Russischer Geheimdienst: Deutschland könne „innerhalb eines Jahres eine funktionsfähige Atomwaffe bauen“

Amerikanische Atombomben. Bild: war.gov

Die Bundesregierung unter Kanzler Merz will Deutschland aus der Abhängigkeit von den USA zur nuklearen Abschreckung durch „nukleare Teilhabe“ zu lösen und unter den nuklearen Schirm Frankreichs rücken, um „in der Abschreckung einen neuen gemeinsamen Weg“ zu gehen. Die „strategische Zusammenarbeit“ beider Länder solle vertieft werden, sagte Merz nach dem Treffen des Deutsch-Französischen Ministerrats am 17. Juli in Brühl. Geplant ist die Einrichtung einer „strategischen Steuerungsgruppe“. Macron spricht von „erweiterte Abschreckung“ und lobte Deutschland, das Teil der „Vorreiterrolle in der strategischen nuklearen Abschreckung“ sei.

Im Herbst soll die Bundeswehr erstmals an einer Übung der französischen Nuklear-Streitkräfte teilnehmen. Eifrig wird versichert, dass man an der Abschreckung durch die Nato und damit durch die USA festhalte. Näheres über die strategische Kooperation wurde aber nicht geäußert, also ob Deutschland beispielsweise eine Art nuklearer Teilhabe mit französischen Atomwaffen anstrebt. Klar scheint zu sein, dass der französische Präsident Macron die vollständige Kontrolle behalten will, was die Zusammenarbeit allerdings nach den Wahlen mit einer vielleicht von Le Pen geführten Regierung erschweren dürfte.

Merz sagte in der Regierungserklärung, man arbeite an der „Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit unseres Landes“. Bekanntlich will Merz die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Streitmacht Europas aufbauen. Im  Februar hatte er in einem Podcast eine „deutsche Bewaffnung mit Atomwaffen ausgeschlossen“.

Das deutet nicht darauf hin, dass die Bundesregierung heimlich eigene Atomwaffen herstellen will, was auch den Bruch mit einigen Abkommen, vor allem mit dem Atomwaffensperrvertrag und dem 2+4-Vertrag, bedeuten würde. Gleichwohl meldete der russische Auslandsgeheimdienst SVR am 20. Juli, dass in Deutschland „verdeckte Arbeiten an Projekten im Zusammenhang mit Atomwaffen auf Hochtouren“ laufen würden.

SWR: Im Bundeskanzleramt werde bereits an einem eigenen ‚nuklearen Schutzschirm‘ gearbeitet

Das geschieht sicher im Einvernehmen oder Auftrag des Kremls, in dem natürlich die Diskussion über den Aufbau eines europäischen nuklearen Schirms oder über die Möglichkeiten, wie Deutschland sich über die nukleare Teilhabe mit den USA mit Atomwaffen schützen könnte. Der SWR erklärt aber nicht, dass er selbst Erkenntnisse habe, sondern dass „die zuständigen Ministerien eines der wichtigsten NATO-Staaten Besorgnis über die in Deutschland durchgeführten aktiven Forschungs- und Entwicklungsarbeiten mit Schwerpunkt auf Atomwaffen äußern“. Um welchen Staat es sind handelt, wird nicht verraten.

Genannt werden Forschungen im Bereich der „Materialwissenschaft, der Stoßwellenphysik sowie der Kern- und Neutronenphysik, an der 30 nationale Universitäten beteiligt sind“. Hingewiesen wird auf das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Ruhr-Universität Bochum, die Ludwig-Maximilians-Universität München, die RWTH Aachen und die Technische Universität Berlin: „An den sechs Forschungsreaktoren dieser Zentren werden praktische Experimente durchgeführt.“ An der industriellen Produktion von „Hochenergiesprengstoffen und elektronischen Zündsystemen“ seien Rüstungskonzerne wie die Rheinmetall AG, die Diehl Stiftung GmbH, die KNDS-Gruppe und die Umarex GmbH beteiligt. Erprobt würden die Materialien und Geräte auf dem Testgelände der Bundeswehr.

Diese Informationen werden in dem Rahmen gestellt, dass Deutschland nach Meinung angeblicher Nato-Experten, wie nicht genannt werden, „innerhalb von ein bis drei Monaten eigenständig das notwendige spaltbare Material herstellen und innerhalb eines Jahres eine funktionsfähige Atomwaffe bauen kann, ohne groß angelegte Tests durchzuführen“. Suggeriert wird, „dass die eifrigen Köpfe im Bundeskanzleramt bereits an einem eigenen ‚nuklearen Schutzschirm‘ arbeiten“ würden.

Brigadegeneral Frank Pieper: „Deutschland braucht eigene taktische Atomwaffen“

Belege für die Behauptungen werden nicht vorgelegt, es handelt sich offensichtlich um strategische Kommunikation. Allerdings kann man die SVR-Behauptungen nicht nur als pure Fiktion oder Desinformation beiseitestellen. So gibt es in Deutschland Forderungen nach eigenen Atomwaffen. Im Januar erklärte Brigadegeneral Frank Pieper in einem Interview mit dem „Stern“: „Deutschland braucht eigene taktische Atomwaffen.“ Und das schnell. Der inzwischen von der Partei degradierte AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen forderte: „Deutschland braucht eigene Atomwaffen.“

Der Stern schrieb letztes Jahr: „Kann Deutschland überhaupt eine Atombombe bauen? Die technische Antwort lautet eindeutig: Ja, der Bau einer Atombombe ist möglich. Darüber sind sich alle Experten einig.“ Die Technik der Urananreicherung sei vorhanden, aber die von Stern zitierten Experten meinen, dass es nicht Monate, sondern einige Jahre dauern würde. Es heißt aber auch, dass Deutschland über so viel hochangereichertes Uran für 15 Sprengköpfe verfüge.

Ein IAEA-Bericht von 2025 (Nuclear Weaponisation Related Technical Capabilities Assessment – WTCA) hält fest: „In den öffentlich zugänglichen Quellen wurden keine Hinweise auf direkte Verbindungen zur Entwicklung von Atomwaffen festgestellt, die auf ein staatliches Atomwaffenprogramm in Deutschland hindeuten könnten.“ Aber es heißt auch: „Deutschland verfügt über umfangreiche technische Kapazitäten in sieben wissenschaftlichen und technologischen Themenbereichen, die für die Entwicklung eines Atomwaffenprogramms von entscheidender Bedeutung sind.“ Darauf scheint sich der Geheimdienstbericht mit der Aufzählung der Universitäten und Unternehmen zu beziehen. Deutschland könne, so WTCA, ohne Hilfe eines anderen Staates Atomwaffen bauen.

Der Bericht des russischen Geheimdienstes verweist auf die Nazi-Vergangenheit Deutschlands. Gedroht wird nicht mit dem Einsatz von Atomwaffen, sondern mit den Folgen, Atomwaffen herstellen zu wollen. Wieder müssen dafür andere Nato-Staaten einstehen: „Die Absicht der deutschen Regierung, direkten Zugang zu Atomwaffen zu erlangen, löst angesichts der revanchistischen Bestrebungen in Berlin bereits große Besorgnis in Europa aus. Doch die Folgen der Entwicklung der ‚Wunderwaffe‘ durch Nazideutschland sind wohlbekannt. Hat uns die Geschichte denn immer noch nichts gelehrt?“

Der russische Außenminister Lawrow auf der Pressekonferenz in Manila. Bild: mid.ru

Lawrow: „Ich schließe nichts aus“

Der russische Außenminister Lawrow stellte sich hinter den Geheimdienst, als er auf einer Pressekonferenz im Anschluss an das Ministertreffen Russland-ASEAN gefragt wurde, ob Russland sich auf die Aufrüstung Europas und Deutschlands Planung oder Entwicklung von Atomwaffen vorbereite: „Was Deutschland betrifft, so stammen diese Informationen von unserem russischen Auslandsgeheimdienst. Sie wurden veröffentlicht. Wir tragen die Verantwortung dafür. Angesichts der Tatsache, dass das amerikanische Atomprogramm maßgeblich von jenen aufgebaut wurde, die aus Deutschland flohen und in die Vereinigten Staaten gebracht wurden, ist dies zutiefst alarmierend. Diese Erinnerung verblasst also nicht.“ Lawrow vermied allerdings die Behauptungen des Geheimdienstes direkt zu bekräftigen.

Während hierzulande alle im militärisch-industriellen Komplex vor einem baldigen möglichen Angriff Russlands warnen, um eine überstürzte und massive Aufrüstung zu legitimieren, spricht man in Russland wenig überraschend von einem möglichen Angriff aus der EU auf Russland. Lawrow wurde gefragt: „Die Militarisierung Europas schreitet in erschreckendem Tempo voran. Haben wir und unsere ASEAN-Partner eine gemeinsame Vision davon, wohin das alles führen wird? Und vor allem: Besitzt die Europäische Union die Kraft, diesen Krieg zu führen?“ Er antwortete: „Ich schließe nichts aus. Ich kenne ihre Pläne nicht. Aber sie sind so fröhliche Kerle. Wir werden jetzt gar nicht erst darüber spekulieren – all diese Pläne liegen klar auf der Hand.“

Man nehme die Militarisierung wahr, fuhr er fort, und bereite sich auf alle Entwicklungen vor. Mit einem Zitat Putins warnte er Europa letztlich vor einem Atomkrieg: „Der russische Präsident Wladimir Putin antwortete einst sehr deutlich (…), als er nach den Kriegsvorbereitungen der Europäischen Union gefragt wurde: ‚Wir haben nicht die Absicht, irgendjemanden anzugreifen, aber wenn sie versuchen, uns erneut anzugreifen und ganz Europa unter bestimmten Bannern vereinen, wird es ein unkonventioneller Krieg sein. Es wird eine andere Art von Krieg sein.‘“

So sieht Eskalation auf beiden Seiten auf. Spiegelbildlich gleicht sich die Argumentation. Die Abschreckung des einen ist für den anderen Drohung. Aus einer solchen Spirale kommt man nur durch Gespräche und Aufbau von Vertrauen heraus. Aber das scheint derzeit nicht gewollt zu sein.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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4 Kommentare

  1. Leider muss man davon ausgehen, dass an den Aussagen des russischen Auslandgeheimdienstes mehr dran ist, als einem lieb sein kann. Den deutschen Bellizisten ist wirklich alles zuzutrauen. Zurzeit sind sie alle vom Wahnsinn umzingelt.

  2. Ich halte das eher für unwahrscheinlich, dass man in D eine eigene Atomwaffe entwickeln möchte. Dazu gibt es zu viele andere Baustellen bei der Bundeswehr.

    Das man sich in Russland allerdings darüber Gedanken macht, kann ich gut verstehen.

    In regelmäßigen Abständen kommen die Nachrichten daher, in der russische Offizielle mit den Angriff auf D drohen. Mal mit konventionellen Waffen mal mit Nuklearen.

    Jetzt muss man wohl neue Gründe für die eigene Aggressivität finden und unterstellt sicherheitshalber mal den Deutschen, dass sie das haben wollen, was die Russen schon lange als Mittel zur Erpressung besitzen.

    Die nächste Runde der Atom-Propaganda aus dem Kreml hat begonnen.

  3. So wie die Saudis dann in ein paar Jahren ihre Bombe haben, ist zu erwarten, dass irgendwann auch Deutschland seine Bombe bekommen wird, das wäre bei der aktuellen Gesinnung der Spitzenpolitiker nur folgerichtig. Vielleicht nicht sofort, aber so in 5 bis 10 Jahren vielleicht.

    Die Welt ist leider außer Fugen geraten und wird wohl erst dann wieder zur Besinnung kommen, wenn thermonukleare Bomben größere Gebiete verglast und für längere Zeit unbewohnbar gemacht haben. Wo? Also ich tippe auf entweder da unten in Nahost irgendwo, vielleicht schon dann, wenn die anstehende Bodenoffensive dort schiefgeht, oder in Russland. Ich gehe ja irgendwie davon aus, dass es wieder die Guten sein werden, die die nächste Bombe werfen, nicht etwa Pakistan, China oder gar Nordkorea.

    Noch wahrscheinlicher aber könnte es einen Atomkrieg aus Versehen geben, je mehr KI im Militärbereich eingesetzt wird. „Ach, sei doch nicht immer so negativ“, wird mir manchmal zugeseufzt – und jetzt regnet es draußen auch noch in Strömen hier, also wie soll das bitte gehen? 😉

  4. Aber sicher doch, kann man in Deutschland Atombomben bauen. Dafür wird man auch kaum 3 Monat Zeit benötigen. Wofür hat man denn sonst Jahrzehnte lang in Atommüll investiert? Technisch ist das kein Problem.

    Politisch ist das schon eher ein Wagnis, Aber für Kanzler Merz ist das doch eher eine Kleinigkeit. Was ich nur nicht verstehe ist, weshalb alle von einem atomaren Schutzschirm reden.
    Ein Regenschirm ist etwas unter dem man nicht nass wird wenn es regnet. Beim einem atomaren Schutzschirm ist es jedoch umgekehrt.

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