Papst bei den Ungläubigen

Konfuzius vor Mercosur in Montevideo. Bild: Gaby Weber

Kaum von seiner Lungenoperation genesen, macht sich der neue Papst Leo XIV. zu seiner ersten Lateinamerika-Tour auf. Seine Reise beginnt am Freitag ausgerechnet in der Hochburg des Laizismus, in Uruguay. Dann fliegt er auf die andere Seite des Río de la Plata nach Argentinien, wo er Präsident Javier Milei die Leviten lesen wird, und am Ende der Höhepunkt: Peru – wo er lange gepredigt und die Staatsbürgerschaft angenommen hatte.

In Montevideo werden ihn auf der zentralen Plaza Independencia die Vertreter der Regierung, der sog. Zivilgesellschaft und des diplomatischen Corps begrüßen. Danach steht ein Tête à tête mit Präsident Yamandú Orsi von der gemäßigten, linken Frente Amplio auf dem Programm. Am nächsten Tag geht’s ins Landesinnere, nach Paysandú. Mit Störungen ist nicht zu rechnen; niemand will ihm Böses. Allerdings hält sich auch die Begeisterung in Grenzen, meint der Redakteur der Wochenzeitung Brecha, Daniel Gatti: „Uruguay ist durch und durch laizistisch, die Menschen stehen seinem Besuch indifferent gegenüber – wenngleich mit einer gewissen Sympathie.“

Laut einer über zwanzig Jahre alten Taufstatistik des Vatikans leben in Uruguay 2,75 Mio. getaufte Katholiken, das entspricht 77 % der Bevölkerung. Aber laut dem Latinobarómetro (2004) praktizieren nur 26 %  eine Religion, nicht nur Katholiken sondern auch Evangelikale, Lutheraner, Juden und Muslime. 81 Prozent glauben aber an die Existenz von Gott bzw. von Gött*Innen.

Laut Umfragen sieht die Hälfte aller Uruguayer den Besuch Leos eher positiv. Zum Einen, weil sie seinen Einsatz für den Weltfrieden und seine kritische Haltung gegenüber der Trump-Administration schätzen. Außerdem wird das Land durch den Besuch international aufgewertet und der Tourismus angekurbelt. Endlich ist mal wieder was los in dem 3-Millionen-Land!

14 % der Bevölkerung jedoch finden seinen Besuch und die Maßnahmen der Regierung übertrieben. Der Staat habe die in der Verfassung festgeschriebene Laizität zu verteidigen und nicht eine bestimmte Religion zu bevorzugen. Warum wurden der Freitag zum nationalen Feiertag erklärt und – welch Frevel!! – die Fußballspiele ausgesetzt! Und warum zahlt der Staat für die Sicherheitsmaßnahmen und nicht der Vatikan oder die Katholische Kirche – so wie ja die Veranstalter von Fußballspielen oder Popkonzerten für die Security zur Kasse gebeten werden? Völlig unangebracht sei die Beleuchtung des Parlaments während des Besuches, was Politiker der Nationalen Partei vorgeschlagen hatten. Man habe gefälligst die seit über 100 Jahren geltenden Regeln der Laizität zu respektieren.

Religion im laizistischen Staat

Das kleine Uruguay (so groß wie die alte BRD ohne Bayern) liegt zwischen den beiden großen katholischen Ländern Brasilien und Argentinien und wirkt wie eine Insel der Ungläubigen. Die Spanier hatten diese Gegend bereits 1516 entdeckt, aber angesichts der kämpferischen Charrúa-Indianer und des Fehlens von Edelmetallen ihr Interesse verloren. Die ersten Jesuiten und Franziskaner kamen erst 100 Jahre später, und es verging ein weiteres Jahrhundert, bis die spanische Kolonialmacht Montevideo gründete – um den Expansionismus der Portugiesen zu stoppen. Die erste katholische Diözese wurde 1878 errichtet, 53 Jahre nach der Ausrufung der nationalen Unabhängigkeit.

Doch die Republik Östlich vom Río Uruguay (so der offizielle Name) blieb wenig besiedelt. Vielleicht gerade deshalb fielen dort die Ideen der französischen Aufklärung wie der Anti-Klerikalismus auf fruchtbaren Boden. 1859 wurden die Jesuiten ausgewiesen, zwei Jahre später die Friedhöfe verstaatlicht und die standesamtliche Trauung (1885) und die Ehescheidung (1907) verfügt. Liberale Kräfte provozierten regelmäßig gegen das Fasten-Gebot am Karfreitag vor den Kirchen mit Gratis-Grillfesten. 1917 wurde die Trennung von Kirche und Staat (wenige Jahre nach Frankreich) in der Verfassung festgeschrieben.

Das Strafgesetzbuch verbietet ausdrücklich die Diskriminierung ethnischer oder religiöser Gruppen. Doch aus der Öffentlichkeit wurden alle religiösen Symbole verbannt, die christlichen Feiertage umbenannt. Weihnachten wurde zum „Familientag“ und Ostern zur „Woche des Tourismus“. Religionsunterricht ist an den staatlichen Schulen verboten; Schüler von Minderheiten werden jedoch von der Schulpflicht befreit, um ihre religiösen Feste zu feiern. Das Finanzamt darf nicht nach der Religionszugehörigkeit fragen, ebensowenig wie bei der Volkszählung.

Natürlich bangten die Bischöfe um das Seelenheil ihrer Schäfchen und warnten in Hirtenbriefen vor den gottlosen Schulen, dem Kino und der an „Sodom und Gomorra erinnernden zügellosen Badekultur“. Ohne Erfolg, die Kirche drohte zu einer Sekte zu werden.

Mit dem II. Vatikanischen Konzil (1961–1965) und der Theologie der Befreiung wurden die Priester politischer und mischten sich in die wachsende Gesellschaftskritik ein, kümmerten sich um die Armen und akzeptierten den laizistischen Grundkonsens. Während der Militärdiktatur (1973-85) setzten sie sich aktiv für die Menschenrechte ein.

Das Thema Laizität gelangte wieder auf die Tagesordnung unter Präsident Julio María Sanguinetti (1985–1990), Freimaurer wie viele Politiker des Landes, darunter die Anführer der Frente Amplio Liber Seregni und Tabaré Vázquez. Im Jahr 1987 besuchte Papst Johannes Paul II. Uruguay. Und da hagelte es wieder Kritik von allen Seiten, etwa als der Papst einen Gottesdienst unter freiem Himmel feierte. So etwas gehöre in abgeschottete Gebäude, um die übrigen Bürger nicht zu belästigen, wurde herumgenörgelt. Und anlässlich dieses Besuchs wurde ein 30 Meter hohes Kreuz vor dem Busbahnhof aufgestellt – angeblich nur vorübergehend, aber bis heute steht dieses schmucklose Etwas auf der Kreuzung. Die parlamentarische Kontroverse über das Verbot religiöser Symbole im öffentlichen Raum hatte es nicht verhindern können. Die Verteidiger des Kreuzes wiesen darauf hin, dass auch andere Religionsgemeinschaften ihre Symbole öffentlich platziert hätten, zum Beispiel die Denkmäler für Konfuzius im Parque Rodó und für Yemandá, die Göttin der Fruchtbarkeit und des Meeres. Den weisen Konfuzius als Religionsstifter zu bezeichnen ist gewagt, aber Yemandá, die ihre Ursprünge im afrobrasilianischen Umbanda-Kult hat, wird jedes Jahr Anfang Februar am Strand gehuldigt – und wer kann, ist dabei. Das gehört irgendwie zu Montevideo.

Yemanja von hinten vor Meer. Bild: Gaby Weber

Auch die evangelischen/ lutheranischen Kirchen akzeptieren, dass Religion eine Privatangelegenheit ist: „Wir leben in einem laizistischen Staat, religiöse Symbole auf öffentlichen Plätzen und außerhalb der Gelände der jeweiligen Kirchen oder Institutionen sind ein Anschlag auf die Gewissensfreiheit und die Laizität des Staates. Sie untergraben auf subtile und zugleich profunde Weise das gesellschaftliche Zusammenleben.“

In den Nachbarländern hingegen ist der Katholizismus identitätsstiftend; in Argentinien durften bis zur Verfassungsänderung 1994 nur ein Katholik Staatspräsident werden.

In den letzten Jahren ist in Montevideo öfters Religiöses zu sehen. Da sind zum Einen die Evangelikalen, die in ihrem globalen Kreuzzug jetzt diese Insel des Laizismus ins Visier genommen haben. Aber auch die Migration hat das Stadtbild verändert. „Zwar stammen die meisten Migranten aus Venezuela, Kuba und Kolumbien“, so Rechtsanwalt Hoenir Sarthou, „und die fallen hier eigentlich nicht auf.“ Aber auch aus dem Nahen Osten kamen Flüchtlinge, auch weibliche, mit Kopftuch. Im Stadtviertel Pocitos, wo viele Juden leben, stellen junge Männer ihre Kippa zur Schau – in Bermudas und Badeschlappen, also offensichtlich nicht auf dem Weg zur Synagoge. Sie wollen dadurch wohl ihre Zugehörigkeit zu Israel zeigen, was selten gerne gesehen wird – nicht nur wegen der allgemeinen Kritik an Netanjahu und Co. sondern weil sie die Laizität missachten.

Evangelikale gegen die Gottlosen

In allen Ländern des Subkontinents sind die Evangelikalen auf dem Vormarsch. Viele rechte Politiker verdanken ihnen den Wahlsieg und suchen die Nähe, weil die Katholische Kirche durch ihre Gebote der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit linksverdächtig ist. Aus den USA erhalten sie Unterstützung. Bisher hatten sie in Uruguay wenig Erfolg, aber die konservative Nationale Partei schenkt ihnen Gehör, im Gegensatz zu den reaktionären Colorados und der Frente Amplio.

In Montevideo tritt die Gruppe „Parlamento y Fe“ (Parlament und Glauben) als Speerspitze des radikalen Klerikalismus auf, die, wie sie auf ihrer Homepage schreibt, direkten Einfluss auf die Politik nehmen will – in Uruguay eine Todsünde.

„Wir wollen Gottes Wort zu den Politikern und der Regierung tragen. Dazu nehmen wir Kontakt zum Parlament und anderen Regierungsstellen auf, um ihnen Jesus Christus nahezubringen. Wir sind der missionarische Arm der Kirche, der die politische Klasse missionieren will.“

Parlamento y Fe wurde 2008 in Argentinien von Luciano Bongarrá gegründet, einem evangelikalen Prediger mit besten Verbindungen zum ultra-reaktionären globalen Netzwerk. Bongarrá ist Mitglied im lateinamerikanischen Exekutiv-Komitee der „Lateinamerikanischen Koalition Pro-Israel“ (LCI), die die „Südamerikaner für ein Bündnis von Latinos und der Pro-Israel-Bewegung mobilisieren will, um den weltweiten Anti-Semitismus und die Kampagne zur De-Legitimierung des Staates Israel zu bekämpfen“.

Vor einem Monat, am 9. Oktober, luden sie zu ihrer Veranstaltung im Parlament ein – und innerhalb der regierenden Frente Amplio war man sich uneins. Der Abgeordnete Fernando Amado warf ihnen vor, die Laizität Uruguays zu verletzen, indem sie eine Strategie der Evangelisierung des Parlaments betreiben, das ein neutraler Ort ist. Sein Parteikollege Álvaro Lima jedoch war artig mit dabei. Er war im letzten Jahr dadurch aufgefallen, dass er bei der Abstimmung über die Sterbehilfe dagegen gestimmt hatte – der einzige Abgeordnete der Frente. „Dass er sich nun offen an die Seite der Ultrarechten und des Zionismus stellt – ist eine Frage, die Herr Lima noch beantworten muss“, schrieb Brecha, die den Publizisten Nicolás Iglesias zitierte: „Das Timing ist auffallend: zu diesem Zeitpunkt hoffte die lateinamerikanische Rechte auf einen Sieg Flávio Bolsonaro in Brasilien, und das hätte einen positiven Effekt auf die Verbindung von Evangelikalen und Politikern gehabt.“

 

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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