Rette sich, wer kann: Wohngemeinschaften in Apokalypse-Bunkern

Arche Noah? Vivos-Bunker in South Dacota. Bild: Darlosity/CC BY-SA-3.0

Die Reichen haben Angst. Vor dem Tod natürlich, weil sie doch so wertvoll für die Menschheit sind, länger als das gemeine Volk  zu leben, weswegen Longevity, Anti-Ageing und alle Formen der Körperoptimierung en vogue und Pflicht sind. Sie haben seltsamerweise weniger Angst vor Aufständen, sondern vor einem Atomkrieg, Naturkatastrophen oder einer tödlichen Pandemie. Deswegen scheint sich der Trend zu verstärken, vorsichtshalber in gesicherte Gebäude und Bunker außerhalb von Städten zu investieren, um darin im Fall des Falles überleben zu können – zumindest ein paar Tage länger als die übrigen Menschen. Die Angst kommt wohl auch daher, dass etwa die amerikanischen IT-Oligarchen auf Militär und Aufrüstung setzen. Das geht es nicht nur um Profit, sondern der Krieg schwebt in der Luft.

Um so reicher, desto größer werden die neuen Burgen, wenn die Flucht mit Privatflugzeugen und Yachten als zu unsicher erscheint und die Auswanderung auf einen anderen Planeten, an der die Oligarchen emsig arbeiten, noch in weiter Ferne ist. Wer nicht so viel hat, muss mit seiner Klaustrophobie in engen Bunkern kämpfen. Aber auch in luxuriösen Bunkern lebt man in einem Gefängnis, wenn man, wie befürchtet wird, für längere Zeit nicht mehr aus der Höhle ins Offene gehen darf.

Vielleicht ist es dann ja auch schön und unterhaltsamer, wenn man in einer Art Reichenwohngemeinschaft lebt, größere Räumlichkeiten benutzen und sich entsprechend auch mit Dienern und Bunkermeistern umgeben kann, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten, Reparaturen durchzuführen und für das leibliche Wohl sowie für körperliche und psychische Gesundheit zu sorgen.

Da gibt es zum Beispiel in South Dacota “The Largest Survival Community on Earth” des Vivos Netzwerks mit dem Slogan: „Überstehen Sie einen Atomkrieg, die nächste Pandemie oder den Zusammenbruch der Gesellschaft in relativem Komfort.“ Versprochen wird eine sichere Lage: „Fernab von Ausschreitungen, Gewalt, Zielgebieten und Überschwemmungsgebieten.“ Also eine ländliche Festung, die Städte sind des Übels.

Vivos bietet auch in Indiana Bunker für 80 Menschen und in Europa ein großes, einst sowjetisches „Arche Noah“-Bunkersystem aus dem Kalten Krieg für 500 oder 100 Menschen  in der unterirdischen Größe von 23.000 Quadratmetern an. Die Anlage befindet sich in Rothenstein, Thüringen, in einem Bunker, der als Munitionslager genutzt wurde. Angeboten werden 5-Sterne-Wohneinheiten bis zu 500 Quadratmetern, analog einer Mage-Yacht. Kleinere Wohneinheiten in der Größe von 230 Quadratmetern sind für zwei Millionen zu haben. Halbprivate 9 Quadratmeter-Zimmer kosten pro Person 35.000 bei Belegung mit vier Personen. Da gibt es also schon Unter- und Oberklasse. Dazu kommen dann laufende Betriebs- und Nebenkosten. Wer sich hier einkauft, soll sich auch noch als Altruist fühlen, weil er einen Beitrag für das Überleben der Menschheit leistet: „Mit der Teilnahme jeder Familie an diesem großartigen Projekt geht eine enorme Verantwortung für das künftige Überleben der Menschheit einher!“

Die 575 Bunker von Vivos xPoint auf einem ehemaligen, 45 Quadratkilometer großen Militärgelände sollen “praktisch allen Bedrohungen“ standhalten, sind angeblich mit allem Notwendigen ausgestattet, um ein Jahr zu überleben, und bieten unterschiedlichen Größen von Gemeinschaften Platz. Insgesamt 5000 Menschen sollen hier Platz haben. Vorgestellt wird xPoint als große Festung, zu der nur eine Straße führt, die schon von weitem vom Sicherheitspersonal überwacht wird, um Bedrohungen abzuwehren. Die über das ganze Gelände verstreute Bunker gleichen Gräbern. Sie sind 200 Quadratmeter groß und sollen 10-25 Menschen Platz bieten.

Showroom für die Vivos xPoint-Bunker. Bild: VigilanteScout/CC BY-SA-4.0

Die Besitzer müssen nur kommen, bevor die Bunkersiedlung geschlossen und „vor dem Chaos oben gesichert wird“. Die Bunker stammen aus dem Kalten Krieg und sollen auch gegen nahe Atomschläge gesichert sein: „Sie wurden so gebaut, dass sie Hunderte von Jahren überdauern und den Kräften einer 20-Megatonnen-Atomexplosion in nur wenigen Kilometern Entfernung standhalten.“ Und das in einem angeblich luxuriösem Inneren: „Die meisten Vivos-Schutzräume verfügen über komplett eingerichtete Wohnbereiche mit halbprivaten Schlafzimmern, luxuriösen Badezimmern, Küchen- und Essbereichen, geräumigen Aufenthalts- und Besprechungsräumen, Computern, Unterhaltungselektronik, Fitnessgeräten, einer Bibliothek sowie Bildungs- und Unterhaltungsmaterialien, Sicherheitsvorrichtungen, einem Sicherheitsbereich, Tresoren für Wertsachen und Munition, einer Kommunikationszentrale, Waschmöglichkeiten, einer Werkstatt und vielem mehr.“

Man fragt sich, wo eigentlich das Personal wohnen soll. Davon ist seltsamerweise nicht die Rede. Dazu kommt, dass die Reichen und Superreichen eher dem Typus Egoisten entsprechen werden, die es gewohnt sind, Dienstleistungen zu kaufen, nicht sich wechselseitig zu helfen. Das dürften schlechte Voraussetzungen für die geplanten Wohngemeinschaften, die schon unter normalen Bedingungen, wenn man sich aus dem Weg gehen kann, reichlich Möglichkeiten für Konflikte bieten.

Noch sind nach dem Wall Street Journal nur ein Drittel der Bunker verkauft. Sie kosten 55.000 US-Dollar plus Betriebskosten, vielmehr least man die Bunker für 99 Jahre. Offenbar muss man sich strengen Regeln unterwerfen, so darf man nichts über die Anlage und ihren Besitzer Medien berichten, wenn man nicht gekündigt werden will. Es sind auch nicht immer angenehme Menschen auf dem Gelände. Schusswaffen scheinen verbreitet zu sein – und auch gegen andere verwendet werden, wenn man in Streit gerät.

Das Wall Street Journal schreibt: „Klagen, Gegenklagen und Streitigkeiten häufen sich wegen Kläranlagen, Grundsteuern, freilaufenden Hunden und einer immer länger werdenden Liste von Gemeinschaftsregeln. Die juristischen Auseinandersetzungen haben bereits zweimal den Obersten Gerichtshof des Bundesstaates erreicht. Versprochene Einrichtungen, darunter ein Restaurantbunker, ein Poolbunker und ein Pferdestallbunker, sind noch nicht entstanden. Es wurden Waffen gezogen, und es gab Angebote, die Angelegenheit mit den Fäusten zu klären. Der Bauträger bestreitet jegliches Fehlverhalten und sagt, die Beschwerden kämen von ein paar Unzufriedenen.“

Restaurant-Bunker. Screenshot aus einem YouTube-Video von Vivos

Vivos würde aus verständlichen Gründen die gerne rausschmeißen. Das scheint selbst dann schwierig zu sein, wenn ein Bunkerpächter einen Angestellten mit einer Schusswaffe schwer verletzt. Angefangen hatte der Streit wegen eines defekten Reinigungssystems. Es ging vors Gericht, es eskalierte, bis ein Angestellter mit einem Bagger vorfuhr und den Pächter, einen Army-Veteranen und früheren Gefängniswärter, zu einem Faustkampf aufforderte. Dann schoss er ihn nieder, was aber rechtliche keine Konsequenzen hatte. Das Gericht gewährte ihm Immunität, weil er sein Eigentum nach dem Gesetz von South Carolina auch mit der Waffe verteidigen darf.

Derzeit gibt es eine Sammelklage, in der Vivos vorgeworfen wird, die Ausstattung der Einheiten irreführend dargestellt zu haben. Ein Video von Vivos zeigt Entwürfe von Bunkern, die als Fitnessstudio, Restaurant, Gemischtwarenladen, Gemeindezentrum und medizinische Klinik eingerichtet sind. Eingerichtet wurde nichts. Gefordert werden für 100 Pächter Rückerstattungen.

Die Situation gleicht der in Eigenheimsiedlungen, in denen mit den Nachbarn oder mit Handwerkern in Unfrieden gelebt wird und Rechtsstreitigkeiten auch um Kleinigkeiten gang und gäbe sind. Und wenn dann auch noch schnell Waffen im Spiel sind, wird der Schutz vor der noch ausstehenden Katastrophe zu einem akuten Albtraum zwischen verfeindeten Wohngemeinschaften und den Betreibern. Ob das besser würde, wenn der Ernstfall eintritt und die Gemeinschaft zur Zwangsgemeinschaft wird? Dann wären wohl Gerichte nicht mehr als Streitschlichter vorhanden, sondern würde der Wilde Westen vollends einkehren: Wer schneller schießt, überlebt – vielleicht.

Immerhin bietet Vivo noch eine scheinbar sichere und billigere Möglichkeit des Überlebens (Backup Plan für Humanity) an, allerdings nur der eigenen DNA: „Für diejenigen, die es sich nicht leisten können, physischen Platz in einem Vivos-Schutzraum zu erwerben, gibt es nun den Vivos Global Genome Vault. Diese Tresore dienen als Aufbewahrungsort, der buchstäblich die DNA jedes Menschen auf dem Planeten aufnehmen kann, um dessen Genom zu seiner eigenen zukünftigen medizinischen Wiederherstellung zu erhalten und zu lagern, solange er noch lebt; oder um Teil dessen zu sein, was möglicherweise die nächste „Arche der Menschheit“ werden könnte. Mit dem Vivos Global Genome Vault tragen wir dazu bei, die Artenvielfalt des Planeten vor einem möglichen Aussterben der Menschheit oder vor allem zu bewahren, was unsere Fortpflanzungsfähigkeit in Zukunft beeinträchtigen könnte, einschließlich einer globalen Pandemie oder einer massiven Strahlenbelastung. Die Aufbewahrung von Millionen von DNA-Proben durch Vivos gewährleistet die größtmögliche Chance auf eine zukünftige Wiederherstellung der Menschheit, ungeachtet der Vielzahl möglicher künftiger Katastrophen.“

Man kann davon ausgehen, dass Überlebende wenig Interesse haben, mit großem Aufwand Tote als Klone wiederauferstehen zu lassen. Und wenn es Überlebende gibt, wäre zum Weiterleben der Menschheit keine DNA notwendig. Suggeriert wird, man würde wieder auferstehen, weil die DNA der „eigenen zukünftigen medizinischen Wiederherstellung“ dienen soll. Man will ja schließlich individuell überleben, der Rest der Menschheit interessiert nicht, sonst würde man sich nicht teuer auf die Apokalypse vorbereiten, sondern diese möglichst verhindern.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Ein Kommentar

  1. Wohngemeinschaften in Apokalypse-Bunkern? Also davon habe ich ja noch nie was gehört. Erinnert an Eve und der letzte Gentleman und diesen anderen US-Streifen mit John Goodman und dem Ameisenmann.

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