Pistorius an der „Ostfront“ in Saporischschja

Screenshot von YouTube-Video von UNITED24.

Fronterlebnis und Showveranstaltung.

 

  „Wir haben … eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die hier (in der Ukraine) leben und den Generationen, wenn es um Sicherheit und die von Russland ausgehenden Bedrohung geht.“ – Boris Pistorius, Saporischschja, Mai 2026

1. Boris Pistorius´ Erlebnisse in Saporischschja

    Bei seinem Besuch in der Ukraine im Mai 2026 gab der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius einer ukrainischen englischsprachigen Nachrichtenplattform UNITED24Media ein „Interview“, das am 16. Mai 2026 unter der Überschrift „We Didn’t Do Enough‘: Pistorius on NATO, Russia, and Europe’s Defense Wake-Up Call“ (Wir haben nicht genuggetan: Pistorius über die Nato, Russland und Europas Weckruf in der Verteidigung) ausgestrahlt wurde.

Laut der Ankündigung in der Vorschau traf sich die United24-Interviewerin Zhenia Melnyk „mit dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius und seinem ukrainischen Amtskollegen Mychajlo Fjodorow in Saporischschja, nur 20 Kilometer von der Frontlinie entfernt zu einem Gespräch, das weit über Diplomatie hinausgeht. Die Aufnahmen entstanden während Pistorius‚ siebtem Besuch in der Ukraine und beleuchten die tatsächliche Lage im Krieg.“

Wie sich im Verlauf der vorgelegten Analyse noch herausstellen wird, war der stattgefundene „Frontbesuch“ in Saporischschja eine als „Fronterlebnis“ inszenierte und als „Interview“ getarnte Showveranstaltung. Ob der deutsche Gast seinen „Frontbesuch“ überhaupt als Inszenierung begriffen hat, ist vor dem Hintergrund der nachfolgenden medialen Berichtserstattung in Deutschland mehr als fraglich.

Das ausgestrahlte „Interview“ dauerte 25,38 Minuten und fand in einem verdunkelten, leeren und schmucklosen Raum statt. Inmitten des Raumes sah man eine Frau und zwei Männer auf Stühlen sitzend: die Interviewerin Melnyk, Pistorius und Fjodorow. Der 66 Jahre alte Pistorius sah ziemlich abgespannt und müde aus, wohingegen der 35 Jahre junge Fjodorow locker und konzentriert war.

Die meiste Zeit (etwa 65-70 %) sprach Fjodorow und nicht Pistorius, was die Vermutung nur bestätigt, dass es hier nicht so sehr um ein Interview mit Pistorius als vielmehr um eine inszenierte Show für Pistorius ging.

Der verdunkelte, leere und schmucklose Raum sollte wohl suggerieren, wie gefährlich doch der Besuch des deutschen Gastes nahe der Front war. Auf Melnyks erste Frage, warum er eigentlich trotz Luftalarm und gefährlicher Lage in Saporischschja ist, sagte Pistorius: „Ich bin hier, um einen sehr genauen und realistischen Eindruck zu gewinnen, was in diesem Krieg wirklich vor sich geht. Vor allem hier an der Front. Um in Deutschland und Europa besser darüber sprechen zu können. Denn wir sprechen über den Krieg so, als ob er etwas Technisches wäre. Es ist aber mehr – es geht um Tod. Es geht um Strategie. Und es geht darum, das eigene Volk zu verteidigen. Deshalb brauche ich diesen sehr konkreten Eindruck aus dem Leben.“

Wie „konkret“ sein Eindruck war und warum er ausgerechnet nach Saporischschja kam, wird erst gegen Ende des Interviews deutlich. Pistorius hat nämlich, vor den Monitoren sitzend, den Krieg „hautnah“ erlebt. „Wir haben gerade einen konkreten Angriff beobachtet, bei dem unsere Einheiten den Feind vernichteten“, berichtete sein Amtskollege Mychajlo Fjodorow beiläufig im Nebensatz.

Ob Pistorius die „Vernichtung des Feindes“ tatsächlich „live“ erlebt hat, oder das, was er da über Monitore gesehen hat, Aufzeichnung war, ist unklar. Der Verlauf des ganzen „Interviews“ spricht jedoch eher dafür, dass er eine Aufzeichnung und keine Live-Übertragung gesehen hat.

Die ganze Reise nach Saporischschja diente wohl dem Zweck, werbewirksam zu zeigen, wie wertvoll, nützlich und vor allem siegerprobt das ukrainische Militär in seinem Kampf gegen den gemeinsamen „russischen Feind“ ist.

Auf die Nachfrage der Interviewerin, ob „Minister Pistorius“, wie „ich gerade erfahren habe“ tatsächlich „ukrainische Einheiten“ beobachtet hat, „wie sie unseren Feind, die Russen, angegriffen haben“ (Fjodorow lächelte dabei in diesem Augenblick verlegen in Richtung Pistorius´ blickend), reagierte „Minister Pistorius“ verschämt und peinlich berührt: „Nun, das ist nicht für Deutsche, nicht für alle anderen Europäer. Ich war nicht begeistert von dem, was ich gesehen habe. Denn es geht ums Töten von Menschen.“

Eine bemerkenswerte Äußerung! Hat etwa der deutsche Minister der Verteidigung eine „zarte Seele“, die das Töten von Menschen weder sehen noch ertragen kann? Wirklich? Mit Kriegsfinanzierung und Waffenlieferungen hatte er bis jetzt eigentlich keine Probleme, obwohl er wissen dürfte, dass auch mit deutscher Kriegsfinanzierung und deutscher Waffenlieferung bereits unzählige Russen getötet, verstümmelt oder verletzt wurden.

Nun ja, das Töten findet weit, sehr weit weg statt und der Minister muss auch nicht hautnah erleben, wie der „russische Feind“ mit den deutschen Waffen getötet wird. Aber hier in Saporischschja hat er mit eigenen Augen gesehen, wie Russen getötet werden. Was für eine unfeine Geschichte! Nichtsdestotrotz sagte Pistorius selbstredend im nächsten Satz: „Ich sehe, was vor sich geht, und wollte diese Erfahrung zumindest hier machen. Also danke, dass Sie mir das gezeigt haben.“

Wofür bedankte sich denn der Gast aus Deutschland mit „zarter Seele“? Dafür, dass er gerade gesehen hat, wie Russen getötet wurden? Ist er deswegen nach Saporischschja gefahren, um „diese Erfahrung zumindest hier (zu) machen“?

„Wir alle wünschen uns aber, dass das nicht nötig wäre. Aber das ist Krieg und jedes Land, jeder Staat, jede Nation, jedes Volk hat das Recht sich zu verteidigen. Und das ist es, was hier geschieht“, sagte „Minister Pistorius“ sich rechtfertigend und zur Erleichterung seines „Unwohlbefindens“.

Soll das etwa im Umkehrschluss heißen, dass Deutschland „jedes Land, jeden Staat, jede Nation, jedes Volk“, das angegriffen wird und sich im Krieg befindet, mit Geld und Waffenlieferung versorgen muss? Nein? Es ist jedenfalls nicht bekannt, dass „Minister Pistorius“ die Waffenlieferungen an den Iran, der von „unseren amerikanischen und israelischen Freunden“ brutal angegriffen wurde, befürwortet oder gar genehmigt hat.

Getreu dem altrömischen Diktum: „Quod licet Iovi, non licet bovi“ (Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt) ist „Minister Pistorius“ offenbar der Auffassung: Was unsere „lieben Freunde“ aus Trumps Amerika und Netanjahus Israel tun dürfen, darf Russland noch lang nicht!

„Also, Minister Pistorius, das ist meine Frage an Sie“, wendet sich die Interviewerin dem deutschen Gast erneut zu: „Tut Europa und die Nato ihrer Meinung nach genug, um Russland abzuschrecken? Haben Sie eine bestimmte Strategie oder einen Plan, falls Russland beschließt, eines der Nato-Länder zu überfallen? Denn Sie kennen solche Absichten.“

„Nun, das Protokoll innerhalb der Nato ist absolut klar“, erwiderte Pistorius. „Wir haben Artikel 4 und 5. Wir haben ihn bisher nur einmal angewendet – nach dem 11. September, vor mehr als 20 Jahren. Die größte Herausforderung wird immer die Einigkeit und Entschlossenheit aller Nato-Mitglieder im Ernstfall sein.   Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass das nicht so wäre. …

Deutschland ist eine der führenden Nationen bei der Unterstützung der Ukraine. … Deutschland ist jetzt der größte Unterstützter der Ukraine. Und gleichzeitig haben wir den größten Verteidigungsetat in Europa. … In erster Linie bin ich stolz auf mein Land und die Menschen in Deutschland, denn sie sind aufgrund unserer Geschichte in Fragen von Krieg und Militär so sensibel. Das darf man nicht vergessen. Aber gleichzeitig haben wir eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die hier leben und den folgenden Generationen, wenn es um Sicherheit und die von Russland ausgehenden Bedrohung geht. Es geht also um Klarheit. Es geht darum klar und deutlich zu erklären, was vor sich geht – ohne Alarmismus, ohne jemanden zu erschrecken oder Angst zu machen. Es geht einfach darum klarzumachen: Es gibt eine Bedrohung. Wir waren daran seit mindestens 25, 30 Jahren nicht mehr gewöhnt und jetzt ist sie zurück.“

Von welcher Bedrohung, die angeblich „von Russland ausgehen“ soll, redet Pistorius überhaupt? Wann hat Russland Deutschland bedroht? Oder sieht er etwa im Ukrainekrieg die Bedrohung Deutschlands? Seit wann ist die Ukraine zum Nato-Gebiet oder gar zum 17. deutschen Bundesland geworden, das von Deutschland und Europa verteidigt werden muss?

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nicht Russland bedroht Deutschland und Europa, sondern die Nato-Allianz bedrohte Russland mit ihrer rücksichtslosen Expansionspolitik „seit mindestens 25, 30 Jahren“1.

Und es war die Nato, die zuerst einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Volksrepublik Jugoslawien – den sog. „Kosovo-Krieg“ – 1999 vom Zaun gebrochen und damit die darauffolgenden, 20 Jahre lang andauernden völkerrechtswidrigen Interventionen und Invasionen unter Führung des US-Hegemonen in Gang gesetzt hat.

Aus russischer Sicht war der „Kosovo-Krieg“ eine Bedrohung Russlands und Russland vertrat schon damals die Auffassung: Hätte es nicht das Atomaffenarsenal in seinem Besitz, wäre es das nächste Land, das von der Nato-Allianz angegriffen worden wäre.

Will Pistorius nichts mehr davon wissen und hören? Oder glaubt er etwa, dass der „Kosovo-Krieg“ gerechtfertigt und nicht völkerrechtswidrig war? Dann soll er seinen Parteigenossen, Ex-Bundeskanzler Gehard Schröder, fragen.

„Natürlich ist das, was auf der Krim geschieht, ein Verstoß gegen das Völkerrecht“, sagte Schröder auf einer „Zeit“-Matinee in Hamburg 2014. Dennoch wolle er seinen Freund Putin nicht verurteilen. Er selbst habe als Kanzler beim Jugoslawienkonflikt ebenfalls gegen das Völkerrecht verstoßen. „Da haben wir unsere Flugzeuge … nach Serbien geschickt, und die haben zusammen mit der Nato einen souveränen Staat gebombt, ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben hätte.“ Insofern sei er mit dem erhobenen Zeigefinger vorsichtig, betonte Schröder.

Offenbar kennt „Minister Pistorius“ die Äußerung seines Parteigenossen nicht, sonst wäre er mit dem erhobenen Zeigefinger vorsichtiger. „Wir sind strategische Partner“, sagte Pistorius anschließend und fügte hinzu: „Die Ukrainer verteidigen ihr Land und ihre Freiheit.“

Jawohl, Herr Minister der Verteidigung! Auch die Jugoslawen 1999, die Iraner 2026 und die vielen anderen, von der Nato in den vergangenen Jahrzehnten angegriffenen Länder haben „ihr Land und ihre Freiheit“ verteidigt. Haben Deutschland und Europa diese angegriffen Länder ebenfalls tatkräftig finanziell unterstützt und an sie Waffen geliefert? Wo war denn der „Verteidiger der Freiheit“, „Minister Pistorius“, zu dieser Zeit?

Nein, Pistorius und seinen Kriegskameraden geht es gar nicht um die geschundene Ukraine, sondern um den deutschen und europäischen Revanchismus. Aus der Geschichte haben Pistorius und Co. immer noch nichts gelernt.

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2. Mychajlo Fjodorow als Chefverkäufer

Unsereinem ist noch gut in Erinnerung, wie Pistorius sich geschichtsvergessen im Juli 2025 in Financial Times zu der Äußerung verstieg, „dass deutsche Truppen … im Falle eines Angriffs Moskaus auf einen Nato-Mitgliedsstaat bereit wären, russische Soldaten zu töten (He (Pistorius) insisted that troops from Germany … would be willing to kill Russian soldiers in the event of an attack by Moscow on a Nato member state)2.

Diese Entgleisung hätte einem deutschen Verteidigungsminister vom Format eines Helmut Schmidt (1969-1972) in Zeiten einer „Kultur der militärischen Zurückhaltung“ nicht passieren können. In Russland wurde auf diesen Affront mit Befremden reagiert. Sprechen Deutsche wieder von der Russentötung, fragte man in Russland. Ausgerechnet von einem deutschen Verteidigungsminister mussten die Russen sich das anhören.

Nun ja, die Zeiten sind lange vorbei, in denen die deutsche Machtelite der Überzeugung war, dass „von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen soll“. Heute wird es, wie man sieht, allmählich salonfähig zu sagen: Wir würden uns im Falle des Falles nicht etwa gegen Russland verteidigen, sondern gleich „russische Soldaten töten“! Das geschieht im Übrigen schon jetzt mit deutschen Waffen, die tonnenweise in die Ukraine geliefert werden.

Im Gegensatz dazu würde die russische Führung sich nie erlauben zu sagen: Wir werden deutsche Soldaten töten! Das wäre schlicht und einfach stil- und geschmacklos.

Wie dem auch sei, in Saporischschja trafen sich zu einem gemeinsamen „Interview“ zwei Brüder im Geiste: Pistorius und sein jüngerer ukrainischer Amtskollege, auch wenn Mychajlo Fjodorow mit seinen Russentötungsphantasien Pistorius bei weitem übertraf.

Nach der am 14. Januar 2026 durch die Werchowna Rada erfolgte Bestätigung der Ernennung Fjodorows zum Verteidigungsminister verkündete dieser eine Woche später am 20. Januar: „Eines der strategischen Ziele der Ukraine in diesem Krieg“ sei es, „monatlich bis zu 50.000 Russen zu töten“ und so den Krieg für Russland unerträglich zu machen.

Vor diesem Hintergrund muss auch das stattgefundene gemeinsame „Interview“ mit Pistorius und Fjodorow gesehen werden. Das war, wie gesagt, kein gewöhnliches Interview, sondern eine Inszenierung, ja eine Verkaufsshow, die dem deutschen Gast die „glorreiche“ ukrainische Militär- bzw. Drohnentechnologie und neuerdings die imaginären Erfolge der ukrainischen Armee an der „Ostfront“ vermitteln sollte.

Aus ukrainischer Sicht war diese Verkaufsshow ein voller Erfolg, den wir heute in den deutschen Mainstream-Medien auch bestätigt sehen. Seit der Rückkehr Pistorius´ ist die erzählte Story seines jungen ukrainischen Amtskollegen Fjodorow in aller Munde.

Man musste dabei einen Gesichtsausdruck Pistorius´ bei dieser als „Interview“ getarnte Showveranstaltung sehen: Ahnungs- und teilnahmslos saß er da mit einer ernsten Miene und ließ den Humbug, den sein ukrainischer Amtskollege erzählte, kommentarlos über sich ergehen. Es ist zudem sehr fraglich, ob Pistorius als Kriegsfinanzier und Waffenlieferant so richtig verstanden hat, dass er an einer inszenierten Verkaufsshow teilnimmt.

Die meiste Zeit hat, wie gesagt, Fjodorow geredet, um mit den vermeintlichen technologischen Fähigkeiten und militärischen Erfolgen des ukrainischen Militärs zu prahlen.

Gleich zu Beginn des Interviews behauptete er, dass „die Ukraine Russland die Initiative abgenommen hat“, und suggerierte damit eine angebliche Kriegswende zu Gunsten der Ukraine. Selbstlobend sprach Fjodorow von Erfolgen der ukrainischen Armee an der Front.

„Die Ukraine hat neue Waffen erfunden, entwickelt und umgesetzt, darunter Abfangdrohnen, die heute eine hohe Abfangrate von Schahed-Drohnen aufweisen – zwischen 50 und 75 Prozent, je nach Angriff“, prahlte er vor dem deutschen Gast. „Deutschland hilft uns beim Aufbau des Systems zur Kurzstrecken-Luftverteidigung. … Unser Ziel ist es, alles dafür zu tun, um 90 bis 95 Prozent aller Raketen und Schahed-Drohnen abzufangen.“

Nur „90 bis 95 Prozent“? Wenn man die ukrainische Kriegspropaganda der vergangenen vier Jahre in Erinnerung ruft, so erweckte sie stets den Eindruck, als würde die Ukraine gleich 120 Prozent aller russischen Raketen und Schahed-Drohnen abfangen.

 

„Im April und März dieses Jahres“, begann Fjodorow seine lange Rede, „haben wir mehr als 35.000 Russen vernichtet. Und wir tun alles, um das Leben unserer Soldaten zu retten und den Feind zu vernichten. Der Feind kann seine Logistik nicht sichern. … Der Feind hat nicht diese Anzahl an bodengestützten Roboterplattformen. Der Feind kümmert sich nicht so sehr darum, ein System aufzubauen, das seine Soldaten schützt. Wir machen genau das Gegenteil. … Die Ukraine entwickelt oder konzentriert sich jetzt stärker auf Drohnenangriffe mittlerer Reichsweite. … Das ist eine gezielte Strategie, denn es geht darum, feindliche Operationen zu vernichten, Logistik zu zerstören, den Offizierskorps zu eliminieren, Soldaten auszuschalten, die in der elektronischen Führung tätig sind, und andere Aufgaben. Es geht darum das Schlachtfeld zu isolieren, die Infanteriepräsenz an der Front zu reduzieren – wiederum um das Leben unserer Soldaten zu retten und das Tempo der Feindvernichtung zu beschleunigen, den Feind zu erschöpfen und die Objekte und die Infrastruktur zu treffen, die es dem Feind ermöglichen, seine militärische Aktivität und seine Versorgungskette aufzubauen. Unsere Aufgabe ist es, die Produktion um ein Vielfaches zu steigern. Wir haben bereits eine Rekordzahl an Middle-Strike-Systemen unter Vertrag genommen und investieren weiterhin darin. Wir haben die Initiative von den Russen bei Middle Strikes übernommen. Das ist wichtig festzuhalten. Und jetzt entwickelt jedes Korps diese Richtung. Wir haben in letzter Zeit erste Anzeichen einer Schwächung Russlands beobachtet. Gleichzeitig sind sie immer noch ziemlich stark und können großen Schaden anrichten – nicht nur der Ukraine, sondern auch anderen Ländern.“

 

Das war Propaganda pur, die nicht einmal der berühmte Propagandatheoretiker, Edward Bernays (1891-1995), besser machen könnte. Alles, was wir hier vom ukrainischen Propagandaminister zu hören bekamen, hört man nun seit Tagen, eins zu eins kritiklos übernommen, in den deutschen Mainstream-Medien.

Nachdem Fjodorow seine „überzeugende“ Propagandarede beendet hat, stellte die Interviewerin eine offenkündig mit dem Gefragten vorab abgestimmte Frage: „Minister Fjodorow, da es diesen Hoffnungsschimmer gibt, dass Russland kollabieren oder zumindest schwächer werden könnte: Ist es für Sie schwierig, andere Führungspersönlichkeiten oder Gesellschaften davon zu überzeugen, dass der Krieg noch andauert und wir … nicht denken, dass er bald endet? Wie läuft das?“

Eine „andere Führungspersönlichkeit“, der deutsche Verteidigungsminister Pistorius, saß eben neben dem gefragten Amtskollegen und lauschte ihm mit ernster Miene.

„Das ist wirklich eine wichtige Herausforderung“, antwortete Fjodorow theatral, „denn dies ist bereits das fünfte Jahr des russischen Angriffskrieges. Viele Länder helfen uns, aber Regierungen wechseln und das Unterstützungsniveau kann je nach Land variieren. … In letzter Zeit haben wir aber unsere Kommunikationsstrategie mit unseren Partnern geändert. Wir versuchen zu zeigen, was in der Ukraine tatsächlich passiert. Das heutige Treffen mit dem Minister (Pistorius), dessen Land uns am meisten hilft, ist ein gutes Beispiel. Denn wir haben gezeigt, wie wir die Kriegsdoktrin verändern … und wie die Hilfe das Schlachtfeld beeinflusst. Wir haben gerade einen konkreten Angriff beobachtet, bei dem unsere Einheiten den Feind vernichteten. Partner einzubinden und Win-Win-Beziehungen aufzubauen, bei denen sie verstehen, wie sie ihr eigenes Verteidigungssystem dank der in der Ukraine gesammelten Erfahrungen transformieren werden. … Wir müssen unseren Partnern einen Mehrwert bieten. … Also arbeiten wir alle als Team Ukraine daran zu erklären, warum es wichtig ist, die Ukraine zu unterstützen. Und wir müssen Russland in der Ukraine stoppen. Wir müssen alles dafür tun, dass diese Achse des Bösen besiegt wird – besiegt in der Ukraine, besiegt im Iran. Und dann wird die Demokratie in der Welt siegen. Und dann wird die Welt sicher sein. …“

„Gott schütze Amerika“, pardon: die Ukraine! „Die Zukunft wird in der Ukraine entschieden. Und wir müssen unsere Partner an unsere Seite halten, um Russland den letzten Schlag zu versetzen“, sagte Fjodorow abschließend in Anwesenheit seines kommentar- und lautlos, aber mit ernster Miene sitzenden deutschen Amtskollegen Boris Pistorius.

Und Pistorius? Will er ebenfalls „Russland den letzten Schlag versetzen“ und im Namen des deutschen Volkes verkünden: Wir stehen schon wieder auf der richtigen Seite der Geschichte? Oder etwa nicht?

 

Anmerkungen

 

  1. Vgl. Silnizki, M., Fluch oder Segen? Zur Diskussion über die NATO-Osterweiterung, 26. April 2022, www.ontopraxiologie.de; des., George F. Kennan und die US-Russlandpolitik der 1990er-Jahre, Stellungnahme zu Costigliolas „Kennan’s Warning on Ukraine“, 7. Februar 2023, www.ontopraxiologie.de.
  2. German defence minister calls on arms makers to deliver. Laura Piteland Anne-Sylvaine Chassany in Berlin. Financial Times, 13. Juli 2025.
Michael Silnizki

Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.
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9 Kommentare

  1. „Solange sie [Europa] nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, wird es keinen Frieden in Europa geben.“ (Silnizki, 9.05.2026)

    „Von welcher Bedrohung, die angeblich „von Russland ausgehen“ soll, redet Pistorius überhaupt?“ (Silnizki, 24.05.2026)

    Mit anderen Worten: nicht nur Pistorius, wir alle wissen schon ganz genau wer uns -und nicht seit gestern, sondern schon seit der berühmten Putin Rede auf der 43. MSC in 2007- vernichten will.

  2. „Nein, wir schämen uns nicht“ – UN-Sitzung zum ukrainischen Angriff auf Berufsschule

    Nach dem ukrainischen Angriff auf eine Berufsschule in Starobelsk (LVR) hat Russland eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats einberufen.

    Russlands ständiger UN-Botschafter Wassili Nebensja bezeichnete die Stellungnahmen der Teilnehmer aus der Europäischen Union als beschämend und sprach von einer Verhöhnung der Opfer.

    Schülerwohnheim bei Lugansk – mittlerweile 21 Tote gemeldet, 43 Verletzte!

    Unterdessen bot Russland in Moskau akkreditierten Auslandskorrespondenten einen Besuch am Ort der Tragödie an.

    BBC lehnte das Angebot ab, während CNN erklärte, derzeit im Urlaub zu sein.

    Erbärmlich das Verhalten des sogenannten Werte-Westens, der die Anschläge der UKRA-NAZIS auf Zvilisten fördert…seit 2014!!

    Die Strafe wird über sie noch kommen, da bib´n ich ganz sicher!!

  3. Deutschland weiter auf Talfahrt: Jetzt schlägt die Industrie Alarm

    https://www.unser-mitteleuropa.com/198355

    Deutschland galt lange als industrielle Lokomotive Europas.

    Doch immer mehr Unternehmer, Ökonomen und Wirtschaftsverbände schlagen Alarm:

    Der Standort verliere an Wettbewerbsfähigkeit – mit potenziell weitreichenden Folgen für Wohlstand und Arbeitsplätze.

    KEIN WUNDER: Die Mehrzahl der Bosse großer Firmen sind CDU- oder SPD-ANHÄNGER!!

    Meinrad Müller (Unternehmer im Ruhestand) sagt: Wie man Abgeordneter wird und so richtig gut verdient, eine praktische Kurzanleitung

    Wer ins Parlament will, braucht weder eine solide Ausbildung noch ein abgeschlossenes Studium!!

    Qualifikation zählt in diesen Kreisen nicht. Kinderbuchautoren können Wirtschaftsminister, Küchenhilfen Außenminister werden und Trampolinspringerinnen Aussenministerinnen!!

    ALS GESTANDENER UNTERNEHMER DARF ICH NIE AUF PARTEIEN HÖREN; SONDERN DEN GESETZEN DER WIRTSCHAFT FOLGEN!!

  4. Kann mich noch erinnern an die Fälle, wo immer genau dann Fliegeralarm in Kiew ausgelöst wurde, wenn hochrangige Politiker zu Besuch dort waren. Und dann sogar einmal – googeln: „Steinmeier muss in den Luftschutzkeller“ – zufälligerweise ein Luftschutzbunker bereit stand, in dessen Innerem ebenfalls zufälligerweise ein voll funktionsfähiges Ton- und Fernsehstudio bereits stand. Also: Ja, Pistorius könnte Teil einer Inszenierung gewesen sein, hat ein Interview erwartet und eine Erzählung bekommen.

    (https://overton-magazin.de/kommentar/politik-kommentar/der-praesident-im-keller/)

  5. Man nehme eine Lagerhalle, stelle ein paar Bauzäune auf, die man mit einer Plane bespannt – und fertig ist „die Ostfront“.

    Glaubt irgendwer diesen Blödsinn? Ich meine noch nicht mal die Propagandisten von Spiegel & Co. werden das kaufen, wenngleich sie es unkritisch repetieren.

    Hätte Pistolerius nicht stattdessen das Studentenwohnheim in Lugansk besuchen können, welches die Ukraine kürzlich mit einem ganzen Rudel dieser tollen „automatischen Kampfsysteme“ (aka Drohnen) angegriffen und dabei viele Jugendliche getötet hat? Oder zählen die auch nur zu den „35.000 Russen, die wir vernichtet haben“?
    Russland hat Journalisten, auch westliche, ausdrücklich eingeladen, sich vor Ort davon zu überzeugen. Es wird wohl wieder mal keiner kommen.

  6. Hier ein Bericht der französischen Reporterin Christelle Néant die seit 2015 im Donbas lebt – eine Perspektive, die sich deutlich von der Darstellung des „Wertewestens“ unterscheidet.

    https://youtu.be/P63ZLzSA7Ko?is=ZbUltmZz1ulssQxY

    Hier wird die Wahrheit über die brutalen NAZIS inder Ukraine berichtet, die gnadenlos Russen töten ganze einfach weil sie UNMENSCHEN sind!!

    Auch die entführten Kinder von Russland sind ein LÜGE !!

    UND DIESEN SCHWERVERBRECHERN HILFT DER SCHMUTZ-KANZLER MERZ !!

  7. Pistorius hätte ja noch ein paar Tage in der Ukraine bleiben können – die letzte Nacht in Kiew hätte ihm sicherlich eine alternative Perspektive des Kriegs beschert:
    https://www.welt.de/videos/video6a129b473b7096456ac81192/ukraine-krieg-russland-greift-kiew-mit-raketen-und-drohnen-an-polen-aktiviert-luftabwehr.html

    Wie auch immer; auch wir in Deutschland wir werden wohl leider auf die schmerzhafte Weise lernen, was ein Abnutzungskrieg im 21. Jahrhundert wirklich bedeutet.
    https://www.welt.de/wirtschaft/article695a17585f0fec1b99721d86/dihk-warnt-klare-anzeichen-fuer-de-industrialisierung-mittelstand-verlagert-vermehrt-produktion-ins-ausland.html
    https://www.n-tv.de/wirtschaft/Arbeitslosenzahl-steigt-mit-3-085-Millionen-auf-Zwoelf-Jahres-Hoch-id30304308.html

  8. Nun müsste aber erwähnt werden, dass es in Saporischschja eine Besonderheit gibt. Dort ist Europas größtes Atomkraftwerk mit 5 Blöcken. Es ist derzeit abgeschaltet, aber die Brennstäbe sind noch im Abklingbecken. Es wurde gleich in den ersten Kriegstagen von russischen Streitkräften besetzt.
    S. wird ständig mit Artillerie beschossen und IAEA-Chef Rossi wird nicht müde, die Gefährlichkeit dieses Beschusses zu betonen. Wer schießt, sagt er nicht. Laut Westpresse beschießen sich die Russen selbst mit NATO-Munition. Klar doch.

    Von der trapsenden Nachtigall höre ich, die Ukrainer hätten eine Schweinerei vor, von der sie dann später behaupten, Pistorius habe das erlaubt.

    Nicht wundern, wenn es genau so kommt.

  9. Was erdreistet der sich im Namen des deutschen Volkes zu reden ?
    Ich habe ihn nicht gewählt. Und viele andere auch nicht. Er hat keinerlei demokratische Legitimation, nur weil eine Menge wahlberechtigter aber faktisch unmündiger, die daher gar keine freie Wahl treffen können, auf ihn un seine Blockparteien immer wieder reinfallen.

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