
Eine begriffsgeschichtliche Skizze.
„Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.“ Alexander Dobrindt, 1.09.2026
1. Zum Begriff „hybrider Krieg“
Der sog. „hybride Krieg“ ist in aller Munde. Was er genau bedeutet, kann keiner so richtig sagen, geschweige definieren. Die Diskussion über den „hybriden Krieg“ löste ursprünglich ein umfangreiches Grundsatzpapier des russischen Generalstabschefs, Valerij Gerasimow, aus.
Wir schreiben das Jahr 2013: Am 26. Januar fand eine Generalversammlung der Russischen Akademie der Militärwissenschaften in Moskau statt. Einige Regierungsmitglieder und die Führung der russischen Streitkräfte nahmen daran teil. Gerasimow referierte zum Thema „Die Haupttrends in der Entwicklung der Formen und Methoden des Einsatzes der Streitkräfte und die aktuellen Herausforderungen der Militärwissenschaft für deren Verbesserung.“
Am 26. Februar 2013 veröffentlichte die Wochenzeitung „Militärisch-industrieller Kurier“ (WPK) die wichtigsten Punkte des Referats unter dem Titel „Ценность науки в предвидении“ (Der Wert der Wissenschaft liegt in der Voraussicht). Gleich zu Beginn seines Referats stellte Gerasimow fest:
„Im 21. Jahrhundert lässt sich ein Trend zur Verwischung der Grenzen zwischen Krieg und Frieden beobachten. Kriege werden nicht mehr erklärt, und wenn sie einmal begonnen haben, folgen sie nicht mehr den üblichen Mustern. Die Erfahrungen mit militärischen Konflikten, einschließlich derer im Zusammenhang mit den sogenannten Farbrevolutionen in Nordafrika und dem Nahen Osten, bestätigen, dass ein vollkommen wohlhabender Staat innerhalb weniger Monate oder sogar Tage zu einem Schauplatz heftiger bewaffneter Auseinandersetzungen und Opfer einer ausländischen Intervention werden und damit im Chaos, einer humanitären Katastrophe und Bürgerkrieg versinken kann.“
Nach ausführlichen Analysen und Reflexionen über eine moderne Kriegsführung sagte Gerasimov sodann gegen Ende seines Referats: „Abschließend möchte ich sagen, dass der Feind (egal wie stark er ist, egal wie ausgefeilt seine Streitkräfte und Mittel des bewaffneten Kampfes, die Formen und Methoden ihrer Anwendung sind) immer Schwachstellen haben wird. Das bedeutet, dass immer die Möglichkeit einer angemessenen Gegenmaßnahme besteht.“
Lange Rede, kurzer Sinn: Kein einziges Mal taucht in seinen Ausführungen der Begriff „hybrider Krieg“ auf. Nichtsdestotrotz wurde in den USA und Europa das Grundsatzpapier als „Gerasimow-Doktrin“ geadelt und seine theoretischen Ausführungen über die Verwischung der Grenzen zwischen Krieg und Frieden mit dem Schlagwort „hybrider Krieg“ tituliert. Der Begriff selbst wurde zuerst 1995 vom Militärhistoriker, Thomas Mockaitis, ins Leben gerufen.
Er nutzte den Begriff „A Hybrid War“ in einer Fallstudie über den Kampf der britischen Streitkräfte gegen indonesische Aufständische in den 1960er-Jahren, dessen Bedeutung sich auf die Mischung aus konventionellem Kampf niedriger Intensität und Partisanenkrieg bezog und mit Gerasimows Theorie des modernen Krieges nichts gemein hat.
Als Urheber des heute geltenden Begriffsverständnisses „hybride Kriegsführung“ (hybrid warfare) gilt der US-amerikanische Militärtheoretiker und Pentagon-Analyst, Frank G. Hoffman. Er prägte den Begriff 2005 zusammen mit dem späteren US-Verteidigungsminister, James N. Mattis (2017-2019), und in seiner 2007 erschienenen Monografie Conflict in the 21st Century: The Rise of Hybrid Wars.
Aber erst mit der Ukrainekrise 2014 hat der Begriff „hybrider Krieg“ bzw. „hybride Kriegsführung“ einen gewissen Bekanntheitsgrad in den Massenmedien erreicht und ist zu einem Kampfbegriff zunächst im Informationskrieg zwischen Russland und Europa (ab 2014 ff.) und dann im Propagandakrieg (ab 2022 ff.) geworden.
Im Juni 2015 veröffentlichte das Finnische Institut für Internationale Angelegenheiten (FIMO) eine Studie mit dem Titel „Russlands hybrider Krieg in der Ukraine: Die Zerstörung des feindlichen Widerstands“. Der Verfasser, András Rácz (leitender Mitarbeiter des Instituts), befasste sich, wie der Titel bereits andeutet, mit dem Phänomen des „hybriden Krieges“.
Nach der Übernahme der Krim durch die Russländische Föderation und dem Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen ukrainischen Streitkräften und Einheiten der nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Jahr 2014 entdeckte man, wie gesagt, den „hybriden Krieg“ als Kampfbegriff im Informationskrieg zwischen Russland und Europa.
Wir schreiben das Jahr 2015: Ab jetzt wurde das Schlagwort „hybrider Krieg“ selbst von der Nato-Führung immer häufiger verwendet. So definierte der stellvertretende Nato-Generalsekretär, Alexander Vershbow (2012-2016), im März 2015 den „hybriden Krieg“ als einen Krieg, der „militärische Drohungen, verdeckte Interventionen, verdeckte Waffen- und Waffensystemtransfers, wirtschaftliche Erpressung, diplomatische Heuchelei und Medienmanipulation mit offener Desinformation verbindet“.1
Mit diesen Worten beschrieb Vershbow Moskaus Vorgehen gegen die Ukraine und die eingebildete wachsende Bedrohung, die Russland für die Nato-Mitglieder darstellt. Aber auch in Russland hat das Schlagwort „hybrider Krieg“ an Popularität gewonnen. So erklärte Generaloberst, A. Sidorov (Kommandeur des westlichen Militärbezirks), zur gleichen Zeit am 24. April 2015: Die USA und ihre Verbündeten führten die erste Phase eines „hybriden Krieges“ gegen Russland durch, der darin bestehe, die innenpolitische Lage mithilfe politischer und wirtschaftlicher Instrumente zu destabilisieren und eine Informationskampagne zur Verbreitung antirussischer Stimmung in Osteuropa durchzuführen.
Die Kontrahenten haben sich, anderes gesagt, gegenseitig vorgeworfen, einen verdeckten Krieg zur Schwächung der jeweils anderen Seite mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu führen. Der Begriff „hybrider Krieg“ bzw. „hybride Kriegsführung“ wurde jedoch von Anfang an sehr umstritten.
Der Nato-Generalsekretär, Jens Stoltenberg (2014-2024), sagte am 25. März 2015: „Hybride Kriegsführung ist natürlich nichts Neues. Sie ist so alt wie das Trojanische Pferd. Der Unterschied besteht darin, dass sie größer, schneller und intensiver ist und an unseren Grenzen stattfindet.“2
Auch András Rácz weist darauf hin, dass die Elemente der „hybriden Kriegsführung“ nicht neu seien. „Neu“ sei seiner Meinung nach „die hohe Effizienz und in vielen Fällen die Echtzeit-Koordinierung beim Einsatz verschiedener Mittel, darunter politische, militärische, operative und informationelle Maßnahmen“3.
„Die von J. Stoltenberg und A. Racz angeführten Merkmale der ‚hybriden Kriegsführung‘ erscheinen zu vage, um als Grundlage für einen neuen Begriff zu dienen, der nicht nur auf die Ereignisse in der Ukraine, sondern auch auf andere Situationen anwendbar wäre. Weder der Nato-Generalsekretär noch der FIMO-Forscher erläutern die Kriterien, nach denen Ausmaß, Intensität und Effektivität der Moskauer Aktionen bewertet werden. Mit anderen Worten: Aus den zitierten Aussagen geht nicht hervor, welches Ausmaß, welche Intensität und welche Effektivität erforderlich sind, damit die Aktionen eines Staates gegen einen anderen als ‚hybride Kriegsführung‘ gelten“, meinte Petr Topytschkanow in seiner 2015 erschienenen Studie „’Гибридная война‘ — научный термин или пропагандистский штамп?“ (Ist „hybrider Krieg“ ein wissenschaftlicher Begriff oder ein Propaganda-Klischee)4.
Folgt man Topytschkanow, so verunklart der Begriff mehr, als er erklärt und dient als ein Kampfbegriff im Informations- und Propagandakrieg eher dem Zweck einer Denunzierung, Desavouierung und Delegitimierung der legitimen geo- und sicherheitspolitischen Interessen der jeweils anderen Seite.
Eine solche Begriffsdeutung hat allerdings mit der sog. „Gerasimow-Doktrin“ wenig bis gar nichts zu tun. Es sieht vielmehr so aus, als hätten wir ein neues begriffliches Substitut zum überkommenen Begriff „Kalter Krieg“ gesucht und gefunden, um eine neue Ära der nie enden wollenden Konfrontation zwischen Russland und dem „Westen“ bzw. der transatlantischen Gemeinschaft mit einem neuen Schlagwort zu versehen.
Und so bewahrheitet sich erneut die Erkenntnis, dass die Gegenwart ihre eigene Begrifflichkeit neu erfindet und ihre eigene Realität eigensinnig und eigenmächtig begreift, ohne sich freilich von der Vergangenheit ganz lösen zu können und zu wollen.
2. Der „hybride Krieg“ als Krieg zwischen Russland und den USA?
Wir schreiben das Jahr 2018: Am 25. Januar veröffentlichte Dmitrij Trenin (2008-2022: Direktor des Carnegie Moscow Center, seit April 2026 Präsident des Russländischen Rates für internationale Angelegenheiten) einen Artikel in Carnegie Endowment for International Peace mit dem Titel „Konfliktminderung im Kontext hybrider Kriegsführung“. Darin ist zu lesen: „Der heutige hybride Krieg ist eine Konfrontation in erster Linie zwischen Russland und den USA, die durch ihre unterschiedlichen Ansichten über die Weltordnung angetrieben wird.“ Und wir lesen weiter:
„Nach Februar 2014 befand sich die russische Führung faktisch im Krieg mit den Vereinigten Staaten. Der Kreml betrachtete die Ereignisse in der Ukraine, die zum Sturz von Präsident Janukowitsch führten, als politischen Eingriff der USA in Russlands strategisch wichtige Pufferzone, als Versuch, die Integration des postsowjetischen Eurasiens unter Moskauer Führung zu behindern und als Schritt hin zur Errichtung einer Mauer zwischen Russland und dem übrigen Europa. Wladimir Putin war von diesen Ereignissen überrascht, reagierte mit Gewalt und strebte in erster Linie die Besetzung der Krim und anschließend den Schutz der Rebellenhochburg im Donbass an. Was folgte, war im Wesentlichen ein russisch-amerikanischer Krieg, der sich jedoch von den Kriegen unterschied, die Moskau und Washington in der Vergangenheit geführt haben. Dieser Krieg dauert bis heute an.“
Was Trenin hier unter dem „hybriden Krieg“ versteht, ist in Wahrheit das alte Problem des europäischen Gleichgewichtssystems. Es war ein System von Macht und Gegenmacht, wodurch die Großmächte sich wechselseitig beschränkten, um die Hegemonie einer Großmacht zu verhindern.5
Genau in diesem Sinne äußert sich auch Trenin, als er schreibt: „Während Russland die globale Hegemonie der USA ablehnt und ein System der Großmächte, zu dem auch Russland selbst gehört, befürwortet, fühlen sich die Vereinigten Staaten von der liberalen Ordnung herausgefordert, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg zu etablieren begannen und die seit dem Ende des Kalten Krieges Bestand hatte.“
Dies vorausgesetzt, stellt er fest: „Das auffälligste Merkmal hybrider Kriegsführung, das sie vom Kalten Krieg unterscheidet, ist ihr globaler, nahezu grenzenloser Charakter.“ Die Feststellung überrascht, war doch der „Kalte Krieg“ seiner Natur nach global und grenzenlos durch einen ideologischen Systemwettbewerb geprägt.
Mit Verweis auf die „Gerasimov-Doktrin“ 2013 macht Trenin darauf aufmerksam, dass das von der russischen Militärführung propagierte Konzept der hybriden Kriegsführung bereits vor dem Ausbruch der Auseinandersetzungen zwischen den USA und Russland 2014 formuliert wurde:
„Die Folgen neuartiger Konflikte“, schrieb Generalstabschef Waleri Gerassimow 2013 in einer Analyse der Erfahrungen mit den „Farbrevolutionen“ und dem „Arabischen Frühling“, „sind mit den Folgen eines realen Krieges vergleichbar.“ In vielen Fällen hätten nichtmilitärische Mittel zur Zielerreichung die Waffengewalt in ihrer Wirksamkeit deutlich übertroffen. Der Schwerpunkt verlagere sich hin zu „politischen, wirtschaftlichen, informationellen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen“, ergänzt durch „verdeckte militärische Maßnahmen“, darunter „Informationskriegsführung und Einsätze von Spezialeinsatzkräften“, schreibt Trenin.
Im Gegensatz zu Gerassimow, der den Begriff „hybrider Krieg“ in seinem Grundsatzreferat nicht verwendet hat, nutzt Trenin den Begriff nach eigenen Angaben, „um den andauernden Konflikt zwischen den USA und Russland zu beschreiben. Die aktuelle Konfrontation zwischen den USA und Russland ist, anders als der ihr vorausgegangene Kalte Krieg, asymmetrisch. … Ein asymmetrisches Machtgleichgewicht führt zu asymmetrischen Aktionen, die es ermöglichen, die Überlegenheit des Gegners im bewaffneten Konflikt zu neutralisieren und seine Schwachstellen zu identifizieren und auszunutzen. … Hybride Kriegsführung ist extrem dynamisch und entzieht sich derzeit allen vereinbarten Regeln.“
Kurzum: „Die hybride Kriegsführung befindet sich noch in einem frühen Stadium“, schreibt Trenin 2018 und meint: „Nach der akuten Krise von 2014/15 rückt der Zeitpunkt näher, an dem die USA und Russland einen neuen, vorübergehenden Modus Vivendi im Sicherheitsbereich definieren müssen“, um seine Ausführungen mit dem Satz abzuschließen: „Die Vermeidung eines heißen Krieges, der versehentlich oder aufgrund einer Fehleinschätzung ausbrechen könnte, ist die wichtigste Voraussetzung für die heutigen Teilnehmer an der hybriden Kriegsführung.“
So kann man sich irren: Nach der Ukrainekrise (2014-2021) kam es zum „heißen Krieg“ (2022 ff.), der Trenins ganzes Theoriegebäude vom „hybriden Krieg“ in Frage stellte.
Wir schreiben das Jahr 2019: Am 7. März ist Trenin Gast der Sendung „Face the Event“ (Лицом к событию) – eine Live-Talkshow des Senders Current Time TV. Der Sender ist ein im April 2017 gestarteter, russischsprachiger Fernsehsender mit Sitz in Prag, der gemeinschaftlich von Radio Free Europe / Radio Liberty (RFE/RL) und Voice of America (VOA) betrieben wird. (Man spürt hier den Geist des „Kalten Krieges“, als wäre die Sowjetunion noch quicklebendig.)
Die Sendung lief unter dem Slogan „Nach der geopolitischen Katastrophe“ und wurde von einem bekannten, oppositionellen Journalisten, Michail Sokolow, moderiert. Er kam im Verlauf der Talkshow auch auf das Thema „hybrider Krieg“.
Im Jahr 2019 war das Schlagwort „hybrider Krieg“ selbst unter Journalisten noch wenig bekannt. Und so fragte Sokolow seinen Gast: „Sie schreiben, dass die Ukraine-Krise einen hybriden Krieg zwischen Russland und den USA ausgelöst hat. Was ist ein hybrider Krieg?“
„Hybride Kriegsführung“, antwortete Trenin, sei „meine Bezeichnung für die Konfrontation, die heute in den Beziehungen zwischen Russland und den USA besteht und sich weiter verschärft. Viele sprechen von einem ‚Kalten Krieg‘, einem ’neuen Kalten Krieg‘ oder einem ‚zweiten Kalten Krieg‘, aber als einer, der den ersten Kalten Krieg miterlebt hat, kann ich solchen Definitionen nichts abgewinnen, da sie in die Vergangenheit zurückversetzen und uns zwingen, in Kategorien der 1980er-, 1970er-, 1960er- Jahre und davor zu denken. Wenn wir anfangen, in diesen Kategorien zu denken, werden wir Dinge erwarten, die niemals eintreten werden, weil sich die Welt sehr stark verändert hat. Wir werden die neuen Elemente übersehen, die in dieser Konfrontation bereits vorhanden sind und die es im Kalten Krieg nicht gab. Es ist eine Art Analogon zum Kalten Krieg, aber dennoch anders. Die Situation ist, anderes gesagt, gefährlich, aber eben auf eine ganz andere Weise gefährlich als in den 1970er- und 80er-Jahren und davor.“
Wir schreiben das Jahr 2023: Am 10. Mai gibt Trenin ein Interview, das in der Zeitschrift Expert mit der Überschrift „Dmitri Trenin: Der hybride Krieg Russlands und des Westens wird sich nicht auf die Ukraine beschränken“ (Дмитрий Тренин: гибридная война России и Запада не ограничится Украиной) erschienen ist. Im Vordergrund des Interviews steht die Frage nach der Entstehung einer neuen Weltordnung.
Allein die Überschrift deutet bereits auf einen Wandel des Begriffs „hybrider Krieg“ in Trenins Denken seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hin. Vom „Krieg zwischen Russland und den USA“ ist keine Rede mehr. Mit dem Ukrainekrieg kommt auch der Bedeutungswandel des Begriffs.
Jetzt ist der Ukrainekonflikt „Teil eines hybriden Krieges gegen den Westen“ und selbst „nach dem Ende der Kampfhandlungen … dürfte die Feindseligkeit noch lange anhalten“. Jetzt wird der „hybride Krieg“ als „ein tiefgreifender, langwieriger Konflikt mit langfristigen Folgen“ wahrgenommen und die „These vom zyklischen Charakter der russisch-amerikanischen Beziehungen (Krise-Entspannung-Krise-Entspannung)“ ad acta gelegt und durch einen „strukturellen“ Charakter der Krise substituiert.
„Ich bin überzeugt, dass sich Russlands Beziehungen zu den USA und Europa nicht in einer weiteren zyklischen Krise befinden, sondern in einer strukturellen. Das Fundament der bisherigen Beziehungen ist zerstört und infolge des andauernden hybriden Krieges, der u. a. auch die Ukraine betrifft, wird ein neues entstehen. Für uns geht es in diesem Krieg nicht nur um den Status des russischen Staates, sondern auch um seine Souveränität und sogar um seine Existenz. Für den Westen stehen die Integrität der US-Hegemonie und die Zukunft Europas auf dem Spiel.“
Wir befinden uns im Jahr 2023. Noch ist in Amerika die Biden-Administration an der Macht. Jetzt wird der „hybride Krieg“ als eine umfassende Konfrontation zwischen Russland und dem „Westen“ gedeutet und mit dem „Kalten Krieg“ nur unter anderen Vorzeichen und ohne einen systemideologischen Hintergrund verglichen.
Es geht bei diesem Begriffsverständnis im Gegensatz zum „Kalten Krieg“ nicht mehr um die systemideologische Konfrontation, sondern um einen geopolitischen Kampf um die neue Weltordnung. Ob das dafür gewählte Adjektiv „hybrid“ passend ist, ist mehr als fraglich.
- Die Ansichten eines pensionierten FSB-Oberstleutnants
Wir schreiben das Jahr 2026: „Die USA sind schockiert über den Erfolg unserer Angriffe auf die Infrastruktur des Kiewer Regimes. Wahrscheinlich werden sie uns bitten, die Angriffe auf Energieanlagen, Häfen und Getreideterminals zu reduzieren. Wir wissen jedoch ganz genau, dass die Amerikaner uns auch dann täuschen werden, wenn sie etwas fordern und versprechen. Deshalb müssen wir genau hinhören und das Gegenteil tun.“
Dies erklärte Vitaly Kolpashnikov (pensionierter FSB-Oberstleutnant und Generaldirektor des Elitis-Zentrums für das Studium politischer Eliten) in einem Interview, das Ukraina.ru am 26. August 2026 unter der bezeichnenden Überschrift „Russland bereitet Europa eine hybride Antwort darauf, dass es die Angriffe gegen uns mit den Händen der ukrainischen Streitkräfte durchführt“ (Россия готовит гибридный ответ Европе за то, что она наносит по ней удары руками ВСУ) publizierte.
Bereits kurz zuvor schrieb Kolpashnikov auf seinem Telegram-Kanal, dass der bewusst geheim gehaltene Besuch des CIA-Direktors, John Ratchliffe, am 25. August 2026 in Moskau zum Zweck der Kontaktaufnahme mit russischen Geheimdiensten im Kontext der Nato-Luftwaffenübungen für Angriffe auf Kaliningrad, der erneuten Absicht der „Koalition der Willigen“, „Truppen in die Ukraine zu entsenden, und der verstärkten Lieferung britischer Langstreckenraketen an das Kiewer Regime“ zu sehen sei.
Nun ja, manche US-Militärexperten (wie Lawrence Wilkerson, ein pensionierter US-Obers u. ehem. Stabschef von Colin Powell) vermuten, dass Ratchliffe in Moskau war, um nur die Leichen der in der Ukraine von Russen getöteten US-Geheimdienstler abzuholen.
Wie dem auch sei, Kolpashnikov glaubt, dass das Hauptthema der Verhandlungen eine mögliche Eskalation und deren Parameter (samt begleitenden Drohungen und Warnungen) gewesen sein dürfte. „Kurzum, Ratcliffe kam nach Moskau, um sowohl zu drohen als auch zu überzeugen“, behauptete er.
Gefragt nach der Art der US-Drohungen, meinte er: Als der CIA-Direktor, William Burns (2021-2025), im Herbst 2021 Moskau besuchte und von unseren Plänen für einen Krieg in der Ukraine wusste, „drohten die Amerikaner damit, dass sie dem Kiewer Regime Waffen liefern würden, was sie anschließend auch getan haben. Nun könnte auch über verstärkte militärtechnische Unterstützung und die Bereitstellung von Geheimdienstinformationen die Rede sein. … Dem könnte unsererseits freilich auch mit einer hybriden Antwort begegnet werden. Kürzlich erklärte der Iran seine Bereitschaft, amerikanische Ziele in Europa zu zerstören. Und einige Marsianer könnten ihnen dabei helfen.“
Darauf angesprochen, ob „unsere Spezialeinheiten in der Lage“ wären, „solche Operationen in Europa durchzuführen“, sagte Kolpashnikov zustimmend: „Natürlich. Schauen Sie sich doch allein die Migrationssituation in Europa an. Dort leben zig Millionen Menschen aus sehr interessanten Ländern; wir werden also keine Probleme haben, sie zu rekrutieren. Außerdem gibt es in Europa tatsächlich viele engagierte Menschen, die sich gegen die globalisierten Eliten aussprechen. Wir haben das Potenzial. Was wir brauchen, ist einen politischen Willen, das Potenzial zu nutzen.“
Als der Interviewer darauf hinwies, dass „ein Migrant oder ein Pazifist zwar Relaiskästen sprengen kann, aber für die Organisation eines komplexen Sabotageakts in einem Militärbetrieb kaum geeignet ist“, meinte Kolpashnikov: Es sei „nicht mehr nötig, Agenten in Fabriken einzuschleusen. Wie ich bereits sagte, ist das Zeitalter der Drohnen angebrochen. Es genügt, eine Drohne für ein paar Tausend Euro von Punkt A nach Punkt B zu schicken, und sie zerstört Sachwerte in Millionenhöhe. Europa verfügt über unzählige, schlecht geschützte Militäranlagen. Ich will damit nicht sagen, dass die Europäer unvorsichtig sind. Sie leben einfach in Friedenszeiten und erwarten keinen Angriff. In jedem Fall werden sie Zeit brauchen, um diese Fabriken mit Drohnenabwehrnetzen auszustatten und externe Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Und auch das kostet viel Geld.“
Was Kolpashnikov hier als eine „hybride Antwort“ darstellt und was man in Europa für „hybride Kriegsführung“ bzw. „hybride Angriffe“ hält, ist dasjenige, was Carl Schmitt einst „irreguläre“ Kriegsführung nannte.
In seiner „Theorie des Partisanen“ hat Schmitt einen Irregularitätscharakter einer solchen Kriegsführung, die wir heute „hybrid“ nennen, betont. „Der Partisan kämpft irregulär“6. Dabei ist zu beachten, schreibt Schmitt, „dass … die Kraft und Bedeutung seiner Irregularität von der Kraft und Bedeutung des von ihm in Frage gestellten Regulären bestimmt wird“ (ebd.).
Die „Irregularität des Partisanen“ bezieht sich heute nicht nur auf einen Kriegsschauplatz, wie im 19. oder 20. Jahrhundert, sondern sie greift auch massiv in das politische, soziale, ökonomische und kulturelle Ordnungsgefüge des gegnerischen/feindlichen Lebenssystems hinein, um es ins Schwanken zu bringen und seinen Widerstandswillen im Sinne des Angreifers gefügig zu machen.
Der „hybride Krieg“ ist ein irregulärer Krieg, der alle Spielregeln (inclusive das Kriegsvölkerrecht) außer Kraft setzt. Im Schatten der Konfrontation der Groß- und Weltmächte hat sich ein Spielraum der unbegrenzten und unkontrollierten Kriegsführung aufgetan, die außerhalb des sichtbaren Kriegsschauplatzes abläuft und stets im Verborgenen bleibt und/oder aus dem Hinterhalt angreift.
Dass diese Kriegsführungsstrategie „hybrid“ heißen soll, ist genauso zutreffend, wie zu glauben, den Fisch erfolgreich auf seine Fähigkeit zu prüfen, auf dem Trockenen zu leben.
„Im Jahre 1914 sind die Völker und Regierungen Europas ohne wirkliche Feindschaft in den ersten Weltkrieg hineingetaumelt“, schreibt Schmitt. „Die wirkliche Feindschaft entstand erst aus dem Kriege selbst, der als ein konventioneller Staatenkrieg des europäischen Völkerrechts begann und mit einem Weltbürgerkrieg der revolutionären Klassenfeindschaft endete.“7
Es sieht so aus, als hätten wir eine vergleichbare Entwicklung vor uns, dergestalt, dass der Ukrainekrieg, der auch als Bürgerkrieg8 „ohne wirkliche Feindschaft“ zwischen Russland und Europa begonnen hat, immer mehr in einen hasserfüllten Konflikt hineinschlittert mit einer Tendenz, in einen gesamteuropäischen Krieg auszuarten.
Die EU-Europäer müssen nun aufpassen, dass die als „hybrider Krieg“ apostrophierte Ukrainekrise (2014-2021), die in den Ukrainekrieg im Jahr 2022 überging, unbeabsichtigt zum Flächenbrand wird und ganz Europa in Brand setzt.
Anmerkungen
- Vgl. „SVP und Nato: Bessere Zusammenarbeit angesichts der neuen Sicherheitsherausforderungen“. Rede des stellvertretenden Nato-Generalsekretärs, Alexander Wershbow, auf der Interparlamentarischen Konferenz über die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP), Riga, 5. März 2015. Zitiert nach Petr Topytschkanow, „Гибридная война“ — научный термин или пропагандистский штамп? (Ist „hybrider Krieg“ ein wissenschaftlicher Begriff oder ein Propaganda-Klischee?), Carnegie Moscow Center, 2015.
- Grundsatzrede von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zur Eröffnung des Nato-Transformationsseminars, 25. März 2015.
- Zitiert nach Topytschkanow (wie Anm. 1).
- Topytschkanow (wie Anm. 1).
- Vgl. Link, W., Die europäische Neuordnung und das Machtgleichgewicht, in: Thomas Jäger/Melanie (Hrsg.), Europa 2020. Szenarien politischer Entwicklungen. Opladen 1997, 9-31 (11).
- Schmitt, C., Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen. Berlin 21963, 11.
- Schmitt (wie Anm. 6), 96.
- Vgl. Silnizki, M., Im Kriegsjahr 2022. An der Schwelle zu einem nachhegemonialen Zeitalter? 3. Mai 2022,
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„Wladimir Putin war von diesen Ereignissen überrascht, reagierte mit Gewalt“
Kurz vorher hat Putin doch sein eigenes Volk von OMON spezialbehandeln lassen.
Und 10 Jahre vorher gab es eine Spezialbehandlung für Juschtschenko.
Die Russen sind auf jeden Fall besser als die Amis.
Außerdem, hat sich Putin eher mal zu lange gesträubt im Donbass einzugreifen.
Das sollten wir mal festhalten.
Merz hat nur noch 3 Jahre Zeit um als größter Heerführer Europas in die Geschichtsbücher zu kommen, vielleicht aber auch nur noch bis Sonntag.
Aber egal wer nach Merz kommt, besser wird es dadurch auch nicht, ein Kriegstreiber folgt dem anderen, ein Sozialräuber dem nächsten Sozialräuber.
Merz ist nicht relevant, weil er nicht das Sagen hat, ganz im Gegensatz zu Putin.
Das sagte ich schon 2016, als alle die Merkel weghaben wollten und ich daraufhin meinte, was denn danach besseres kommen sollte, weil die, die gewählt werden nicht das Sagen haben und die, die das Sagen haben nicht wählbar sind.
Wenn er es schafft, in Deutschland den Kriegszustand herbeizuführen. könnte er uns noch lange erhalten bleiben! Da gibts dann nämlich erst mal keine Wahlen mehr. Und an der Vorstufe, also der Ausrufung des „Spannungsfalles“ wird ja schon fleißig geschraubt…. 🙁
Was, wie schon mehrfach erwähnt kaum einen Unterschied machen wird.
Sollte die Afd dran kommen und das steht zu befürchten, wird es ganz bestimmt nicht in irgendeiner form besser werden.
Wenn es durch die AFD nicht besser werden könnte, hätten die Altparteien nicht
so viel Angst vor der AFD. Die wissen ganz genau, wenn die AFD regiert und es
sich in Deutschland bessert und der Lebensstandart der Menschen endlich wieder
steigt, kommen sie so schnell nicht wieder ran. Nur die Grünen mit deren verwirrten
Wählern, werden dann noch über 10 % kommen.
Das ist ja der Witz, die herrschende Klasse möchte ja den Rechtsruck, sie treiben uns ja geradezu dahin und dann macht die Afd was sie eigentlich soll „LAW AND ORDER“!
Die sogenannte „Gerassimow-Doktrin“ ist ein sehr erfolgreicher Spin der westlichen Propaganda. Sie wurde erfunden, um davon abzulenken, daß Gerassimow im Grunde nichts anderes getan hatte, als die Entwicklung der westlichen Kriegsstrategien zu analysieren und zu beschreiben, um darauf angemessen vorbereitet zu sein.
Offenbar fühlte man sich ertappt, und damit das im Westen erst keine großen Kreise zieht, und die eigenen Positionen von Fachleuten (Max Mustermann hätte in der Tagesschau nix davon erfahren) hinterfragt würden, stellte man die Behauptung auf, Russland würde so planen und handeln. Was dann wiederum die eigenen (von Gerassimow beschriebenen) Vorbereitungen als „Reaktionen“ auf die „russische Doktrin“ erscheinen ließ.
Ja, propagandistisch ist der Westen echt top!
Im Westen gibt es keine Propaganda! Fragen sie mal einen renommierten Journalisten hier.
Nur die russische Propaganda ist immer und überall präsent!
😉
Ständig ist in unseren großen Medien davon die Rede, dass Russland angeblich einen „hybriden Krieg“ gegen Deutschland führt. Selbiges behaupten auch unsere Regierungspolitiker.
Für nichts davon wurden allerdings Beweise beigebracht.
Hingegen führt Deutschland schon seit geraumer Zeit einen „hybriden Krieg “ gegen Russland.
Seit ca. 20 Jahren läuft von unserer Regierung und in unseren großen Medien eine propagandistische Dämonisierungs-Kampagne gegen Russland.
Seit geraumer Zeit baut Deutschland sogar gemeinsam mit der Ukraine in Deutschland Kampfdrohnen und Marschflugkörper, mit dem erklärten Ziel, dass diese aus der Ukraine heraus tief ins Innere Russlands geflogen werden, wo sie nicht nur militärische, sondern auch zivile Ziele angreifen und dabei russische Menschen töten.
Bisher hat Russland noch keine einzige Kampfdrohne aus einem Drittstaat heraus gegen Deutschland gestartet. Umgekehrt hat dies Deutschland schon getan.
Meine Vermutung:
Russland wird diese Angriffe mit deutscher Technik (und deutscher Finanzierung der dafür notwendigen militärischen US-Aufklärungsdaten zur Zielauswahl und Zielführung) sowie die bei den Angriffen zu Tode gekommenen russischen Zivilisten akribisch auflisten und der UNO vorlegen.
Danach könnte Russland eine Auslieferung des deutschen Kanzlers Merz und weiterer Verantwortlicher in der deutschen Regierung fordern, für ein entsprechendes Gerichtsverfahren in Russland, und, wenn das dann abgelehnt wird, mit Raketen-Vergeltungsschlägen antworten.
Man wird hierzulande eines Tages erstaunt und entsetzt aufwachen.
Durch die inflationären „hybrid …“-Erwähnungen der letzten Zeit ist mir ein Begriff eingeschossen, dem man das derzeitige scheindemokratische, globalisierungskapitalistische, zunehmend autoritär-repressive, technokratische, (post-)kolonialistische, revanchistische, bellizistische, menschen- und lebensfeindliche, Massenmord-affine, dabei aber nicht-völkische und ohne charismatische Führungsfiguren auskommende System treffend bezeichnen kann:
Hybrider Faschismus.
Hybrider Krieg:
konventioneller Krieg mit Kanonen + Co.
+ Wirtschaftskrieg (Sanktionen) – „Russland ruinieren!“
+ Piraterie (aka „Seeblokade“)
+ Cyberwar (In Computersysteme eindringen, Klauen, Stören, Manipulieren)
+ noch einiges mehr
also alles, was der Westen so treibt.