
Eine Zollplattform in Panama, eine Industriezone auf den Philippinen und ein Lehrplan aus Stanford: Wie eine neun Monate alte US-Initiative die Lieferketten der KI neu ordnet.
Am 20. August 2026 ist in Panama eine Bewerbungsfrist abgelaufen. Das US-Außenministerium sucht einen Betreiber für eine Plattform, die es mit bis zu 50 Millionen Dollar fördert; auf einem Gipfel im Juni stellte es sie unter dem Namen PaxPass vor. Sie soll bei Halbleitern, KI-Infrastruktur und kritischen Mineralien nachweisen, woher eine Sendung stammt und ob sie den geltenden Regeln entspricht. Dafür wird sie an die Systeme des Zolls, der Hafenbetreiber und der Verlader angeschlossen und bewertet Auffälligkeiten automatisiert. Sendungen, die diese Prüfung bestehen, sollen eine vorab genehmigte Schnellspur durch die Abfertigung bekommen.
Hauptempfänger der Förderung können laut Ausschreibungstext ausschließlich US-amerikanische Organisationen sein: Unternehmen jeder Größe, Hochschulen und gemeinnützige Einrichtungen mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Panamaische Firmen und Behörden dürfen sich als Partner oder genehmigte Unterauftragnehmer beteiligen. Die Arbeitsteilung steht damit fest, bevor die erste Zeile Programmcode geschrieben ist: Panama stellt die Zollverwaltung, entworfen und betrieben wird das System in den USA.
Wer am Ende die Daten nutzt, liegt auf der Hand. Nach US-amerikanischem Zuwendungsrecht bleibt das geistige Eigentum an dem, was im Projekt entsteht, beim Empfänger – und Empfänger kann nur eine US-amerikanische Organisation sein. Die gewählte Rechtsform verstärkt das. Es handelt sich nicht um einen Beschaffungsauftrag, sondern um ein Cooperative Agreement, eine Zuwendung mit fortlaufender behördlicher Mitwirkung. Das US-Außenministerium kann ausländische Beteiligte und Unterempfänger genehmigen, Arbeitsschritte begleiten und Freigaben verlangen. Panama ist die erste Phase; die zweite sieht die Ausweitung auf weitere Partnerstaaten vor, ausgewählt unter Mitwirkung desselben Ministeriums.
Die Ausschreibung sucht ausdrücklich eine Alternative zu einer staatlich gestützten Logistikplattform eines strategischen Wettbewerbers. Die Beschreibung passt auf LOGINK, Chinas kostenlos angebotene Logistikdatenplattform, die in Häfen und Zollverwaltungen mehrerer Kontinente läuft.
Die wirtschaftlichen Implikationen
Risikobasierte Vorzugsabfertigung für geprüfte Unternehmen betreiben Zollverwaltungen seit zwanzig Jahren. Neu ist der Prüfgegenstand: Diese Programme bewerten den Beteiligten, seine Zuverlässigkeit und die Sicherheit seiner Abläufe. PaxPass bewertet die Ware – woher sie kommt und durch welche Hände sie gegangen ist.
Verboten wird dabei nichts. Wer die Prüfung nicht durchläuft, wird nicht abgewiesen, sondern wartet länger. In Lieferketten mit engen Taktzeiten ist das ein handfester Nachteil, und er verstärkt sich von selbst, weil Versicherer und Finanzierer gut dokumentierte und zügige Sendungen günstiger behandeln als schlecht dokumentierte und langsame. Aus einer Verwaltungsvereinfachung wird ein Marktzugangskriterium, ohne dass ein Zoll erhoben oder eine Ausfuhr untersagt wurde.
Getroffen wird davon zuerst die Fracht selbst. Wer chinesische Vorprodukte verbaut oder über chinesische Zulieferer beschafft, kann die geforderte Herkunfts- und Verwahrkette schwerer lückenlos nachweisen, landet häufiger in der langsamen Spur und zahlt für dieselbe Strecke mehr – an Liegezeit, Lagerkosten, Versicherungsprämie und Kapitalbindung. Der Aufschlag entsteht nicht durch einen Zoll, sondern durch Reibung, und er trifft nicht den chinesischen Staat, sondern jeden Verlader, der chinesisch einkauft.
Was Pax Silica ist und woher sie kommt
Der oben genannten Ausschreibung liegt eine Initiative zugrunde: Am 12. Dezember 2025 unterschrieben die Vereinigten Staaten und sechs Partnerstaaten in Washington eine Erklärung über vertrauenswürdige Lieferketten für Künstliche Intelligenz: Japan, Südkorea, Australien, Singapur, Israel und Großbritannien. Sie heißt Pax Silica. Bis Ende Juli 2026 zählte sie 25 Unterzeichner, darunter Indien, die Niederlande, Deutschland, die Europäische Union, Kasachstan und fünf lateinamerikanische Staaten. Panama trat im Juni bei.
Der Vorläufer ist eine Verordnung. Im Januar 2025 führte Washington eine Regel ein, die den weltweiten Zugang zu fortgeschrittener Rechenleistung in Länderklassen einteilte und jedem Land Stückzahlkontingente zuwies. Pax Silica ist der politische Überbau, der um diese Praxis herum gebaut wurde.
Geführt wird die Initiative von Jacob Helberg, seit Oktober 2025 Staatssekretär für Wirtschaftsfragen im US-amerikanischen Außenministerium. Von 2016 bis 2020 verantwortete er bei Google weltweit die Produktrichtlinien gegen ausländische Einflussnahme – jene Abteilung also, die entscheidet, was auf einer Plattform als Manipulation durch fremde Staaten gilt. Von 2023 bis 2025 war er Berater von Alex Karp, dem Vorstandsvorsitzenden des Datenanalyseunternehmens Palantir. Daneben saß er in der U.S.-China Economic and Security Review Commission, einem vom Kongress eingesetzten Gremium, das jährlich über die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen der Beziehungen zu Peking berichtet, und beriet ein Stanford-Programm zu Geopolitik und Technologie.
Acht Wochen nach seinem Amtsantritt wurde Pax Silica gegründet. Weil die Initiative kein Sekretariat und kein Entscheidungsgremium besitzt, ist sein Amt die einzige Institution, die sie trägt.
Was seither entstanden ist, geht über Panama hinaus. Seit Februar 2026 betreibt das Außenministerium einen Pilotdienst, den es in seiner Mitteilung selbst einen „Concierge“-Dienst nennt: Über rund 270 diplomatische Vertretungen soll er Unterzeichnerstaaten den Erwerb US-amerikanischer KI-Technik erleichtern, von Hardware und Software bis zu Strom- und Kühlanlagen.
Im März kündigte das Ministerium dann an, in Abstimmung mit dem Kongress 250 Millionen Dollar aus Entwicklungshilfegeldern für einen Pax Silica Fond zu bündeln. Er soll die Finanzierung von Minen, Raffinerien und Fabriken anschieben – oder die der oben genannten Zollplattform.
Erz gegen Arbeitsplätze
Zu Pax Silica gehört auch ein Industrievorhaben auf den Philippinen. Am 16. April 2026 kündigten die Vereinigten Staaten und die Philippinen eine Economic Security Zone an: 1.619 Hektar in New Clark City, gut hundert Kilometer nördlich von Manila, als ersten Industriestandort unter Pax Silica. Vorgesehen sind drei Fertigungsstufen, die heute weitgehend in China liegen – die Endmontage von Halbleitern, der Zusammenbau von KI-Servern und die Verarbeitung von Nickel, Kobalt und Kupfer zu batteriefähigen Vorprodukten.
Die Philippinen sind der zweitgrößte Nickelproduzent der Welt und halten die viertgrößten Reserven. Bislang verlässt das Erz das Land weitgehend unverarbeitet und wird in China raffiniert; die Zone soll diese Stufe ins Land holen.
Das Gelände gehört einer staatlichen philippinischen Entwicklungsgesellschaft, die es reserviert hat. Baubeginn und Betrieb werden vor Ende 2028 angestrebt. Die rechtlichen Voraussetzungen hat Manila bereits geschaffen: Pachtzeiten für ausländische Investoren von bis zu 99 Jahren, erweiterte Steueranreize, ein neues Vergaberecht für langfristige private Infrastruktur.
Im philippinischen Repräsentantenhaus liegen derzeit zwei Untersuchungsanträge. Die Resolution 1247 einer Gruppe um den Abgeordneten Edgar Erice verlangt eine Prüfung der Folgen für Souveränität, nationale Sicherheit, Datenverwaltung, Umwelt und Wirtschaft – und der Frage, ob die geltenden philippinischen Gesetze ausreichen, um Künstliche Intelligenz, strategische digitale Infrastruktur und ausländische Beteiligung an kritischen Industrien überhaupt zu regeln.
Der Zuschnitt ist damit erkennbar. Die Philippinen stellen Fläche, Energie, Wasser, Erz. Dafür erhalten sie Arbeitsplätze in Montage und Verarbeitung, die derzeit in China liegen. Ob die Patente und Gewinne im Land bleiben, ist zweifelhaft.
Für Washington rechnet sich der Vorgang doppelt. Jede Fertigungsstufe, die nach Luzon wandert, fehlt danach in China. Zugleich entsteht die Wertschöpfung in einem Land, dessen Zugang zu Technik und Kapital das US-Außenministerium mitbestimmt.
Ein Lehrplan für 25 Volkswirtschaften
Am letzten Tag des zweiten Pax-Silica-Gipfels, dem 26. Juni 2026, stellte Helberg ein weiteres Vorhaben vor: Es heißt Foundry School; die Absichtserklärung dazu unterzeichneten er und Stanford-Präsident Jonathan Levin.
Das Programm hat zwei Teile. Der erste ist eine Seminarreihe an der Universität, zu der Gründer und Vorstandsvorsitzende aus der fortgeschrittenen Fertigung zusammenkommen, um die Prinzipien der erfolgreichsten Industrieunternehmen weiterzugeben. Der zweite ist ein Lehrplan für fortgeschrittene Fertigung, gemeinsam von Stanford und dem US-Außenministerium entwickelt, den Bildungseinrichtungen in allen Pax-Silica-Volkswirtschaften übernehmen und in ihren eigenen Hörsälen unterrichten können.
Das Ministerium begründet das mit einer Lücke: Fortgeschrittene Fertigung sei als eigenständiges Studienfach kaum etabliert, obwohl sie für nationale Macht entscheidend sei. Der Lehrplan solle der nächsten Generation von Technologen, politischen Entscheidern und Industrieführern in den Vereinigten Staaten und gleichgesinnten Staaten einen gemeinsamen Rahmen für jene industriellen Fähigkeiten geben, die wirtschaftliche Stärke und nationale Sicherheit tragen.
Das Außenministerium schreibt damit an den Ingenieur-Curricula von 25 Volkswirtschaften mit – nicht an Sicherheitsvorschriften oder Ausfuhrlisten, sondern an dem, was künftige Werksleiter für selbstverständlich halten werden: welche Fertigungstiefe normal ist, welche Lieferantenstruktur als sicher gilt, welche Abhängigkeit als Risiko zählt.
Ein Lehrplan, der in den Hörsälen angekommen ist, wirkt eine Ingenieurgeneration lang.
Fazit
Pax Silica ist kein Bündnis, sondern ein Dach. Darunter stehen einzelne Vorhaben, die jeweils für sich verhandelt werden: eine Plattform in Panama, eine Industriezone auf den Philippinen, ein Lehrplan in Kalifornien, ein Einkaufsdienst über 270 Vertretungen, ein Fonds über 250 Millionen Dollar. Verbunden sind sie allein durch die Erklärung.
Ein Vertrag würde Ansprüche schaffen, die alle Mitglieder gleichermaßen geltend machen könnten; genau das wird vermieden. Wer die fortgeschrittenste Rechenleistung tatsächlich erhält, wird nach US-amerikanischem Exportrecht und im Einzelfall bestimmt.
Pax Silica kollektiviert die US-amerikanische Zuteilungsmacht nicht, sondern macht sie anschlussfähig. Wer unterschreibt, erhält Zugang zu Projekten, Kapital und Vertriebshilfe und nimmt dafür hin, dass über das Wesentliche einseitig entschieden wird. Die Vereinigten Staaten müssen dabei weder Eigentümer noch Betreiber werden; es genügt, die Regeln zu finanzieren, nach denen andere ihre Grenzen, ihre Industriegebiete und ihre Hörsäle einrichten.
Quellen
Pax Silica, Übersichtsseite des US-Außenministeriums
https://www.state.gov/pax-silica
Ergebnisse des zweiten Pax-Silica-Gipfels, Juni 2026 – PaxPass, Foundry School, zehn neue Unterzeichner
Ausschreibung für Panama: Pax Silica AI Assistance Project, August 2026
Pilotdienst zum Erwerb US-amerikanischer KI-Technik über 270 Vertretungen, Februar 2026
Pax Silica Fund, März 2026
Economic Security Zone auf den Philippinen, April 2026
Biografie Jacob Helberg, US-Außenministerium
https://www.state.gov/biographies/jacob-helberg
Untersuchungsantrag im philippinischen Repräsentantenhaus, Juli 2026
https://businessmirror.com.ph/2026/07/30/legislators-seek-house-probe-of-pax-silica-deal/
Pax-Silica-Erklärung vom 12. Dezember 2025 im Wortlaut, veröffentlicht vom australischen Industrieministerium





Die Chinesen sind derweil sauer weil die Amerikaner ihre Anlagen am Panamakanal aufgekauft haben und sprechen in der aktuellen diplomatischen Verlautbarung von ihrem Angebot zum „cooperative global AI government“.
Im Prinzip geht es darum, die derzeitige noch „Hochtechnologie“ an jeden zu verkloppen der bei drei nicht auf dem Baum ist. Das einzige „hoch“ sind nämlich die Kosten während die Technologie selbst schon ein schönes Stück auf Marx‘ Weg der Kommodifizierung und Banalisierung fortgeschritten ist.