Siegmund: „Wir holen unser Land zurück, es beginnt hier in Sachsen-Anhalt“

Aus einem YouTube-Werbevideo der AfD, in dem Siegmund sagt: „Ich will unser gutes, altes, sicheres Deutschland zurück.“ Das scheint viele zu begeistern.

Die AfD konnte im Vergleich zur letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ihr Ergebnis fast verdoppeln. Umgekehrt erging es der anderen Partei auf der konservativ-rechten Seite, der CDU. Die einstige Volkspartei schließt sich damit der SPD an. Dazu passt, dass die FDP ganz abgewählt wurde. So wurden in dem östlichen Bundesland die westlichen Altparteien, die lange die Politik der alten Bundesrepublik bestimmten, auf das Nebengleis geschoben.

Nimmt man das BSW und die Linke hinzu, beides stark von Ostdeutschland geprägte Parteien, haben die neuen Parteien gegenüber den „Altparteien“ eine Mehrheit erzielt. Könnte dies auch in westlichen Bundesländern geschehen? Nach der AfD schon, denn angeblich ist Ostdeutschland Vorbild für ganz Deutschland: „Der Osten ist kein schlechteres, er ist das bessere Deutschland.“

Auf jeden Fall ist der Aufstieg der AfD zu der einzigen und neuen Volkspartei erstaunlich und erklärungsbedüftig. Denn es ist klar, dass etwas schiefgelaufen ist, wenn sich rechts von der CDU eine solch starke Partei so schnell entwickeln kann, die allem Anschein nach in der Lage sein könnte, letztlich die CDU als letzte verbliebene konservative Partei zu verschlucken oder in die Bedeutungslosigkeit zu stoßen. Das könnte schnell geschehen, wenn die CDU eine Zusammenarbeit mit der AfD ablehnt oder aber wider Versprechungen ihr zustimmt. Beides ist für sie fatal.

Aber auch die AfD in Sachsen-Anhalt steckt in einer Zwickmühle. Sie kann sich nicht wie etwa die FDP unter Lindner vor einer Regierungsbildung drücken. Dazu ist sie viel zu stark und hat auch immer zur Eile angemahnt, um Deutschland vor dem angeblichen Untergang ohne sie zu retten. Geht sie aber eine Koalition ein, wird sie zur Systempartei und muss Kompromisse machen. Das kappt ihren inszenierten Nimbus des Rebellenhaften und wird sie, was ja auch ihr Programm ist, normalisieren, aber auch die Entwicklung radikalerer Kräfte in ihr und außerhalb fördern.

Sicher spielte der AfD-Spitzenkandidat Siegmund eine entscheidende Rolle für den hohen Sieg. Der stets freundlich lächelnde Verkäufer, der anscheinend niemand Böses will und den Menschen verspricht, dass mit ihm alles möglich wird, zuletzt verbessert: „Alles wird gut“. Das tröstet, hat etwas pfarrerhaftes und man sagt auch, dass viele Menschen ihn als eine Art Messias betrachteten, der das Deutschland wiederherstellen wird, das früher irgendwie gut war. Ein neuer Führer? Bislang hatte die AfD das nicht zu bieten. Welches das wiederherzustellende Deutschland ist, zu welcher Zeit, vor der Wende oder nach ihr, vor dem Euro, vor der EU, vor dem 20. Jahrhundert? Geschenkt, Hauptsache, es geht nicht in eine ungewisse Zukunft, sondern in eine Vergangenheit, die man irgendwie kennt und in der man sich verbarrikadieren kann.

Funktioniert hat das schon ebenso nebulös transatlantisch in den USA, da dort den Menschen auch versprochen wurde, Amerika wieder groß zu machen. Das hat die Menschen ebenso begeistert wie das Versprechen, alle Fremden, die sowieso nur Mörder, Vergewaltiger und Bösewichter sind, aus dem Land zu schaffen, um endlich wieder Wir zu sein. Was nicht viel anders wie der depperte Bayernspruch ist: Mia san mia. Ja, darauf kann man sich im Bierzelt einigen.

Siegmund, der den Erfolg schon im Namen trägt, ist Avantgardist einer seltsamen Bewegung, die angeblich nichts Neues will, sondern nur abbauen will, was verfälschend dazu gekommen ist. Da tritt jemand revolutionär und subversiv auf, um die Normalität einzufordern, im Regierungsprogramm ist sogar von der „normativen Normalität“ die Rede. Das klingt ziemlich langweilig, ebenso wie die Forderungen nach einer patriotischen Kultur nicht gerade nach Ausgelassenheit und Fröhlichkeit klingen, sondern nach bürgerlicher Behäbigkeit, die jede Exzessivität hinter sich gelassen hat und ihre Ruhe haben will (AfD-Kulturpolitik: „patriotische Wende auf allen Gebieten“, Bekämpfung der „Identitätsstörung“).

MAGA zeichnet sich ebenso wie die Suche nach Normalität dadurch aus, dass man großzügig über die negativen Seiten der Geschichte hinwegblicken und nur das Schöne und Erhabene fördern will. Kritik wird eliminiert, es soll ja Stolz kultiviert werden, einer großen wie Deutschland oder der größten Nation wie der USA anzugehören (Make Amerika Beautiful Again).

Siegmund ließ im Jubel verlauten, was er allerdings schon wiederholt gesagt hatte: „Wir holen unser Land zurück, es beginnt hier in Sachsen-Anhalt.“ Damit wird suggeriert, das Land sei von Invasoren besetzt worden, und die AfD eine Befreiungsbewegung. Siegmund: „Ich will unser gutes, altes, sicheres Deutschland zurück.“ Und er erklärte: „Wir haben Geschichte geschrieben“, und auch: „Wir werden Geschichte schreiben.“

Dabei fällt ein, dass die AfD gerne nur „unsere reiche Geschichte vor 1933“ für den Nationalstolz und die „patriotische Wende“ aufbereiten und keine „Verewigung eines Schuldkomplexes“ oder „Nationalmasochismus“ betreiben will. Für eine Kampagne #deutschdenken sollen daher nur die „schönsten Beispiele deutscher Geschichte, die Sachsen-Anhalt zu bieten hat“, verknüpft und herausgestellt werden. Geehrt werden sollen überdies als „schönste Beispiele“ gefallene Soldaten, auch die des Zweiten Weltkriegs, allerdings ohne Erwähnung der von der Wehrmacht begangenen Verbrechen.

Und die AfD, die eine Bürgerwehr etablieren will, blendet natürlich auch aus, dass in Sachsen-Anhalt schon einmal rechte Geschichte geschrieben und damit  zur Bilder deutscher Identität beigetragen hat. 1932 kam die NSDAP im Freistaat Anhalt als erstem Bundesland an die Macht und bildete als stärkste Partei mit 40,3 Prozent eine Koalition mit der gleichfalls rechten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Alfred Freyberg wurde der erste nationalsozialistische Regierungschef eines deutschen Bundesstaats. Diese Koalition war Vorbild nach der Reichstagswahl am 5. März 1933, als die NSDAP mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot, einem von der DNVP dominierten Wahlbündnis, eine Regierung bildete und die Machtergreifung Hitlers begann.

Das Feindbild Bauhaus, das die AfD pflegt, prägte auch die NSDAP im Freistaat Anhalt. 1932 wurde das Bauhaus in Dessau, wo seit 1931 die NSDAP im Gemeinderat die stärkste Fraktion stellte, geschlossen. Es zog kurzzeitig nach Berlin unter dem Direktor Ludwig Mies, wurde aber auch dort 1933 trotz Anbiederungen zur Selbstauflösung gezwungen. Dabei waren die Bauhäusler durchaus nicht alle links: 188 Bauhäusler traten in die NSDAP ein, 15 in die SA und 14 in die SS.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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4 Kommentare

  1. „[…]Ein neuer Führer? Bislang hatte die AfD das nicht zu bieten[…]“

    Mensch kann es ja auch übertreiben, denn es wird nie wieder einen „neuen Führer“ geben, der hat sich 1945 in Berlin selbst gerichtet und seine Verwandten – ja, auch Hitler hatte Familie – haben dafür gesorgt, dass sie nie wieder einen kleinen Hitler bekommen – alles hier nachzulesen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Familie_Hitler

    Interessanter finde ich die Frage warum Menschen die einmal extrem links tickten auf einmal in die extrem rechte Ecke abdriften – der sollte man einmal nachgehen, zumal es ja diesmal ein ganzes Bundesland statt eines einzelnen Bundesbürgers (z.B. Horst Mahler Ex-RAF-Anwalt später extrem Rechts, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen in .de) betrifft.

    Zynische Grüße
    Bernie

  2. Intellekt arbeitet sich nicht an Personen ab,sondern Konzepten…

    Wenn etwas Bedeutung hat, dann das Wahlprogramm einer AfD und nicht die Meinung eines Mitgliedes einer AfD..
    Zumindest ist Er mir auf dem Bild mit Kind Sympathischer als ein Bundeskanzler nach der Wahl in einem Jagdbomber..
    Sobald ich bei Google das g einfüge nach „Sie “ erscheint „Ulrich Siegmund“ o)))
    Ach übrigens, auch Hitler kam nicht an die Macht mit Hilfe von Worten , sondern erst mit Hilfe Internationalem Kapital.
    Von daher also müßig,hier Historische Vergleiche ziehen zu wollen..

  3. Weder der eine noch der andere Vergleich sind zulässig, sie hinken beide. Die AfD ist nicht die neue NSDAP, das vorab. Sie ist eine populistische Partei wie die Maga- Bewegung in den USA, der RN in Frankreich oder Nigel Farages diverse Parteien in GB. Im Unterschied zu 1933 sind heute nahezu im gesamten Westen dieselben gesellschaftlichen und politischen Kräfte am Werk, wohl auch als Gegenbewegung zur Globalisierung, deren Verlierer in allen betroffenen Staaten des Westens über Jahrzehnte kaum mitgenommen worden sind. Ich erinnere an den „basket of deplorables“ von Hillary Clinton. Solche Stimmen gibt es hier auch, v.a. bei den selbstgerechten Grünen und tlw. bei den Sozis, auch bei der Linken. Der seit vielen Jahren schwelende Stadt- Land- Konflikt manifestiert sich symbolhaft in der gestrigen Landtagswahl. Natürlich würde auch die AfD die Zeit nicht wieder zurückdrehen können, sollte sie tatsächlich regieren. In der Verantwortung wird sie sich abnutzen und einem erheblichen Teil ihrer Wähler die Erkenntnis bescheren, dass auch sie nur mit Wasser kocht, zumal die wirklich wichtigen Entscheidungen nicht in Magdeburg getroffen werden. Es gibt nunmal Gründe für das massive Wachstum der AfD, und das sind die Themen, die die anderen jahrelang nicht adressiert haben: fehlgeleitete Migrationspolitik, falsche Energiepolitik, falsche Sozialpolitik, fehlende Wirtschafts- und Industriepolitik, fehlgeleitete Klimapolitik, besser Klima- Hysterie, die es so nur in Deutschland gibt, obwohl die anderen 7,95 Milliarden Menschen der Welt auch nicht verbrennen, verdursten oder ertrinken wollen. Deutschland ist ganz objektiv in vielem auf dem falschen Weg, und die Etablierten machen nunmal nicht den Eindruck, den Kurs zu ändern. Die AfD wird hauptsächlich von Leuten gewählt, die sich anderswo nicht mehr repräsentiert sehen und die für ihre teilweise in purer Verzweiflung angegebene Stimme für die AfD auch noch als Nazis beschimpft worden sind, obwohl es sich zum größten Teil um ehemalige (teilweise langjährige) CDU- und SPD- Wähler handelt. Ich finde es beschämend, das Vierte Reich an die Wand zu malen, wenn die AfD regiert. Ich bin von denen sicher kein Freund, aber ein radikaler Demokrat. Es sind die Anderen, die sich fragen müssen, wie und warum sie es haben soweit kommen lassen, dass eine in Teilen so bedenkliche Partei soviel Zustimmung auf sich vereint. Wirkliche Einsicht sehe ich da leider bis heute nicht, vor allem nicht bei den (man muss leider schon fast sagen ehemaligen) Volksparteien Union und SPD. Von Linken und Grünen würde ich gar nichts anderes erwarten als das, was sie tun.

  4. „Man werde Geschichte schreiben. Ausgeklammert wird, dass Sachsen-Anhalt schon einmal Geschichte geschrieben hat: 1932 kam hier die erste deutsche Landesregierung unter Führung der NSDAP an die Macht.“

    Das musste ja kommen.

    Sorry, Herr Rötzer, aber das ist unterste Schublade.
    Da sollten Sie dann zumindest erklären, was ihrer Meinung nach diese Parallele inhaltlich rechtfertigt.

    Hier in diesem Magazin erwarte ich mehr, als das, was man ohnehin an Diffamierungen in den MS Medien liest.

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