Selenskij: „Wenn man keinen Soldaten an der Front hat, dann wird man scheitern“

Busifizierung in der Stadt Zhytomyr.

Der ukrainische Präsident Selenskij fuhr nach London, um dort den neuen britischen Premierminister Andy Burnham zu treffen. Der demonstrierte die enge Zusammenarbeit mit Selenskij und die Fortsetzung der Ukraine-Politik schon alleine dadurch, dass dies das erste Treffen mit einem ausländischen Regierungschef sein. Burnhams Vorgänger Starmer verbrachte am 16. Juli seinen letzten Amtstag in Kiew.

Neben der weiteren „unerschütterlichen“ Unterstützung der Ukraine gegen Russland geht es vor allem um Waffengeschäfte. So kann der „Stone Cloak“-Jammer, mit dem die Erkennung von Drohnen oder anderen Flugkörpern verhindert werden kann, in der Ukraine hergestellt werden. Überdies soll die Zusammenarbeit bei unbemannten Systemen vertieft werden. Selenskij würde gerne mit einem „Drohnen-Deal“ eine große gemeinsame Drohnenfabrik in Großbritannien bauen. Für das Land ist der Krieg wie für andere Unterstützerstaaten auch deswegen so interessant, weil dort Kriegstechnik und Strategien im realen Einsatz getestet werden.

Dafür stellt Selenkij letztlich sein Land und vor allem die mobilisierten Ukrainer zur Verfügung und erwartet entsprechende Finanzhilfen und Waffenlieferungen, um den Krieg so lange fortsetzen zu können, bis Russland schwächelt, was vor allem durch die Drohnen- und Raketenangriffe auf Ziele in ganz Russland bewirkt werden soll, während es fraglich ist, wie lange Kiew die breiter werdende „Killzone“ der Frontlinie wegen des grassierenden Mangels an Soldaten wird halten können. In einer Rede am Samstag beteuerte Selenskij, dass Russland keinen Frieden wolle, weswegen es wichtig sei, die Ukraine weiter militärisch zu unterstützen, und er warnte, dass Russland für den Herbst plane, die Mobilisierung zu erweitern. Es würden auch wieder 30.000 nordkoreanische Soldaten kommen. Aber woher neu Soldaten stellen, was Kiew nach der Arbeitsteilung mit den Nato-Staaten muss?

In einem Gespräch mit Skynews (Video), in dem der bewundernde Journalist keine einzige kritische Frage stellte, wies Selenskij darauf hin, dass die wichtigste Aufgabe eine ausreichende Mobilisierung sei:

„Wenn man sich in diesem Krieg auf das Wesentliche konzentrieren will, muss man vor allem eines verstehen: Es geht um Krieger, es geht um Soldaten. Wenn man keinen Soldaten an der Front hat, wenn er zurückläuft oder wenn man glaubt, man könne nur Drohnen einsetzen und brauche keine Soldaten, dann wird man scheitern. Denn es gibt feindliche Infiltrationen, und wenn man keine Soldaten an der Front hat, wird man dieses Gebiet verlieren, man wird das Dorf verlieren, und ein Dorf nach dem anderen wird man die Stadt verlieren.“

Bekanntlich meldet sich praktisch kein Mann mehr freiwillig mehr an die Front, sondern die noch im Land gebliebenen Männer im wehrpflichtigen Alter verstecken sich, wenn sie nicht freigestellt sind, wozu in der Regel viel Bestechungsgeld notwendig ist, und werden teils auf brutale Weise von Rekrutierungskommandos auf offener Straße, mitunter auch aus Geschäften oder Wohnungen verschleppt.

Den vor allem bei jüngeren Menschen beliebten Verteidigungsminister Fedorov und den Oberkommandierenden Syrsky habe er deswegen entlassen, weil die nicht miteinander ausgekommen seien und er keine Zeit, den Vermittler zu spielen. Einer der Gründe der Personalveränderungen im Verteidigungsministerium und Generalstab waren die Probleme mit der Mobilisierung. „Die größte Herausforderung ist die Mobilisierung“, sagte Selenskij. „Wir brauchen einen neuen Ansatz, neue Schritte. Vielleicht nicht zu schnell oder radikal, aber um einen Weg zu finden, dies zu bewerkstelligen, brauche ich die Einigkeit zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Oberkommando.“ Der neue Ansatz könnte sein, das Mobilisierungsalter auf 18 Jahre zu senken und diejenigen, die sich der Registrierung und Rekrutierung entziehen, härter zu bestrafen. Es wird beispielsweise eine Sperrung der Bankkonten und ein Entzug des Führerscheins überlegt.

Über die Gewalt bzw. die Busifizierung zu sprechen, wird zwar öffentlich von den Regierungsmitgliedern der westlichen Unterstützerstaaten peinlich vermieden, es dürfte aber vertraulich darüber gesprochen werden, zumal auch darauf gedrungen wird, dass die Ukraine für Geld und Waffen (und mangelnde Korruptionsbekämpfung) die Soldaten für den Krieg zu stellen hat – möglichst als heroische Freiheitskämpfer und nicht als gewaltsam Verschleppte, was überdies keine schönen Bilder liefert.

 

„Das Problem ist, dass sich ein Teil der Gesellschaft freikaufen kann“

Der ukrainische Menschenrechtskommissar Dmitri Lubinets fordert schon länger, die gewaltsamen Festnahmen von möglicherweise Wehrpflichtigen zu beenden, die gegen die Verfassung und die Menschrechte verstoßen. 90 Prozent der Mobilisierungsaktionen würden mit Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Die Rekrutierer müssten Kameras angeschaltet lassen.

Lubinets wies kürzlich darauf hin, dass sich bei der Mobilisierung „Tarife“ etabliert hätten, um nach einer Festnahme wieder freigelassen zu werden. Wer Geld hat, kann sich zumindest vorübergehend freikaufen, oft würden ältere und auch kranke Männer verschleppt, die keine Einheit brauche, nur u die Rekrutierungsquoten zu erfüllen. Im Bus müsse man 10.000 US-Dollar an die Rekrutierer zahlen, im Rekrutierungszentrum würden 20.000 fällig. „Das Problem ist, dass sich ein Teil der Gesellschaft freikaufen kann, während einem anderen Teil die Mittel dazu fehlen und er in den Krieg geschickt wird“, so der Ombudsmann. Gefährlich sind die Rekrutierungszentren auch für Anwälte. Männliche Anwälte kommen schon gar nicht mehr, weil sie Angst haben, selbst rekrutiert zu werden, von Anwältinnen wird von physischer Gewalt gegen sie berichtet. In einem Fall aus dem Jahr 2025 in Charkiw, von dem Lubinets berichtet, wurde die Anwältin nicht zu ihrem Klienten ins Rekrutierungszentrum gelassen und sie so schwer geschlagen wurde, dass sie schwere Verletzungen erlitt, ein Bein Gebrochen wurde und sie nun behindert ist. Bis heute sei der Verantwortliche nicht identifiziert und die Mitarbeiter des TCC nicht befragt worden. Bilder aus Überwachungskameras wurden nicht herausgegeben.

In einem Interview mit News Life erklärte Lubinets, die Rekrutierungsmitarbeiten hätten nicht das Recht, Autos anzuhalten und dann noch Fahrer aus diesen herauszuziehen. Sie dürften auch nach bestehenden Gesetzen keine Kontrollpunkte einrichten, Razzien durchführen oder überhaupt Gewalt anwenden. Zudem sei diese Art der Mobilisierung kontraproduktiv: „Straßenrazzien und illegale Verhaftungen helfen den ukrainischen Streitkräften nicht, sondern schaffen vielmehr Probleme an der Front. In meinen internen Treffen mit dem Befehlshaber der Bodentruppen und Vertretern des Verteidigungsministeriums hörte ich immer wieder die gleichen Argumente: ‚Wir müssen mobilisieren.‘ Ja, das müssen wir, aber wer sagt denn, dass es mit solchen Methoden geschehen muss? Wenn sie glauben, dass sich dadurch die Lage an der Front verbessert, dann ist das Gegenteil der Fall – die Soldaten, die derzeit solchen harten und illegalen Methoden ausgesetzt sind, wollen von vornherein nicht kämpfen. Und dann wundern wir uns, warum so viele Soldaten es einfach nicht an die Front schaffen. Die Leute verstehen es einfach nicht: Wenn es jetzt schon im Hinterland so zugeht, was sollen sie dann erst an der Front mit ihnen anfangen?“

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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5 Kommentare

  1. Ist Selenskij etwa kein „Soldat“? Er ist doch der „Führer“ aller Soldaten in der Ukraine oder etwa nicht? Warum kämpft der große „Führer“ nicht persönlich an der Ostfront? Warum lässt der „Führer“ andere für sich kämpfen und sterben?

    Weil Putin auch nicht selbst an der Front kämpft? Das ist kein Argument, sondern ein billiges Ablenkungsmanöver. Dass andere etwas ebenfalls nicht tun, rechtfertigt nicht, es selbst nicht zu tun. 🗣️👍 ➡️ 🙅

    Da könnte dann einer auch sagen:
    „Ich muss meinen Müll nicht trennen – viele andere machen es ja auch nicht.“
    „Ich greife nicht ein, wenn jemand unfair behandelt wird – die anderen schauen ja auch weg.“
    „Ich halte keinen Abstand – viele andere fahren schließlich genauso dicht auf.“
    „Ich halte mich nicht ans Tempolimit – andere fahren auch schneller.“
    „Ich mache die Hausaufgaben nicht – die anderen machen sie auch nicht.“
    „Ich bedanke mich nicht – andere machen das auch nicht.“
    „Ich trage keinen Fahrradhelm – andere fahren auch ohne Helm.“
    „Ich helfe der Oma nicht über die Straße – die anderen tun das auch nicht.“
    „Ich will nichts aus der Geschichte lernen – andere tun das auch nicht.“

    1942: Räder müssen rollen für den Sieg gegen die Bolschewisten! 🛞 🚂 🛞 🚛 🛞 🚛 🛞 🚐 🛞 🚂 🚚 🛞 ➜ 💀🪦
    2026: Soldaten müssen fallen für den Sieg gegen Russland! 🪖🕯️➜ 💀🪦

  2. Der Autor schreibt :
    „Der neue Ansatz könnte sein, ….., die sich der Registrierung und Rekrutierung entziehen, härter zu bestrafen. Es wird beispielsweise eine Sperrung der Bankkonten und ein Entzug des Führerscheins überlegt.“

    Sapperlot, das ist eine Strafe, die es in sich hat ! : Jeder echte Mann wird sich selbstredend lieber von einer FAB-Gleitbombe zerreißen, oder von einer Grad-Rakete verbrennen lassen, bevor er seinen Führerschein verliert.
    In was für einer Welt lebt dieser Selenzky eigentlich ?

    1. Das ist die Welt von Bürokraten.

      Und wer sich über die Ukraine beschwert: ihr glaubt doch nicht, dass das uniformierte und berobte *** hierzulande einen Deut besser ist.

  3. OFF

    Schnieder hat eine unangenehme Wahrheit herausposaunt.

    Was wird Ex-Verkehrsminister Schnieder
    vorgeworfen ?
    Schnieder hat vor einiger Zeit angemerkt,
    dass nicht genug Geld für die anstehenden
    Infrastrukturprojekte zur Verfügung stünden.
    „Und das bei den vorhandenen Milliarden“, habe sich Merz darüber aufgeregt. Die Offenheit Schnieders soll der Auslöser für den Wechsel im Verkehrsministerium gewesen sein.

    In Deutschland sind rund 8.000 bis 16.000 Brücken sanierungsbedürftig. Das Verkehrsministerium schätzt, dass allein auf Bundesstraßen und Autobahnen bis zu 4.000 Brücken dringend erneuert oder verstärkt werden müssen. Der bundesweite Sanierungsbedarf allein für Brücken wird auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt.

    Infrastrukturmaßnahmen müssen laut EU-
    Stabilitätsrichtlinien aus dem laufenden Haushalt finanziert werden. Wo nichts reinkommt, kann nichts rauskommen.

  4. Nachdem die Ukraine zwar auf ganzer Front den Boden verliert konzentriert man sich nun scheinbar auf andere Schauplätze wie das Eingreifen im Krieg gegen den Iran.
    https://lostineu.eu/ukraine-greift-nun-auch-den-iran-an-die-eu-schaut-zu-und-zahlt/

    Nachdem Eingreifen in Nordafrika und Syrien ist jetzt auch noch der Iran dran und alles mit Geldern und Waffen der EU.
    Ich tippe mal, ein Krieg 2030 gegen Russland scheint langsam aber sicher nur ein untergeordnetes Problem zu werden.
    Mit Selenskyj haben wir 2030 eher einen waschechten Weltkrieg

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