
Niemand will Krieg, alle sind für den Frieden. Wie kommt es, dass die meisten dennoch den kommenden Krieg mit vorbereiten?
Albert Einstein meinte einmal, sein entschiedener und lebenszeitlicher Pazifismus sei vor allem instinktiver, also emotionaler Natur. Wenn er sich realistisch das gegenseitige Töten im Krieg vorstelle, erwecke das in ihm ein Grauen und eine entsetzliche Abscheu. Er könne gar nicht anders, als sich dabei die Frage vorzulegen: Wie lässt sich ein solcher Irrsinn verhindern?
Als Einstein dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt 1939 zum Bau der Atombombe riet, war dies die Folge einer Notlage. Der aus Deutschland geflüchtete Jude stand vor der Frage: Wird Nazi-Deutschland eine Atombombe bauen und was würde Hitler damit Grauenvolles anrichten? Als Einstein jedoch sah, wie die Politiker sofort zum Missbrauch dieses Massentötungsmittels übergingen (Hiroshima und Nagaski waren nichts anderes als ein Missbrauch)1, bereute er seine Entscheidung zutiefst.
Pazifist oder Antimilitarist zu sein wäre nach Einstein also zunächst ein emotionales Ereignis, das jeder bei sich selbst überprüfen kann. Stell dir möglichst anschaulich vor, wie eine Panzerbesatzung junger Männer, vielleicht deine eigenen Söhne, nach Beschuss in Flammen aufgehen oder im Inneren des Panzers ersticken.
Es ist das Entsetzen, das zur Distanz gegenüber dem Militärischen führen kann, weniger das Nachdenken darüber. Für einen Moment musst du selbst im Panzer ersticken, sonst gehst du vielleicht gleich zu irgendwelchen Theorien über, zum Beispiel zu der Überlegung, dass es sich bei den Sterbenden um Angreifer (Russen) handelt und ihr Tod deshalb „gerecht“ sei. Es ist das Unerträgliche der ganz realen Qualen im Krieg, das den antimilitaristischen Impuls hervorbringen kann, eine Abscheu, die allem Nachdenken darüber vorausgeht. Auf der Ebene des unmittelbaren empathischen Erlebens existiert keine Interpretation, die in Freund und Feind unterscheidet und das Mitleiden verweigert.
Die Gamaschen mit den Blutflecken
Mein eigenes Grunderlebnis in dieser Sache war das folgende: Ich war vierzehn Jahre alt und besuchte einen Onkel, der im Zweiten Weltkrieg Maschinengewehrschütze gewesen war. Als er auf Erlebnisse im Krieg zu sprechen kam, holte er zwei graue Gamaschen hervor, die um die Fußknöchel gewickelt werden. Sie wiesen einige dunkle Stellen auf. „Was sind das für Stellen?“ fragte er mich. Ich hatte keine Ahnung. „Das ist Blut“, meinte er, „das beim Nahkampf an der Ostfront Verfärbungen hinterlassen hat“. Mit den Gewehren in der Hand seien die Russen in langen Reihen laut schreiend auf die deutschen Stellungen zugerannt. Die Aufgabe meines Onkels war es, mit seinem Maschinengewehr im großen Schwenk die Angreifer niederzumähen. „Rat, tat, tat, tat…!“ Er habe sie reihenweise erledigt. Nur wer durchkam, musste aus nächster Nähe massakriert werden. So entstanden die Flecken.
Für mich war es ein Aha-Erlebnis. Es entstand eine Empörung gegen alles Kriegerische. Ich konnte niemals anders, als es mit schrecklichen Qualen und grenzenlosem Leiden gleichzusetzen, von denen ausgerechnet der ansonsten so liebe Onkel ganz neutral erzählte. Es musste halt sein und so tat er es. Gegen Russen hatte er eigentlich nichts.
Bekanntlich gibt es ganz andere Verarbeitungsformen des Entsetzlichen im Krieg: heroische, die den Tod auf dem Schlachtfeld preisen und gewiss auch sadistische. In diese Kategorien mag der US-“Kriegsminister“ Pete Hegseth gehören. Für ihn scheint Krieg generell eine großartige Angelegenheit zu sein, die er pseudo-religiös überhöht. Empfindet er gar Genuss, wenn er an das Sterben von Feinden denkt?
Weshalb sind ganz normale Menschen Militaristen?
Ich will hier aber von einer ganz anderen Kategorie von Menschen sprechen, die absolut keine Sadisten sind, vielleicht eher meinem Onkel ähneln. Ich denke an die vielen, die in allen Ländern dem Militärischen zumeist stillschweigend zustimmen. Öffentliche Gewaltbereitschaft (eine bewaffnete Macht also) muss sein, deshalb nimmt man sie hin. Im Hinblick auf den Ukrainekrieg fand ich solche Einstellungen auf Seiten derer, die das Problem mit Waffen lösen wollen.
Immerhin sei es gerecht, das zu fordern, und Russland müsse militärisch zu Boden gerungen werden.
Mit der Frage, welche Risiken durch das Engagement in diesem Krieg für den Weltfrieden entstehen könnten, wollten sie allerdings nicht belästigt werden. Für mich war das eine zwar nachvollziehbare, aber überaus defizitäre Position. Aber worin bestand das Defizit?
Die Antwort bekam ich, als ich mich mit einer wichtigen psychologischen Studie befasste. Der renommierte amerikanische Psychiater Robert J. Lifton und der Soziologe Eric Markusen untersuchten darin die Frage, weshalb die Politik der atomaren Abschreckung von so vielen Menschen mitgetragen wird.
Lifton war etwa durch seine Studie über NS-Ärzte bekannt geworden und er war mit Markusen, dem damaligen Forschungsdirektor des Dänischen Zentrums für Holocaust- und Völkermordstudien, der Überzeugung, dass es zwischen dem Dritten Reich und dem Zeitalter der atomaren Abschreckung eine Parallele gibt: Sie liege in der Teilnahmslosigkeit, mit der kollektiv ein allgemeines Massaker vorbereitet werde, ein Kriegsverbrechen durch Massen- und Völkermord. Sie sprachen von einer genozidalen Mentalität (genocide mentality), einer – so die in der deutschen Ausgabe verwendete Bezeichnung – „Ausrottungsmentalität“, die gänzlich unbewusst der Sicherheitspolitik mit Massenvernichtungsmitteln zugrunde liege.
Vorbereitung des Massensterbens
Ausrottungsmentalität? Wer von jenen, die etwa gegenwärtig nach dem „atomaren Schutzschirm“ rufen, möchte jemanden „ausrotten“? Und damit sind wir bereits mitten im Thema. Niemand möchte „ausrotten“ oder massenhaft töten, gleichwohl wird durch die Politik der nuklearen Abschreckung die Möglichkeit des Massensterbens systematisch in die Wege geleitet. Wohlgemerkt: nicht das Massensterben selbst, sondern die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit es unter bestimmten Umständen stattfinden kann.
Und da befindet sich das Problem. Gerade jetzt werden rund um den Globus „atomare Schutzschirme“ ausgebaut. Gelegentlich wird das gemeldet, etwa wenn periodisch der Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI erscheint oder etwa hier auf Overton. Ansonsten geschieht es vorwiegend in der Stille.
Was verbindet nun die Psychologie sagen wir meines Onkels mit der psychischen Disposition jener großen Mehrheit, die gegenwärtig die neue Aufrüstung, auch die Installierung von Atomwaffen, stillschweigend hinnimmt oder gar fordert? Typisch scheint vor allem das meist völlige Fehlen jenes Entsetzens zu sein, das für Einstein so charakteristisch war. Niemand, der zur fraglichen Kategorie gehört, wird von innerer Unruhe umgetrieben, die ihn etwa motiviert, sich gegen das neu beginnende und atomar akzentuierte Wettrüsten aufzulehnen.
Auch bei meinem Onkel erfuhr ich nichts darüber, wie er sich fühlte, wenn er Russen „massakrierte“, wie er sich ausdrückte, vor allem nicht, wie es den Massakrierten ging. Über Krieg oder über Atomwaffen kann so gesprochen werden, als handle es sich um rein sachliche Fragen. Mit menschlichem Leid haben sie nichts zu tun. Gewiss würde es als völlig sachfremd betrachtet werden, wenn etwa unter Generälen einer auf die Idee käme, sich über das Leid der von militärischen Maßnahmen Betroffenen auszulassen. Wo es um Rüstungsfragen, Strategie oder militärische Taktik geht, geht es nicht um menschliches Leid.
Empfindsamkeit muss weg
Und das ist ja auch das Ziel jeder militärischen Ausbildung: Den Rekruten Reste von Empfindsamkeit, Weichheit oder Empathie auszutreiben. Weichlinge und Muttersöhnchen müssen lernen, dass Gefühle auch abgeschafft werden können. Die Wut, die durch rabiate Militärdressur entsteht, soll nicht in rebellischen Zorn gegen die Ausbilder, sondern in Hass auf den Feind umgewandelt werden. Darüber hinaus geht es um die Fähigkeit, alle Aversionen in eine einzige leitende Emotion zu transformieren: jene Befriedigung, die den Soldaten ergreift, wenn er auf der anderen Seite der Front ein tödliches Chaos angerichtet hat.
Dazu müssen die im Außen verbreiteten Zerstörungen durch die Auslöschung eines Teils der eigenen inneren Person grundgelegt werden. Ein voll intakter Mensch ist für Kriege unbrauchbar. Seelische Verstümmelungen zum Dauerzustand zu machen, ist das Ziel der militärischen Dressur. Wie aber käme ein junger Mensch auf die Idee, sich verstümmeln zu lassen, wenn ihm das nicht bereits durch sein gesellschaftliches Umfeld nahegelegt worden wäre?
Im Hinblick auf jene Schrecken, die Kriege anrichten, muss also auch im zivilen Alltag eine Art seelische Taubheit vorbereitet worden sein: Man will gar nicht wissen, was da ganz konkret passiert, jedenfalls dann nicht, wenn es mit der Qual einzelner Menschen zu tun hat, ganz realer Individuen. Vorwiegend in abstrakter Sprache wird das Thema Krieg kommuniziert. „Dieser Panzer wurde ausgeschaltet“, heißt es dann. Von der Besatzung, den jungen Leuten und wie sie jeweils starben, ist keine Rede. Dahinter steht eine Weigerung, das Geschehen in Kriegen konkret und hautnah an sich heranzulassen, hautnah im Hinblick auf das Schicksal einzelner Menschen und nicht des Materials oder der Strategie. Hören Sie einmal den militärischen Experten zu! Ihre Sprache ist kalt und an Sachen orientiert, ohne auch nur einen Blick auf den menschlichen Aspekt der Gemetzel zu werfen. Und eben das ist Ausrottungsmentalität.
Woher die Zustimmung zu Kriegsverbrechen?
Der Blick von Lifton und Markusen richtet sich also auf die psychischen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Gesellschaft in der Lage ist, selbst den Massenmord als notwendigen Bestandteil ihrer „Verteidigung“ anzusehen. Betont werden muss, dass Abschreckung, vor allem atomare Abschreckung, auf der Androhung gravierender Kriegsverbrechen beruht, denn wenigstens auf der höchsten Eskalationsstufe ist die Auslöschung der gesamten Menschheit Teil des Abschreckungskonzepts. Man mag das vermeiden wollen, aber es ist Teil des Ansatzes.
Was vollzieht sich in den Menschen, ohne deren massenhafte, meist unausdrückliche Zustimmung Hochrüstung unter Einbezug von Massenvernichtungsmitteln (in Deutschland der „atomaren Teilhabe“) nicht durchsetzbar wäre? Denn es ist doch klar: unter gewaltigen Massenprotesten wäre die neue Aufrüstung kaum denkbar. Immer noch hat das Verhalten der Bevölkerung Einfluss, nicht in Nord-Korea, aber bei uns. Nicht verkehrt ist es zu sagen: Die Bevölkerung will es mehrheitlich offenbar genau so, wie es etwa Pistorius vorschlägt.
Selbstverständliche Normalität
Lifton und Markusen erklären das Phänomen, das etwa der Philosoph Günther Anders als „Apokalypse-Blindheit“ bezeichnete, aus der gemeinsamen Konstruktion von Normalität. Unsere Normalität ist eine „Pistoriusnormalität“, um es einmal so zu sagen, die, medial vermittelt, von einer Mehrheit als selbstverständlich hingenommen wird.
Diese Normalität hat allerdings eine schwarzen Fleck: Sie ist objektiv höchst eigenwillig und extrem paradox. Denn sie erhebt, was historisch gesehen alles andere als normal ist, zur Selbstverständlichkeit: nämlich die Tatsache, dass die Selbstauslöschung der Menschheit möglich ist und vor allem, dass die Selbstauslöschung ins Kalkül der Politik mit einbezogen wird. Politik (als „Sicherheitspolitik“) instrumentalisiert – auch wenn die Selbstauslöschung nicht direkt ins Visier genommen wird – die Tötung unzähliger Menschen, übt sie in Manövern ein und plant sie bis ins Detail. Die Vernichtung riesiger Menschenmassen ist also etwas, das real geschehen kann und unter bestimmten Umständen auch geschehen „muss“. Denn Eskalationszwänge im Krieg vollziehen sich im Sinne eines sich steigernden Automatismus von Schlag und Gegenschlag. Niemand hat in der Hand, wohin das führt. Heute gibt es dabei keine Obergrenze der Gewalt und Grausamkeit.
Wie kann so etwas „normal“ sein? Die beiden Wissenschaftler sehen es so: Etwas als normal zu betrachten, ist in der Regel ein Effekt der Gewöhnung. Wir verlieren die Sensibilität, die uns ohne Gewöhnung auf Probleme aufmerksam machen würde. Wir stumpfen ab. Hinreichend desensibilisiert werden die Reste von Problembewusstsein – Irritationen, Aversionen, begründete Furcht – abgespalten, verdrängt, dissoziiert. Es entsteht so etwas wie eine Zweitpersönlichkeit, zu der – jedenfalls im Hinblick auf die fragliche Thematik – kein innerer Kontakt mehr besteht. Die Persönlichkeit der Ausrottungsmentalität.
Zur gleichen Zeit werden wir anfällig für Ideologie. Wir glauben nun gerne, was der Abstumpfung und Abspaltung entspricht und sie bestätigt. Oft höre ich etwa die folgende Argumentation: „Hat nicht der Kalte Krieg bewiesen, dass Abschreckung wirkt und, wie Pistorius formulierte, unsere Lebensversicherung ist?“ Solche Urteile streichen alle aversiven Empfindungen und jeden Impuls, sich dagegen zu wehren, gründlich durch. Normal ist es, hier beruhigt zu sein!
Wo läge – so kann gefragt werden – der Unterschied zu meinem Onkel oder einem anderen Soldaten der Deutschen Wehrmacht während der „Unternehmung Barbarossa“? Befand sich Deutschland nicht in einer riesigen Abwehrschlacht gegen den jüdischen Bolschewismus? Darf man da etwas anderes fühlen als den Ehrgeiz, Feinde zu töten? Mein Onkel schien diese Anpassung an das Furchtbare gewiss als anstrengend und gefährlich, aber im ideologischen Kontext des Russlandfeldzuges auch als „normal“ betrachtet zu haben. Wie anders wäre es ihm möglich gewesen, eine große Anzahl Russen umzubringen, ohne das dadurch verursachte Leid zur Kenntnis zu nehmen?
Die „Doppellung“
Der freundliche Onkel (er war unterdessen als Landwirt im Schwarzwald tätig) und jener Schütze, der auftragsgemäß Massenmorde durchführte, das waren zu ihrer Zeit offenbar nicht dieselben Personen. Lifton und Markusen sprechen von einer „Doppellung“, die Voraussetzung eines solchen Verhaltens ist. Sie führt dazu, dass jemand in zwei völlig getrennte Hälften zerlegt wird: eine „private“ und eine, die dem entspricht, „was sein muss“. Millionen Wehrmachtssoldaten taten lediglich, „was sein musste“, und damit ihre Pflicht. Das Verbrecherische daran drang selten bis ins Bewusstsein durch. „Normalität“ heißt auch, das unter anderen Umständen Offensichtliche nicht mehr zu sehen.
Die psychische Doppellung erklärt übrigens auch jene seltsame Wandlung, die so viele Deutsche nach 1945 durchmachten. Sie mussten aus der einen Normalität in eine neue umsteigen. Aus überzeugten Nazis, ja aus aktiven Tätern des Systems, wurden über Nacht angesehene Ärzte, Richter, Rektoren von Universitäten, Bundeskanzler (Kiesinger) oder Ministerpräsidenten (Filbinger). In meiner Jugend (als ein Angehöriger der ersten Generation nach dem Krieg) hörte ich von niemandem, er habe die Nationalsozialisten unterstützt oder sonst etwas mit ihnen zu tun gehabt. Was die KZ’s anging, so hieß es überall: „Davon haben wir nichts gewusst!“
Dass eine Doppellung in freundliche Alltagsmenschen und in Unterstützer oder Mitläufer des NS-Regimes funktionierte, bewiesen vor allem jene, die an der fabrikmäßigen Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern teilnahmen. Lifton beschreibt in seiner Studie über Nazi-Ärzte sehr detailliert, wie etwa Josef Mengele tickte. Ganz allgemein galt: Im Familienkreis feierten die SS-Männer Heilig Abend ebenso sentimental wie die Deutschen auch sonst. In schnittiger Uniform wurde am nächsten Tag an der „Rampe“ in Auschwitz „selektiert“ oder die „Vergasung“ mit Zyklon B überwacht.
Die damalige Ausrottungsmentalität bestand – und das nicht nur bei den unmittelbaren Tätern – in einer Abtrennung der Person von der Möglichkeit des Mitleidens. Oder anders gesagt: Mitleiden konnte bei einigen der Mörder durchaus stattfinden, aber ausschließlich im Rahmen ihrer „privaten“ Persönlichkeit, die hermetisch von jener Hälfte abgespalten war, die mit der Nazi-Normalität im Bunde stand.
Übelkeit bei Massenerschießungen
Ein im Hinblick auf den Umstand der Doppellung bezeichnendes Phänomen ist die Tatsache, dass Männer, die zu Erschießungsaktionen beordert wurden, manchmal „Störungen“ unterlagen, die wie eine Wiederkehr des Verdrängten wirkten. Bis sich alle gewöhnt hatten, wurde es manchen Tätern übel und sie mussten sich übergeben. Daher wurde viel Alkohol ausgegeben, um solche Hemmungen zu überspielen. Im Fortgang wurde die Technologie der „Vergasung“ nicht nur deshalb eingeführt, weil sie „effizienter“ war als Erschießungen, sondern weil sie weniger Personal benötigte, das nun vor allem aus den restlos Abgebrühten bestand, zum Teil auch so genannten Funktionshäftlingen. Väter kleiner Kinder mussten in der Lage sein, völlig ohne Empfindungen gleichaltrige Kinder in die Gaskammer zu treiben.
Der Vergleich mit heute wirkt wie ein unangemessener Sprung in eine ganz andere Situation, die mit Auschwitz nichts zu tun hat. Es gilt aber, die dennoch vorhandene Ähnlichkeit zu erkennen. Die Frage lautet: Wie sind politische Verbrechen oder Massenmorde möglich, obwohl die meisten der daran auf diese oder jene Weise Beteiligten eher „gute“ und durchschnittliche Menschen sind, jedenfalls keine Sadisten? Es geht um die massenpsychologischen Rahmenbedingungen, ohne die kollektive Verbrechen nicht möglich sind.
Normalität – Abspaltung der Gefühle – Rationalisierung
Die Teilnahme an Kriegsverbrechen bzw. Tötungen im großen Maßstab basiert vor allem auf drei Voraussetzungen: Eine starke Abhängigkeit von dem, was gerade als „Normalität“ gilt, die Fähigkeit, sich Irritationen, die mit aversiven Gefühlen verbunden sind, im Hinblick auf die fragliche Thematik zu ersparen, sowie die Bereitschaft, Rechtfertigungen für verbindlich zu halten, die
das Miterleben des Leidens anderer als überflüssig erscheinen lassen. So definiert handelt es sich vor allem um die Geneigtheit, unter Abspaltung angemessener Gefühle Rationalisierungen aufzusitzen. Unter einer Rationalisierung versteht die Tiefenpsychologie eine „Erklärung“, die ein Verhalten so interpretiert, dass die eigentlichen und tatsächlichen seelischen Beweggründe dahinter verschwinden. Im politischen Bereich reden wir von „Ideologie“. Sie ist dazu da, Interessen unsichtbar zu machen.
Die dominante Rationalisierung, zugleich die öffentliche Ideologie der Abschreckung, speziell in ihrer nuklearen Variante lautet so: „Wir betreiben sie nur, um den Frieden zu erhalten. Niemand will Krieg führen, schon gar keinen Atomkrieg.“ Implizit geleugnet und wie ins Unbewusste verschoben wird jene andere Seite der Abschreckungsdoktrin, die – oft kritisiert – das Gegenteil enthält: Denn Abschreckung wäre völlig sinnlos, würde sie nicht glaubhaft jederzeit bereit sein, situativ, aber entschieden zum Krieg und auch zum Einsatz von Massenvernichtungsmitteln überzugehen. „Die helle Seite“ – so Lifton und Markusen – „heißt Frieden oder wenigstens die Abwehr eines nuklearen Holocaust; die dunkle birgt dagegen Pläne für den Holocaust.“ Abschreckung sei ein „gespaltener Begriff“. Überzeugend erscheint er nur, sofern lediglich seine friedliche und gewissermaßen freundliche Seite zur Kenntnis genommen wird: „Wir alle sind für den Frieden, Abschreckung erhält ihn.“
Grausamkeit auf Distanz
Unterdessen wissen wir sehr viel darüber, wie kollektive Grausamkeit entsteht, speziell Grausamkeit im technologischen Zeitalter. Technik ermöglicht Grausamkeit auf Distanz, und das gehört ja auch zum Wesen der Ausrottungsmentalität: Sie verweigert Mitgefühl und legt eine unüberbrückbare Distanz zwischen jene, die ihr Konzept „Sicherheitspolitik“ nennen, und jenes Leiden, das unvermeidlich wäre, würde, was angedroht wird, zur Realität werden.
Beispiel „Distanzwaffen“: Diese Bezeichnung ist sachlich gemeint, redet aber etwa von Drohnen, mit der auch Menschen weit jenseits der Front umgebracht werden können, weil sie vielleicht gerade Brötchen kaufen gehen. Was schon lange ein Kennzeichen moderner Kriege ist, nämlich die Aufhebung des Unterschieds zwischen Front und Hinterland, zwischen Kämpfern und Zivilisten, wird im Drohnenkrieg noch alltäglicher: nämlich die Tatsache, dass bis in den letzten Winkel hinein alles, was sich bewegt, getötet werden kann. Der behinderte Großvater ebenso wie das Kleinkind im Kinderwagen oder die Hauskatze. Wer den Drohnenkrieg lediglich als einen waffentechnologischen „Fortschritt“ einordnet, ohne sich plastisch vor Augen zu führen, wie nun jeder jederzeit und überall ermordet werden kann, der befasst sich nur mit einem zweitrangigen Teil der Wirklichkeit. Es sei denn – und das ist militaristisches Denken – man nimmt überhaupt nicht zur Kenntnis, dass es um Leben und Tod von Menschen geht.
Ein großer Krieg in Deutschland, ein Atomkrieg gar? Zur neuen Kriegstüchtigkeit gehört es nicht, sich das hautnah vorzustellen und in den schrecklichen Details vor Augen zu führen. Vielleicht hört man von der Zahl der zur Verfügung stehenden Krankenhausbetten, wer aber sieht sich selbst in einem solchen Bett schwer verletzt um Luft ringen? Was hier – durchaus nicht ohne Alternative – vorbereitet wird, scheint extrem weit weg zu sein. Stillschweigend sind wir uns einig: das geht uns nichts an! Nur „rein theoretisch“ wissen wir, dass Kriege und Atomkriege jederzeit hereinbrechen können. Innerlich schützt uns unsere Doppellung, die angemessenen Aversionen ausschaltet und uns selbst aus dem Spiel nimmt.
Der Fall Theodor Maunz
Ein Beispiel für „klassische“ Doppellung: Für mein Diplom in Politikwissenschaft hatte ich mich mit Verfassungsrecht zu beschäftigen. Als das damals geeignetste Lehrbuch galt das „Deutsche Staatsrecht“ des Verfassungsrechtlers Theodor Maunz, das bereits mehr als zehn Auflagen erreicht hatte (33 waren es bis 2017).
Maunz war nach dem Krieg bayerischer Kultusminister gewesen (CSU), und ich kam zu der Überzeugung, er sei irgendwie sozial-liberal gesonnen, was damals im Schwange war. Was ich zunächst nicht wusste: Er war Kronjurist im „Dritten Reich“ gewesen, vollkommen von der Ideologie des NS-Systems überzeugt. Und nun der Punkt: Nach seinem Tod wurde ruchbar, dass er sich heimlich „gedoppelt“ hatte. Denn der in der Bundesrepublik hoch angesehene Jurist blieb zugleich ein überzeugter Nazi, versteckt freilich hinter dem Professorentitel und einem Schauspiel enormer Seriosität.
Wie konnte ein viel gelobter Interpret des Grundgesetzes zugleich ein Altnazi sein? Für Maunz war der Nazi-Wahnsinn keine ferne Irrenanstalt, in der er mal einsaß, sondern eine aktuelle Leidenschaft, die er etwa in der Weise bediente wie ein pädophiler Bischof seine sexuellen Obsessionen. Während er im Blatt der alten Krieger, der „Deutschen National- und Soldatenzeitung“, unter Pseudonym den Faschisten gab, betonte er in offizieller Rolle die Bedeutung der rechtsstaatlichen Demokratie. Er zelebrierte seine Doppellung also nicht nacheinander wie die anderen, sondern zur gleichen Zeit, hauchdünn angesiedelt neben einer manifesten Schizophrenie.
Vom Antimilitarismus zur neuen Kriegstüchtigkeit
Wenn Menschen sich so leicht doppeln können, stellt sich die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit. War der bedeutendste Verfassungsrechtler der frühen Bundesrepublik eigentlich zurechnungsfähig? Hätte man ihm Verantwortung übertragen können, etwa für die Entscheidung über Krieg und Frieden? Wer soll denn für etwas verantwortlich sein, wenn eine Person aus zwei Teilen besteht: der eine Teil, der andere Teil oder keiner von beiden?
Auch das ist ein Merkmal der Ausrottungsmentalität: Sie lässt Verantwortung verschwinden. Sofern Normalität vorgibt, wie man zu fühlen und zu denken hat, jedenfalls wenn man an den Gratifikationen teilnehmen möchte, die eine Gesellschaft zu vergeben hat, diffundiert Verantwortung, weil niemand wirklich er selbst ist.
Wäre aber jeder er selbst, so wäre auch denkbar, dass eine ganze Gesellschaft von jener Marschrichtung abweicht, die sonst in der Welt rundherum gilt. Hier auszuscheren war jener Vorschlag, mit dem sich Deutschland nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs auseinanderzusetzen hatte. Zumindest bei vielen der damals jüngeren Leuten sollte Deutschlands weiterer Weg kein militaristischer sein. Die Alten waren unrettbar im Sumpf des Schweigens verschwunden, in dem es sinnlos war, nach Verantwortung zu suchen. Ihre „Unfähigkeit zu trauern“ – so der Titel der berühmten Studie der Psychologen Margarete und Alexander Mitscherlich – war ein weiterer Ausdruck ihrer Empfindungslosigkeit im Hinblick auf das Elend, das sie angerichtet hatten.
Viele der Jüngeren aber hofften auf einen neuen Anfang, der Frieden durch neue Ideen und nicht durch Drohen und Rüsten möglich machen sollte. Ein Ausläufer dieses deutschen „Sonderwegs“ war (heute kaum noch zu glauben) etwa die Gründung der Grünen. Ein anderer die Entspannungspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr, die bezeichnenderweise heute geradezu als Irrweg gilt.
Vor allem der ideologische Salto Mortale der Grünen ist ein Indikator, der zeigt, wie gründlich diese Sicht durch einen neuen Militarismus ersetzt wurde. „Ökopax“ hieß es dort einmal, weil die Umweltfrage so eng mit dem Friedensthema verbunden ist. Heute ist auch die endgültige Zerstörung der Ökosphäre eine mögliche Konsequenz der Waffengeilheit dieser seltsamen Partei.
Die neue Doppellung verlangt jedenfalls, dass die Reste jener spezifisch deutschen Sensibilität verschwinden, die vorübergehend die Konsequenzen aus der ständigen Kriegsbereitschaft gezogen hatte. Vielleicht mit Ausnahme der Schweiz haben sich bisher alle Staaten, die Hochrüstung mit ihrer Sicherheit verwechselten, irgendwann in Kriege verwickelt. Wer gedoppelt ist, wird das vehement bestreiten.
Wenn Doppellung kollabiert
Doch Doppellung sowie das jeweilige Konstrukt von Normalität kann auch zusammenbrechen. Plötzlich wird die Distanz aufgehoben, die ansonsten von der inneren Teilnahme am Leiden durch Kriege abhält. Während der großen Friedensbewegung in den 1980-Jahren war das kurzzeitig – quer zur offiziell angestrebten Normalität – der Fall. Weit verbreitet war die Überzeugung: „Wir stellen uns doch nicht für den geplanten Massenmord zur Verfügung!“ Als ich im Hörsaal andeutete, man könne zur Gründung einer Friedensgruppe zu mir kommen, hatte ich unversehens das Haus voll.
Wie in Einzelfällen Doppellung kollabiert, zeigen Lifton und Markusen. Die Abspaltung kann sich nicht mehr halten, wenn übermächtige Empfindungen ins Bewusstsein drängen, die das fragliche Thema in ein neues Licht tauchen. Angst etwa ist in solchen Situationen ein guter Ratgeber. Gute Empfindung sind auch Verwirrungen, kognitive Dissonanzen oder Zorn. Lifton und Markusen berichten von einem militärischen Einsatzplaner, Theodore Taylor, der im Pentagon unter anderem Zielplanungen für Atomwaffeneinsätze durchführte. Jahrelang hatte er das lediglich als Job betrachtet, der ihn mit keinen unangenehmen Gefühlen konfrontierte. Als er aber eines Tages Moskau besuchte, ein bevorzugtes Ziel seiner Planungen, brach diese Empfindungslosigkeit völlig zusammen. Als er nun selbst auf dem Roten Platz stand, erlebte er dort fröhliche Menschen, die dem Lenin-Mausoleum zustrebten. Junge Menschen in bester Stimmung.
Für ihn völlig überraschend musste er plötzlich haltlos weinen. Über diesen Menschen eine Bombe zu zünden, muss völlig verrückt sein, kam es ihm. Was sich zuvor „normal“ und zweckvoll anfühlte, wurde überraschend zu einer Aufgipfelung puren Wahnsinns. Er beschloss, nicht mehr im Militärsektor tätig zu sein, sondern seine Fähigkeiten nützlicheren Dingen zu widmen.
Literatur
Christopher Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Reinbek 1993.
Luc Ciombi: Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik, 3. Aufl. Göttingen 1997.
Robert, J.Lifton: Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988.
Robert J. Lifton, Eric Marcusen: Die Psychologie des Völkermordes: Atomkrieg und Holocaust, Stuttgart 1992.
Harald Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Unter Mitarbeit von Michaela Christ, Frankfurt/Main 2005.
1 August 1945: Atombomben auf Japan | Overton Magazin
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„Lexikalisches Wissen“, Wissen Media Verlag:
„Lemminge, kurzschwänzige Wühlmäuse im N Eurasiens u. in N-Amerika. In period. Abständen verlassen L. in riesigen Scharen infolge einer Überbevölkerung ihre Wohngebiete u. richten großen Schaden an, worauf ein Massensterben erfolgt.“
Komisch, das mir das zu dem Artikel einfiel
Diese Doppelung sollte eigentlich jedem bekannt vorkommen, der täglich seiner ‚geliebten‘ Lohnarbeit nachgeht. Insbesondere wenn sie darin besteht, wertvolle Ressourcen in überflüssiges Konsumgut zu verwandeln.
Si vis pacem para bellum
Wer glaubt man könne im internationalen Dschungel der Autokraten. Imperialisten und Nationalisten mit Friedensmärschen den Frieden langfristig sichern, der/die liegt falsch.
Friedensmärsche sind innenpolitische Botschaften.
Außenpolitisch haben sie praktisch keine Bedeutung.
Auch wenn der lateinische Spruch fragwürdig ist, dann hat demzufolge Russland alles richtig gemacht.