muss eine Realität haben; die Protagonisten des Antisemitismus-Diskurses müssen sich aber vor allem darum bemühen, diesen Diskurs auf die ihn zunehmend durchwirkenden Elemente befindlichkeitsgeprägter Projektion und damit aufs engste verschwisterter Abstraktion des „Juden“ reflexiv zu durchforsten.

 

Solidarität mit welchem Israel?

 

Und es ist nun in diesem selbstreflektierten Zusammenhang, dass sich die Frage der adäquaten Israelkritik bzw. der unhinterfragten Israelsolidarität in ihrer umfassenden Komplexität und tendenziellen Ideologielastigkeit stellt. Denn gerade, weil Israel aus einem ganz bestimmten geschichtlichen Kontext entstanden ist, der die Realität eines ideologisch Zusammengeschweißten zwangsläufig zeitigen, mithin die fundamentalen Widersprüche und zentralen Konfliktachsen dieser historisch determinierten Gewachsenheit durch eine fortwährend perpetuierte Einheitsideologie überbrücken musste, stellt sich nicht nur für den Außenstehenden, aber gewiss auch für ihn, die Frage, mit welchem Israel er sich solidarisiere, wenn er einer am wirklichen Leben vorbeiziehenden Abstraktion nicht auf den Leim gehen möchte.

Meint er das säkulare (liberale bzw. sozialistische) Israel oder das religiöse (orthodoxe bzw. nationalreligiöse)? Das Israel einer aschkenasischen Hegemonie oder das eines in den letzten fünfzehn Jahren von orientalischen Juden in ganz andere Bahnen des Selbstverständnisses getriebene? Das „jüdische“ Israel einer seit über fünfzig Jahren systematisch betriebenen Diskriminierung und perpetuierten Unterpreviligierung eines Fünftels seiner Bevölkerung, der in Israel noch vor der Staatsgründung lebenden arabisch-palästinensischen Minderheit? Das Israel einer von Privatisierung und beschleunigt forciertem Sozialabbau gebeutelten Gesellschaft, die sich inzwischen durch eine sich immer bedrohlicher vertiefende sozial-ökonomische Kluft kennzeichnet? Das Israel der ultrarechten Siedlerbewegung, in der eine expansive Großisrael-Ideologie, ein religiös-fundamentalistischer Messianismus und eine politisch wie militärisch durchwachsene Gewaltbereitschaft zur nahezu autonomen Wirklichkeit eines Staates im Staat geronnen ist? Das Israel der in den letzten Phasen ihres Untergangs begriffenen Kibbutz-Bewegung? Der gerade von der Arbeitspartei zerschmetterten Gewerkschaften? Der durch die deteriorierte ökonomische Lage ins Wanken geratenen Gesundheits- und Erziehungswesen? Das durch die in den 1990er Jahren vom Staat organisierte Masseneinwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion demographisch und kulturell solchermaßen transformierte Israel, dass es mit dem idealisierten „alten Israel“ so gut wie keine Gemeinsamkeit mehr aufweist? Vom Umgang mit den über 300.000 Gastarbeitern aus verschiedenen Ländern der zweiten und dritten Welt, die ein oft entrechtetes Sklavendasein im ehemals sich sozialistisch gerierenden Israel fristen, soll hier geschwiegen werden.

Immer länger ließe sich die Ausstaffierung der Liste eklatanter Widersprüche und innerer Ungereimtheiten der israelischen Gesellschaft fortsetzen, die aber letztlich allesamt auf eines hinauslaufen: Wer sich abstrakt mit „Israel“ solidarisiert, segnet mutatis mutandis alle diese Widersprüche ab, trägt mithin dazu bei, dass die von diesen strukturellen Antinomien und latenten Konfliktherden innerisraelisch ausgehende Bedrohung der israelischen Gesellschaft erst gar nicht angegangen werden kann – und zwar nicht nur, weil er mit einem pauschalisierenden „Israel“-Begriff alles Heterogene über einen (simplifizierenden) Kamm schert, sondern auch, weil damit der für die schmerzhafte, zugleich aber auch notwendige Auseinandersetzung mit der Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft unabdingbare Frieden mit den Nachbarn, vor allem mit den Palästinensern quasi ins Abseits gestellt, gleichsam entsorgt wird.

Wer das Wohl Israels will, kann sich schlechterdings nicht mit einem zur puren Projektionsfläche eigener Befindlichkeiten geronnenen „Israel“ solidarisieren. Wer aber nach alledem noch immer darauf beharrt, Israelsolidarität wegen Israel drohender Gefahren bekunden, mithin durch nämliche Solidarität „Juden“ vor Antisemitismus schützen zu sollen, muss sich schon fragen lassen, ob er Israel bzw. Juden meine, oder ob ihm „Israel“ und „Juden“ nicht letztlich doch zu dem verkommen sind, was das antisemitische Ressentiment und  den israelfeindlichen Impuls mit nicht minderer ideologischer Verve zu bedienen vermöchte.

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18 Kommentare

  1. erinnerungen an die zukunft:
    du papi, warum gibt es keine juden mehr in israel ?
    – sie waren so vom von hass auf semiten besessen, daß sie, als sie alle araber abgeschlachtet hatten, sich dann gegenseitig umbrachten.

  2. Ich habe den Artikel nach der ersten Tabletseite nur noch stichpunktartig lesen können. Möglicherweise fehlt mir etwas Intellekt. Ich vermute aber eher, dass das Lesen meine geradlinigen Gedankengänge und auch mein bislang geradlinig humanistisch geprägtes Leben durcheinanderbringen könnte. Ich gehe von meiner zugegebenermaßen primitiven Einstellung nicht weg, dass es kein von Gott auserwähltes Volk gibt, dass sich über anderen befindet. Und damit gibt es auch kein Recht, andere Völker als solche unterzuordnen oder auszulöschen. Was Israel in Gaza veranstaltet ist für Humanisten nicht nachvollziehbar, und wenn 90% der Einwohner Israels hinter dem Treiben von Netanjahu und den USA stehen, dann sind diese Leute für mich keine Menschen. Natürlich verurteile ich auch den Hamas-Überfall. Und wenn man nicht langsam mal anfängt, die Ursachen des Hasses auf beiden Seiten zu bekämpfen, so wird es auch steigenden „Antisemitismus“ und steigende Ablehnung des Islam geben. Auch nicht auszuschließen ist, dass das Christentum in Verruf gerät, das es ja „Christen“ sind, die das Morden unterstützen. Als Ausweg sehe ich nur umfassende neutrale Bildung und Abbau von Benachteiligungen. Wenn es im nahen Osten Gleichberechtigung in allen Lebenslagen zwischen allen Ethnien dort gäbe, bräuchte es auch keiner 2-Staatenlösung. Ein völlig unabhängiger Staat zwischen Jordan und Mittelmeer, ohne Einfluss der USA oder des Iran, könnte Heimat für alle sein. Aber das wird nicht gewünscht, die USA benötigen Israel als Speerspitze im großen Land, und solange das so bleibt, wird es auch keine Ruhe geben. Europa agiert in dieser Angelegenheit wie ein 3-jähriges Kind und wird, wieder einmal, die Konsequenzen tragen müssen.

  3. Danke. Ja berechtigte Israelkritik wird hierzulande von den Antisemitismus Jägern in Antisemitismus umgemünzt. Dabei stützt man sich auf staatliche Strukturen. Den Palästinensern schickt man ein paar Care Pakete und den Israelis Waffen. Das ist Heuchelei und verhindert fatalerweise das es dort besser wird. Damit macht man sich mitschuldig an den Menschenrechtsverbrechen.

    1. “ Damit macht man sich mitschuldig an den Menschenrechtsverbrechen.“

      Es ist der glatte Zynismus, seit Monaten die Mordwerkzeuge nach Israel zu liefern und sich gleichzeitig feiern zu lassen, weil man doch permanent mehr Rücksichtnahme auf die und eine bessere Versorgung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen anmahnt – vergeblich versteht sich, aber wen schert das schon. Und dem Ganzen setzt man noch die Krone auf, indem man es fertigbringt, die Hungernden mit den „Hilfspaketen“ zu erschlagen.
      Gleichzeitig wird permanent in den Medien wiederholt (gestern bot sich der Frauentag für diese Art Propaganda wieder besonders an) , welche schrecklichen Sexualstraftaten die Palästinenser an den armen Israelis am 7.10. begangen hätten – wofür es wohl nicht eine einzige betroffene Person als Beweis gibt. Aber als Ablenkung von den eigenen Verbrechen taugt die Story allemal

      https://thegrayzone.com/2024/03/06/leaked-israel-lobby-officials-war-gaza-mass-rape/
      https://thegrayzone.com/2024/03/07/media-concocts-un-hamas-rape-report/
      https://thecradle.co/articles-id/23746

      Dieses ganze Elend könnte sofort beendet werden, wenn die USA das wollten – tun sie aber nicht.
      Zum K….. diese Heuchelei

  4. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass jüdisches Gemeindeleben in der bundesrepublikanischen Nachkriegsära ohnehin nur spärlich aufkeimte (_die Zahl der Juden in der DDR war ganz nichtig_) …

    Ja, die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in der DDR war sicherlich sehr gering (ca. 10% der westdeutschen?), aber der Anteil der christlichen Gemeindemitglieder unter der Bevölkerung war ja ebenfalls deutlich niedriger als im Westen.
    Säkulare Juden, oder sagen wir besser Menschen jüdischer Abstammung, spielten dagegen im „politischen und kulturellen Leben“ der DDR mutmaßlich eine ungleich größere Rolle als im Nachkriegs-Westdeutschland und davon gab’s ungleich mehr als jüdische Gemeindemitglieder.
    Es hat einfach keiner mitbekommen, dass beispielsweise das Politbüromitglied Albert Norden Sohn eines Rabbiners war (der im KZ Theresienstadt starb) oder die Eltern des Politbüromitglieds Hermann Axen im Ghetto Lemberg umgebracht worden waren. (Heutzutage kann man’s einfach bei Wikipedia nachlesen.)

    Warum die jüdische Abstammung vieler bekannter Persönlichkeiten – nicht nur die von „Politikern“, sondern auch von Schriftstellern, Regisseuren, Malern, Universitätsrektoren, Rundfunkintendanten etc. – in der DDR so gut wie nicht thematisiert wurde ist natürlich eine interessante Frage, auf die es sicher mehr als eine Antwort gibt. Die im Artikel thematisierte Furcht vor dem latenten deutschen Antisemitismus – zumal in der unmittelbaren Nachkriegszeit – mag dabei auch eine Rolle gespielt haben.
    Wolfgang Herzberg hat zu diesem Thema vor kurzem ein Buch vorgelegt: „Jüdisch & Links. Erinnerungen 1921-2021. Zum Kulturerbe der DDR“.

    P.S.
    Wolfgang Herzberg zitiert in seinem Buch u.a. den westdeutschen Historiker Harry Waibel, der schrieb: „Es gab so gut wie keine jüdische Bevölkerung mehr in der DDR und kein Mensch mit jüdischem Hintergrund konnte Professor oder Minister werden“.
    https://www.youtube.com/watch?v=NJgMxT9xD3g

    Solche Aussagen sind gemessen an der Realität natürlich einfach grotesk.
    -> siehe auch Dirk Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung

  5. Über Gaza werden nicht nur Bomben von den Israelis abgeworfen. Sie werfen auch Flugblätter ab, über Menschen die gerade dem Hungertod ins Auge blicken. Die Flugblätter wünschen eine frohen Ramadan und das man daran denken soll die Bedürftigen zu speisen. Dieses Pack hat sich seinen inoffiziellen Titel „Abschaum der Menschheit“ über die Jahrhunderte redlich verdient.

  6. Ich glaube nicht, dass gerade jetzt der Moment ist, um sich endlos über das gewiss perverse Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen, insbesondere der Instrumentalisierung des Phänomens Antisemitismus auszulassen. Soweit ich gelesen habe, in etwa zwei Drittel weit, teile ich zwar Zuckermanns Analyse weitgehend, finde sie aber im aktuellen politischen Moment ermüdend und vorallem evasiv.

    „Der Leiter der Seder-Jeschiwa in Jaffa, deren Studenten nach ihrem Studium in den IDF dienen, sagte auf einer Konferenz der Seder-Jeschiwa, die gestern [7.3.24] stattfand, dass nach dem halachischen Prinzip alle Bewohner des Gazastreifens getötet werden sollten. Auf die Frage nach älteren Menschen und Säuglingen antwortete er: ‚Das Gleiche‘.“

    Das sagt dieser Rabbi in einem Moment, da die israelische Armee in der Tat eine alttestamentarische Racheaktion durchführt. In solch einem Moment will ich nichts über Antisemitismus hören. Gegenwärtig sind die Israelis brutale Täter und bis zu 70 Prozent der jüdischen israelischen Bevölkerung – abhängig von der politischen Selbstverortung ein bisschen weniger – bekunden in einer Umfrage – das stand in der NZZ, wurde aber nicht präzisiert – ihre Ablehnung von Hilfslieferungen für die Bewohner Gazas.

    Das spricht schon für ein extremes Verfeindungsdenken und den Verlust jeglichen zivilisatorischen Über-Ichs. Und so wie die Israel-Apologeten nie versäumen auf den 7. Oktober hinzuweisen, der für mich übrigens alle typischen Züge eines Aufstands trägt, verzichte ich nicht auf den Hinweis, dass die jüdische Bevölkerung in Palästina nicht autochthon ist und also die Palästinenser die bessere Legitimation haben, ihre Heimat zu verteidigen.

    1. Es geht mir ähnlich, Israel (vor allem als Staat) hat inzwischen meine Rest-Sympathie verloren.
      Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die meisten (jüdischen)Israelis und vor allem die europäischen Juden (abseits der Jüdischen Stimme etc., die US-Juden vertreten wohl in der Mehrheit eine sehr kritische Haltung zu Israel) eine ähnliche Haltung zur Schau stellen, wie man sie in der deutschen Bevölkerung unmittelbar nach dem Krieg sah: Ganz viel Klagen bis hin zur Larmoyanz über eigene Leiderfahrungen und angebliche antisemitische Anfeindungen, die in der Regel nicht anderes sind als Anklagen bzgl. israelischer Politik ( so gilt schon das Aussprechen, dass in Gaza ein Völkermord stattfindet und dass es ein Apartheidregime im WJL gibt, als antisemitisch) und konsequentes Ausblenden, Leugnen und Beschönigen eigener Taten (oder Taten im eigenen Namen) und der eigenen Verursachung dieses erfahrenen Leides.
      Tja, wie schon Erich Fried schrieb: Wir wollten sein wie adere Völker, nun sind wir es.
      Höre, Israel

      Als wir verfolgt wurden,
      war ich einer von euch.
      Wie kann ich das bleiben,
      wenn ihr Verfolger werdet?

      Eure Sehnsucht war,
      wie die anderen Völker zu werden,
      die euch mordeten.
      Nun seid ihr geworden wie sie.

      Ihr habt überlebt,
      die zu euch grausam waren.
      Lebt ihre Grausamkeit
      in euch jetzt weiter?

      Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
      „Zieht eure Schuhe aus“.
      Wie den Sündenbock
      habt ihr sie in die Wüste getrieben

      in die große Moschee des Todes,
      deren Sandalen Sand sind
      doch sie nahmen die Sünde nicht an,
      die ihr ihnen auflegen wolltet.

      Der Eindruck der nackten Füße
      im Wüstensand
      überdauert die Spuren
      eurer Bomben und Panzer.

      Und was langsam immer mehr Leuten klar wird, ist die Tatsache, dass Israel, die israelische Regierung, genau das tut, was sie der Hamas vorwirft (wobei Hamas letztlich als Widerstandsbewegung nichts anderes kann, vor allem in diesem engen Gebiet), nämlich die Judenheit der Welt als angeblich deren Vertreterin in Geiselhaft zu nehmen, sozusagen als Schutzschilde und sie damit tatsächlich möglichen Gefahren auszusetzen. z.b. von Menschen, die eben nicht die feine Unterscheidung zwischen Israel und Juden machen, was ja Israel und seine Kumpels hierzulande letztlich auch nicht tun. (wobei die Kumpels dann gerne auch wieder empört sind, wenn Israel als ihre eigentliche Heimat in Betracht gezogen wird).

    2. Ich halte gerade jetzt genau für den richtigen Moment, weil Israel jedwede moralische Überlegenheit verloren hat.

      Die Annahme, die jüdische Diaspora oder Bürger Israels würden die Regierung und IDF unterstützen, ist per se falsch. Bedauericherweise wird von den sichtbaren Repräsentanten eine (transatlantische) Deutung bemüht, die der Realität nicht mehr gerecht wird.

  7. Der NS wurde über die extra dafür geschaffene „Bank of International relations“ vom US Hochafel bzw. der Hochfinanz aufgebaut. Ich vermute dass das Ganze eine grausam inszenierte Operette war um den Kommunismus zu besiegen und Israel zu legitimieren. Nicht umsonst liegen die Dokumente darüber bis heute in der USA unter Verschluss. Die einfachen Menschen wurden einfach manipuliert und benutzt.

  8. Dieser Artikel sollte im Bundestag und Bundesrat Pflichtlektüre sein…
    gab es wegen der Uiguren nicht Sanktionen gegen China?
    und wegen „verschlepten“ Kindern in der Ukraine Haftbefehl gegen Putin?
    wo ist die Aussenministerin?

    1. Du übersiehst die Staatsräson, in der die Sicherheit Israels massgeblich ist und politisch verhandelt werden muss (Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags, Dokument WD-2-080-23, WD-2-083-23).

      Die militärische Intervention in Gaza und im Westjordanland sind der Sicherheit Israels definitiv abträglich, das Recht auf Verteidigung impliziert bedauerlicherweise nicht zwansläufig einer Verhältnismässigkeit, deshalb klagt Südafrika auf potentiellen Genozid an den Palästinensern, weil es ein gangbarer Rechtsweg ist.

      Die humanitäre Siutation war vor und ist seit Staatsgründung nicht nachhaltig.

  9. Nethanjahu ist wie Macron ein Rothschildmann, der viel mehr in der USA zu reden hat als Biden. Ich glaube das alle Menschen von Grund auf gut und gleich sind. Das Problem an der Zerstörung von Wohlstand und demokratischen Strukturen, Kriegen, Krisen und Genociden war und ist immer die Hochfinanz bzw. der alte Hochadel.

  10. Mir persönlich ist der Aufsatz zu konvolut, es fehlt u.a. eine Betrachtung und Wirken der (transatlantischen) Interessenverbände. Das Dilemma der Deutschen ist schwer zu beschreiben, dass wir eine palästinensische Terror- oder »Widerstandsorganisation« seit kurzer Zeit verboten haben und Palästina nicht anerkennen ist eine Sache. Eine andere, dass über die Staatsräson die Auseinadersetzung mit der Shoa oft als Bringschuld erwartet und von Politikern erbracht wird, bietet viel Raum zur Polarisierung der Restgesellschaft.

    Die jüdische Diaspora fühlt sich von den Intellektuellen allein gelassen, und neben der faschistischen und islamistischen Bedrohung existiert noch immer eine Menge bürgerlich-christlicher Antijudaismus. Die Causa Precht hat es sehr deutlich gemacht, ähnlich wie die Causa Walser im vergangenem Jahrhundert. Dazu kommt von meiner Seite eine zynische Schadenfreude, sobald ausserhalb des säkularen Safespaces, auf Kulturveranstaltungen sich Akademiker und Kulturschaffende gegenseitig canceln.

    Für die jüdische Diaspora in Deutschland existiert ein rechtlich kodifiziertes Privileg zur schützenswerten Paralellgesellschaft, dass die Gesellschaft anderen marignalisierten Gruppen z.B. Palästinensern nicht zugesteht. Integration bedingt in Deutschland auch partielle kulturelle Assimilation in Richttung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und für alle Beteiligen gilt der Rechtsfrieden in Form von Koexistenz als eines der höchsten Güter einer pluralistischen Gesellschaft: Miteinader, nicht über einander reden.

    1. „Für die jüdische Diaspora in Deutschland existiert ein rechtlich kodifiziertes Privileg zur schützenswerten Paralellgesellschaft,…“
      In wie weit das 2024 noch seine Berechtigung hat ist zwar fraglich, ist aber kein Problem an das mans eine Zeit verschwenden sollte.
      Es geht nicht um DE sondern um den faschistischen, rassistischen Massenmörder-Staat Israel. Und man wird als Deutscher verhaftet wenn man sowas ausspricht, weil man Israelkritik mit Antisemitismus gleichsetzt!

      12000 tote KInder im Gazastreifen in zwei Monaten. Ab wievieviel Tausenden sind es denn zu viele, Frau Baerbock?

      Dass der Staat Israel verkommen ist, ist deren Problem.
      Dass DE dermassen verkommt, das sollte euer Problem sein!

  11. Dieser verwuselte Unsinn lässt mir nur die Wahl anzuführen, dass die israelische Armee im Auftrag ihrer Staatsführung seit geraumer Zeit systematisch schwerste Menschenrechtsverbrechen an der palistinensischen Zivilbevölkerung begeht, während unter militärischem Schutz rechtsradikale Siedler systematisch ihre Präsenz im Westjordanland erweitern. Sicher war ebenfalls verbrecherisch, wie Hamas Israel überfallen hat, aber auch dies hat eine äußerst gewalttätige, expansive und repressive Vorgeschichte, während Gewalt und Gier immer nur zu noch mehr Gewalt führen, während ein Großteil der Menschheit lieber in Frieden leben würde, ohne Benachteiligten dafür ihrer Existenz zu berauben. Wir sind schließlich eher Pazifisten als Raubtiere.

  12. ES GIBT NUR 1 (EIN) ISRAEL !!! Und: Mir muss keiner vergeben, denn ich hab nichts getan. Mit der Gewissheit im Rücken sage ich laut und deutlich: Schluss mit der unverbrüchlichen Solidarität mit diesen Kriegsverbrechern!

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