
Die Frage, ob sich mit dem Siegeszug der „new social media“ in den beiden letzten Jahrzehnten ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit vollzogen hat, kann nicht einfach beantwortet werden. Die Beantwortung der Frage hängt von der Perspektive ab, aus der man die Frage stellt. Meint man mit Strukturwandel die rein technische Transformation der Kommunikationsmittel – vom Telefon zum Handy und seinen sich zunehmend entfaltenden Gestaltungen und Versionen, von den konventionellen Print- und elektronischen Medien zum Internet hin –, so ist die Rasanz und Intensität des Wandels unabweisbar, selbst dann, wenn man nur von graduellen Unterschieden zum bereits Vorhandenen und Gängigen zu sprechen geneigt ist: irgendwann schlägt akkumulierte Quantität in eine neue Qualität um. Dies umso mehr, als Technologie ja nie allein für sich steht, sondern stets erst in ihrer Verwendbarkeit und deren Einfluss auf Formen der soziale Praxis begreifbar wird.
Meint man aber mit Strukturwandel eine wesentliche Veränderung althergebrachter Kommunikationsformen der Moderne, so gestaltet sich die Antwort komplexer. Es kommt darauf an, von welcher Blickentfernung dies Wesentliche anvisiert wird. Je näher man an den praktizierten Interaktionsformen des Alltags bleibt, wird klar, dass abgesehen von den immer öfter und geschwinder angebotenen technischen Neuerungen, vor allem die Zugänglichkeit (bzw. Zuhandenheit) der durch die Technik bewirkte Partizipation an öffentlicher Kommunikation und Interaktion einen in der Tat bemerkenswerten neuen Zustand hergestellt hat.
Entfernt man sich aber von der Rasanz dieser zum Alltag geronnenen Praktiken zur Vogelflugperspektive, stellt sich die Frage, ob besagte Unterschiede, etwa zwischen der klassischen Bibliothek und Wikipedia, zwischen traditionellen Formen öffentlicher Diskurse, Personalien-Rubriken der Klatschpresse und anderen Formen publiker Selbstsetzung und denen von Facebook, Twitter und Instagram wirklich so essentiell sind, oder nicht doch lediglich (wie immer sensationelle) Variationen einer normativen Grundmatrix der Moderne darstellen – die des oft vergeblichen Kampfes des modernen Subjekts um seine Individualität in einer massengesellschaftlichen Wirklichkeit, die es ebendieser Individualität strukturell immer schon beraubt.
Was einst wohlmeinende Volkaufklärer und andere Emanzipationssachwalter an freiheitlicher Demokratie einklagten, hat sich inzwischen – im Siegeszug westlicher Demokratien und der mit ihnen einhergehenden kapitalistischen Produktionsweise – solchermaßen in der Dialektik kapitalistischer Demokratie verfangen und verdichtet, dass sich die Frage nach ebendiesem Demokratischen von neuem stellt: Inhärierte formaler Demokratie nicht von Anbeginn ihre strukturelle Selbstaufhebung, solange sich ihre vermeintliche horizontale Gleichheit „des Alltags“ in einem eklatanten Widerspruch zur sozial-ökonomisch vorherrschenden vertikalen Ungleichheit befand und ideologisch zunehmend verdichtete und verfestigte.
Es geht aber über diese ideologische Verblendung hinaus. Dass das mobile Telefon der Bundeskanzlerin vom amerikanischen Geheimdienst angezapft wurde, kann nur für jene eine wirkliche, moralisierende Sensationslust überschreitende Überraschung sein, die weder Hegels Auffassung vom Naturzustand der Staaten noch John le Carrés illusionslose Darstellung des globalen Geheimdienstwesens im 20. und eben auch 21. Jahrhundert ernstgenommen haben. Als müsse man nicht davon ausgehen, dass jeder Geheimdienst sich genau solcher Praktiken und Technologien bedient, wenn er nur die Möglichkeit dazu hat – der deutsche Geheimdienst nicht ausgeschlossenen, auch nicht seinen „befreundeten“ Verbündeten gegenüber. Aber die Aufregung darüber bezeugt ja gerade das Spezifische dieser ideologisch präformierten Verblendung: Offenbar geht es den Entrüsteten um einen Vertrauensbruch, der nicht nur den Ethos vorgeblicher Freundschaft (zwischen Staaten) tangiert, sondern nicht minder das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem.
Man hat sich – zugespitzt formuliert – darüber aufgeregt, dass Snowden das Private des Staates öffentlich hat werden lassen. Aber genau die Sphäre, in der sich dieses Staatsprivate akkumulierte, war immer schon darauf aus, das Private anderer Staaten insofern „öffentlich“ zu machen, als es sich das vorgeblich private Eigene der anderen Staaten (ihre Staatsgeheimnisse) aneignete. Dass diese Beraubung des staatlich „Privaten“ dann im unausgesprochenen Einvernehmen geheim (mithin Besitz des Geheimdienstes) zu bleiben hatte, war nichts als Teil einer allseits verlogen-akzeptierten Maskierung der vermeintlich real existierenden Trennung von Privatem und Öffentlichem. Die Aufregung darüber, dass diese Trennung bzw. das sich auf sie beziehende Tabu durchbrochen wurde, ist verständlich, zugleich aber auch beredt: Sie bezeugt den Fetischcharakter des Glaubens an diese Trennung in einer Welt, in der es schon lange keinen Anhalt mehr dafür gibt, an diese Trennung zu glauben.
Was aber auf staatlicher Ebene zur öffentlich debattierten Verärgerung bzw. auch Befürwortung geriet (Snowden, „Verräter, Hacker oder Held?“ – formulierten sich die Schlagworte im Feuilleton), darf als ein absolutes No-Go gelten, sobald von der individuellen, also dem Staat enthobenen Privatsphäre die Rede ist. Dass es sich dabei um eine bürgerliche Ideologie von „Grundwerten“ handelt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie dennoch eine allgemeine Neuralgie anreizt. Was hierbei gleichwohl zuäußerst verwundert, ist die Tatsache, dass trotz des sloganhaft beibehaltenen Postulats einer Unversehrtheit des individuellen Subjekts eine Internetpraxis ihren Triumph feiert, bei der das ursprünglich anonymisierte Spiel mit einer Identitätsvielfalt, mithin der persönlich generierte Betrug übers eigene Private, mittlerweile in eine freiwillige Hingabe an die veröffentlichten Entblößung alles eigenen Privaten übergegangen ist. Parallel zu politischen Datenschutzdebatten gegenüber dem Staat findet eine bewusst betriebene private Selbstentmündigung in anderen, teils ausgesprochen intimen Bereichen des Datenschutzes statt, dessen man sich in euphorisiertem Exhibitionismus offenbar endgültig zu entledigen trachtet.
Facebook, Twitter und Instagram haben neben Aktivierung kollektiver politischer, sozialer und kultureller Diskurse und zunehmender Formierung öffentlich relevanter Informationsbestände auch das Privateste, Intimste, individuell Eigenste öffentlich werden lassen, und zwar unter aktiv gewollter Teilnahme der Protagonisten dieser neuen Kommunikations- und Interaktionssphären.
Ob es sich dabei um Warhols lapidar ausgerufenen „15 minutes of fame“ handelt, die schon zur Zeit ihrer Postulierung auf die Auflösung des souveränen Subjekts im Zeitalter seiner spätkapitalistischen Zurichtung zur entindividualisierten Arbeitskraft, zum massenhaft verdinglichten Wirtschaftskonsumenten bzw. zum anonymisierten Exemplar eines kulturindustriell eingefangenen Publikums der Unterhaltungssphäre verweisen mochten, sei hier dahingestellt. Was sich gern als postmoderne, das System subvertierende Selbstbestimmung des Einzelnen im Netz gibt, darf mit nicht minderer Triftigkeit als Ausdruck zunehmender Defizite und akkumulierter Ich-Schwäche des Subjekts, wie es sich die westliche Aufklärung und Moderne vorgestellt hatten, gedeutet werden.
Nun ließe sich denken, es handle sich bei der kritisch-neuralgischen Reaktion auf diese neuen Formen öffentlicher Kommunikation um „Rückzugsgefechte der letzten Vertreter des gebildeten Bürgertums, die jetzt ihre Felle auf den Wellen jener vom Wertgesetz regierten Produktionsweise davonschwimmen sehen, die sie einst selbst nach oben gespült hatte“. Eine als kapitalismuskritisch beseelte Reflexion zu begrüßende Einwendung.
Zu fragen bleibt allerdings, wie sie sich realiter begründet. Was genau am Siegeszug der „new social media“ kündet von einer Überwindung der Produktionsweise, die nicht zuletzt ebendiese Medienlandschaft „nach oben gespült“ hat und mit erschreckender Rasanz lernt, diese in eine vermeintlich amorph, de facto effizient kontrollierte Warenform umzusetzen und zu verfestigen. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß der Kapitalismus es nicht fertigbringen wird, auch das „Chaos“ der Computerwelt seinen profitmaximierenden Strukturen zu unterwerfen, zumal sich die Protagonisten dieses Chaos zumeist nicht um Kapitalismuskritik scheren. Warum sollten sie auch? Sie können gerade in diesem System ihr „Chaos“ ausleben, meinen, dass sie einer „total verwalteten Welt“ entronnen sind, um sich dafür umso profunder in die Logik seines zugelassenen Spielraums zu integrieren.
Man muss die Privatsphäre gar nicht retten wollen; sie ist strukturell schon längst, in einem langen Prozess der Moderne, die sie vermeintlich hochhielt, untergegangen; ihr Untergang wird heute ganz bewusst, gewollt und begeistert zelebriert. Abzuwarten gilt es, wie sich der Kapitalismus auch diesen Aspekt gesellschaftlicher Arbeit, ja selbst deren ideologisch proklamierten Entprivatisierung, privat aneignen wird.



Seit fast 30 Jahren bekunde ich, das Google der Feind ist der hier gar nicht erwähnt wird und Googles Gründer Eric Schmidt jetzt im Pentagon sitzt und Palantir exzessiv bewirbt wohl auch nicht.
An die These der untergegangenen Privatsphäre sollte sich dann aber auch die Erkenntnis anschließen, das dieser Untergang auch das vermeintlich selbstbestimmte Individuum selbst betrifft, dieses Subjekt der Warenform, das doch eigentlich nichts anderes ist als die Form, in der sich diese Warenform vollzieht. Und auch nie etwas anderes gewesen ist.
Frankreichs Verfassungsrat stoppt Social-Media-Verbot für Kinder
Paris. Der französische Verfassungsrat hat das Gesetz der Regierung von Präsident Emmanuel Macron für ein Zugangsverbot von unter 15jährigen zu Social-Media-Plattformen gekippt. Es greife unverhältnismäßig in die Freiheit der Meinungsäußerung und Kommunikation ein, teilte der Conseil constitutionnel am Freitag in Paris mit. Der Verfassungsrat kritisierte unter anderem, dass die Regelung zu pauschal sei und auch Dienste erfassen könne, bei denen Risiken für Minderjährige nicht nachgewiesen seien. Zudem habe das Gesetz die Privatsphäre der Nutzer bei der notwendigen Alterskontrolle nicht ausreichend geschützt.“
https://www.jungewelt.de/artikel/528495.anonymit%C3%A4t-im-internet-frankreichs-verfassungsrat-stoppt-social-media-verbot-f%C3%BCr-kinder.html
Drei Anmerkungen in Kürze.
Erstens. „(…) …schlägt akkumulierte Quantität in eine neue Qualität um. (…) Einfluss auf Formen der soziale(n) Praxis (…) … durch die Technik bewirkte Partizipation an öffentlicher Kommunikation und Interaktion einen in der Tat bemerkenswerten neuen Zustand hergestellt hat.“
In der Tat bemerkenswert. Durch den exorbitanten Einsatz von Kommunikationstechnologie, bei natürlich gleichzeitiger persönlicher Abwesenheit und damit der Kastration von weiteren Sinnenvermittlungen, der ebenfalls gleichzeitigen Ermutigung zur Flutung mit Nichtigkeiten ist eine Verluderung und Oberflächlichkeit von Kommunikation eingetreten. Und damit eine Entfremdung die geschichtlich wohl einzigartig ist. Ich merke bei den zusehends seltener werdenden Begebenheiten persönlicher Anwesenheit, immer mehr, daß Leute überhaupt nicht mehr zu einer reflektierten Kommunikation fähig sind und nur noch in familiären, oberflächlichen, popkulturellen Parallelwelten existieren.
Ich habe mal den Ausspruch vernommen, mir ist nicht geläufig wer ihn prägte; „Je ausgefeilter unserer Kommunikationsmittel werden, umso weniger kommunizieren wir.“
Zweitens. Es wurde ja bereits vermerkt. Die ohnehin bereits angewandte Praxis der Dienste wird formalisiert. Zur Popularisierung und Legitimisierung des Unrechts. Wie stets, schwammig genug formalisiert, um es bei Bedarf auf die jeweilige Situation anzupassen. Das erwähnt, nur um es nochmals gesondert hervorzuheben.
Drittens. „Abzuwarten gilt es, wie sich der Kapitalismus auch diesen Aspekt gesellschaftlicher Arbeit, ja selbst deren ideologisch proklamierten Entprivatisierung, privat aneignen wird.“ Ist bereits geschehen.