Schiffe versenken im Schwarzen Meer

KI generiert
Von Grok generiertes KI-Bild der versenkten HS Dignity

Die Ukraine und Russland werfen sich gegenseitig Angriffe auf die zivile Handelsschiffahrt vor.

 

Fünf Frachtschiffe sind im Verlaufe von neun Tagen vor den Schwarzmeerküsten Rumäniens und Bulgariens zum Ziel von Angriffen von Drohnen zu Wasser und aus der Luft geworden. Zwei davon gerieten in Brand, drei sanken, knapp zwei Dutzend Matrosen verloren ihr Leben.

Zuletzt versenkte eine Drohne am 13. Oktober siebzehn Seemeilen vor der bulgarischen Küste das Frachtschiff HS Dignity. Vier Seeleute wurden gerettet, elf syrische Besatzungsmitglieder blieben vermisst. Nur eine Woche davor war der Schüttgutfrachter Alfa Watan in Bulgariens ausschließlicher Wirtschaftszone (AWZ) nach einem Drohnenangriff gesunken. Die aus neun Syrern und einem Ägypter bestehende Besatzung konnte nicht geborgen werden.

Bulgariens Regierung erwartet Unterstützung der Europäischen Kommission und der NATO bei der den Ermittlungen zu den Angriffen. Aus „Mangel an Beweisen“ will sie bisher keine Aussagen zur Herkunft der attackierenden Drohnen treffen. Dies bringt ihr scharfe Kritik der erklärtermaßen euro-atlantisch orientierten Opposition ein. Sie bezichtigt wie die Ukraine Russland als Urheber der Attacken auf die zivile Schifffahrt.

Vom Warsaw Security Forum 2026 twitterte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha am Dienstag auf X, der jüngste Angriff Russlands auf Handelsschiffe nahe den bulgarischen Hoheitsgewässern, verdeutliche erneut „Moskaus bewusste Missachtung von Menschenleben und der Sicherheit der Schifffahrt im Schwarzen Meer“. Er rief seine Partner dazu auf, „den Druck auf Russland zu erhöhen, die Sanktionen zu verschärfen und entschlossen zu handeln, um Russland zur Rechenschaft zu ziehen und die Freiheit der Schifffahrt zu schützen“. Sybiha nannte das Schwarze Meer „eine Lebensader für die weltweite Ernährungssicherheit“. Er warf Russland vor, es anzugreifen, „um Hunger als Waffe einzusetzen und die Welt als Geisel zu nehmen“. Dem müsse „mit Stärke begegnet werden“.

Nachdem in der Nacht zum Dienst die HS Dignity gesunken und die Chelsea 3 in Brand geschossen worden war, bestellte Bulgariens Ministerpräsident Rumen Radev erstmals Russlands Botschafterin Eleonora Mitrofanova in den Ministerrat ein. Zwar verfüge sein Land noch über keine eindeutigen Beweise für die Herkunft der eingesetzten Drohnen, erklärte er ihr, die Logik weise aber auf Russlands Nutzen von den Angriffen hin. „Es macht für die Ukraine keinen Sinn, ihre eigenen Schiffe im Schwarzen Meer zu zerstören, da die Ergebnisse dieser Angriffe Russland zugutekommen“, so Radev zu Mitrofanova.

Sie könne diese Logik nachvollziehen, habe ihrerseits aber „keine Informationen des russischen Verteidigungsministeriums zu den jüngsten Angriffen auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer“, erwiderte Moskaus Gesandte in Sofia. Sie schließe „eine Provokation durch eine dritte Partei“ nicht aus,

Obwohl Bulgarien keine Kriegspartei sei, erleide es erhebliche wirtschaftliche und finanzielle Verluste, erklärte der bulgarische Regierungschef. Angriffe im Schwarzen Meer hätten bereits zu „erhöhten Risiken für die Handelsschifffahrt, gestiegenen Versicherungskosten und sogar zur Weigerung geführt, Fracht in bulgarische Häfen zu transportieren“.

Hochrisikozone Schwarzes Meer

Tatsächlich hat das Joint War Committee (JWC) des Londoner Versicherungsmarktes am 16. September 2026 das gesamte Schwarze Meer zur Hochsicherheitszone erklärt, für die teure Kriegsrisikopolicen erforderlich sind. Zuvor hatte eine solche Einstufung lediglich für die Küsten und Gewässer der Kriegsparteien Russland und Ukraine gegolten, nun sind nurmehr die zwölf Seemeilen weiten Küstengewässer Rumäniens, Bulgariens, Georgien und der Türkei von ihr ausgenommen.

Da Schiffstransporte zum Anlaufen ihrer Häfen so gut wie unvermeidlich die Hochrisikozone durchqueren müssen, verteuern sich die Frachtraten beträchtlich. Die Branchen- und Medienplattform beinsure zitiert dazu eine Kalkulation der griechischen Reederei Marelis Navigation S.A. Sie erwartet, dass für große Frachtschiffe, die vom Bosporus in das Schwarze Meer einfahren und in Häfen der ukrainischen Region Odessa anlegen, täglich eine zusätzliche Versicherungsgebühr von 25.000 € anfällt. So wäre für die sechstägige Passage eines Schiffes durch das Schwarze Meer mit zusätzlichen 150.000 € Kosten zu rechnen.

Beschuldigen sich die Ukraine und Russland auch gegenseitig der Attacken auf zivile Frachter und Tanker, so gestehen beide sie auch freimütig ein. Am 22. September rühmte der Kommandeur der ukrainischen Unbemannten Systemkräfte (SBS), Robert „Magyar“ Browdi, seine „SBS-Vögel“ hätten im Rahmen ihrer elfwöchigen Operation MoLoChKa „300 Schiffe der russischen Schattenflotte lahmgelegt, 134 im Asowschen und 166 im Schwarzen Meer“.

Am Dienstagnachmittag bezog die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, Stellung zu den Bedrohungen der Freiheit der zivilen Schifffahrt und der globalen Ernährungssicherheit. Zunächst verwies sie darauf, dass am 6. Oktober der von Noworossijsk nach Indien ausgelaufene Öltanker Aframax Rio vor der Küste von Sotschi im Schwarzen Meer von unbemannten Booten angegriffen worden sei.

Sodann bezichtigte Sacharowa das „Regime in Kiew“, die Eskalation gezielt voranzutreiben. „um die Schifffahrt im Schwarzen Meer zu behindern und die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit zu beeinträchtigen“. Durch eine „Reihe terroristischer Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf zivile Handelsschiffe“, wolle es die „Misserfolge der ukrainischen Kämpfer an der Front kompensieren“. Der Außenamtssprecherin zufolge sollen die ukrainischen Streitkräfte „in den Seegebieten des Asowschen und Schwarzen Meers mehr als 250 unterschiedslose Angriffe auf Schiffe mit Öl, Getreide und anderen nicht-militärischen Gütern verübt“ haben, ein Großteil davon in den zurückliegenden Sommermonaten.

Als Reaktion darauf hätten die Streitkräfte der Russischen Föderation „umfassende, systematische Maßnahmen zur Schwächung des militärischen Potenzials der ukrainischen Streitkräfte (AFU) durchgeführt, unter anderem durch Angriffe auf Schiffe und Hafeninfrastrukturen, die in die militärische Logistik eingebunden sind“, so Sacharowa. Im Westen und einschlägigen internationalen Gremien habe das Thema Schifffahrtsfreiheit keine „nennenswerte Beachtung gefunden, solange  sich Angriffe im Schwarzen Meer gegen Schiffe unter russischer Flagge oder gegen ausländische Schiffe richteten, die im Interesse russischer Wirtschaftsakteure operierten“.

Besonders betroffen von sich häufenden Attacken gegen Frachtschiffe im Schwarzen Meer ist die türkische Handelsschifffahrt. Wie der vor einer Woche gesunkene Mini-Bulker Alfa Watan sind Schiffe oft in türkischem Besitz, selbst wenn sie unter anderer Flagge und mit einer nicht-türkischen Besatzung fahren. Für den Zeitraum von Kriegsbeginn im Februar 2022 bis Mitte September 2026 hat die türkische Schifffahrtskammer (IMEAK) 226 Angriffe auf zivile Frachtschiffe im Schwarzen Meer registriert.

Bei der UN-Generalversammlung im September sprach der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan das Problem an: „Wir setzen unsere Kontakte zu den Konfliktparteien fort, um die Sicherheit der Schifffahrt im Schwarzen Meer wiederherzustellen, die Ernährungssicherheit zu gewährleisten und eine Ausbreitung des Krieges auf ein größeres Gebiet zu verhindern. Ich möchte insbesondere betonen, dass die jüngsten Angriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer, unabhängig von den Tätern, inakzeptabel sind“, erklärte er.

Zuletzt hat die Türkei im September 2026 den beiden Kriegsparteien einen Entwurf für ein Memorandum und ein gegenseitiges Schutzabkommen vorgeschlagen, um Angriffe auf zivile Schiffe und Handelshäfen zu stoppen. Während sich die Ukraine prinzipiell zur Unterstützung der türkischen Initiative bereiterklärte, wollte sich Russland nicht dazu entschließen. Warum, begründete Maria Sacharowa in ihrer Stellungnahme vom Dienstag.

Dass der Schaden „vorwiegend unser Land traf, hat der Westen billigend in Kauf genommen“, führte sie in ihr aus. Erst als „die Wirksamkeit russischer Vergeltungsschläge gegen das militärisch-wirtschaftliche Potenzial des Regimes Selenskyj offensichtlich wurde und die Waffenlieferungen an die ukrainischen Streitkräfte über Schwarzmeerhäfen effektiv blockiert wurden, wurden von allen Seiten wie auf Kommando verschiedenste Vorschläge laut: etwa zur Vereinbarung von See-, Energie- oder Luftwaffen-Waffenruhen, zur Einrichtung maritimer Sicherheitskorridore und dergleichen mehr“, erklärte sie.

Russlands bisherige Erfahrungen zeigten, dass die Abschlüsse von Memoranden und Erklärungen „ohne die Schaffung klarer Umsetzungsmechanismen kaum zu einer wirklichen Verbesserung der Lage beitragen“. Regelmäßig verstoße Kiew gegen das, was es unterzeichnet habe, sagte Sacharowa unter Hinweis auf die „Schwarzmeer-Getreide-Initiative der Jahre 2022–2023, die von den NATO-Staaten als Deckmantel für die militärische Versorgung der ukrainischen Streitkräfte genutzt“ worden sei.

Das Schwarze Meer ist für die zivile Schifffahrt inzwischen zu einem fast so gefährlichen Terrain wie die Straße von Hormus geworden. Die Leidtragenden davon sind die Reeder und die Verlader und die die Konsumenten. Für sie alle steigen die Preise. Ein Risiko für Leib und Leben gehen aber die Seeleute ein, wenn sie sich überhaupt noch bereiterklären, für Touren im Schwarzen Meer anzuheuern. Um Personalmangel und die sich vervielfachenden Versicherungskosten für Schiffe im Schwarzen Meer zu kompensieren, rekrutieren Reedereien inzwischen Matrosen aus Billiglohnländern wie Indien und Bangladesch, zitiert die Tageszeitung Türkiye Today eine namentlich nicht benannte Quelle.

Frank Stier

Frank Stier lebt seit 2006 in Sofia. Er hat 1994 in Berlin sein Studium der Geschichte und Soziologie abgeschlossen und war dort als Historiker und Stadtführer tätig. Seit 2002 veröffentlicht Stier als freier Korrespondent für Südosteuropa überwiegend in Print- und Onlinemedien wie „Tagesspiegel“, „Cicero“ und „Telepolis“.
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