
Es liest sich wie das vielleicht einzige Buch, das Trump je gelesen hat. Die europäischen Demokratien sind im Niedergang, der Faschismus marschiert allenthalben voran und ein US-amerikanischer Politiker schickt sich an, Diktator der USA zu werden.
Klingt bekannt? Als ungebrochene Beschreibung der Gegenwart wäre das unoriginell und mithin langweilig. Aber die Lageeinschätzung ist 88 (ja, sorry, wirklich) Jahre alt. Sie stammt von dem italienischen Politiker und Schriftsteller Ignazio Silone in seinem Buch „La scuola dei dittatori“ (Die Schule der Diktatoren), das 1938 erschienen ist. Es ist ein langer Essay über den Siegeszug des Faschismus in Italien und Deutschland, mäßig überzeugend gekleidet in ein Gespräch zwischen dem amerikanischen Politiker Mr. W (Mr. Doppio Vu), dessen philosophischem Berater Prof. Pickup und Thomas dem Zyniker, der bereitwillig und schrittweise erläutert, wie es Mr. W anstellen müsse, Diktator der USA zu werden.
Weite Teile des Buches bestehen aus Betrachtungen, wie vergangene und gegenwärtige Diktatoren an die Macht gekommen sind. Wer quasi aus erster Hand über die Machtergreifung Mussolinis und Hitlers informiert werden möchte, ist hier gut bedient, muss aber die „Satire“, als welche die Wikipedia das Buch klassifiziert, vermissen. Faszinierend wird das Buch immer dort, wo Thomas allgemeingültige Betrachtungen anstellt und der Leser sich halb verwundert, halb erschrocken ans Kinn fasst: Das kenn ich doch!
Die Persönlichkeit des Diktators
Das beginnt schon mit der Person von Mr. W. Er hat in vielem dilettiert, auch in der Unterhaltung (in seinem Fall: Saxophonspiel und Komposition leichter Unterhaltungsmusik), den Militärdienst vermieden, und eigentlich keine besonderen Gaben. Alles kein Problem, bescheidet Thomas. Von Dionysios und Nero bis zu Mussolini (der pornographische Romane schrieb) und Hitler ist gescheitertes Künstlertum nachgerade eine Voraussetzung für den angehenden Diktator. Und was den Mut im Krieg angehe: Den müssten die Untergebenen haben. Mussolini sei nur 18 Tage im Krieg gewesen, und Hitler habe nie gekämpft (was so nicht stimmt. Er stand nur nie an vorderster Front).
Auch, dass es nicht intellektuelle Überlegenheit ist, die den Diktator auszeichnet, sieht Thomas klar:
„Ihr werdet erstaunt sein über die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Intelligenz und dem Willen des Nachfolgers Lenins, zwischen seinem Wissen und seinem „savoir faire“. (S. 20[i])
Nein, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Machtergreifung sei eine andere:
„Falls es politische Menschen gibt, welche die Macht begehren, um, wie man so sagt, ihre Ideen zu verwirklichen, oder um reich zu werden, oder um Frauen und Rassepferde zu besitzen, oder aus anderen ähnlichen Gründen, dann sind diese nichts als elende Eindringlinge. Der wahre politische Mensch begehrt die Macht um der Macht willen; sein ganzer Wille richtet sich auf die Ausübung der Befehlsgewalt.“ (S. 54)
Politik nach Gefühl
Folglich rät Thomas vehement davon ab, ein Parteiprogramm zu beschließen. Als Mr. W stolz erklärt, unter teuer bezahlter Mitwirkung von Wissenschaftlern ein solches aufgesetzt zu haben, das er nun drucken lassen wolle, bescheidet Thomas knapp: „Registriert die Ausgaben für die Kommission unter wohltätige Spenden und vergesst das Programm. Das ist der einzige Weg, die Verluste zu minimieren. Diskutieren? Überzeugen? Das wäre Wahnsinn. Ein angehender Diktator darf niemals an den kritischen Geist der Zuhörer appellieren. Er wäre das erste Opfer.“ (S. 85)
Nötig sei vielmehr maximale programmatische Flexibilität:
„Sogar, wenn der Anführer heute das Gegenteil von dem sagt und tut, was er gestern gesagt und getan hat, und bethlehemitische Kindermorde befiehlt – was tut’s?“ (S. 59)
„Ich leugne nicht, dass es einem gesunden öffentlichen Leben angemessen wäre, wenn der Streit zwischen den Parteien sich anhand der Gegenüberstellung von politischen und ökonomischen Programmen entfalten würde. Aber der Faschismus entsteht in einem ganz anderen Klima. Ja, er schleudert sofortige Forderungen und Slogans heraus mit dem Ziel, sich die Unterstützung derjenigen sozialen Kräfte zu erschleichen, derer er bedarf, aber ansonsten enthält er sich der Ausformulierung eines Wiederaufbauprogramms.“ (S. 70)
Denn es geht der Machtpolitik nicht um Inhalte, sondern darum, den Anführer zum Identifikationsfokus seiner Anhänger zu machen. Deren allgemeine Unzufriedenheit gilt es zu bündeln und zu lenken. Bei Mr. W’s Reunions, so Prof. Pickup, „habe ich Unzufriedene aller Klassen getroffen, gescheiterte Geschäftsleute, arbeitslose Arbeiter, mehr oder weniger hysterische Frauchen, von Steuern und Hypotheken ruinierte Bauern.“ (S. 65) Diese sind die Macht, welche der angehende Diktator mobilisiert. Prof. Pickup stellt fest: „Die antiken Tyrannen, auch wenn sie selbst nicht plebejischer Herkunft waren, stützten sich stets auf den Plebs und mussten gegen die Aristokratie kämpfen.“ Thomas pflichtet bei: „Aus einem einfachen Grund. Die Gegensätze zwischen der tyrannischen Herrschaft und den oberen Klassen sind immer aus der Tatsache entstanden, dass diese die einzige Kraft waren, die, in der gegebenen Situation, imstande waren, die Herrschaft zu kontrollieren und ihre Willkür zu begrenzen.“ (S. 66)
Man liest es und denkt: deep state.
Dass eine solche Politik aus Slogans, Gefühlen und Mythen außerstande ist, die sozialen Probleme tatsächlich zu lösen, von denen sie sich an die Macht hat tragen lassen, sieht selbstverständlich auch Thomas bzw. Silone. Das macht aber zunächst nichts, wenn es niemand besser kann.
Die Selbstverdauung der Demokratie
Damit stellt Silone interessanterweise eine Frage, die heutzutage lieber ignoriert wird: Wieso kann bisweilen ein wankelmütiger Blender ohne konkretes Programm die Massen hinter sich bringen? Müssen dafür nicht im politischen System allerhand Bedingungen erfüllt sein? Faschismus ist ja keine ansteckende Krankheit, sondern ein soziales Phänomen, das Ursachen hat.
Die Tyrannei wird in der Demokratie vorbereitet. „Abschließend möchte ich nur beobachten“, sagt Prof. Pickup, „dass das Wort ‚Tyrann‘ für die alten Griechen nicht die abschätzige Bedeutung hatte, die es später bekam. Der Tyrann war häufig ein Demokrat.“ – „Das kann auch in unseren Zeiten vorkommen“, stimmt Thomas zu (S. 23).
Schon lange vor der Machtergreifung des Diktators zerstört sich die Demokratie selbst: Indem sie soziale Aufgaben erfüllen will, gebiert sie eine Bürokratie, die selbsterhaltend und letztlich selbst zur Diktatur wird. Und damit zur Grundlage einer offenen Diktatur.
„In den modernen Zeiten ist der Tod einer Demokratie meistens ein verhüllter Selbstmord. Ein liberales Regime müsste seinen Lebenssaft aus der Selbstverwaltung der lokalen Institutionen erhalten. Wo hingegen die Demokratie, geschoben von ihren schädlichen Tendenzen, solche Autonomie erstickt, verschlingt sie nur sich selbst. Wenn in der Fabrik die Willkür des Inhabers herrscht, in der Gewerkschaft die Bürokratie, in der Gemeinde und in der Provinz der Repräsentant der Zentralmacht, in den Ortsgruppen der politischen Bewegungen der Vertraute des Parteichefs, dann kann man dort nicht von Demokratie sprechen.“ (S. 94)
Wird sie mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, dann scheitert solche eine hierarchische Bürokratie unweigerlich:
„Eine herrschende Klasse im Niedergang lebt von halben Maßnahmen, von Tag zu Tag, und verschiebt immer auf morgen die Untersuchung der brennenden Fragen. Dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen, benennt sie Kommissionen und Subkommissionen, die ihre Arbeit abschließen, wenn die Situation sich schon geändert hat.“ (S. 36)
Mit dem Schwinden des demokratischen Lebens geht einher, dass das politische Personal an Qualität verliert. Der Kampf für die bürgerlichen Freiheiten habe einst die vornehmsten Geister entflammt; heute aber hätten die Demokraten keine Ideale mehr zu verwirklichen: „Sie leben von den Renditen der Eroberungen ihrer Großväter.“ (S. 35) So seien einstmals revolutionäre Pioniere wie Cromwell, Robespierre, Jefferson, Mazzini, Lenin aufgetreten, jedoch: „Eine Demokratie im Abstieg, die sich durch Kompromisse und Notlösungen aufrechterhält, kann in der Regierung niemand anderen haben als Facta, Brüning, Laval, Chamberlain, und je mehr Zeit vergeht, so ist zu fürchten, desto tiefer sinkt man.“
Einerseits sind dies die Stellen, an denen sich der Leser von 2026 am unmittelbarsten angesprochen fühlt. Anstelle von Brüning liest er Merz, Starmer statt Chamberlain, Meloni statt Facta, Macron statt Laval. Vor hundert Jahren gab es noch keine Meinungsumfragen; heute wissen wir, dass keiner dieser politischen Zwerge mehr als ein Viertel der Wählerschaft noch hinter sich hat.
Andererseits vermisst man bei Silone, der immerhin mit allen Wassern der marxistischen Orthodoxie getauft (und natürlich auch gewaschen) war, eine Analyse (oder auch nur Erwähnung) der wirtschaftlichen Ursachen für diesen Niedergang. Er bezieht sich zur Erklärung allein auf Ortega y Gasset und dessen „Massenmensch“.
Aus heutiger Sicht sieht man die Parallelen zwischen dem „eisernen Kanzler“ Brüning und der neoliberalen Austeritätspolitik und wundert sich, dass der Sozialist Silone den Kapitalismus so nachsichtig behandelt. Hier greift das Diktum eines anderen Philosophen: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen.“
Der Faschismus kommt (wieder)
Mit dieser Zustandsbeschreibung einer siechen Demokratie wird Silones Essay auch für Europa wieder relevant. Und doch ist die Lage heute hier ein wenig anders. So eindrücklich Parallelen zwischen den 1930ern und 2020er Jahren sich auch darstellen lassen, gibt es doch erhebliche Unterschiede: Ein charismatischer Diktator ist nirgends in Sicht. Die rechtskonservativen Parteien von heute haben durchaus Programme. Und so kontraproduktiv und unwählbar diese Programme auch sein mögen: Das macht sie zu legitimen demokratischen Parteien. Bislang haben sie auch keinen Zugriff auf paramilitärische Einheiten. Und auf der anderen Seite eilen die etablierten, sogenannten „demokratischen“ Parteien mit großen Schritten voran, wo es um totalitäres Denken, Reden und Handeln geht.
Für Europa, so scheint mir, trifft daher eher das eine Silone-Zitat zu, das jeder kennt, und das nicht in diesem Buch steht: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“ Und in den USA sieht es so aus, als wäre Trump mittlerweile schlicht zu alt dazu, zum Caesar zu werden. Seine Gelegenheit, den Rubikon zu überschreiten, hatte er am 6. Januar 2021. Die Geschichte verteilt keine zweiten Chancen. Im Ergebnis könnte Silone noch näher an die Zukunft getroffen haben: Nicht Mr. Doppio Vu (Doppel-V) wird die überreife amerikanische Oligarchie pflücken, sondern einfach Vu.
[i] Alle Zitate und Seitenangaben nach der Ausgabe bei Mondadori, 2018; eigene Übersetzung.
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Zitat: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“
Dieser Spruch hat so einen Bart, dass es mir als Journalist peinlich wäre, ihn nochmal zu zitieren.
Und wir hatten es doch schon. Die Wiederkehr zum Faschismus. 2020.
Und alle Neu-Linken haben mitgemacht. Und werden alle für den Rest ihres Lebens damit beschäftigt sein, es abzustreiten. Weil ja Millionen gerettet wurden. Niemals werden diese Neu-Linken erkennen können wie sehr sie sich ihren Vorfahren ähneln.
Ich weiß nicht, wo das immer her kommt!
Bei dem britischen Historiker Overy habe ich auch gelesen, das Hitler „nur“ Melder war…..
Natürlich war Addolff an vorderster Front, ist auch verwundet worden; als Melder hatte er den
schwierigsten Job, weil er im feindlichen Feuer die Deckung verlassen und Nachrichten von a nach
b bringen musste.
Er bekam als Mannschaftsdienstgrad beide eisernen Kreuze, eine extrem seltene Sache, dazu da Verwundetenabzeichen.
Es gibt nur Photos von ihm ohne die Orden, wenn er zufällig mal nen Anzug trug, sonst waren diese Orden immer zu sehen, unten das Verwundetenabzeichen, darüber das EK und darüber das goldene Parteiabzeichen, was auch einen gewissen Symbolgehalt hat. Seine Vorgesetzten hielten große Stücke auf ihn, an seiner Tapferkeit und seinem Einsatz gab es keinen Zweifel, kann man alles nachlesen; allerdings hielt man ihn nicht für fähig, Menschen zu führen, darum ist er nie Unteroffizier geworden; kann man auch nachlesen.
Eben dieses Frontsoldatentum trug er wie eine Monstranz vor sich her, der war da stolz drauf!
Er benutzte das auch gerne, um Generale, vor allem Generalstäbler runter zu machen, im Gegensatz zu
ihm wüssten die Generale nicht, wie der Krieg sei, er wisse genau als Frontkämpfer was die Soldaten auszustehen
hätten etc. pp.!
Über Hitler gibt es eine Menge zu sagen, brauche ich hier nicht, wenig Positives.
Aber gerade dieses Frontsoldatentum machte ihn in gewissen rechten Kreisen anziehend und verschaffte ihm eine Form der Reputation, die in nationalistischen Kreisen eminent wichtig war.
Er konnte immer drauf verweisen, das er, obwohl Österreicher, für Deutschland tapfer gekämpft hat, s. Orden, für Deutschland sein Leben riskiert hat und mehr Beweise brauchte es kaum mehr, um seine Glaubwürdigkeit beim Eintreten für die deutsche Sache zu untermauern, also, was die für die deutsche Sache aus ihrer Sicht hielten.
Hitlers Frontsoldatentum klein reden zu wollen ist einmal historisch nicht richtig, zum anderen spielte genau das für seinen Aufstieg keine geringe Rolle!