
Die Adaptionsmöglichkeiten des Menschen in der Transformation des Planeten. Ein Interview mit Armen Avanessian, Teil 1.
Wie stellen sich Menschen auf die bevorstehenden Krisen ein? Können Separatinteressen angesichts planetarer Dimensionen von Zukunftstechnologien noch aufrechterhalten werden oder fordert eine genaue Betrachtung unserer planetarischen Verhältnisse eine andere Art der Ethik, die über das Menschliche hinausdenkt? Was das genau heißt, erörtern Armen Avanessian und Dominik Irtenkauf im folgenden Gespräch. Dabei gilt: „Unser Verhältnis zu anderen Wesen und Dingen, von Werkzeugen über Mikroorganismen bis zu ganzen Umwelten, ist stets reziprok. Wir sind Teil eines gemeinsamen evolutionären Entwicklungsprozesses.“ (S. 63) Im Buch formuliert Avanessian die Konsequenz aus den dort vorgestellten Thesen: „Wir müssen lernen, (das Philosophieren über) unsere menschliche Alltagsmoral nicht weiter in Ignoranz des Planetarischen (Denkens) zu betreiben. Und das heißt in diesem Zusammenhang vor allem auch: herauszufinden auf welche zukunftsträchtigen Fähigkeiten wir und andere miteinander zurückgreifen werden können.“ (S. 103)
In diesem Sinn beginnt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Thesen des Buches nach einer Neuausrichtung der eigenen Perspektive und einer weiter gefassten Kontextualisierung der menschlichen Position im planetaren Geschehen.
Prof. Dr. Armen Avanessian ist Inhaber des Lehrstuhls für Medientheorie am Fachbereich Kulturwissenschaften und Kommunikationswissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Letzte Bücher: Planetarische Ethik. Tractatus Ethico-Planetarius (2025) und Überwintern: Lebensstrategien in dürftiger Zeit.
Ihr neues Buch trägt den Titel „Planetarische Ethik“. Auf S. 103 nennen Sie „zukunftsträchtige Fähigkeiten“. Welche sind das in Bezug auf diese vorgestellte Ethik?
Armen Avanessian: Mich interessiert der Paradigmenwechsel im herrschenden Paradigma der Evolution: Weg von einer langsamen Entwicklung von hunderttausenden vertikalen Entwicklungen hin zu einer Evolution von kürzerer horizontaler Entwicklung. Ich denke, für die Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist es nicht zufällig, dass in letzter Zeit zunehmend andere Formen von Evolution und größerer Transformationen in den Blick kommen. Evolution als Austausch zwischen Gattungen einerseits, das ist horizontal und andererseits in viel kürzeren Zeit-Amplituden. An die Stelle langsamer Adaption an andere Umweltbedingungen treten Begriffe wie Exaption oder Ko-Option. Das ist eines der Phänomene, das mich sehr interessiert. Es geht eher darum, zu lernen, was ich denn für Dinge in den Nischen, in denen ich mich entwickelt habe, auch in anderen Bereichen anwenden kann.
Alles, was wir entwickelt haben, ist immer schon im Austausch mit anderen Gattungen, die uns domestiziert haben, wie wir sie domestiziert haben, die im ko-evolutionären Prozess mit uns co-evolved haben, aber eben auch in den Nischen, in denen wir gelebt haben. Dass diese Fähigkeiten in ganz anderen Umwelten möglicherweise ganz andere Funktionen annehmen können. In der Evolutionstheorie werden zum Beispiel die Schwimmblasen diskutiert, die zu Lungen wurden oder die evolutionsgeschichtliche Entwicklung des Auges. Der Punkt ist hier, dass wir uns nicht anpassen, sondern die Funktionen, die Organe, die Eigenschaften, die Talente, die Fähigkeiten, die Techniken, die wir schon haben, auf verschiedenste Weise zu ganz anderen Handlungen nutzen können, von denen wir noch gar nicht wissen, wofür sie da sind. Das sind keine megalomanen Vorschriften oder Science-Fiction, die den Menschen vorschreiben möchte, wie sie sich entwickeln sollen, sondern schon ein Hinweis darauf, wie es auch über Ko-Option funktioniert hat und nicht nur über Adaption. Das ist etwas, das bei rasanten und drastischen evolutionären Entwicklungen, denke ich, auch von Bedeutung ist.
Neben den naturwissenschaftlichen Erklärungen verfolgen Sie auch eine klare ethische Linie.
Armen Avanessian: Das Buch hat eine axiomatische These, von der ausgehend systematisch versucht wird, etwas zu klären. Die axiomatische These ist, dass die beiden Krisen, die ständig in unserer Gesellschaft am meisten diskutiert werden, nämlich die Klimakrise/Klimawandel und KI, einen systematischen Zusammenhang haben, der bislang nicht ausreichend verstanden wurde, und deshalb auch viele Erklärungsversuche zu kurz greifen. Das zwingt teilweise auch zu einer axiomatischen Behandlung des Themas. Das Buch hat auch viele Einwände gegen einen Großteil der moralphilosophischen Tradition. Es versucht dagegen, Ethik stark zu machen. Eine untergründige ethische Tradition zu reaktivieren und aktualisieren. Grob gesagt: Moral als Tradition der Erklärungsversuche und der Vorschriften istabzugrenzen von Ethik als Technik der Selbststeuerung und Selbstveränderung, die in unseren Zeiten eine höhere oder größere Relevanz bekommt.
Denken Sie, dass moralphilosophische Überlegungen bei den gerade beschriebenen Krisen überwiegen?
Armen Avanessian: Es gibt sehr interessante und tiefgreifende moralphilosophische Überlegungen zum Thema Klima und zum Thema KI. Ich wollte aber etwas anderes versuchen: Ich grenze meinen Versuch von diesen klassischen Erklärungsmodellen, teilweise auch Appellen zu besseren Verhaltensweisen, ab und versuche Ethik als eine Übergangs- und Transitionstechnik stark zu machen. Das hat viel damit zu tun, was ich unter planetarischem Denken verstehe. Wie ich die Geschichte der Entwicklung des Planeten als eine Evolution oder Ko-Evolution mit unterschiedlichen Lebensformen verstehe, die sich in grossen Übergängen hat. Daher ist Ethik für mich als eine Ko-Options-Technik von Bedeutung. Das ist eine ganz andere Herangehensweise als eine moralphilosophische.
Wie unterscheidet sich dieses dann? Eine Ethik gibt auch Handlungsoptionen vor. Es geht dann schon darum, die beiden Krisen zu erfassen, zu verarbeiten und daraus Folgen für das eigene Handeln abzuleiten?
Armen Avanessian: Ich spiele mit den (klassischen) vier Kantischen Fragen und versuche, diese umzuformulieren. Es geht darum, davon wegzukommen: „Was kann ich wissen“, „Was kann ich tun?“, „Was kann ich hoffen?“, „Was ist der Mensch?“, für die ich jeweils Alternativen formuliere. Also dass wir uns z.B. eher fragen: Welche Formen von Intelligenz(en) gibt es? Welche Formen von Wissen gibt es? Da geht es auch darum, welche Arten von Zukunft wir haben. Wer sind in diesem Prozess ganz andere Akteure? Das ist etwas Anderes als in klassischen moralphilosophischen Einlassungen. Ich kann es nochmal an der Evolutionsbiologie erklären: Da gibt es zwei starke Strömungen – auf der einen Seite herrscht ein sozialdarwinistisches Kalkül, dass man mit der Evolution zeigt, wie grausam es schon im Tierleben zugeht und auf der anderen Seite zeigen Wissenschaftler in faszinierenden Studien, wie früh schön kooperatives, beinahe altruistisches Verhalten in der Tierwelt etabliert ist. Nicht nur bei Primaten, sondern auch bei anderen Säugetieren und Insekten – sogenannte Eusozialität. So faszinierend ich das finde, habe ich dennoch versucht, mich davon etwas abzugrenzen.
Mich interessiert eher ein in der Evolutionstheorie und in der Evolutionsbiologie entwickeltes Modell von major evolutionary transitions, von großen evolutionären Umbrüchen, die das Davor und Danach wirklich radikal unterscheiden. Ich denke nicht nur an die kulturelle Evolution, sondern wann die Photosynthese erfunden wurde oder wann nicht mehr Zellteilung, sondern geschlechtliche Fortpflanzung stattgefunden hat. Was ich versuche zu zeigen, ist, dass dies immer in zwei Dimensionen stattgefunden hat, erstens die Art und Weise, wie Information weitergegeben wird und andererseits zweitens mit welchen Energien operiert wird, wie die angezapft und weiterverarbeitet werden. Das sind genau die Dimensionen, die uns heute auch mit Klimawandel und KI beschäftigen.
Entscheidend ist dabei, dass sich Transitionen dadurch auszeichnen, dass es danach new individuals gibt, wie es die Evolutionsbiologen nennen, das heißt, es gibt dazu in der Philosophiegeschichte auch ethische Traditionen, die aber untergründig geblieben sind. Ich denke da an Spinoza und an Nietzsche, an Foucault und an Deleuze. Es ist nicht die Disziplin, die sich mit dem Guten und Schlechten oder Bösen beschäftigt, sondern Fragen der Subjektkonstitution aushandelt. Welche Subjekte werden hergestellt? Welche Akteure und welche Agenten von Veränderungen werden produziert? Das ist eine andere Fragerichtung als die Frage nach dem Guten und dem Schlechten, das by the way wenig über das gute Leben äußert. Das ist ein bisschen mein Vorwurf gegenüber der Moralphilosophie. Mich interessiert ein evolutionsbiologisch und astrobiologisch informiertes Verständnis von Leben als einem planetarischen Phänomen. Da wird Ethik als Übergangstechnik und Konstitutionstechnik von Leben relevant und nicht bloß, nach welchen Vorschriften ich mich gut verhalten soll oder warum sich Menschen überhaupt nach solchen richten sollen oder nicht.
Die Frage stellt sich dann nach der Position des Menschen in der ganzen Sache. Sie haben die anderen Intelligenzen kurz angesprochen. Mit der biographischen Tiefenzeit erscheint in Ihrem Buch auch eine kosmische Dimension, die den Menschen auf eine andere Skala hebt. Wie ist diese Erweiterung zu verstehen?
Armen Avanessian: Das ist mein zweites Buch zur Thematik des Planetarischen – Allzu oft ist der mir nachvollziehbare politische Impuls begegnet, das Planetarische von neutralen Begriffen wie der Erde, oder negativ konnotierten wie dem Globalen, der Globalisierung abzugrenzen als das Gute, aber eben als das radikal Andere. So ein Verständnis unserer Planetarität bleibt für mich, wenn es nicht naturwissenschaftlich informiert ist, durchaus schwammig. Auch der Begriff des Anthropozäns, von dem niemand genau weiß, ist das ein Phänomen, das es seit 80 Jahren gibt, seit der Great Acceleration, oder beginnt es schon mit der Dampfmaschine, oder mit der Kolonialisierung oder bereits mit der Nutzung des Feuers vor ein paar Hunderttausend Jahren? Davon abgesehen, dass der Begriff Anthropozän auch problematisch ist, weil er den Menschen wiederum als Ausgangspunkt nimmt.
Diesen historischen Schwammigkeiten versuche ich mit einem historisch genau informierten Verständnis des Planetarischen und der evolutionären Entwicklung zu begegnen, die, wie ich bereits angedeutet habe, immer Veränderungen in der Energie und Informationsweitergabe betrifft. Ob es sich zum Beispiel um kulturelles Erbgut oder Bücher handelt oder um heute in der Cloud gespeicherte Daten oder sogenannte Künstliche Intelligenz, es handelt sich jeweils um neue Formen der Informationsverarbeitung und ihrer Weitergabe, und ich versuche ich da etwas tiefenzeitliche Ordnung hineinzubringen. Den Planeten nicht als the other zu verstehen, dessen tiefengeologische Zeit radikal anders ist als unsere, sondern diese ethische Herausforderung oder Irritation anzunehmen, dass wir die erste Generation sind, die begreifen, dass unsere Handlungen tiefenzeitliche Auswirkungen haben, weil wir relativ präzise angeben können, was vor 1,4 oder 2,3 Milliarden Jahren genau geschehen ist und inwiefern wir die Erben dieser tiefenzeitlichen Prozesse sind. Die tiefenbiographische Zeit ist eine reale Erfahrung ebenso wie Hyper-Antizipation, also die zunehmende Bombardierung mit Informationen aus der Zukunft oder was in Zukunft geschehen wird. Der Meeresspiegel 2030, die Temperaturen 2050, das Massensterben 2070, die demographische Entwicklung bis 2100. Das sind neue Erfahrungen, bei denen sich die Tiefenzeit und die biographische Zeit überschneiden. Dafür habe ich im vorigen Buch mit Daniel Falb diese Begriffe entwickelt, wo der Planet nicht das Andere ist, sondern was mich interessiert, inwiefern er sich in unser Leben einschreibt.



Hab das Interview bzw Stichwirtmonolog bisher nur überflogen, aber mir scheint zu unterschlagen dass die Transformationen und der darin begründete Evolutionsanteil ihre Ursache stets in planetaren Katastrophen hat.
Transfirmation und Evolution sind keine Werte an sich. Zu fördern ist vielmehr die Tesilienz was nur durch Vielfalt möglich ist, nicht die Transformation, das ist ein Rezept zum Untergang und e8ne Katastrophe in sich.