Silones „Schule der Diktatoren“

Bild: VectorVoyager/CC BY-SA-4.0

Es liest sich wie das vielleicht einzige Buch, das Trump je gelesen hat. Die europäischen Demokratien sind im Niedergang, der Faschismus marschiert allenthalben voran und ein US-amerikanischer Politiker schickt sich an, Diktator der USA zu werden.

Klingt bekannt? Als ungebrochene Beschreibung der Gegenwart wäre das unoriginell und mithin langweilig. Aber die Lageeinschätzung ist 88 (ja, sorry, wirklich) Jahre alt. Sie stammt von dem italienischen Politiker und Schriftsteller Ignazio Silone in seinem Buch „La scuola dei dittatori“ (Die Schule der Diktatoren), das 1938 erschienen ist. Es ist ein langer Essay über den Siegeszug des Faschismus in Italien und Deutschland, mäßig überzeugend gekleidet in ein Gespräch zwischen dem amerikanischen Politiker Mr. W (Mr. Doppio Vu), dessen philosophischem Berater Prof. Pickup und Thomas dem Zyniker, der bereitwillig und schrittweise erläutert, wie es Mr. W anstellen müsse, Diktator der USA zu werden.

Weite Teile des Buches bestehen aus Betrachtungen, wie vergangene und gegenwärtige Diktatoren an die Macht gekommen sind. Wer quasi aus erster Hand über die Machtergreifung Mussolinis und Hitlers informiert werden möchte, ist hier gut bedient, muss aber die „Satire“, als welche die Wikipedia das Buch klassifiziert, vermissen. Faszinierend wird das Buch immer dort, wo Thomas allgemeingültige Betrachtungen anstellt und der Leser sich halb verwundert, halb erschrocken ans Kinn fasst: Das kenn ich doch!

Die Persönlichkeit des Diktators

Das beginnt schon mit der Person von Mr. W. Er hat in vielem dilettiert, auch in der Unterhaltung (in seinem Fall: Saxophonspiel und Komposition leichter Unterhaltungsmusik), den Militärdienst vermieden, und eigentlich keine besonderen Gaben. Alles kein Problem, bescheidet Thomas. Von Dionysios und Nero bis zu Mussolini (der pornographische Romane schrieb) und Hitler ist gescheitertes Künstlertum nachgerade eine Voraussetzung für den angehenden Diktator. Und was den Mut im Krieg angehe: Den müssten die Untergebenen haben. Mussolini sei nur 18 Tage im Krieg gewesen, und Hitler habe nie gekämpft (was so nicht stimmt. Er stand nur nie an vorderster Front).

Auch, dass es nicht intellektuelle Überlegenheit ist, die den Diktator auszeichnet, sieht Thomas klar:

„Ihr werdet erstaunt sein über die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Intelligenz und dem Willen des Nachfolgers Lenins, zwischen seinem Wissen und seinem „savoir faire“. (S. 20[i])

Nein, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Machtergreifung sei eine andere:

„Falls es politische Menschen gibt, welche die Macht begehren, um, wie man so sagt, ihre Ideen zu verwirklichen, oder um reich zu werden, oder um Frauen und Rassepferde zu besitzen, oder aus anderen ähnlichen Gründen, dann sind diese nichts als elende Eindringlinge. Der wahre politische Mensch begehrt die Macht um der Macht willen; sein ganzer Wille richtet sich auf die Ausübung der Befehlsgewalt.“ (S. 54)

Politik nach Gefühl

Folglich rät Thomas vehement davon ab, ein Parteiprogramm zu beschließen. Als Mr. W stolz erklärt, unter teuer bezahlter Mitwirkung von Wissenschaftlern ein solches aufgesetzt zu haben, das er nun drucken lassen wolle, bescheidet Thomas knapp: „Registriert die Ausgaben für die Kommission unter wohltätige Spenden und vergesst das Programm. Das ist der einzige Weg, die Verluste zu minimieren. Diskutieren? Überzeugen? Das wäre Wahnsinn. Ein angehender Diktator darf niemals an den kritischen Geist der Zuhörer appellieren. Er wäre das erste Opfer.“ (S. 85)

Nötig sei vielmehr maximale programmatische Flexibilität:

„Sogar, wenn der Anführer heute das Gegenteil von dem sagt und tut, was er gestern gesagt und getan hat, und bethlehemitische Kindermorde befiehlt – was tut’s?“ (S. 59)

„Ich leugne nicht, dass es einem gesunden öffentlichen Leben angemessen wäre, wenn der Streit zwischen den Parteien sich anhand der Gegenüberstellung von politischen und ökonomischen Programmen entfalten würde. Aber der Faschismus entsteht in einem ganz anderen Klima. Ja, er schleudert sofortige Forderungen und Slogans heraus mit dem Ziel, sich die Unterstützung derjenigen sozialen Kräfte zu erschleichen, derer er bedarf, aber ansonsten enthält er sich der Ausformulierung eines Wiederaufbauprogramms.“ (S. 70)

Denn es geht der Machtpolitik nicht um Inhalte, sondern darum, den Anführer zum Identifikationsfokus seiner Anhänger zu machen. Deren allgemeine Unzufriedenheit gilt es zu bündeln und zu lenken. Bei Mr. W’s Reunions, so Prof. Pickup, „habe ich Unzufriedene aller Klassen getroffen, gescheiterte Geschäftsleute, arbeitslose Arbeiter, mehr oder weniger hysterische Frauchen, von Steuern und Hypotheken ruinierte Bauern.“ (S. 65) Diese sind die Macht, welche der angehende Diktator mobilisiert. Prof. Pickup stellt fest: „Die antiken Tyrannen, auch wenn sie selbst nicht plebejischer Herkunft waren, stützten sich stets auf den Plebs und mussten gegen die Aristokratie kämpfen.“ Thomas pflichtet bei: „Aus einem einfachen Grund. Die Gegensätze zwischen der tyrannischen Herrschaft und den oberen Klassen sind immer aus der Tatsache entstanden, dass diese die einzige Kraft waren, die, in der gegebenen Situation, imstande waren, die Herrschaft zu kontrollieren und ihre Willkür zu begrenzen.“ (S. 66)

Man liest es und denkt: deep state.

Dass eine solche Politik aus Slogans, Gefühlen und Mythen außerstande ist, die sozialen Probleme tatsächlich zu lösen, von denen sie sich an die Macht hat tragen lassen, sieht selbstverständlich auch Thomas bzw. Silone. Das macht aber zunächst nichts, wenn es niemand besser kann.

Die Selbstverdauung der Demokratie

Damit stellt Silone interessanterweise eine Frage, die heutzutage lieber ignoriert wird: Wieso kann bisweilen ein wankelmütiger Blender ohne konkretes Programm die Massen hinter sich bringen? Müssen dafür nicht im politischen System allerhand Bedingungen erfüllt sein? Faschismus ist ja keine ansteckende Krankheit, sondern ein soziales Phänomen, das Ursachen hat.

Die Tyrannei wird in der Demokratie vorbereitet. „Abschließend möchte ich nur beobachten“, sagt Prof. Pickup, „dass das Wort ‚Tyrann‘ für die alten Griechen nicht die abschätzige Bedeutung hatte, die es später bekam. Der Tyrann war häufig ein Demokrat.“ – „Das kann auch in unseren Zeiten vorkommen“, stimmt Thomas zu (S. 23).

Schon lange vor der Machtergreifung des Diktators zerstört sich die Demokratie selbst: Indem sie soziale Aufgaben erfüllen will, gebiert sie eine Bürokratie, die selbsterhaltend und letztlich selbst zur Diktatur wird. Und damit zur Grundlage einer offenen Diktatur.

„In den modernen Zeiten ist der Tod einer Demokratie meistens ein verhüllter Selbstmord. Ein liberales Regime müsste seinen Lebenssaft aus der Selbstverwaltung der lokalen Institutionen erhalten. Wo hingegen die Demokratie, geschoben von ihren schädlichen Tendenzen, solche Autonomie erstickt, verschlingt sie nur sich selbst. Wenn in der Fabrik die Willkür des Inhabers herrscht, in der Gewerkschaft die Bürokratie, in der Gemeinde und in der Provinz der Repräsentant der Zentralmacht, in den Ortsgruppen der politischen Bewegungen der Vertraute des Parteichefs, dann kann man dort nicht von Demokratie sprechen.“ (S. 94)

Wird sie mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, dann scheitert solche eine hierarchische Bürokratie unweigerlich:

„Eine herrschende Klasse im Niedergang lebt von halben Maßnahmen, von Tag zu Tag, und verschiebt immer auf morgen die Untersuchung der brennenden Fragen. Dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen, benennt sie Kommissionen und Subkommissionen, die ihre Arbeit abschließen, wenn die Situation sich schon geändert hat.“ (S. 36)

Mit dem Schwinden des demokratischen Lebens geht einher, dass das politische Personal an Qualität verliert. Der Kampf für die bürgerlichen Freiheiten habe einst die vornehmsten Geister entflammt; heute aber hätten die Demokraten keine Ideale mehr zu verwirklichen: „Sie leben von den Renditen der Eroberungen ihrer Großväter.“ (S. 35) So seien einstmals revolutionäre Pioniere wie Cromwell, Robespierre, Jefferson, Mazzini, Lenin aufgetreten, jedoch: „Eine Demokratie im Abstieg, die sich durch Kompromisse und Notlösungen aufrechterhält, kann in der Regierung niemand anderen haben als Facta, Brüning, Laval, Chamberlain, und je mehr Zeit vergeht, so ist zu fürchten, desto tiefer sinkt man.“

Einerseits sind dies die Stellen, an denen sich der Leser von 2026 am unmittelbarsten angesprochen fühlt. Anstelle von Brüning liest er Merz, Starmer statt Chamberlain, Meloni statt Facta, Macron statt Laval. Vor hundert Jahren gab es noch keine Meinungsumfragen; heute wissen wir, dass keiner dieser politischen Zwerge mehr als ein Viertel der Wählerschaft noch hinter sich hat.

Andererseits vermisst man bei Silone, der immerhin mit allen Wassern der marxistischen Orthodoxie getauft (und natürlich auch gewaschen) war, eine Analyse (oder auch nur Erwähnung) der wirtschaftlichen Ursachen für diesen Niedergang. Er bezieht sich zur Erklärung allein auf Ortega y Gasset und dessen „Massenmensch“.

Aus heutiger Sicht sieht man die Parallelen zwischen dem „eisernen Kanzler“ Brüning und der neoliberalen Austeritätspolitik und wundert sich, dass der Sozialist Silone den Kapitalismus so nachsichtig behandelt. Hier greift das Diktum eines anderen Philosophen: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen.“

Der Faschismus kommt (wieder)

Mit dieser Zustandsbeschreibung einer siechen Demokratie wird Silones Essay auch für Europa wieder relevant. Und doch ist die Lage heute hier ein wenig anders. So eindrücklich Parallelen zwischen den 1930ern und 2020er Jahren sich auch darstellen lassen, gibt es doch erhebliche Unterschiede: Ein charismatischer Diktator ist nirgends in Sicht. Die rechtskonservativen Parteien von heute haben durchaus Programme. Und so kontraproduktiv und unwählbar diese Programme auch sein mögen: Das macht sie zu legitimen demokratischen Parteien. Bislang haben sie auch keinen Zugriff auf paramilitärische Einheiten. Und auf der anderen Seite eilen die etablierten, sogenannten „demokratischen“ Parteien mit großen Schritten voran, wo es um totalitäres Denken, Reden und Handeln geht.

Für Europa, so scheint mir, trifft daher eher das eine Silone-Zitat zu, das jeder kennt, und das nicht in diesem Buch steht:  „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“ Und in den USA sieht es so aus, als wäre Trump mittlerweile schlicht zu alt dazu, zum Caesar zu werden. Seine Gelegenheit, den Rubikon zu überschreiten, hatte er am 6. Januar 2021. Die Geschichte verteilt keine zweiten Chancen. Im Ergebnis könnte Silone noch näher an die Zukunft getroffen haben: Nicht Mr. Doppio Vu (Doppel-V) wird die überreife amerikanische Oligarchie pflücken, sondern einfach Vu.

 

[i] Alle Zitate und Seitenangaben nach der Ausgabe bei Mondadori, 2018; eigene Übersetzung.

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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18 Kommentare

  1. Zitat: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“

    Dieser Spruch hat so einen Bart, dass es mir als Journalist peinlich wäre, ihn nochmal zu zitieren.

    Und wir hatten es doch schon. Die Wiederkehr zum Faschismus. 2020.
    Und alle Neu-Linken haben mitgemacht. Und werden alle für den Rest ihres Lebens damit beschäftigt sein, es abzustreiten. Weil ja Millionen gerettet wurden. Niemals werden diese Neu-Linken erkennen können wie sehr sie sich ihren Vorfahren ähneln.

    1. Die definieren sich ja ohnehin nur als „links“; weil sie jeden, der ihnen inhaltlich widerspricht, zum „Nazi“ erklären.

    2. Was an dem Spruch ist peinlich, wenn zutrifft? Ich würde ihn allerdings etwas umformulieren:
      Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich schütze die Demokratie und die Freiheit.“, denn wer ist schon gegen Demokratie und gegen Freiheit?

      Was die Linken angeht und ihre Begeisterung für antidemokratische und autoritäre Maßnahmen in 2020, dann würde ich das nicht auf „Neu-Linke“ begrenzen, denn darunter waren zweifelsohne auch Alt-Linke. Ich würde sie vielmehr als Pseudo-Linke bezeichnen, denn mit links hat das nichts zu tun. „Linke“, deren Ziel darin besteht, die Gesellschaft gleichzuschalten unterscheiden sich nicht von autoritären Rechten.

    3. Wenn etwas „einen Bart“ hat, muß es nicht bedeuten, es ist abgestanden. Wenn etwas den Punkt trifft, kann es nicht oft genug wiederholt werden.
      Es ist leider zu befürchten, daß dieser Faschismus von der Masse erst „bemerkt“ wird, wenn die Aggressivität nach außen und die Repression nach innen die meisten persönlich und einschneidend betrifft.

  2. Ich weiß nicht, wo das immer her kommt!
    Bei dem britischen Historiker Overy habe ich auch gelesen, das Hitler „nur“ Melder war…..
    Natürlich war Addolff an vorderster Front, ist auch verwundet worden; als Melder hatte er den
    schwierigsten Job, weil er im feindlichen Feuer die Deckung verlassen und Nachrichten von a nach
    b bringen musste.
    Er bekam als Mannschaftsdienstgrad beide eisernen Kreuze, eine extrem seltene Sache, dazu da Verwundetenabzeichen.
    Es gibt nur Photos von ihm ohne die Orden, wenn er zufällig mal nen Anzug trug, sonst waren diese Orden immer zu sehen, unten das Verwundetenabzeichen, darüber das EK und darüber das goldene Parteiabzeichen, was auch einen gewissen Symbolgehalt hat. Seine Vorgesetzten hielten große Stücke auf ihn, an seiner Tapferkeit und seinem Einsatz gab es keinen Zweifel, kann man alles nachlesen; allerdings hielt man ihn nicht für fähig, Menschen zu führen, darum ist er nie Unteroffizier geworden; kann man auch nachlesen.
    Eben dieses Frontsoldatentum trug er wie eine Monstranz vor sich her, der war da stolz drauf!
    Er benutzte das auch gerne, um Generale, vor allem Generalstäbler runter zu machen, im Gegensatz zu
    ihm wüssten die Generale nicht, wie der Krieg sei, er wisse genau als Frontkämpfer was die Soldaten auszustehen
    hätten etc. pp.!
    Über Hitler gibt es eine Menge zu sagen, brauche ich hier nicht, wenig Positives.
    Aber gerade dieses Frontsoldatentum machte ihn in gewissen rechten Kreisen anziehend und verschaffte ihm eine Form der Reputation, die in nationalistischen Kreisen eminent wichtig war.
    Er konnte immer drauf verweisen, das er, obwohl Österreicher, für Deutschland tapfer gekämpft hat, s. Orden, für Deutschland sein Leben riskiert hat und mehr Beweise brauchte es kaum mehr, um seine Glaubwürdigkeit beim Eintreten für die deutsche Sache zu untermauern, also, was die für die deutsche Sache aus ihrer Sicht hielten.
    Hitlers Frontsoldatentum klein reden zu wollen ist einmal historisch nicht richtig, zum anderen spielte genau das für seinen Aufstieg keine geringe Rolle!

    1. Selbstverständlich haben die Nazis zu allen Zeiten das Heldentum ihres angebeteten Kriegsverbrechers in den höchsten Tönen herbeigelogen.
      Die historische Wahrheit über den Soldaten Hitler im 1. Weltkrieg ist eine andere:

      Auszug:
      „Er war nur flüchtig ausgebildet und körperlich von so schwächlicher Verfassung, dass er in Österreich als untauglich für den Militärdienst eingestuft worden war. Weber findet für diesen Sachverhalt deutliche Worte:

      ‚Man kann davon ausgehen, dass Hitler einfach überleben wollte und sich im richtigen Augenblick wegducken konnte, anstatt sich mit einem schlachterprobten Highlander auf einen Kampf Mann gegen Mann einzulassen.‘

      Der Kampf um Gheluvelt war Hitlers erster Fronteinsatz und zugleich auch schon sein einziger. In „Mein Kampf“ schrieb er zwar, dass es nun vier Jahre lang so weiter ging. In Wahrheit wurde er aber schon kurz darauf zum Stab des 16. Reserve-Infanterieregiments versetzt und war dort den ganzen Krieg hindurch als Meldegänger tätig, also hinter der Front, um den Bataillonsstäben Befehle des Regimentsstabes zu überbringen.“

      Der vollständige Text:
      „Kriegserfahrung des NS-Diktators“ | 30.01.2011
      – Ernst Piper rezensiert ein Recherchebuch des Historikers Thomas Weber (auch als Postcast aufrufbar):
      https://www.deutschlandfunkkultur.de/kriegserfahrung-des-ns-diktators-100.html

      1. Das Buch von Weber ist leider nicht ganz ernst zu nehmen. Einigen wenigen Dokumenten aus der Kriegszeit stehen hier haufenweise Aussagen von Kriegsteilnehmern gegenüber, die erst zu Zeitpunkten erfolgten, als die Motivation zur Manipulation der Vergangenheit in die eine oder andere Richtung längst auf der Hand lag. So verstört es, dass der Autor auf so einer dünnen Basis Aussagen zum Soldaten Hitler treffen zu können meint. Interessanter wäre zu fragen, wer die NSDAP in ihrer Anfangszeit finanzierte. Bekannt ist, dass die Freikorps im Baltikum von Großbritannien finanziert wurden. Es wäre nur logisch, dass GB auch die NSDAP in ihrer Anfangszeit und aus ähnlichen Gründen finanziert hat.

  3. Was hat das mit Trump zu tun?

    Sollte man nicht eher Leute wie Merz, von der Leyen, Kiesewetter, Flak-Sprenggranate etc. hier nennen?

    1. Da sprechen sie eine große Sache gelassen aus.
      Wie (fast) immer und überall ist das eigentlich interessante nicht das worüber berichtet wird, sondern das worüber nicht berichtet wird. Das allgemeine Desinteresse an bestimmten Dingen und Zusammenhängen zeigt doch zu offensichtliche , einheitliche und immer wiederkehrende Muster um nur zufällig oder nachlässig zu sein.

    2. „Sollte man nicht eher Leute wie Merz, von der Leyen, Kiesewetter, Flak-Sprenggranate etc. hier nennen?“

      Und bitte nicht Lars Klingbeil vergessen: Wie hat diese physiognomische Verkörperung von Harmlosigkeit es auf diesen Ministerposten gebracht? Das erfährt man bei Nel Bonilla (Nachdenkseiten und bei Pascal Lottaz auf Youtube) einiges über seine transatlantischen Abhängigkeiten, die geradezu Gold wert sind.

  4. Gerade mal ein Jahr, bevor Silones Schrift erschien, nämlich 1937, hat Manes Sperber seine „Analyse der Tyrannis“ veröffentlicht: Auch beim Wiederlesen dieser rund 100 Seiten denkt man dauernd an die Entwicklungen der Jetzt-Zeit. Sperber hatte sich relativ kurz zuvor von den moskau-treuen KPs abgewandt, voll Abscheu vor dem Verrat Stalins, er schreibt bewusst ohne direkten Bezug auf Hitler oder Stalin, aber beide haben ihn von Anfang an verstanden und die Schrift prompt unterdrückt, mit gutem Grund. Als Mitarbeiter Alfred Adlers, des Vaters der Individualpsychologie, und späterer Dozent in ebendieser Disziplin lehnt Sperber allerdings eine Analyse, die zu sehr auf den Tyrannen abzielt und von seinen Anhängern, ohne die der Tyrann keine Tyrannis errichten könnte, bloss als „Massenmenschen“ spricht (wie Ortega y Gasset), ab und gibt dem Leser Hinweise auf Lebens-Erfahrungen und -Elemente, die er bei sich selbst oder in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ausmachen kann, und die ihn selbst zum Tyrannen oder einem seiner Anhänger – nicht machen müssen, aber könnten, freilich unter bestimmten, v.a. sozial einengenden gesellschaftlichen Bedingungen: „Defizit an Lesensfreude“, „keine Chance, sich im sozialen Rahmen durchzusetzen“, eine „Sehnsucht, aus diesem Alltag auszubrechen“, und „nicht in der Lage sein, die allg. gesellschaftlichen Vorgänge zu erkennen, geschweige denn, zu verstehen“; eine weitere Voraussetzung für die Errichtung einer Tyrannis wird ebenfalls genau benannt: Unterstützung aus dem Hintergrund von mächtigen Geldgebern, die, um ihre verborgene Macht vor einer Revolution zu bewahren, auch gerne mal eine offene Rebellion anzetteln (lassen) in der Gewissheit, sie dirigieren zu können. Bevor ich aber jetzt gross ins Zitieren komme – besser einfach selber lesen.

  5. Mit den besten Grüßen an den …. ach was! Jedenfalls hättet ihr gut zu der Ahnenreihe im Titel gepasst!

    Zwei Zitate von bisher honorigen Personen:

    Tucholsky, Kurt:
    Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.

    Bonhoeffer, Dieter:
    Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen!

    Ohne weiteren Kommentar!

  6. Dass Hitler eine charismatische Figur war, wage ich zu bestreiten. Als Kind in den Fünfzigerjahren fand ich ihn nur lächerlich wie alle anderen Kinder auch, und ich glaube der Autor sieht das auch so. Und die Frage war, wie konnte so einer Diktator werden. Anton Drexler, einem Mitbegründer der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) empfahl Hitler mit dem Ausspruch: „Ich kenne einen Österreicher mit großem Maul“ Er hielt ihn deshalb für einen besonders talentierten Agitator. Hitler wurde von den konservativen Politikern, nämlich Hindenburg, von Papen, Prälat Kaas und Theodor Heuss (der tatsächlich für das Ermächtigungsgesetz stimmte) an die Macht gebracht, weil sie ihn für einen „nützlichen Idioten“ hielten, der den Kampf gegen den Kommunismus, einschließlich Russland, voller Fanatismus durchführen würde.
    Heutzutage kann das gottseidank nicht mehr vorkommen, dass ein nützlicher Idiot vom Kapital an die Macht gehievt wird, der Militarisierung und Auslösung des Notstands (Verteidigungsfall) anstrebt, um Russland im Krieg zu besiegen.

    1. Dann, werter Herr Torwächter, definieren Sie Charisma in sehr engem Sinne und beziehen das vor allem auf die Figur und die physische Ausstrahlung. Hitler war sicherlich kein Athlet, eher von kleiner Statur und nicht der Schwarm aller Schwiegermütter. Wenn man dann erstmal die Macht in seinen Händen hat, dann wirkt auch die Macht sexy auf andere Schwiegermütter.

      Denn der braune Führer war zweifelsohne ein überzeugender Redner, der nicht nur das „r“ hervorragend rollen konnte. Charisma umfasst auch Körpersprache, Mimik und Gestik. Charismatiker können ihre Gefühle in einer Weise artikulieren, die die Zuhörer begeistert und motiviert. Sie beherrschen die Kunst, auf andere interessant zu wirken und die Menschen an sich zu binden. Sie verbreiten einen ansteckenden Enthusiasmus und appelieren an die grossen Emotionen der Menschen. Das funktioniert nicht bei allen Menschen, aber bei vielen. Vollkommen irrelevant ist dabei, inwieweit diese Fähigkeiten angeboren sind, man kann sie bis zu einem gewissen Grad auch erlernen.

      Da stellt sich die Frage, hätte es das Dritte Reich ohne diesen „charismatischen“ Redner nicht gegeben? Das kann man sicherlich ausschließen. Hitler war nicht die Ursache des Dritten Reiches, er war die personelle Konsequenz des ökonomischen, sozialen und demokratischen Niedergangs der Weimarer Republik. Adolf Hitler hätte auch Adolf Maurer oder Heinrich Bauer heißen können. 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde noch über eine Räterepublik debattiert, im März 1933 wählten dann 44 Prozent der deutschen Wähler ihren eigenen Diktator.

      1. Problematischer wäre es allerdings gewesen, wenn Hitler den Namen Kräuter gehabt hätte. Heil Kräuter zu rufen, hätte durchaus zur Verwirrung führen können.

    2. „….Hitler wurde von den konservativen Politikern, nämlich Hindenburg, von Papen, Prälat Kaas und Theodor Heuss (der tatsächlich für das Ermächtigungsgesetz stimmte) an die Macht gebracht….“

      Das ist eindeutig falsch, denn Hitler wurde mit dem Geld des damaligen Großkapitals an die Macht gekauft. Die NSDAP lag 1932 ziemlich am Boden, es war die bis dahin schlimmste Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern. Man traf sich 1932 in der Villa des Düsseldorfer Sektfabrikanten Henkell, anwesend waren Krupp, Thyssen, IG-Farben, Hugenberg und andere Monopolkapitalisten, denen Hitler gegen eine großzügige Spende für die NSDAP versprach, den Bolschewismus ein für allemal auszurotten. Die oben genannten Politiker waren auch nur Marionetten des Großkapitals. Auch US-amerikanische Kapitalisten haben Gefallen an Hitler gefunden

      nachzulesen bei Dr. Werner Rügemer „Verhängnisvolle Freundschaft: Wie die USA Europa eroberten“

  7. Der Aufstieg des A. H. Ist gut dokumentiert in den Büchern „Hitlers Wien“ und „Zwischen Braunen und Weißen Haus“. Ich hatte zuvor schon vieles gelesen. Aber diese beiden Bücher zeigen die Grundlagen der NS Ideologie und die Abläufe bis 1934. (aber das 2.stammt von einem NS Täter Hanfstaengel von 1970) Aktuell fange ich grade das Buch „Die Wallstreet Trilogie“ von A. Sutton an zu lesen. Ein Kapitel behandelt den Aufbau der Treibstofffabriken ab 1935 für die Luftwaffe. Eine der Fabriken Stan in meinem Heimatort und trifft vollständig zu.

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