Russische Raummacht

russische Flagge
© Schlurcher

Eurasien im Blick.

 „Alles, was aus Russland kommt, wird immer als ‚Machenschaften des Kremls‘ abgetan … Was für ein Unsinn! Man kann nicht alles den Machenschaften des Kremls in die Schuhe schieben.“ – Putin, 27. Oktober 2022

„Warum sollten wir da einmarschieren? Wir haben unsere eigenen Territorien … Sibirien und der Ferne Osten warten nur darauf, erschlossen zu werden. Wozu brauchen wir die fremden Territorien? Wir müssen unsere eigenen entwickeln. Und die werden nicht einmal genug Benzin haben, um unser gesamtes Territorium zu umfahren.“ –  Putin an die Europäer, 7. November 2024

1. Putins Rede und seine Interpretin

Die türkische Politikwissenschaftlerin, Ayşe Zarakol, die an der University of Cambridge lehrt, hat in ihrer am 18. August 2026 in Foreign Affairs veröffentlichten umfangreichen Studie „The Myth of Eurasia: Why Russia Can’t Shed Its Imperial Delusions“ (Der Mythos von Eurasien: Warum Russland seine imperialen Illusionen nicht ablegen kann) eine fragwürdige These aufgestellt, die da lautet: Von Anfang an inszenierte Putin seinen Einmarsch in der Ukraine „als Teil eines Kulturkampfes“ (as part of a cultural struggle).

Sie begründet ihre These mit Zitaten aus Putins Rede vor vier Jahren:

„Im Oktober 2022“, schreibt sie, hielt Putin „eine Rede im Internationalen Waldai-Diskussionsklub, um für ‚zivilisatorische Vielfalt‘ (civilizational diversity) zu plädieren. ‚Die Glättung und Auslöschung aller Unterschiede ist im Wesentlichen das, worum es dem modernen Westen geht‘, sagte Putin. Die USA wollten ihre ‚neokoloniale‘ Hegemonie (‚neocolonial‘ hegemony) über die ganze Welt ausdehnen, indem sie die Bestrebungen der Russen unterdrückten. Die westliche Unterstützung für die Ukraine sei integraler Bestandteil der umfassenderen Motivation, ‚die freie Entwicklung anderer Zivilisationen einzuschränken und zu blockieren‘. In diesem Kampf, so Putin, gehe es um das Recht ‚jeder Zivilisation, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr eigenes soziopolitisches System zu organisieren‘.“

„Dies war ein vertrautes Terrain für Putin“, resümiert sie anschließend und verklärt Putins Aussagen geokulturell als eine alte wiederbelebte Idee, „die im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts unter Intellektuellen entstand“ und „gegen die Fixierung der Eliten auf den Westen rebellierten“.

Welche „Intellektuellen“ sie genau meint, sagt sie nicht, ließ sich aber dazu verleiten, mit Verweis auf „Eurasismus“ von der „herrschenden Ideologie des Kremls“ (the Kremlin’s ruling ideology) zu sprechen. Nun ja, selbst die eifrigsten und treuesten Anhänger Putins hätten sich gewundert, hätten sie erfahren, dass der Kremlherrscher irgendeine Ideologie hat, beklagen sie doch seit Jahr und Tag verbittert eine fehlende Ideologie in Russland seit dem Untergang der Sowjetunion.

Gegen Vorurteile und Ressentiments ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. Beim näheren Hinsehen stellt sich nämlich schnell heraus, dass Putins Rede keine nachträgliche Apologie des Einmarsches in der Ukraine „als Teils eines Kulturkampfes“, sondern eine unzweideutige Kampfansage an die bestehende unipolare Weltordnung war.

Putin hielt am 27. Oktober 2022 eine anspruchsvolle programmatische Grundsatzrede, die es in sich hatte. Die Rede war geopolitischer und nicht geokultureller Natur, auch wenn Putin gelegentlich auch einen Ausflug in die russische Geistesgeschichte machte.

Eine vergleichbare Rede hat er, soweit ich sehen kann, nie mehr gehalten. Welcher Ghostwriter es war, der ihm diese anspruchsvolle Rede geschrieben hat, ist nicht bekannt. Der anonyme Ghostwriter muss aber hochgebildet und ein ausgezeichneter Analytiker sein und zudem hervorragende Kenntnisse über die geopolitischen Entwicklungen der Gegenwart haben. Vielleicht war es auch ein ganzes Team, das Putins Rede geschrieben hat.

Wie dem auch sei, Putins Rede war eine einzige Abrechnung mit der seit dem Ende des „Kalten Krieges“ entstandenen „unipolaren Weltordnung“. Bereits eingangs der Rede ging er hart ins Gericht mit einer – wie er es nannte – etablierten „einzigen Regel“ der „Machthabenden“, die darauf hinausläuft, dass sie „völlig regellos leben können und ihnen alles erlaubt ist, alles ungestraft bleibt, egal was sie tun.“

Diese regellose „Regel“ werde uns von der „globalen Macht“ „ständig ‚eingeprügelt‘, sprich: uns unaufhörlich eingetrichtert“. Wörtlich sagt Putin: „Man hat heute von der Macht gesprochen, ich spreche (aber) von der globalen Macht“ (сейчас о власти говорили, я говорю о глобальной власти). Putin ging es mit anderen Worten primär und zuallererst um die regellose, pardon: „regelbasierte“ (globale) US-Hegemonialordnung im Zeitalter der Unipolarität.

„Die Weltherrschaft ist genau das, was der sog. Westen in seinem Machtspiel auf eine Karte setzte. Dieses Spiel ist jedoch zweifellos gefährlich, blutig und, ich würde sagen, schmutzig.“ (Власть над миром – как раз то, что так называемый Запад поставил на кон в своей игре. Но игра эта, безусловно, опасная, кровавая и, я бы сказал, грязная).

Die unipolare Weltordnung „leugnet die Souveränität von Ländern und Völkern, ihre Identität und Einzigartigkeit und missachtet die Interessen anderer Staaten. … Niemand außer denen, die eben diese Regeln formulieren, hat das Recht auf unabhängige Entwicklung: Alle anderen müssen sich diesen Regeln unterwerfen.“

Das ist der Tenor von Putins Rede. Und was hat unsere Interpretin daraus gemacht? Sie hat die Rede lediglich zum Anlass genommen, um ihre eigenen Gedanken über kulturelle Unterschiede zwischen Russland und dem „Westen“ zur Schau zu stellen. Dieses Thema ist freilich so alt wie die vorurteilsvolle Geschichte der russisch-europäischen Begegnungen.

Unter dem aufschlussreichen Buchtitel „Perverses Abendland – barbarisches Russland“ schreibt Gabriele Scheidegger beispielsweise über „Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse“: „Wenn Russen und Westeuropäer im 16. und 17. Jahrhundert zueinander in Kontakt kamen, herrschte selten eitel Freude. Meistens schieden sie naserümpfend oder gar ekelerfüllt voneinander und beide Seiten sahen sich in ihren Vorurteilen voll bestätigt.“1

„Die Positivisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zogen“ – schreibt Scheidegger weiter – „lautstark gegen die Rückständigkeit Russlands zu Felde. Der Kronzeuge dieser Richtung ist Alexander Brückner, dieser ‚russifizierte … Droysen- und Rankeschüler‘. … Brückner übernahm nicht nur die negativen Urteile der ehemaligen Russlandreisenden, er verstärkte sie noch durch sein eigenes Entsetzen: ‚Bis in die Zeit Peters des Großen hinein wird den Moskowiten von anderen Völkern einstimmig das denkbar ungünstigste Zeugnis ausgestellt. … Gewaltsamkeit, Verlogenheit, physischer und moralischer Schmutz, Unbildung und Aberglaube, asiatischer Hochmut und die verächtliche Unfähigkeit – dies sind die hervorstechenden Züge in dem Wesen von Staat und Gesellschaft, wie sie sich in Moskau und dessen Vertretern den westeuropäischen Beobachtern darstellen‘.“2

Soweit will unsere Putin-Interpretin aber nicht gehen. Mit Verweis auf ein gerade im Mai 2026 veröffentlichtes Werk The Steppe and Its Empires (Die Steppe und ihre Imperien) kritisiert Zarakol dessen Autor, den Historiker Michael Khodarkovsky, der mit seiner Steppentheorie Russland kulturell zu sehr in die Nähe der asiatischen Großreiche brachte.

„Es ist ein Irrtum zu glauben“, meint Zarakol, dass „Putin so handle, weil er in die Fußstapfen eurasischer Herrscher und Warlords trete. Diese Vorstellung vereinfacht die komplexe Geschichte … Indem sie so weit in die Vergangenheit zurückgreift, begeht sie den Fehler, Putin und das moderne Russland aus ihrer eigenen Zeit herauszulösen.“

Khodarkovskys These erinnert in der Tat frappierend an ein inmitten des „Kalten Krieges“ 1957 erschienenes Werk von Karl A. Wittfogel „Oriental Despotism: A Comparative Study of Total Power“, das Russland mit einer „orientalischen Despotie“ gleichsetzte.

Im Gegensatz zu Khodarkovsky betrachtet Zarakol Russland etwas differenzierter. „Jahrhundertelang haben sich die Russen sowohl an Europa orientiert als auch versucht, sich von ihm abzugrenzen.“ „Zwei Dinge“ können ihrer Meinung nach „gleichzeitig wahr sein (Two things can be true at once). Zum einen ist „die Assoziation Russlands mit der eurasischen Steppe politisch motiviert“, damit sich die Europäer von Russland abgrenzen, sich „als Speerspitze der Moderne … im Gegensatz zu den vermeintlichen Pathologien oder der Rückständigkeit des ‚Ostens‘“ begreifen.

Wenn Russland sich zum anderen nicht so verhielt, wie die Europäer erwarteten, „war das die Schuld seiner primitiven und grausamen asiatischen Seite“, was „die Fiktion schuf, die westlichen Länder seien zu ähnlicher Grausamkeit nicht fähig. Wenn die Russen sich aber die eurasische Erzählung zu eigen machen“, grenzen sie sich von Europa und dem Westen ab, „die Putin und seine Verbündeten als dekadent, rückständig und unmoralisch verunglimpfen“.

Insbesondere Zarakols letzte Äußerung kann man so nicht stehen lassen, da sie im Widerspruch zur von unserer Interpretin zitierten Rede Putins vom 27. Oktober 2022 steht. „Russland hat sich als unabhängige, eigenständige Zivilisation nie als Feind des Westens betrachtet: Amerikaphobie, Anglophobie, Frankophobie und Germanophobie sind allesamt Formen von Rassismus genauso wie Russophobie und Antisemitismus und wie jede andere Form von Fremdenfeindlichkeit“ (Россия, будучи самостоятельной, самобытной цивилизацией, никогда не считала и не считает себя врагом Запада. Американофобия, англофобия, франкофобия, германофобия – это такие же формы расизма, как русофобия и антисемитизм – впрочем, как и любые проявления ксенофобии), sagte Putin in seiner Rede.

Worauf Putins Interpretin letztlich hinauswill, sagt sie erst gegen Ende ihrer Ausführungen:

„Russland ist ein Imperium, das sich zu einem modernen Nationalstaat geformt hat (Russia is an empire that has twisted itself into the form of a modern nation-state), wobei ein Großteil seines Territoriums durch ‚innere‘ Eroberung und Kolonisierung erworben wurde, unter anderem durch Siedlerkolonisation, ähnlich wie in Nordamerika, Australien und anderswo. …

Auch das ambivalente Verhältnis zu Europa ist ein wesentlicher Bestandteil des russischen Weltbildes. Betrachtet man all diese Aspekte zusammen, so ist das Land, das Russland historisch wie gegenwärtig am ehesten ähnelt, nicht die Türkei oder der Iran, sondern die USA. Der Wunsch, Russland ausschließlich als Produkt seiner Steppenprägung zu sehen, verzerrt und vereinfacht letztlich diese Geschichte.

Die Erinnerung an Russlands eurasisches Erbe ist insofern hilfreich, als sie die grundlegende Komplexität des heutigen Russlands verdeutlicht. Die Vergangenheit darf jedoch nicht zerstückelt werden, um einer modernen Agenda zu dienen; Russland war sowohl in Europa als auch in Asien eingebettet und wurde maßgeblich durch die Rivalität mit den USA im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts geprägt. Putins Angriff auf die Ukraine, seine erklärten imperialen Ambitionen und seine rücksichtslose Unterdrückung von Dissens machen ihn nicht zu einem Zaren, Khan, Schah oder Sultan der Neuzeit. Sein Fehlverhalten ist allein seine Schuld.“

Dass Russland historisch wie gegenwärtig am ehesten den USA ähnelt, ist zwar ein innovativer Gedanke, aber, geopolitisch und geokulturell gesehen, weit hergeholt.

2. Raumbezogene Identität des russischen Denkens

Was nun? Was ist Russland? Ein „Mastodon“ (Bismarck), Steppenimperium (Khodarkovsky) oder einfach ein Doppelgänger der USA (Zarakol)? Und entspricht „Putins Angriff auf die Ukraine“ tatsächlich „seinen erklärten imperialen Ambitionen“ (his professed imperial ambitions), wie Zarakol behauptet?

Die gestellten Fragen lassen sich nicht voneinander trennen, will man Putins Intentionen im Ukrainekonflikt und Russlands Stellung in Europa und Eurasien verstehen. Dieses Verständnis kann man indes weder geokulturell (Zarakol) noch historisch (Khodarkovsky), wohl aber geo- und sicherheitspolitisch eruieren.

„Russland“, meinte Bismarck einst, sei „mehr eine elementare Kraft als ein Kabinett, mehr Mastodon als Diplomat, und muss behandelt werden wie schlecht Wetter, bis man es ändern kann – nicht wie denkende Politiker.“3

Das mag in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts stimmen. Heute ist das aber nicht mehr der Fall. Putin ist ein verschlagener Diplomat und ein strategisch „denkender Politiker“, auch wenn er im Ukrainekonflikt zahlreiche taktische Fehler begangen hat. Und das liegt daran, dass die russische Führung und die sie unterstützenden Machteliten, worauf Zarakol zutreffend hingewiesen hat, bis heute „durch die Rivalität mit den USA im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts geprägt“ werden.

Als Kind des „Kalten Krieges“ sind Putin die Zeiten der Systemkonfrontation und der nuklearen Abschreckung mit der Gefahr einer gegenseitigen Vernichtung noch gut in Erinnerung, wovon er sich offenbar immer noch nicht lösen kann. Das mahnt ihn und seine Mannschaft zur Vorsicht. Zu Recht? Nicht ganz! Zu viel Vorsicht kann zu viel des Guten sein und zu taktisch fehlerhaften Entscheidungen führen, was auch passiert ist.

Die Nato von heute ist nicht mehr das, was sie zu Zeiten des „Kalten Krieges“ war, und die transatlantische Gemeinschaft der Gegenwart ist nicht jener Westen des „Kalten Krieges“, der vor lauter Kraft kaum gehen konnte.

Hinzu kommen die bitteren und leidvollen Erfahrungen der 1990er-Jahre, in denen Russland in schweres Fahrwasser geriet und die bis heute nachwirken und es immer noch nicht ganz überwunden hat. Auch das mahnt die russische Führung unter Putin zur Vorsicht.

Der Ukrainekrieg ist darüber hinaus im gewissen Sinne auch die Folge des Untergangs des Sowjetimperiums und ein noch nicht abgeschlossener Prozess der Raumverteilung unter den daraus hervorgegangenen Einzelstaaten bzw. Machtgebilden. Dieser Prozess der Raumteilung und -umverteilung geht möglicherweise mit dem Ukrainekrieg zu Ende.

Was von der Ukraine noch übrig bleibt, wird sich erst nach dem Ende der Kriegshandlungen zeigen. Eins ist aber schon jetzt klar: Russland wird sich erneut als die mächtige eurasische Raummacht mit kampferfahrenen und zu einem Krieg des 21. Jahrhunderts bestens vorbereiteten Streitkräften etablieren.

In diesem Zusammenhang muss man sich ganz genau die Bedeutung und den Stellenwert des Raumes in den russischen geo- und sicherheitspolitischen Vorstellungen in Erinnerung rufen. Die Dominanz des Raumes im russischen Denken äußert sich darin, dass die Einheit (единство) und Ganzheit (целостность) des Raumes zum nicht hinterfragbaren Postulat faktisch jedes innen- und außenpolitischen Credos wird und die Staatsräson schlechthin verkörpert.

Deswegen stimmt Zarakol nicht ohne Recht Khodarkovsky zumindest in einem Punkt ausdrücklich zu, wenn sie schreibt: „Es ist unbestreitbar, dass Russland im soziopolitischen Sinne kein ‚europäisches‘ Land ist und dass die Einflüsse der Steppe mit dazu beitragen“ (It is obviously true that Russia is not a “European” country in the sociopolitical sense of the word, and the steppe influences are partly the reason why it is something different).

Ohne sich dessen bewusst zu sein, unterstreicht sie die Bedeutung und den „Einfluss“ des Raumes in der russischen Geschichte, den sie in Anlehnung an Khodarkovsky die „Steppe“ nennt, verkennt aber in gleichem Atemzug die Dimension des raumbezogenen Denkens in der russischen Geo- und Sicherheitspolitik, weil sie die russische Geschichte allein geokulturell apperzipiert.

Orientiert sich die russische Raummacht primär an der Sicherung und Beherrschung des eigenen Machtraumes, so ist das völkerrechtliche Postulat der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von überragender Bedeutung für die russische Außenpolitik. Darum lehnt die russische Führung kategorisch jede Einmischung der raumfremden Mächte in die inneren Angelegenheiten des eigenen Machtraumes ab und reagiert allergisch auf westliche Belehrungen aller Art.

Raumbezogene Identität des russischen Denkens impliziert bereits ein Abgrenzungsprinzip gegen die raumfremden Mächte und lehnt kategorisch jedes universale Einmischungsprinzip (wie die grenzüberschreitende Ausdehnung der sog. „westlichen Werte“) in den Innenraum der russischen Raummacht ab.

Während die Missionierung der „westlichen Werte“ längst zur Selbstermächtigung der transatlantischen Expansions- und Interventionspolitik geworden ist, bleibt die raumbezogene Identität des russischen Denkens prinzipiell und tendenziell ideologisch unbelastet. Darum ist auch die sog. „herrschende Ideologie des Kremls“ (the Kremlin’s ruling ideology) nichts weiter als eine Fata Morgana.

Der immer wieder geäußerte Vorwurf an die Adresse des Kremls, er betreibe eine aggressive und expansive Außenpolitik, gehört deswegen in den Bereich der geopolitisch konstruierten Mythen und dient allein der Verschleierung der eigenen, transatlantischen Expansions- und Interventionspolitik.

Gerade die raumbezogene Identität des russischen Denkens und das daraus resultierende absolute Souveränitätsverständnis sind der beste Beweis für den pragmatischen Charakter der russischen Außenpolitik, weil sie zum einen innenraumbezogen und nicht raumüberwindend und zum anderen im Wesentlichen darauf hinaus sind, den Innenraum der Macht vor äußeren Einwirkungen abzuschirmen, damit die inneren Ordnungsgefüge beherrschbar sein bzw. aufrechterhalten werden können.

Sie vermeiden vor allem das Abgleiten der russischen Geopolitik in eine nicht mehr zeitgemäße, ideologische Konfrontation. Geopolitisches Denken der russischen Gegenwart ist daher realpolitisch fundiert.

Russland geht es heute primär um das eigene geopolitische Überleben in den Grenzen des bestehenden, völkerrechtlich anerkannten Machtraumes und um die Sicherung des Innenraumes der Raummacht. Der Ukrainekrieg steht dabei nicht im Widerspruch zu dieser Feststellung, worauf später noch eingegangen wird.

So wie es einen globalen Raum gibt, von dem alle einzelnen Machträume nur Teile des Ganzen sind, so hat jeder bedeutsame Machtraum seinen Ausschließlichkeitscharakter, für den es keine vergleichbare historische Entwicklung gibt. In dem Maß, in dem ein Macht- und Lebensverständnis mit einem konkreten Raum verschmolzen wird, bekommt es den Charakter einer historischen und kulturellen Einmaligkeit und Einzigartigkeit.

Das Kennzeichen des globalen Raumes ist hingegen – wie paradox das auch klingen mag -, dass er überräumlich ist und zwar deswegen, weil er keine Machtgrenze kennt und – über jeden Machtraum sich erstreckend – von keinem Machtraum umschlossen wird.

Die US-Hegemonialmacht, die sich anschickt, über diesen globalen Raum herrschen zu wollen, ist, so gesehen, ein überräumliches Ungeheuer, das keine identitätsstiftende Funktion in einem konkreten Machtraum erfüllen kann.

Es kann deswegen nicht identitätsstiftend in einem konkreten Machtraum sein, weil dieser sich als ein mit sich selbst identischer Innenraum begreift, der von außen nicht transformiert werden kann, es sei denn mit den Mitteln der militärischen Intervention und/oder innenpolitischen Subversion.  Es gibt aber heute im Gegensatz zu den 1980er- und 1990er-Jahren nichts, was den Innenraum der russischen Raummacht von außen wie von innen sprengen könnte.

3. Putins Kontinentalmachtstrategie

Vor dem Hintergrund dieser raumbezogenen Identität des russischen Denkens stellt sich die Frage, welche Geopolitik Russland unter Putin heute verfolgt. Im Gegensatz zur Sowjetunion der letzten drei Jahrzehnte ihres Bestehens tritt Putin in die Fußstapfen Stalins.

Als „kontinental denkender Politiker“ ist Stalin in seiner geostrategischen Positionierung der traditionellen Moskauer Expansionspolitik treu geblieben und blickte nicht „sehr weit über die geographische Peripherie der Sowjetunion“ hinaus, schrieb einer der bedeutendsten deutschen Geopolitiker der Nachkriegszeit, Lothar Rühl (1927-2025), 1981 in seinem immer noch lesenswerten Werk „Russlands Weg zur Weltmacht“4.

   Stalin beschränkte seine Geopolitik auf den eurasischen Kontinent und erwies sich dadurch „als ein umsichtiger Stratege, der die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Sowjetstaates ökonomisch und machtpolitisch richtig einschätzte und nicht überschätzte. Deswegen lehnte er auch nach 1945 alle Pläne der sowjetischen Marineleitung für ein ehrgeiziges Flottenbauprogramm zum Erwerb hochseefähiger Kampfschiffe für den weltweiten Einsatz oder den Aufbau strategischer Luftstreitkräfte interkontinentaler Reichweite in großem Umfang ab.“5

Mit der Konzentration aller Kräfte allein auf die Kernwaffenentwicklung und den Raketenbau hat Stalin an seiner Kontinentalmachtstrategie bis zu seinem Ableben 1953 festgehalten. Diese geostrategische Positionierung der Sowjetunion änderte sich schlagartig mit dem Aufstieg Nikita Chruščovs zum Generalsekretär der KPdSU.

Mit ihrer „außerordentlich gesteigerten weltpolitischen Aktivität“ hat die Sowjetunion unter Chruščov „die dem Expansionskonzept Stalins eigentümliche Beschränkung fallen“ gelassen, „wonach kommunistischen Machtergreifungen nur in der räumlichen Nachbarschaft der Sowjetunion und mit der direkten oder indirekten Unterstützung der Roten Armee aussichtsreich und daher unterstützungswürdig seien.“6

Erst Nikita Chruščov leitete den Übergang von „der klassischen Kontinentalhegemonie der Stalinschen Epoche“ zur Weltmacht- bzw. Supermachtstrategie ein. Er war der erste Herrscher Russlands, „der versuchte, Weltpolitik zu machen,“ auch wenn er zunächst scheiterte, „weil die Mittel (noch) nicht ausreichten und weil er dabei die Sowjetunion ohne Deckung in Gefahr brachte. Seine dynamische Offensive gegen die amerikanische Weltmacht hatte Erfolge in Indien, im Nahen Osten und in Berlin, stellte aber in Kuba die Schwächen der Sowjetunion mit Eklat bloß.7

Diese von der Sowjetideologie ebenso wie vom persönlichen Machtstreben geleitete Zäsur in der (sowjetischen) Geostrategie, welche die traditionelle, seit Jahrhunderten praktizierte kontinentale Geopolitik samt Stalins vorsichtiger „Kontinentalhegemonie“ über Bord warf, hatte eine das System ökonomisch, technologisch und militärisch völlig überfordernde Überdehnung der sowjetischen Hegemonialpolitik mit verheerenden Folgen für die Existenz des Imperiums zufolge.

   Chruščov traf damit eine fatale geostrategische Entscheidung, die dem Sowjetimperium samt seiner kommunistischen Ideologie letztlich zum Verhängnis wurde. Manche Sowjetnostalgiker haben bis heute die ganze Tragweite dieser auf Chruščov zurückzuführenden geostrategischen Entscheidung der sowjetischen Führung nicht verstanden und träumen immer noch von der Wiederherstellung der „glorreichen“ imperialen Vergangenheit sowjetischer Provenienz.

Das Sowjetimperium hat sich nämlich infolge seiner hegemonialen Überdehnung ökonomisch und ideologisch übernommen, ist sodann kollabiert und anschließend zerfallen. Vor dem Kollaps und Zerfall lagen aber dreißig lange Jahre der sowjetischen Expansions- und Weltmachtpolitik. Denn nach Chruščovs Abdanken war ein „Rückzug Russlands auf sich selbst, eingeschlossen in der Großmachtfestung, die Stalin gebaut hatte, … nicht mehr möglich.“8 „Im Aufstieg zur Weltmacht war der Niedergang schon beschlossen.“9

   Putin ist heute zu der traditionellen, bis auf Stalin mitgetragenen Kontinentalmachtstrategie zurückgekehrt. Russland hat auch und gerade unter Putin der sowjetischen, seit Chruščov eingeleiteten Weltmachtstrategie im Grundsatz abgeschworen und sie endgültig aufgegeben.

Der Ukrainekonflikt entspricht zwar grundsätzlich Putins Kontinentalmachtstrategie, hat aber ursächlich damit nichts zu tun. Die Ursachen des Konflikts liegen eben nicht in der Putin unterstellten Expansionspolitik bzw. seinem sog. „Neoimperialismus“, sondern vielmehr in der Nato-Expansionspolitik seit dem Untergang des sowjetischen Rivalen, vor der ein solch ausgewiesener US-Russlandkenner wie George F. Kennan bereits in den 1990er-Jahren eindringlich warnte. Die Ukraine wäre als Nato-Mitglied für Russland eine geostrategische Katastrophe, da es seine „strategische Tiefe“ – „den Puffer zwischen dem russischen Kernland und mächtigen europäischen Gegnern“ – verloren hätte, worauf die US-Denkfabrik Carnegie Endowment nachdrücklich hingewiesen hat.10

Das Russland von heute zieht sich vielmehr in seine „Großmachtfestung“ zurück, sucht sich einerseits durch die immer enger werdenden ökonomischen und militärischen Beziehungen zu China abzusichern und versucht andererseits angesichts des feindseligen westlichen Umfeldes autark zu werden.

Vor dem Hintergrund der schwächelnden US-Hegemonie, der russischen Besinnung auf seine traditionelle Kontinentalmachtstrategie, die ihrem Selbstverständnis nach letztlich auf eine Revision der von den USA dominierten gesamteuropäischen Sicherheitsordnung hinausläuft, und in Anbetracht eines fulminanten Aufstiegs Chinas zur geoökonomischen Supermacht besteht heute eine einmalige und einzigartige Großmächtekonstellation, die eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur möglich und erforderlich macht.

Mit Recht weist Dmitrij Trenin darauf hin, dass „eine Reform der europäischen Sicherheitsarchitektur“ von „zwei Säulen – einer westlichen und einer russischen“ getragen werden muss und dass diese Sicherheitsarchitektur einen dauerhaften Frieden ohne Miteinbeziehung und Berücksichtigung der russischen Sicherheitsinteressen unmöglich gewährleistet werden kann.11

Anderenfalls besteht die akute Gefahr, dass die EU-Machteliten, die heute in Europa das Sagen haben und glauben, die eigene Bevölkerung mit der „russischen Gefahr“ manipulieren zu können und immer noch davon träumen, Russland eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, selber ihr Waterloo erleben werden.

 

Anmerkungen
  1. Scheidegger, G., Perverses Abendland – barbarisches Russland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse. Zürich 1993, 9.
  2. Scheidegger (wie Anm. 1), 26.
  3. Zitiert nach Wittram, R., Die russisch-nationalen Tendenzen der achtziger Jahre, in: ders., Das Nationale als europäisches Problem. Beiträge zur Geschichte des Nationalitätsprinzips vornehmlich im 19. Jahrhundert. Göttingen 1954, 183-213 (189).
  4. Ruehl, L., Russlands Weg zur Weltmacht. Düsseldorf /Wien 1981, 413.
  5. Ruehl (wie Anm. 4), 413 f.
  6. Grewe, W. G., Spiel der Kräfte in der Weltpolitik. Theorie und Praxis der internationalen Beziehungen. Düsseldorf Wien 1970, 224 f.
  7. Vgl. Ruehl (wie Anm. 4), 416.
  8. Ruehl (wie Anm. 4), 439.
  9. Ruehl (wie Anm.4), 539.
  10.  Rumer, E./Weiss, A. S., Ukraine: Putin`s Unfinished Business. Carnegieendowment.org 12.11.2021.
  11.   Trenin, D., Arms accords between Russia and the west stand a chance despite treat of conflict.ft.com 18.02.2022.
Michael Silnizki

Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.
Mehr Beiträge von Michael Silnizki →

Ähnliche Beiträge:

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen