Selenskij versucht, die „wachsende Unzufriedenheit“ der Russen mit Putin zu belegen

Präsident zeigt Ergebnisse angeblich geheimer, vom Kreml in Auftrag gegebener Umfragen. Bild: x.com/ZelenskyyUa

Vor dem G7-Gipfel versuchte der ukrainische Präsident Selenskij zu demonstrieren, dass es sich lohnt, die militärischen Bemühungen weiter zu unterstützen, weil Russlands Machtsystem bereits am Zusammenbrechen sei. Die Unterstützerstaaten müssten also weiter Waffen und Geld u.a. für die massenhafte Rekrutierung von Söldnern aus dem Ausland (mit Verdienst an der Front bis zu 9000 Euro) liefern, um den Krieg so lange fortzusetzen, bis Russland so militärisch, wirtschaftlich und politisch schwach wird, dass es den vielfach propagierten „gerechten und dauerhaften Frieden“ eingehen, also die Niederlage gegenüber der mit der EU verbundenen  Ukraine einräumen muss.

Selenskij oder seine Mitarbeiter hatten eine scheinbar gute Idee, wie sich zeigen lassen könnte, dass die Fortsetzung des Kriegs bald zur Niederlage Russlands führen wird. Selenskij ließ sich mit geheimen, angeblich von ukrainischen Geheimdiensten erlangten Dokumenten fotografieren, die das Ergebnis einer vom Kreml in Auftrag gegebenen Umfrage über die Zustimmungswerte zu Putin zeigen sollen. Danach würden diese seit Beginn des Jahres ebenso wie die Zustimmung zu seiner Partei Einiges Russland immer weiter sinken. Jetzt würden nur noch 55 Prozent mit Putin zufrieden sein, zu Beginn des Jahres seien es noch 76 Prozent gewesen, während 33 Prozent mit Putin unzufrieden seien.

Selenskij schrieb dazu auf X: „Die sogenannten ‚prognostizierten Indikatoren‘ für die Unzufriedenheit der Russen mit Putin werden weiter stetig steigen, und man bereitet ihn bereits darauf vor, die Vorstellung zu akzeptieren, dass diese wachsende Unzufriedenheit nicht aufgehalten werden kann und dass dieser Indikator bis September, wenn in Russland Parlamentswahlen anstehen, ‚nicht abflachen‘ wird.“

Es gebe auch einen „deutlichen Anstieg der Proteststimmung in russischen Regionen“. Der Druck auf Putin werde weiter zunehmen, auch im Inneren: „Leider war die einzige Antwort auf alle öffentlichen und nicht-öffentlichen Friedensvorschläge, die wir unterbreitet haben, die Ankündigung, seinen Krieg fortzusetzen. Die innenpolitische Lage in Russland sollte ihn vom Gegenteil überzeugen: dass Frieden notwendig ist. Die Ukraine schlägt vor, einen würdigen Frieden auszuhandeln. Offensichtlich werden sich die Tendenzen nicht ändern, und mit der Zeit könnte dies bedeuten, dass eine Einigung mit jemand anderem aus Russland erzielt werden muss – jemandem, der sich nicht von der Realität abschottet.“

Wir wissen nicht, wie weit Selenskij von der Realität des Krieges abgeschottet ist, beide müssen auf die Berichte vertrauen, die sie von Militärs und Geheimdienstmitarbeitern erhalten, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Der ukrainische Präsident suggeriert, dass dann, wenn der Druck beibehalten, also der Krieg und die Sanktionen fortgesetzt werden, Putin gestürzt oder zu einem für die Ukraine günstigen „würdigen“ Friedensabkommen gedrängt werden würde.

Ob die Umfrageergebnisse stimmen oder nicht, können wir nicht beurteilen. Die Popularitätswerte, die das als unabhängig geltende Levada-Zentrum, als „ausländischer Agent“ von Moskau eingestuft, veröffentlicht, zeigen seit 2000 bis heute Schwankungen zwischen 85 und 60 Prozent. Im Mai sind sie auf 79 Prozent gesunken, 15 Prozent sind unzufrieden. Auch hier ist natürlich die Frage, ob die Werte zutreffen, die Umfragen wirklich repräsentativ sind und die Menschen ehrlich antworten. Aber der Unterschied zu den von Selenskij präsentierten Umfrageergebnissen ist doch ziemlich groß.

Selenskij agumentiert nicht nur innenpolitisch, sondern auch etwa im Hinblick auf die G7-Regierungschefs, um die Ukraine gegen einen angeblich schwächelnden Putin zu unterstützen. Die würden sich freilich glücklich schätzen, könnten sie noch 55 Prozent Zustimmung vorweisen. Anfang Juni veröffentlichte YouGov die Zustimmungswerte der Regierungschefs von Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien.  Überall überwiegt die Ablehnung. Frederiksen kommt noch am besten weg, der deutsche Bundeskanzler, der sich gerne an die Spitze der EU stellen will, ist am wenigsten populär.

Bei Merz geht es wie bei den andere E3-Staaten steil bergab. Nur noch 16 Prozent der Deutschen stimmen noch Merz zu, 80% halten von ihm nicht viel. Selenskij sollte also weniger darauf vertrauen, dass Putin stürzt, sondern eher fürchten, dass Merz und damit die massive deutsche Unterstützung der Ukraine wegbrechen könnten.

Keir Starmer hat einen Rückhalt von 21 Prozent, während ihn 72 Prozent ablehnen. Emmanuel Macron ist mit 18 Prozent Zustimmung und einer Ablehnung durch 78 Prozent nahe an Merz. Hinter Georgia Meloni stehen immerhin 38 Prozent der Italienier, 55 Prozent finden sie nicht gut. Auch Pedro Sánchez erzielt eine Zustimmung von 38 Prozent und eine Ablehnung von 60 Prozent. Mette Frederiksen kommt zwar auch nicht auf die Werte von Putin, aber 43 Prozent der Dänen sind ihr gegenüber positiv eingestellt, 53 Prozent negativ.

Donald Trump kann mit seiner Zustimmung von 37 Prozent der Amerikaner und einer Ablehnung von 58 Prozent auch nicht überzeugen. Bleibt noch Selenskij, der auf die angeblich schlechten Umfrageergebnisse verwiesen hat. Nach einer Umfrage von Socis im März vertrauen mehr Ukrainer Saluschnyi (61,6%) und Budanow (60,3%) als Selenskij mit 46,3%. Wenn Wahlen stattfinden würden, wäre Selenskijs Partei „Diener des Volks“ abgeschlagen. Knapp 8 Prozent würden sie wählen. Ganz an der Spitze liegt sie bei der Frage, wenn die Befragten auf keinen Fall wählen würden. Paradox ist allerdings schon, dass Selenskij mit allerdings nur 22,3% trotzdem vor Saluschnyi oder Budanow rangieren würde, wenn die Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag stattfinden sollten.

Nach einer Umfrage des Kyiv International Institute of Sociology (KIIS) von Ende April schneidet Selenskij allerdings besser ab. Danach würden ihm 58% vertrauen und 36% nicht. Das würde etwa den Werten der von ihm offenbarten Kreml-internen Umfrage über Putin gleichkommen. Allerdings würde nur 28% gerne Selenskij auch nach dem Krieg noch als Präsidenten haben.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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10 Kommentare

  1. Zu dem was u.a. in der West-Bank passiert ist (Montag 15.06.2026) :
    Das Militär befragt in Al-Ezariya, in Jerusalem zu viert eine Palästinensern auf der Strasse. Einer wirft sie dann zu Boden und rückt sie nach unten. Ein fünfter kommt dazu und schaut. Später wurden dann das Zuhause durchsucht. Das Militär zerstört in Ras Karkar, westlich von Ramallah einen Geflügelschlachthof der einhundertfünfzig Quadratmeter hatte in dem fünfzig Palästinenser gearbeitet haben. Die Siedler werfen in Beit Ummar, nördlich von Hebron, Steine auf die Palästinenser und sprühen rassistische Rede an die Wände der Moschee. Es wurden auch von den Siedlern die Scheiben von Kraftfahrzeugen auf der Strasse nach Salfit eingeworfen.

    Das Vereinte Nationen Entwicklungsprogramm/ Hilfsprogramm für die Palästinenser (UNDP / Programme of Assistance to the Palestinian People-PAPP) hat mit dem Ministerium für nationale Wirtschaft, das Ministerium für Industrie und das Ministerium für Arbeit, ein Memorandum unterzeichnet um mit der Gaza Einkommens und Marktaktivierung (Gaza Income and Market Activation for Recovery – IMAR) in bis zu 20.000 Unternehmen bis zu 100.000 Arbeitsplätze zu schaffen.

    Zu dem was in Gaza passiert :
    Bei einem Angriff vom Militär auf Al-Zawayda wird Nadia Kamal Ayyash getötet.
    Es wird Rayan Abu al-Ajeen, 3 erschossen. Der Vater war mit dem Kind und einem anderen auf dem Weg nach Hause und dann wurde aus einem Gebäude geschossen. Der andere ist zusammengefallen, dem Sohn wurde in den Kopf geschossen. Er ist weggerannt und ihm wurde ins Bein geschossen. Er wollte den Krankenwagen anrufen um dem noch lebenden Sohn zu retten aber der Militär hat ihm das Smartphone abgenommen und gesagt er solle den Krankenwagen nicht anrufen. Und hat ihn mit dem toten Sohn liegen lassen und wollte ihn Stunden später in ein Gefängnis bringen. Das Militär hat ihn dann Stunden später mit dem toten Kind auf einer Strasse ausgesetzt (Montag).

    Nachdem durch den Völkermord gegen den am Internationalen Gerichtshof ermittelt wird die Frauen und Kinder ermordet wurden und die Wohngebäude durch das Militär zerstört werden gibt es solche Lügen zu lesen:
    „Liebe Menschen in Gaza, es gibt noch Hoffnung. Wir setzen uns für eure Interessen ein. Der Terrorismus war die Ursache für die Zerstörung und den Krieg der euch alle Lebensgrundlagen geraubt hat. Aber jetzt müsst ihr erkennen, was in eurem Interesse liegt, und für eure Rechte einstehen. Eure Zukunft und die Zukunft eurer Kinder liegt in euren Händen. Die Entscheidung liegt bei euch. Wollt ihr euer Leben zum Besseren verändern? Und gebt den Terroristen nicht nach. Wendet euch an uns; die Zusammenarbeit ist das Geheimnis des Erfolgs. Israeli Security Agency.“
    Es wird zur Kollaboration mit dem Feind eingeladen und zum Vaterlandsverrat. Es wurden am Montag fünf Palästinenser getötet. Unter den Toten sind auch zwei Kinder.

    Seit dem Waffenstillstand im Oktober wurden 997 Palästinenser ermordet. Es gibt 3.152 Verletzte es gibt bestimmt auch Verstümmelte. Es liegen noch die Toten zu tausenden unter den Trümmern und auf den Strassen. Es wurden bisher 73.008 Tote und 173.260 Verletzte bei diesem Völkermord gezählt.

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    Tun Sie bei der Unterschriftenaktion mitmachen und an andere rumschicken.
    https://eci.ec.europa.eu/055/public/?lg=de

  2. Welche Relevanz haben Beliebtheitswerte eines Diktators? Das ist es doch, was Putin aus Sicht des „Wertewestens“ sein soll.

    Entweder sie wissen nicht, was eine Diktatur ist, oder sie geben mit ihren Beliebtheitsumfragen und dem Druck auf die Bevölkerung zu, dass sie selbst nicht glauben, dass Putin alles in der Hand hat.

  3. Wer die Umfrage bezahlt, bekommt das gewünschte Ergebnis, besonders in der Ukraine.
    „Korruption wurde in der Ukraine erfunden“, altes russisches Sprichwort.

  4. In der Sendung Kulturmontag des ORF, des Österreichischen Rundfunks, gab es
    am 9. 6. ’26 einen Beitrag von Roman Schell wonach die Stimmung in Russ -land lawinenartig (!) kippe. Laut einer
    staatlichen Meinungsumfrage erreicht Wladimir Putin im April ’26 nur noch 29% Zustimmung.

    Schauen Sie sich dieses tv Stück an !

  5. hat sich der 4-jährige Kampf doch gelohnt – Putin ist am unteren Ende der möglichen
    Zustimmung angekommen. Mehr als diese Statistik ist wohl nicht rauszuholen – also
    Zeit für Frieden ! Jetzt, bevor die Kurven wieder zurückpendlen.

  6. So macht man es, wenn man für sich selbst keine Argumente hat und / oder von eigenen katastrophalen Themen ablenken muss / will.

    Und es zeigt auch den Unterschied zwischen den Systemen: in der „tollen Demokratie“ Ukraine, in der angeblich unsere Werte verteidigt werden, ist Nichtpräsident Sellerie nicht gerade der Beliebteste, weswegen er auch die Wahl schon seit längerem hinauszögert, und in der „bösen“ Autokratie Russland gibt es unabhängige Umfragen.

  7. Aus meiner Sicht ist Selenski ein großer Blender und passt zu den anderen westlichen Blendern in der Politik. Leider geschieht alles legal auf unsere Kosten und wir können nichts dagegen machen. Die einzige Möglichkeit besteht darin, bei Wahlen mit den „Füßen abzustimmen“.
    Da ich in der Nähe des ehemaligen Flughafens Tegel wohne, dort das größte Flüchtlingslager für Ukrainer/innen vorhanden war, habe ich auch viele ukrainische Flüchtlinge kennengelernt. Aus meiner Sicht haben die meisten keine Sympathien für Selenski und verspüren überhaupt keine Lust, in die korrupte Ukraine zurückzukehren.
    Bei mir ist es inzwischen so, wenn ich ein Foto von Selenski sehe, dann steigt bei mir der Blutdruck.
    In diesem Sinne. Ich mag Ihre Artikel, Herr Rötzer.

  8. Falls die Russen Putin geil finden finden die Russen auch Krieg geil. So einfach ist das.
    Bereits der Krim Putsch soll Putin ja auch beliebter gemacht haben.

  9. Jaja, Putin verliert permanent an Zustimmung! Die Russlandsanktionen wirken (zwar hauptsächlich gegen die europäische Wirtschaft) Selenskyj ist ein tapferer Verteidiger des hellsten Sterns am Demokratie Himmel Ukraine. Slava usw….

  10. Dann sollte Elendsky aber auch sagen, warum jetzt vielleicht mehr Russen mit Putin nicht mehr so zufrieden sind: weil er ihnen nicht hart genug vorgeht. Was sich notfalls ja ändern ließe.

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