Patriotismus oder Kommunismus?

In einem Rüstungswerk des faschistischen Deutschlands. Herstellung von Panzerfahrzeugen, 1940. Bundesarchiv, Bild 183-L04352 / CC-BY-SA 3.0

Vorbemerkung – die Ware Arbeitskraft 2026

 Der folgende Text erschien im März 1993 in „Officina, periodico marxista“ unter dem Titel „Pattriotismo o Comunismo?“, den ich unter dem Pseudonym Ernst Manfred veröffentlicht hatte. Officina publizierte den Text, obwohl er im Grunde nicht auf der Linie von Officina lag. Aber die im Text recht ausgeprägte Infragestellung des „staatsidealistischen“ und „falschen“ Bewusstseins der „Ware Arbeitskraft“ fand Officina so ungewöhnlich für weite Teile der italienischen parlamentarischen und außerparlamentarischen Linken, dass Officina den Text der Leserschaft zur Verfügung stellte. Officina nahm seinerseits zum Text Stellung, womit ich selbstverständlich einverstanden war.

Warum aber einen Text von 1993 wieder aufgreifen? Ein sehr einfacher Gedanke: Das staatsidealistische und falsche Bewusstsein der Ware Arbeitskraft ist im Zeitraum von 33 Jahren dahingehend fortgeschritten, dass es gegen ihre Einplanung staatlicherseits als kriegstüchtig zugerichtetes, zukünftiges Kanonenfutter im kommenden Krieg gegen die atomare Weltsupermacht Russland keinerlei nennenswerte Einwände geltend macht. Vielmehr in seinem staatsidealistischen, falschen Bewusstsein die abenteuerliche Ideologie und Propaganda von „unserer“ Abschreckung, von „unserer“ Verteidigung, von „unserer“ Sicherheit, von „unserem“ Schutz, von „unserer“ Freiheit, von „unserem“ Frieden widerstandslos hinnimmt, mithin ihr zustimmt. Und auch kein Problem darin sieht, dass das deutsch-europäische NATO-Kriegsbündnis die Eskalation gegenüber Russland inzwischen mit ukrainischen Deep Precision Strikes bis tief ins russisches Kernland hinein, inklusive Moskau und St. Petersburg, weitertreibt. Auch an der Einstimmung von Land und Leuten auf Verrücktheiten wie „Zivil- und Bevölkerungsschutz“ fällt dem staatsidealistisch-patriotischen Arbeiterbewusstsein nichts weiteres auf. So banale wie grundlegende Fragen wie: Wer schützt eigentlich was und wen mittels Krieg? Wessen und welcher „Wohlstand“ steht auf dem Spiel? Solche Fragen sind dem staatsidealistischen Bewusstsein vollkommen fremd. Deshalb hier die Wiederaufnahme der grundlegenden Kritik am staatsidealistischen, falschen Bewusstsein der Klasse derjenigen, von denen in der Tat eigentlich alles abhängt – derjenigen, die letztlich vor der Alternative stehen:

 Patriotismus oder Kommunismus? Pattriotismo o Comunismo?

Die Arbeiter haben kein Vaterland“ (Marx, Manifest der Kommunistischen Partei, 1848)

1. Die Ware Arbeitskraft – 1992

Nicht in Deutschland, nicht in Italien, nicht in Frankreich, nicht in Großbritannien, nicht in Europa, nicht in Amerika, in keinem kapitalistischen Land sagt die Arbeiterklasse dem Kapital, dem Geld, der Lohnarbeit, der Ausbeutung, der Verelendung, der Armut, den Kampf an. In keinem kapitalistischen Land organisiert die Arbeiterklasse ihren Zusammenschluss, um den weltweiten Erfolg von Staat, Kapital und Imperialismus Einhalt zu gebieten. In keinem kapitalistischen Land behindert die Arbeiterklasse die eigene Staatsgewalt an ihrer imperialistischen Außenpolitik und die dementsprechende Spar- und Verelendungspolitik nach innen. Nirgendwo verneint die Arbeiterklasse ihren Dienst an Kapital, Staat und Imperialismus.

Im Gegenteil. In allen kapitalistischen Ländern tritt die Arbeiterklasse als Parteigänger „ihres“ nationalen Kapitals, „ihrer“ nationalen Staatsgewalt, „ihres“ nationalen Imperialismus auf. In allen kapitalistischen Ländern steht die Arbeiterklasse, im Grunde einheitlich und geschlossen, hinter dem geschäftlichen, politischen und militärischen, weltweiten Erfolg „ihrer“ kapitalistischen Nation. Und wird mitunter sehr kritisch, wenn der Erfolg der eigenen Nation ihrer Ansicht nach ausbleibt.

Mehr noch: in allen kapitalistischen Ländern fordert und verlangt die Arbeiterklasse den Erfolg der eigenen kapitalistischen Nation – und die Taten und Aktionen der politischen Klasse misst sie daran, ob das jeweilige Personal Erfolg und Ansehen der eigenen kapitalistischen Nation voran zubringen scheint.[1]

Als Parteigänger, als ideeller Rechtsanwalt ausgerechnet seines nationalen Kapitals und dessen Erfolg („unser Wirtschaftswachstum“); als Parteigänger und ideeller Rechtsanwalt ausgerechnet seiner nationalen Staatsgewalt und deren politischen (auch: militärischen) Erfolg in der Welt; als Parteigänger und ideeller Rechtsanwalt ausgerechnet seines nationalen Imperialismus – so versteht sich die Ware Arbeitskraft 1992.

Und es geht noch weiter. In dieser Eigenschaft, als Parteigänger und ideeller Rechtsanwalt der eigenen kapitalistischen Nation verlangt die Arbeiterklasse nach noch mehr staatlicher Gewalt, nach noch mehr staatlicher Souveränität nach außen und nach innen: gegen all jene, von denen sie vermutet oder sich einbildet, sie behinderten in irgendeiner Weise Fortgang und Erfolg der eigenen kapitalistischen Nation. Im Namen des Erfolgs der eigenen kapitalistischen Nation verlangt die Arbeiterklasse zuweilen die ganze Härte staatlicher Gewalt gegen alle vermeintlichen Behinderer oder Feinde der Nation: Auf dieser Grundlage, von dieser parteilichen Stellung aus wird die deutschnationalistische Arbeiterklasse in nicht geringen Anteilen auch ziemlich radikal und fanatisch: gegen alle nichtdeutschen, fremden „Elemente“: Ausländerfeindlichkeit von unten, von den „Massen.“ Denn der Verdacht, die Nation zu behindern oder ihr nicht dienen zu wollen, dieser Verdacht fällt zum einen dem Nichtinländer als erstes zu: gerade weil der Nichtinländer doch seinerseits als Parteigänger und Rechtsanwalt „seiner“ Nation gilt und hier überhaupt nichts zu suchen hat. Zum anderen geht es gegen alle jene verdächtigen Elemente, die dem Erfolg von Staat, Kapitalismus und Imperialismus im Wege stehen können: Übergang zum rechtsextrem-faschistischen Bewusstsein der Ware Arbeitskraft.

Schließlich, als gewissermaßen Schluss- und Höhepunkt dieses Bewusstseins, tritt die Arbeiterklasse durchaus selbstbewusst auf: „Ich bin stolz, Deutscher … Italiener … Franzose … usw. zu sein“.

Stolz der Arbeiterklasse auf den Erfolg „seines“ Kapitals, „seiner“ imperialistischen Staatsgewalt, Stolz der Arbeiterklasse auf gerade jene Instanzen und Einrichtungen, die die Lohnarbeit und damit seine bleibende Ausbeutung festlegen und garantieren.[2]

Die Parteinahme der Arbeiterklasse für den weltweiten geschäftlichen Erfolg seines nationalen Kapitals und für den weltweiten politischen Erfolg seiner imperialistischen Staatsgewalt, hat die ökonomischen Bestimmungen der Ware Arbeitskraft, des Kapitalverhältnisses und des Klassengegensatzes keineswegs verändert, im Gegenteil: gerade diese politische Parteilichkeit der Arbeiterklasse für die Instanzen ihrer Ausbeutung verewigt ihre ökonomische Bestimmung: sie bleibt Arbeiterklasse, Mittel des Kapitals, Mittel des Geschäfts. Die Ware Arbeitskraft bleibt das, was sie ist: den Bewegungen des Kapitals unterworfen, reelle Subsumtion der Individualität unters Kapitalverhältnis.[3]

Wie aber kommt die Ware Arbeitskraft dazu, sich politisch als Parteigänger seines nationalen Kapitals und seiner imperialistischen Staatsgewalt zu verstehen und seine Unterwerfung unter beide damit zu besiegeln? Wie kommt das internationale Proletariat entgegen Marxens dringende Empfehlung/Ratschlag dazu, ausgerechnet aus seiner Ausbeutung, ausgerechnet aus seiner Lohnabhängigkeit, ausgerechnet aus seiner reellen Subsumtion unters Kapital, ausgerechnet aus seiner imperialistischen Staatsgewalt seine „Heimat“, sein „Vaterland“ zu machen? Warum hat und will heute, 1992, jeder Arbeiter „seinen“ Staat, „sein“ Vaterland? Warum ist die Ware Arbeitskraft auch noch „stolz“ auf die Heimat seiner Ausbeutung?

 2. Staat und Konkurrenz: Materialismus des Staates

Der moderne Staat ist die höchste Gewalt der kapitalistischen Gesellschaft. Dazu ist er legitimiert durch die Parteinahme der Ware Arbeitskraft für „ihren“ Staat und dessen kapitalistischen und imperialistischen Erfolg. Er, als ausschließliches Gewaltmonopol hat legitime Geltung. Die ist ihm mithin zugesprochen durch die demokratische Wahl, durch den Willen der Ware Arbeitskraft zum Staat als höchste und einzig legitime Gewalt. So gilt er als wahrhafter Souverän nach innen[4], innerhalb der modernen Gesellschaft.

Einzig der Staat hat nunmehr „das Recht“, als „Gesetzgeber“ zu fungieren und die zugesprochene „Macht“ zu betätigen, das heißt: die erzwingende Gewalt, Gesetze zu erlassen, die von allen anerkannt und befolgt werden – denn „hinter“ Recht und Gesetz steht, in erster und letzter Instanz, die allgemein anerkannte, staatliche Macht. Sie allein erlässt, überwacht und garantiert die von ihr gesetzte Rechtsordnung. Nur als diese überlegene, souveräne und gesetzgebende Gewalt ist der moderne Staat fähig, den Grund und Zweck seines Daseins zu verwirklichen: „Ideeller Gesamtkapitalist“ (Marx) zu sein, worin der Materialismus des modernen Staates auf den Begriff gebracht und zusammengefasst ist

Als anerkannter, wahrer Souverän fungiert der moderne (Rechts-) Staat als politische Subjekt seines nationalen Kapitalismus. Dem kann er nur „dienen“, indem er ihm politisch souverän gegenübertritt. „Ideeller Gesamtkapitalist“ seines nationalen Kapitalismus kann er nur sein, indem er seinem nationalen Kapitalismus als von ihm getrennte, als wahrhafte Souveränität entgegentritt. Nur so, als getrenntes, als selbständiges, als souveränes Subjekt seines gesamten nationalen Kapitalismus nimmt der moderne Rechtsstaat politisch den Weltmarkterfolg seines nationalen Kapitals in Angriff: Materialismus des modernen Staates in seiner (nationale) Außen-, Welt- und Innenpolitik.

Als „ideeller Gesamtkapitalist“, als souveränes politisches Subjekt seines nationalen Kapitalismus, organisiert und sichert der moderne Staat die Klassengesellschaft und den Klassengegensatz, an dessen ökonomischer Effektivität ihm liegt: die Mehrwertproduktion, die weltmarktfähige Akkumulation seines nationalen Kapitals ist schließlich auch die Reichtumsquelle, die ökonomische Basis seiner weltmachtfähigen Gewalt. Und nur als weltmachtfähige Gewalt verwirklicht der moderne Staat seinen Grund und Zweck: ideeller Gesamtkapitalist seines nationalen Kapitalismus zu sein.

Weltmacht aber ist er nur so weit, soweit sein Kapitalismus weltmarktfähig ist, ihm also wirkliche ökonomische Potenzen seiner Macht zur Verfügung stellen kann. Der Materialismus des modernen Staates hat nach dieser Seite hin den politisch-ökonomischen Inhalt: Nur als handlungs- und durchsetzungsfähige Gewalt nach außen, als Weltmacht eben innerhalb der imperialistischen Konkurrenz ist er in der Lage, die weltmarktfähige Akkumulation seines nationalen Kapitals, seiner nationalen Mehrwertproduktion erfolgreich gegen Seinesgleichen zu sichern; das soll, das muss so sein, ist doch die Weltmarktfähigkeit seines nationalen Kapitals seinerseits die ökonomische Voraussetzung seiner politischen, seiner weltmachtfähigen Gewalt nach außen.

Der Materialismus des modernen Staates will eine weltmarktfähige Mehrwertproduktion, also eine ökonomisch effektive, d.h. weltmarktfähige Klassengesellschaft. Als gesetzgebende, als souveräne politische Gewalt nach innen organisiert er deshalb die Klassengesellschaft als Konkurrenz.

Erstens verpflichtet er alle Gesellschaftsmitglieder auf das Privateigentum und seine von ihm garantierte Respektierung: Jeder muss mit den staatlichen erlaubten und einzigen Mitteln, die er hat (Grundeigentum, Geld, Kapital, Arbeitskraft), seine ökonomische Reproduktion sichern. Das macht die Mehrheit der Bevölkerung zur Ware Arbeitskraft, zu Lohnabhängigen, zur Arbeiterklasse und legt sie auf die „Karriere“, Mittel des Kapitals und dessen Geschäfte zu sein, fest. Zweitens: aber darin, in der Verpflichtung auf das Privateigentum und innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung, innerhalb der kapitalistischen Hierarchie der Berufe kann „jeder werden, was er will.“

Innerhalb der Schranken des Privateigentums, innerhalb der staatlich gesetzten und garantierten Grenzen der Klassengesellschaft ist niemandem vorgeschrieben, welche „Karrieren als Lohnarbeiter“ er zur Sicherung seiner ökonomischen Reproduktion einschlägt. Innerhalb des Zwangs zur Konkurrenz ist jeder frei, aus seiner ökonomischen Existenz zu machen, was immer er will – nur muss er sich in aller Freiheit innerhalb den Bahnen und „Karrieren“ der kapitalistischen Konkurrenz bewegen.

Der moderne Staat erlaubt und anerkennt ausdrücklich die Freiheit des Willens und die Autonomie, Selbstständigkeit der Person. Dessen bedarf es auch, um innerhalb der gegebenen Eigentums- und Rechtsordnung sein Glück als lohnarbeitende Ware Arbeitskraft zu versuchen. Verfolgung von Sonder- oder Privatinteressen: die sind durch staatliche Gewalt gefordert und als antagonistische Konkurrenz unterschiedlich ausgestatteter Privateigentümer institutionalisiert. Es ist der Materialismus des modernen Staates, der die Freiheit des Willens, der Person, der konkurrierenden Sonderinteressen gewährt.

Die ganz persönliche Freiheit ist staatlich garantiertes Recht: jeder hat das „Recht“, einen Rechtsanspruch auf „seine“ staatlich konzessionierte Freiheit – des Willens und zur Konkurrenz innerhalb der kapitalistischen Hierarchie der Lohnarbeit. Auf diese schäbige Freiheit, auf diesen freien Willen zur freien Konkurrenz kommt es dem modernen Staat an: die freiwilligen Mühen und Anstrengungen des freigelassenen Willens, der im Interesse seines Konkurrenzerfolges die Konkurrenz will und nicht sieht, wie er sich damit zum Werkzeug des Materialismus des Staates macht und sich dafür hergibt, eine effektiven Mehrwertproduktion zu ermöglichen.

Der Materialismus des Staates will die ökonomische Konkurrenz des freien Willens in seiner Gesellschaft, um sie für sich zu benützen: Freiheit der Sonderinteressen, Freiheit des Willens und Freiheit zur Konkurrenz: Mittel des staatlichen Materialismus, Mittel des Materialismus des souveränen ideellen Gesamtkapitalisten im Interesse eines weltmarktfähigen nationalen Kapitalismus und seiner weltmachtfähigen Staatsgewalt.

3. Staatsidealismus und der Idealismus der Konkurrenz

Der moderne Staat ist also die überlegene, die souveräne Gewalt der modernen, der kapitalistischen Gesellschaft. Als diese souveräne Gewalt hat er sich seine kapitalistische Gesellschaftsordnung geschaffen und ist somit die unausweichliche (Über-) Lebensbedingung aller Gesellschaftsmitglieder, gleichgültig, welcher Klasse sie angehören. Ihm sind sie unterworfen, also in all ihren Tun in erster und letzter Instanz von ihm abhängig. Als Rechtsstaat diktiert er – per Gesetz – allen Gesellschaftsmitgliedern die Bedingungen ihrer ökonomischen und sozialen Existenz, von Geburt an bis zum Tode: so ist er Grundlage, Ausgangspunkt, Voraussetzung und Bezugspunkt jeglicher  ökonomischen und sozialen Existenz, jeglicher Handlung, jeglicher Überlegung und Berechnung, jeglichen Gedankens.

Ob Grundbesitzer, ob Rentier; ob Kapitalist, ob Ware Arbeitskraft – niemand kommt an der Unausweichlichkeit der (rechts-) staatlichen Bedingungen allen Seins vorbei. Dem „praktischen Bewusstsein“ (Marx) erscheint daher notwendig der moderne Staat als die universale Bedingung seines Daseins, ein Dasein ohne Staat unvorstellbar, undenkbar, unmöglich, utopisch.

Indem der Rechtsstaat als höchste Gewalt jedem Gesellschaftsmitglied die einzig erlaubten Mittel der ökonomischen Reproduktion vorschreibt: jeweils vorhandenes Privateigentum, Geld, Kapital, Arbeitskraft, erscheinen dem „praktischen Bewusstsein“ diese Mittel auch als einzig mögliche Mittel seiner ökonomischen und sozialen Existenz. Zwar sind diese Mittel institutionalisierte Mittel des Materialismus des ideellen Gesamtkapitalisten. Dem „praktischen Bewusstsein“ aber gelten sie als einzig mögliche Mittel seiner ökonomischen Reproduktion. Also will es die Mittel des ideellen Gesamtkapitalisten als die Mittel seiner ökonomischen und sozialen Existenz.

Auf diese Weise ergreift das „praktische Bewusstsein“ Partei für den staatlichen Materialismus, weil und solange es in ihm seine einzig mögliche (Über-) Lebensbedingung sieht: Parteiergreifung für die souveräne Gewalt der Gesellschaft, für den ideellen Gesamtkapitalisten: Denn ist er nicht die Bedingung und die einzige Garantie fürs Leben und Überleben innerhalb der kapitalistischen Konkurrenz- und Lohnarbeitshirarchie?

Mit dieser Parteinahme wird das „praktische Bewusstsein“ in doppelter Weise idealistisch: Zum einen, weil ihm diese Mittel und deren staatliche Gewalt als einzig mögliche Bedingungen seines Daseins gelten. Deshalb nimmt das „praktische Bewusstsein“ sie auch als alternativlose, als einzige mögliche Bedingungen seiner Existenz.[5] Zum anderen, weil es sprichwörtlich glaubt, deshalb sei diese Bedingung seiner Existenz ihm zuliebe und nicht wegen des staatlichen Materialismus und seinen Zwecksetzungen in die Welt gebracht und eingerichtet.

So gerinnen Privateigentum und staatliche Gewalt definitiv zur positiven Lebensgrundlage und Ausgangspunkt aller Betätigungen der modernen Existenz, damit: Verklärung, Idealisierung von Staat, ideellem Gesamtkapitalisten, Recht und Privateigentum. Darin eingeschlossen idealisiert die Ware Arbeitskraft die Unterwerfung unter die staatlich erzwungene Konkurrenz als seine Chance, als Angebot und Gelegenheit, die es nur möglichst geschickt und mit ganz viel Leistung und Arbeitsgehorsam zu ergreifen braucht im Reich der Freiheit des Lohnarbeiterdaseins. Solange das „praktische Bewusstsein“ es so sieht und sich darin einrichtet, so lange bleiben staatliche Gewalt und Privateigentum allerdings auch die unausweichlich-alternativlose Existenzgrundlage der Ware Arbeitskraft.

Das „praktische Bewusstsein“ wird so zum idealistischen und idealisierenden Parteigänger von Staat und staatlichen Materialismus: Rechts- und Staatsidealismus von unten, Staatsidealismus der modernen Individualität, Staatsidealismus der Ware Arbeitskraft, Falschheit des modernen, des staatsbürgerlichen Bewusstseins, Falschheit des Bewusstseins der Ware Arbeitskraft und der gesamten Arbeiterklasse.

Darüber hinaus: Im Interesse des Materialismus seines Konkurrenzerfolgs will das praktische, das falsche Bewusstsein Staat und Recht als Mittel und Waffe gegen den privaten Materialismus der „anderen“, gegen den Materialismus der gegnerischen Konkurrenzinteressen, die ebenfalls, ihrerseits, Staat und Recht als Mittel und Waffe ihres Konkurrenzinteresses „benützen“ wollen.[6]

Das falsche, das idealistische Bewusstsein, der Wille zum Staat, die Parteinahme für den „ideellen Gesamtkapitalisten“, seinem Materialismus und weltweiten Erfolg, ist also ungeheuer lebendig in der kapitalistischen Gesellschaft; sorgt für das im Grunde reibungslose Funktionieren von Kapitalismus, Mehrwertproduktion, Ausbeutung, Verelendung, Armut und Klassengesellschaft.

In allen kapitalistischen Nationen ergreift das falsche Bewusstsein der Lohnarbeiterschaft Partei für „seinen“ Staat: die italienische Ware Arbeitskraft will die italienische, nicht irgendeine andere, etwa eine afrikanische Staatsgewalt für sich über sich. Die deutsche Ware Arbeitskraft will die deutsche, nicht die türkische Staatsgewalt für und über sich. Die französische Ware Arbeitskraft will die französische, nicht eine nordafrikanische Staatsgewalt über sich. Und so fort. Das falsche, das staatsidealistische oder staatsbürgerliche Bewusstsein der Ware Arbeitskraft ist nichts anderes als das ganz normale patriotisches Bewusstsein. Staatsidealistisches Bewusstsein ist patriotisches Bewusstsein und vice versa.

4. Staatsbürgerbewusstsein und kommunistische Agitation

„Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der Konkurrenz der Lohnarbeiter unter sich.“ (Marx, 1848)

Als staatsidealistisches, falsches Bewusstsein macht die Ware Arbeitskraft aus ihrer reellen Subsumtion unters Kapital und aus ihrer Ausbeutung ihr Lebensmittel, ihre „Heimat“. Als Staatsbürger, als Patriot, marschiert die Ware Arbeitskraft in die Fabrik, arbeitet sich an der Lohnarbeit, am Kapital, an der Konkurrenz ab. So, mit falschem Bewusstsein und falschem Willen bleibt die Ware Arbeitskraft das, was sie ökonomisch nun einmal ist: Ware, Ware Arbeitskraft eben.

Als Staatsbürger macht sich die Ware Arbeitskraft, macht sich die Arbeiterklasse zum nützlichen und benutzbaren politischen Mittel des Materialismus des ideellen Gesamtkapitalisten, des Rechtsstaates und bleibt ökonomisch Mittel des Kapitals, Mittel der (nationalen) Mehrwertproduktion, Mittel der nationalen Akkumulation und deren Konkurrenzerfolg auf dem Weltmarkt.

Als Staatsbürger, als Patriot bleibt die Ware Arbeitskraft und die gesamte Arbeiterklasse das was sie bislang war und ist: disponible Manövriermasse und disponibles Menschenmaterial des Kapitals und dessen imperialistischer Staatsgewalt nach außen und nach innen. Als Staatsbürger führt die Arbeiterklasse keinen Klassenkampf, sondern bleibt Mittel des Klassenkampfes von oben – durch Staat und Kapital. Mehr noch: Das Staatsbürgerbewusstsein der Arbeiterklasse ist auch heute noch, 1992, die unerlässliche Garantie des weltweiten Erfolgs von Kapitalismus Staat und Imperialismus.

Agitation, die das falsche Bewusstsein der Arbeiterklasse über seine staatsidealistische Parteinahme und Falscheit nicht aufklärt und nicht aufzulösen vermag, wird keinen Erfolg haben. Aufklärende  Agitation, die den Staatsidealismus der Ware Arbeitskraft nicht zum Gegenstand ihrer Aufklärung und Kritik macht, hat keine Chance. Mit einem Wort: Entweder Patriotismus oder Kommunismus.

Das ist die Alternative. Solange die Ware Arbeitskraft sich nur als solche verhält, um in der staatlich gesetzten „Heimat“ zurecht zu kommen, um ihr Glück zu versuchen, so lange bleibt seine reelle Subsumtion unter Staat und Kapital. Denn die staatstreue Falschheit dieses Bewusstseins ist die Garantie dafür, dass, altmodisch ausgedrückt, die Arbeiterklasse „Klasse an sich“ bleibt, niemals „Klasse für sich“ wird.

5. Kurze Nachbemerkung zur deutschen Wiedervereinigung

Die deutsche Wiedervereinigung war ein imperialistischer Erfolg der deutschen Staatsgewalt.[7] Originell an diesem imperialistischen Erfolg war zweierlei: einmal die kolonialistische Methode dieses Imperialismus: die „alte“ Staatsmacht, die staatliche Souveränität der Ex-DDR wurde beseitigt und sämtliche Etagen der administrativen und bürokratischen Hierarchie mit „zuverlässigen“, d.h. (west-) staatstreuen, (west-) patriotischem Personal buchstäblich: „besetzt“, okkupiert: nichts als Kolonialismus also. Zweitens aber: „Friedlich“, gelang dieser kolonialistischer Imperialismus der westdeutschen Staatsgewalt, weil so ziemlich die gesamte ostdeutsche Arbeiterklasse zur westdeutschen Staatsgewalt überlief. Warum tat sie das? Weil auch die ostdeutsche Arbeiterklasse über ein ziemlich totales staats- und national-idealistisches Bewusstsein besaß. Deshalb, im Namen der echten, wahren und einzigen, nämlich erfolgreichen deutschen Staatsgewalt lief die ostdeutsche Arbeiterklasse geschlossen in die Arme des westdeutschen Imperialismus.

 

Das widerlegt das Märchen, der osteuropäische, der „reale Sozialismus“ habe jemals etwas mit Kommunismus zu tun gehabt. Er war staats- und national-idealistisch, also Revisionismus, mehr war es nicht. Inzwischen darf die ostdeutsche Arbeiterklasse in ihrem „deutschen Mezzogiorno“ in den diversen unteren Abteilungen der kapitalistischen Lohnarbeits-Hirarchie ihrer Nichtbeschäftigung d.h. Nichtbenutzung durchs Kapital entgegen hungern.

 

Anhang:

 

[1]     In der demokratischen Wahl drückt die Arbeiterklasse dieses Interesse an einer erfolgreichen imperialistischen Nation aus: welche Partei, welches Personal, welche Führung scheint glaubwürdig „unsere nationalen Interessen“ nach außen und nach innen zu vertreten? Wer verdient also die Zustimmung durch das Wahlkreuz?

[2]     Mit mehr oder weniger Stolz heißt es: „Unsere Wirtschaft“, „unser Geld“, „unser Staat“, „unser Land“, „unsere nationalen Interessen“, „unsere nationale Einheit“, „unser Einfluss und unser Ansehen in der Welt“ – sprachliche Zusammenfassungen des

Standpunktes des modernen Arbeiterbewusstseins, das sich als Parteigänger seines nationalen Kapitals und seiner nationalen  Staatsgewalt sieht – und dabei übersieht, dass im eingebildeten „Wir“ von all dem Genannten ihm weder irgendetwas gehört noch es darüber irgendeine Verfügungshoheit hat.

[3]     Marxens ökonomische Analyse des Kapitalverhältnisses und der Ware Arbeitskraft bleibt gültig – solange es Kapitalismus gibt; vom „Abschied des Proletariats“ kann also keine Rede sein, im Gegenteil: vielmehr betätigt sich die Ware Arbeitskraft politisch als Parteigänger seiner Staatsgewalt und seiner Nation.

[4]     Die klassische politische Philosophie (Bodin, Hobbes, Locke, Rousseau, Kant, Hegel) als prinzipielle Parteigänger des modernen, des bürgerlichen Staates, analysierten noch die moderne staatliche Souveränität. Die heutige Politologie resp. die heutige Geistes- und Sozialwissenschaften sind nur noch Parteigänger, Propagandisten staatlicher Souveränität und Gewalt – einschließlich so scheinbar gegensätzlicher Theoretiker wie Karl R. Popper und Jürgen Habermas.

[5]     Das „praktische Bewusstsein“ (Marx) ist das opportunistische, das instrumentelle, das realistische Bewusstsein. Es nimmt die kapitalistische und imperialistische Welt wie sie ist und stellt nur eine Frage: Wie komme ich in dieser Welt zurecht? Das  theoretische, das erkennende Bewusstsein will wissen, warum die Welt so ist wie sie ist. Darum ist Wissen und Erkennen die Voraussetzung des aufgeklärten, des Klassenbewusstseins; Klassenbewusstsein ist Kritik und Verabschiedung des „praktischen Bewusstseins“.

[6] Dieser Standpunkt will also mit aller Gewalt die staatliche Gewalt gegen andere; dem demokratischen praktischen (Arbeiter-) Bewusstsein ist dieser staatsloyale Standpunkt immanent und mit ihm auch der Standpunkt des ausländerfeindlichen, des rechtsradikalen, des faschistischen Bewusstseins. In anderen Worten: Im ganz alltägliche und gewöhnliche Wille zum Staat und zur Nation ist der politische Inhalt des rechtsradikal-faschistischen Bewusstseins angelegt.

[7]     Das haben übrigens die imperialistischen Konkurrenten (in Europa, Amerika) sofort begriffen; und seit dem Verschwinden des „realen Sozialismus“ wird, nicht zufällig, die imperialistische Konkurrenz offen ausgesprochen.

Manfred Henle

Manfred Henle studierte Sozialwissenschaften, Politik und Philosophie, arbeitete in der interkulturellen Jugendarbeit sowie in der ausserschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Veroeffentlichungen u.a.: (R)Auslaender aus – Argumente gegen Rechtsextremismus und Rassismus, 1993, Armut und Sozialstaat, in: Johannes Schillo, Zurück zum Original – Zur Aktualität der Marxschen Theorie, 2015, Mit Recht Krieg – Deutsches Gedenken an das Unternehmen Barbarossa, in Johannes Schillo: Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur, 2022 – sowie regelmäßige Veröffentlichungen unter Overton, Telepolis, Untergrundblaettle und andere.
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2 Kommentare

  1. „Bewusstsein der Ware Arbeitskraft“: Eine Ware mit Bewusstsein, schon 1993, naja – KI ist auch so eine Ware, von welcher der Hype behauptet, sie habe Bewusstsein, obwohl bis heute niemand mit Bewusstsein sagen kann, was Bewusstsein ist und wo genau es steckt… Mit der Arbeit auch gleich die sog. lebenden Menschen, die sie verrichten, in eine Ware zu verwandeln – hmm, ich weiss nicht: Ist solche Sprache gut für einen Diskurs, der genau diese Menschen – letztlich jeden EINZELNEN – erreichen will, um sie zu unterstützen in ihrer Selbstermächtigung vor Mächtigeren, deren Schalten und Walten an längeren Hebeln sie in den realen Machtverhältnissen ausgeliefert sind und die auch Namen und Anschrift haben? In all den Jahren, die seit 1993 vergangen sind, hat dieser Diskurs für die realen Arbeiter nicht gerade viel erreicht, oder? Mit ihrer Macht geht es doch eher bergab, besonders seit das „kommunistische Experiment“ begraben wurde, in dem zwar auch nicht die real existierenden Arbeiter, aber immerhin die geopolitische, systemische Gegenmacht des Ostblocks unsere westlichen Arbeit“geber“ noch einigermassen in Schach zu halten vermochte. Seither triumphieren die nur noch, in West und Ost, und überall räumen Stück um Stück ab, was davor mit viel realem Blut erkämpft wurde, und so braucht inzwischen die Ware Kriegstüchtigkeit schon wieder die Ware Kanonenfutter, vorläufig noch Wehrdienst-Freiwillige genannt oder, wenn’s denn sein muss, auch Wehrpflichtige… Haltung zeigt sich vorab in der Sprache.

  2. [Dem bürgerlichen Staat] sind sie unterworfen, also in all ihren Tun in erster und letzter Instanz von ihm abhängig. Als Rechtsstaat diktiert er – per Gesetz – allen Gesellschaftsmitgliedern die Bedingungen ihrer ökonomischen und sozialen Existenz, von Geburt an bis zum Tode: so ist er Grundlage, Ausgangspunkt, Voraussetzung und Bezugspunkt jeglicher ökonomischen und sozialen Existenz, jeglicher Handlung, jeglicher Überlegung und Berechnung, jeglichen Gedankens.

    Einspruch, Euer Ehren, gegen die Aussage nach dem Doppelpunkt.
    Die gesellschaftliche Verrechtung ist Bezugspunkt aller Berechnungen des „vereinzelten Einzelnen“ (Marx, das Zitat ist auch ein scherzhaft bemeinter Seitenhieb), der auf sie die Freiheit seines Erwerbs-, Geschlechts- und geistigen Lebens zu gründen hat. Kriminelle Übergänge – beispielsweise – zu machen, steht ihm frei, deshalb sind „Handlung“ und „Überlegung“ an diesem Punkt fehl am Platze.

    Dafür scheint Henle auch ein Gespür zu haben, denn er wiederholt den Subsch anschließend auf leicht veränderte Weise:

    Dem „praktischen Bewusstsein“ (Marx) erscheint daher notwendig der moderne Staat als die universale Bedingung seines Daseins, ein Dasein ohne Staat unvorstellbar, undenkbar, unmöglich, utopisch.

    Nein, nein und abermals nein. Abweichung ist kein Vorrecht und kein exklusiver Gewinn eines „theoretischen Bewußtseins“, wie immer Henle diese zwei angeblichen Bewußtseine weaselwordmäßig „definieren“ will. Das „daher“ und das „notwendig“ sind ein Etikettenschwindel und eine linksidealistische Prahlerei. Das berüchtigte „notwendig falsche Bewußtsein“ ist einer der typischen Dialektinger von Marx aus der Zeit der philosophischen Selbstverständigung, auch wenn er später noch damit hausieren gegangen sein sollte, handelt es sich doch um einen Widerspruch: Entweder ist es „notwendig“, dann kann es nicht falsch sein, oder es ist „falsch“, dann kann es nicht notwendig sein. Henle schreibt das indirekt und phrasenhaft sogar selbst hin, nämlich in der Wahl des Wortes „erscheinen“. Eine „Erscheinung“ ist nämlich kein Gespenst, sondern eine Form des Gegenstandes, der erscheint. In solcher Form geht der erscheinende Gegenstand nicht unter, ganz im Gegenteil, erscheint er doch in ihr.
    Mein Gott Walter.

    Rhetorisch haltbar finde ich die Wahl des Wortes „notwendigerweise“ in Formulierungen dieser Art, damit ist semantisch klar gestellt, daß diese „Weise“ halt Form ist, nicht Sache. Was sowieso klar wird, wenn man den Zusammenhang nicht auf der abstraktesten Ebene vorstellt, sondern auf der Ebene der Ideologien und Apologien der bürgerlichen Verkehrsverhältnisse.

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