PSSD: Post-SSRI sexuelle Dysfunktion

Bild: PSSD Network

Was Betroffene nach Antidepressiva-Konsum berichten und wie die medizinische Fachwelt darauf reagiert.

 

Im ersten Teil ging es um die Frage, was Depressionen sind und wie oft sie inzwischen diagnostiziert werden. In Teil 2 beschäftigten wir uns damit, dass die am häufigsten verschriebenen „Antidepressiva“ besser „Serotonin-“ oder „Noradrenalin-Verstärker“ genannt werden. Das hängt von den Gehirnbotenstoffen ab, die sie primär beeinflussen.

Auch offiziell wird anerkannt, dass die Bezeichnung „Antidepressiva“ irreführend ist: denn einerseits wirken diese Psychopharmaka nicht spezifisch antidepressiv, sondern eher aktivierend und emotional dämpfend; und andererseits werden sie für eine ganze Reihe psychischer Störungen verschrieben, darunter auch Angst-, Ess- und Zwangsstörungen. Am Ende dieses Artikels werden wir noch zwei überraschende Anwendungsgebiete an diese Liste hinzufügen.

Im dritten Teil zogen wir erst mit einem psychiatrischen Depressionsexperten ein Zwischenfazit. Das bestätigte die Darstellung, dass diese Psychopharmaka primär zur Dämpfung (von Gefühlen) verschrieben werden. Dies erleichtere auch die ärztliche Arbeit, da die Patientinnen und Patienten dann weniger Aufmerksamkeit forderten. Danach beschäftigten wir uns ausführlicher mit den sexuellen Nebenwirkungen der Serotonin- und Noradrenalin-Verstärker. Diese Medikamente bekommen, wohlgemerkt, allein in Deutschland inzwischen viele Millionen Menschen verschrieben – und mit steigender Tendenz.

Dabei stellte sich heraus, dass fast alle Behandelten eine Veränderung ihrer Sexualität erfahren. Wenn es zu einem Verlust der Lust kommt, zu Taubheit in den Genitalien, zu Erektions- oder Feuchtigkeitsmangel oder zu Problemen beim Orgasmus, kann von einer Störung gesprochen werden. Hält diese nach dem Absetzen der Psychopharmaka an oder tritt sie dann sogar erst auf, spricht man inzwischen von „PSSD“: Post-SSRI sexueller Dysfunktion. „SSRI“ bezieht sich auf die Serotonin-Verstärker. Weiter unten behandeln wir neue Forschung, die die Risiken für bestimmte Präparate miteinander verglich.

Wir sahen in Teil 3, dass es schon in den frühen 1990ern Berichte über sexuelle Nebenwirkungen der „Antidepressiva“ gab. In der medizinischen Fachwelt wurden diese aber lange nicht ernst genommen. Diesmal beschäftigen wir uns eingehender damit, was das für die Betroffenen bedeuten kann und was man heute über das Störungsbild weiß.

Erfahrungen aus Betroffenensicht

Während PSSD in der psychiatrischen Forschung vernachlässigt wurde und wird, haben sich inzwischen Fachleute aus der klinischen Psychologie und Sexuologie näher mit den Erfahrungen der Betroffenen beschäftigt. Erst 2025 erschien eine Studie unter Leitung von Lianne Rosen, Sexuologin an der Universität von Ottawa in Kanada; und dieses Jahr eine unter Leitung von Sarah Fish, klinische Psychologin an der Universität von East Anglia im Vereinigten Königreich.

Einige Befragte beschrieben die anhaltenden Nebenwirkungen von Serotonin- und Noradrenalin-Verstärkern als „innere Leere“ oder als der Abstumpfung der Gefühle, so als ob alle Farben aus der Welt verschwunden seien. Ein Mann, Thomas (alle Namen geändert), würde lieber fünf Jahre an Krebs leiden und dann sterben als weiter ohne Gefühle durchs Leben zu gehen. Ein anderer, Frank, beschrieb PSSD „fast wie ein Leben mit Todesurteil“. Auch er fand das schlimmer als den Gedanken, bald an Krebs zu sterben.

Thomas klagte auch über Beziehungsprobleme. Die sexuellen Nebenwirkungen hätten das Selbstvertrauen seiner Partnerin beeinträchtigt. Sie habe sich die Schuld dafür gegeben, dass er im Bett nicht mehr konnte. Tatsächlich berichteten manche Betroffene vom Niedergang ihrer Beziehung wegen der sexuellen Nebenwirkungen. Für einen anderen Befragten, Michael, war der innere Kern seiner Männlichkeit angetastet. Ähnlich beklagte eine Frau, Bethany, dass ihr eine der fundamentalsten Facetten des Menschseins genommen worden sei. Sie fürchtete außerdem, kein normales Familienleben mit Kindern mehr erfahren zu können.

Andere beschrieben den Zustand als „Leben in der Hölle“, als „Zombie-Zustand“, als „lobotomiert“, als „Albtraum“ oder als „hoffnungslos“. Einige gaben an, wegen der Nebenwirkungen an Suizid zu denken oder sogar schon einen Versuch unternommen zu haben. Tatsächlich spricht Psychiatrieprofessor Healy von mindestens 20 ihm bekannten Fällen von Suizid wegen der anhaltenden Nebenwirkungen. 2006 habe ein Mann nach dem Verlust der Sexualität seinen Arzt erschossen. Dieser Patient sei aber mit dem Akne-Mittel Isotretinoin behandelt worden, nicht mit einem „Antidepressivum“.

Hinweis: Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Nummer gegen Kummer (116 111) oder Online-Angebote können helfen.

Nicht ernst genommen

Neben diesen Geschichten von persönlichem Leid und Hoffnungslosigkeit fühlten sich viele der Befragten von den medizinischen Fachleuten im Stich gelassen. Man habe sie nicht über die Risiken informiert. Oder man habe behauptet, die Probleme würden beim Absetzen der Medikamente wieder verschwinden. Als sie über die Nebenwirkungen klagten, hätte man sie nicht ernst genommen, die Probleme für Einbildung oder ein Symptom der depressiven Störung gehalten. Tony meinte, sein Hausarzt hätte die Nebenwirkungen als unmöglich abgetan, da der Wirkstoff nicht mehr in seinem Körper sei. Danach habe er sich im Internet informiert und mit anderen Betroffenen Kontakt aufgenommen.

Von den Betroffenen mit PSSD gaben viele an, nie mehr einem Psychiater oder einer Psychiaterin vertrauen zu können. Sie hätten sich letztlich selbst um das Problem kümmern müssen. Viele berichteten auch von dem Wunsch, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. In den USA hat sich dafür ein PSSD-Netzwerk gegründet.

Manchen habe man erzählt, es gebe keine andere oder jedenfalls keine bessere Behandlung der Depressionen als die Medikamente. Eine Betroffene meinte, man habe sie unter Druck gesetzt, „Antidepressiva“ zu nehmen: „Es ist keine neutrale Entscheidung, wenn man erzählt bekommt, dass mit deinem Gehirn etwas nicht stimmt.“

Tatsächlich brachte eine neue Befragung in Deutschland unter der Leitung von Bodo Karsten Unkelbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Seelische Gesundheit Marienheide, Ähnliches zutage: 37 Prozent der Patientinnen und Patienten hätten Druck erfahren, gegen ihren Willen „Antidepressiva“ einzunehmen. Die Stichprobe bestand allerdings nur aus 146 Betroffenen in der eigenen Klinik und ist daher nicht repräsentativ für alle Behandelten.

Die medizinische Welt

Schon in den 1990ern wurden die Effekte von Serotonin-Verstärkern auf die Sexualität kritisch in der Wissenschaft diskutiert. Um Nebenwirkungen von sexuellen Problemen im Zusammenhang mit der psychischen Störung zu trennen, formulierte damals Raymond C. Rosen, Psychiater an der Uniklinik von New Jersey, zusammen mit zwei Kollegen eine dringende Empfehlung: Man solle das Thema mit den Betroffenen diskutieren und das sexuelle Funktionieren vor Beginn der medikamentösen Behandlung dokumentieren. Aber noch über ein Vierteljahrhundert später wird sowohl von Fachleuten als auch von Betroffenen moniert, dass das nicht geschieht.

Dabei wäre das auch für die primäre Behandlung der Depressionen wichtig. Denn eine Befragung unter Federführung von Adam Ashton, Psychiater an der Uniklinik der State University of New York, ergab schon 2005: Gewichtszunahme, Erektionsstörungen und Orgasmusprobleme wurden von den Patientinnen und Patienten nicht nur als extreme Belastung erfahren. Vielmehr wurde die medikamentöse Behandlung aufgrund dieser Nebenwirkungen oft abgebrochen. Wer also als Arzt oder Ärztin vom Nutzen der „Antidepressiva“ überzeugt ist, sollte die Möglichkeit und Bedeutung solcher Probleme ernst nehmen.

Der in dieser Artikelserie bereits häufiger erwähnte britische Psychiatrieprofessor David Healy und andere wandten sich 2019 mit einer Sammlung von Erfahrungsberichten und Meldungen von sexuellen Nebenwirkungen an die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Diese erkannte im Mai jenes Jahres an, dass sexuelle Störungen nach dem Absetzen von Serotonin-Verstärkern bestehen bleiben können. Einen Monat später empfahl die Behörde den Pharmafirmen, vor dieser Nebenwirkung zu warnen.

Meines Wissens sind die USA diesem Beispiel bis heute nicht gefolgt. Das kritisierte auch die im dritten Teil erwähnte 23-jährige amerikanische Studentin Lauren Friedman noch im Mai dieses Jahres öffentlich.

Dürftige Studienlage

Da das Problem über Jahrzehnte weitgehend ignoriert wurde, ist die schlechte Studienlage keine Überraschung. Laut einer Auswertung israelischer Forscher aus dem Jahr 2023 ist 1 von 216 (also 0,5 Prozent) der mit Serotonin-Verstärkern behandelten Personen von bleibenden sexuellen Problemen betroffen. Das wären von den in Deutschland heute rund 5 Millionen Behandelten immerhin schon 25.000 Personen. Diese Auswertung hat aber mehrere Haken:

So gingen die Forscher von einer sehr reduzierten Definition von PSSD aus. Als Maßstab wurde gewählt, ob jemand nach einer Behandlung mit Serotonin-Verstärkern ein Medikament gegen Erektionsstörungen verschrieben bekam. Diese Auswertung erfasste also nur Männer. Wie wir oben sahen, können sich die sexuellen Nebenwirkungen aber auch in vielen anderen Formen äußern, etwa dem Verlust von Lust, Taubheit im Genitalgewebe, vaginaler Trockenheit oder Orgasmusproblemen. Auch wer sich mit seinen Problemen nicht medizinisch behandeln ließ oder die Medikamente ohne Verschreibung nahm, wurde in dieser Auswertung nicht gezählt. Demnach sollte man die 0,5 Prozent eher als Untergrenze ansehen.

Eine neue kanadische Studie berichtet ein viel häufigeres Auftreten. Für die Befragung unter Federführung von Travis Salway, Gesundheitswissenschaftler an der Simon Fraser Universität in Burnaby, füllten 2179 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 29 Jahren einen Online-Fragebogen aus. Die Ergebnisse sind dann zwar nicht repräsentativ. Aber im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die keine „Antidepressiva“ erhalten hatte, berichteten hier 13 Prozent der Betroffenen von einem verringerten Gefühl in den Genitalien.

Alles doch keine Einbildung?

Abgesehen von den vielen Erfahrungsberichten gibt es jetzt auch einen starken Hinweis aus der medizinischen Forschung, dass die sexuellen Nebenwirkungen weder Einbildung noch ein Teil der depressiven Störung sind. Die Ergebnisse hierfür kommen von einer deutschen Gruppe:

Unter Federführung des Psychiaters und Psychosomatikers Rene Zeiss von der Uniklinik Ulm wurden hierfür Berichte über Nebenwirkungen verschiedener „Antidepressiva“ von der Datenbank der Weltgesundheitsorganisation abgefragt. Dabei kam unter anderem heraus, dass Orgasmusstörungen bei den Wirkstoffen Reboxetin, Clomipramin und Paroxetin besonders häufig berichtet wurden. Probleme bei der sexuellen Erregung wurden bei Vortioxetin, wiederum Paroxetin und Fluoxetin am häufigsten gemeldet. Da die verkauften Medikamente oft anders heißen als die Wirkstoffe, sollten Betroffene in die Packungsbeilage schauen.

Die Wahrscheinlichkeit für Probleme beim sexuellen Verlangen („desire“, orange), der Erregung („arousal“, grün) und dem Orgasmus (blau) nach Wirkstoff. Die Grafik nennt deren Namen auf Englisch. Die der verschriebenen Medikamente können hiervon abweichen. Je höher ein Balken, desto höher die Wahrscheinlichkeit für die Nebenwirkung (ROR). Datenquelle: VigiBase™ der Weltgesundheitsorganisation. Abbildung: Zeiss et al., 2024. Lizenz: CC BY 4.0

Mögliche Ursachen und Behandlungen

Laut dieser Forschungsgruppe hängt die Häufigkeit der sexuellen Nebenwirkungen damit zusammen, wie stark ein Wirkstoff an den Serotoninrezeptor im Gehirn andockt. Das könnte einen Hinweis auf einen neurobiologischen Mechanismus liefern.

Vorläufige urologische Funde deuten aber darauf hin, dass das Problem auch mit vermehrten Entzündungen oder einem Verlust an Nerven im Genitalgewebe zusammenhängen könnte. Mit Blick auf die unterschiedlichen Symptome – teils eher auf der Ebene des Lustgefühls, teils eher bei der Erektion oder Feuchtigkeit – könnte es aber durchaus sein, dass die Ursachen der Störung sowohl im Gehirn als auch in den Genitalien liegen.

Es gibt bisher keine anerkannte Behandlung für PSSD. Laut einer niederländischen Studie litt eine Person schon seit 23 Jahren darunter. Neben Psychotherapie, in der man sich primär auf den Umgang mit dem Problem richtet, und den schon bekannten Medikamenten gegen Erektionsstörungen untersucht man derzeit einige andere Verfahren. Dabei verwendet man beispielsweise elektrische Stimulation oder Vibrationen direkt am Glied oder im Dammbereich zwischen Penis und Anus. Man versuchte es sogar schon mit Laserstrahlen. Laut meiner Recherche richtet sich die Forschung bisher aber vor allem auf die sexuelle Funktionsstörung bei Männern.

Man hätte es früher wissen können

Alles in allem ergibt sich wieder einmal ein ernüchterndes Bild der Medikation psychischer Störungen: Im dritten Teil habe ich kurz angeschnitten, dass die Serotonin-Verstärker Ende der 1980ern auf den Markt kamen, als man die Psychiatrie gerade für die massenweise Ruhigstellung ängstlicher Menschen – vor allem übrigens Frauen – kritisierte. Die neuen Substanzen wurden darum gezielt anders vermarktet als die damals populären Beruhigungsmittel, nämlich als „Antidepressiva“. Im Ergebnis behandelt man heute aber wieder oft Ängstlichkeit und haben wieder viele Betroffene ein Problem mit Medikamentenabhängigkeit.

Die komplexen Wirkungen und Nebenwirkungen dieser Psychopharmaka konnte ich in der Artikelserie nur kurz anreißen. Eingehender haben wir uns nun mit den sexuellen Funktionsstörungen beschäftigt, die manchmal auch nach dem Absetzen der Medikamente bleiben oder dann sogar erst auftreten.

Schon seit den frühen 1990ern, also kurz nach der Zulassung der Serotonin-Verstärker, wurden erste Fälle bekannt. Ebenfalls in den 1990ern gab es in der Forschungsliteratur dringende Empfehlungen, die Sexualität depressiver Patientinnen und Patienten bei der medikamentösen Behandlung systematisch zu überprüfen. Dass das bis heute nicht geschah, ist nach meinem Dafürhalten ein weiterer Skandal über den sorglosen Umgang mit Psychopharmaka in der Psychiatrie und Allgemeinmedizin.

Im Ergebnis kann man auch 35 Jahre später noch nicht einmal die Häufigkeit von PSSD mit Sicherheit bestimmen. Im Gegenteil klagen auch in jüngerer Zeit noch Betroffene darüber, nicht auf die Risiken hingewiesen und bei der Meldung der Nebenwirkungen nicht ernst genommen worden zu sein.

Umgang mit Nebenwirkungen

Wie ich in meinem Buch über die Depressions-Epidemie ausführte, erklärte Psychiatrieprofessor David Healy schon 2004 in Let Them Eat Prozac (dt. Sollen sie doch Prozac essen), dass die Pharmafirmen selbst gar kein Interesse an der Aufklärung solcher Nebenwirkungen haben. Prozac (Fluoxetin, Fluctin) ist einer der auf dem Markt erfolgreichsten Serotonin-Verstärker und hat dem Pharmakonzern Eli Lilly and Company seit der ersten Zulassung in den USA 1987 viele Milliarden an Umsatz beschert.

Die Firmen hätten, so Healy, zum Teil dieselben Anwaltskanzleien eingeschaltet, die zuvor die Tabakindustrie gegen hohe Schadensersatzforderungen verteidigten. In diesen Gerichtsverfahren habe sich das Nichtwissen ausgezahlt: Je weniger die Firmen über mögliche Folgeschäden wussten, desto weniger habe man sie rechtlich zur Verantwortung ziehen können.

Wie wir sahen, erfahren fast alle Patientinnen und Patienten durch die Einnahme von Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern sexuelle Veränderungen. Das Problem war übrigens schon bei den älteren „Antidepressiva“ bekannt, auch wenn es bei ihnen seltener auftrat.

Man muss kein Einstein sein, um dieses Risikopotenzial zu verstehen: Serotonin-Verstärker werden nämlich auch zur Behandlung von vorzeitigem Samenerguss verschrieben. Vielleicht helfen die sogenannten Antidepressiva damit einigen Männern, die sonst zu schnell „kommen“ – aber gelingt es anderen dann gar nicht mehr, den Höhepunkt zu erreichen.

Die Medikamente, die man immer häufiger und in Deutschland inzwischen vielen Millionen Menschen verschreibt, werden sogar zur chemischen Kastration von Sexualstraftätern und zur Unterdrückung unerwünschter Sexualität bei dementen Personen verwendet. Warum werden aber andere Patientinnen und Patienten so gut wie nie hierüber informiert? Auch die 23-jährige Lauren Friedman meinte, sie hätte diese Psychopharmaka nie genommen, wenn man ihr vorher von diesen Anwendungen erzählt hätte.

Offene Fragen

Das sind Fragen, auf die es aus der Ärzteschaft hoffentlich bald Antworten geben wird. Bezeichnenderweise hieß es in einer aktuellen Ausgabe der angesehenen Fachzeitschrift Nature zur neuen kritischen Diskussion der Serotonin-Verstärker aber:

„Bevor Wissenschaftler vollständig erklären können, warum Entzugserscheinungen auftreten – oder wie man ihnen am besten vorbeugen oder sie behandeln kann – müssen sie grundlegendere Fragen beantworten: Was geschieht im Gehirn, wenn jemand depressiv ist? Und was genau bewirken SSRIs, um dies zu verändern?“ (Peeples, 2026, S. 813; dt. Übers.)

Wohlgemerkt, es geht hier um Medikamente, die man seit vierzig Jahren ohne größere Vorbehalte und immer häufiger verschreibt! Laut dem Artikel nehme in den USA inzwischen gut ein Sechstel beziehungsweise 17 Prozent aller Erwachsenen „Antidepressiva“. Die Zahlen für Großbritannien sind ähnlich. Dabei weiß man nach all den Jahrzehnten der Forschung immer noch nicht genau, wie diese Stoffe im Körper wirken. Warum sollten wir noch glauben, dass man die wichtigen Fragen mit weiteren Dekaden dieser teuren und einseitigen biologisch-pharmakologischen Forschung wird beantworten können?

Dieses Fazit könnte einen depressiv stimmen. Im nächsten und abschließenden Teil der Artikelserie werden wir die Depressions-Epidemie noch einmal im größeren Maßstab betrachten. Hoffen wir, dass dabei mehr als nur ein Funken Hoffnung übrig bleiben wird!

Achtung! Bei der Änderung oder dem Absetzen von Psychopharmaka oder deren Dosierung kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen. Besprechen Sie die Möglichkeiten und Risiken im Voraus mit Ihrem behandelnden Arzt oder der Ärztin.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht.

Zum Thema s.a. sein Buch: Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen

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Stephan Schleim

Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Sein Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Wissenschaftsproduktion und –kommunikation. Schleim ist Autor mehrerer Bücher zu Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie.
Bild: Elsbeth Hoekstra
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Ein Kommentar

  1. „Ein Mann, Thomas (alle Namen geändert), würde lieber fünf Jahre an Krebs leiden und dann sterben als weiter ohne Gefühle durchs Leben zu gehen.“

    Ich könnte mir vorstellen, dass er mit Krebs im Endstadium anders darüber denken würde.

    Meines Wissens sind Antidepressiva Teil einer ambulanten Therapie, d. h. die Patienten können einfach ablehnen oder damit aufhören. Nach meiner Erfahrung ist allerdings der Leidensdruck in solchen Fällen so groß, dass sie freiwillig das „Gedankenkarussell“ zum Schweigen bringen wollen. An Sex denkt in so einer Situation keiner.

    Umgekehrt: Wenn jemand schon wieder so weit aufgebaut ist, dass es um die praktische Umsetzung des Knatterns geht, dann ist es vielleicht ohnehin Zeit zum Ausphasen. Das Zeug ist ja nicht als Dauertherapie gedacht, oder?

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